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Was ist eine Magenentleerungsstörung bei Pferden?

Medizin-Kompendium Was ist eine Magenentleerungsstörung bei Pferden?

Oft zu dünn, wenig Appetit, immer wieder Koliken? Dahinter kann ein Futterball stecken, der den Zugang zum Darm verstopft. Eine Therapie: Cola.

Der sechsjährige Wallach galt seiner Besitzerin schon länger als schwerfuttrig. "Er war schon immer recht dünn", erzählt sie. Mit diversen Zusatzfuttermitteln versuchte sie ihn deshalb zu päppeln, im Winter wurde er eingedeckt, "damit er nicht noch mehr abbaut".

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Doch eines Tages fraß er plötzlich gar nicht mehr, von etwas Heu mal abgesehen. Zudem zeigte er immer wieder Koliksymptome und hatte schubweise bis zu 40 Grad Fieber.

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Schwerfuttrig und viel zu dünn: Ein mögliches Anzeichen für Verdauungsprobleme.

Schließlich kam er in die Pferdeklinik Aschheim bei München, wo er für eine Magenspiegelung (Gastroskopie) zwölf Stunden hungern musste. Aber auch danach war sein Magen noch komplett voll mit Nahrungsbrei.

Zudem hatte sich der Magen schon bis zur 15. Rippe ausgedehnt – "normalerweise sollte er nicht über die elfte Rippe hinausragen", wie der behandelnde Tierarzt und Klinik-Chef Dr. Martin Waselau erklärt. Die Diagnose stand schnell fest: Magenentleerungsstörung.

Die Anatomie des Pferdemagens

Der Pferdemagen ist eine Art Muskelsack, der im Verhältnis zum Körpergewicht recht klein ist: Zwischen 10 und 15 Liter fasst er gerade mal. Durch fortlaufendes Zusammenziehen einzelner Abschnitte (peristaltische Bewegungen) wird der Nahrungsbrei (Chymus) vorwärts in Richtung Dünndarm bewegt: Strukturiertes Futter wie Heu und Hafer bleibt normalerweise eine gute Stunde im Magen, bevor es weitertransportiert wird.

Da das Pferd ein Dauerfresser ist (etwa 16 Stunden am Tag), bleibt sein Magen nie ganz leer, sodass der rund um die Uhr Magensäure produziert, welche die Nahrung vorverdaut.

Anschließend gelangt dieser Futterbrei in den Dünndarm, wo vor allem schnell verdauliche Nahrungsbestandteile wie Zucker, Proteine, Stärke und Fette verarbeitet werden. Enzyme spalten die Nährstoffe auf, welche dann durch die Wände des Verdauungstraktes in Blut- und Lymphbahn gelangen und sich so schließlich im Körper verteilen.

Bei der Magenentleerungsstörung ist der Ausgang zum Dünndarm nun durch einen "Futterball" blockiert, sodass sich das Futter staut. Dieser Futterball bildet sich an der tiefsten Stelle im Magen bzw. kurz vorm Magenausgang. Und er kann bis auf Melonengröße anwachsen – dann füllt er den ganzen Magen aus.

Was verursacht eine Magenentleerungsstörung beim Pferd?

Wenn es im Bauch klumpt, kann das verschiedene Ursachen haben. Der Futterball bildet sich mitunter durch den sogenannten Schneeball-Effekt: Das Pferd hat einen Fremdkörper (zum Beispiel Haarklumpen) gefressen, an dem nach und nach immer mehr Futterbrei haften bleibt.

"Auch schlechte Zähne, mit denen das Pferd nur ungenügend sein Futter zerkleinern kann, führen mitunter zu Verklumpungen im Magen", erklärt Veterinär Waselau.

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Gut zerkleinert ist halb verdaut: Um Magenproblemen vorzubeugen, sind regelmäßige Zahnkontrollen nötig.

Tumore und Polypen können ebenfalls Abflussstörungen verursachen. "Chronisch rezidivierende Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre sind mögliche Ursachen", weiß Dr. Silke Zuck aus Dossenheim. Hinzu kommt: Ist der Magen über einen längeren Zeitraum überdehnt bzw. dessen Schleimhaut ständig irritiert, "verhärtet sie sich und wird hyperkeratotisch", so Waselau.

"Sie wehrt sich quasi gegen den abgestandenen Futterbrei." Durch diese Überdehnung funktioniert auch die Peristaltik nicht mehr richtig, weil der Magen sprichwörtlich ausgeleiert ist. Er muss dann erst wieder auf Normalgröße schrumpfen.

Wie macht sich die Krankheit bemerkbar?

Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, immer wieder Kolik, aber auch Zähneknirschen und gelegentliche Schlundverstopfungen können Alarmsignale sein. "In der Regel sind es dünne Pferde, bei denen wir eine Magenentleerungsstörung diagnostizieren", sagt Dr. Martin Waselau.

Unabhängig davon können Pferde aller Altersklassen und aus allen Disziplinen erkranken, egal ob Sport- oder Freizeitpferd. "Freizeitreiter sind da allerdings sensibler und lassen eher mal den Pferdemagen untersuchen als die Sportreiter", so Waselaus Eindruck.

Auch Schwerfuttrigkeit weist mitunter auf eine beginnende Magenentleerungsstörung hin. "Dann wird häufig versucht, mit Zusatzfutter das Pferd aufzupäppeln. Bei einem Magen aber, der nicht richtig verdaut und das Futter nicht richtig weitertransportiert, ist das dann eher kontraproduktiv: Hier wäre eine Untersuchung auf Magenprobleme angebracht, ehe man versucht mit noch mehr Futter gegenzusteuern", so der Veterinär.

Die gute Nachricht: Die Krankheit tritt relativ selten auf. So werden etwa in Aschheim rund 100 Gastroskopien im Jahr durchgeführt. Nur zwei bis drei von ihnen enden mit dem Befund Magenentleerungsstörung.

Die schlechte Nachricht: Die Störung ist relativ wenig erforscht, die Heilungschancen schwer abzuschätzen. "Was bei einem Pferd gut funktioniert, kann bei einem anderen gar nicht anschlagen", sagt Martin Waselau. "Wenn die für den Futtertransport zuständigen Magennerven zu stark geschädigt sind, ist eine Heilung nicht möglich. Das Pferd muss dann eingeschläfert werden", ergänzt Veterinärin Silke Zuck.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Hierfür ist eine Gastroskopie sowie eine Ultraschalluntersuchung nötig. Letztere, um die Ausdehnung des Magens zu bestimmen. Für die Gastroskopie wird dem sedierten Pferd durch die Nüstern über die Speiseröhre ein weicher Kunststoffschlauch eingeführt. Über diesen schiebt der Tierarzt ein gut drei Meter langes Gastroskop bis zum Magen vor.

Dieses verfügt über eine Kamera für Videoaufzeichnungen des Mageninneren. Vor einer Gastroskopie müssen die Pferde etwa zwölf Stunden hungern. Eine Magenentleerungsstörung wird diagnostiziert, wenn trotz dieses mehrstündigen Futterverzichts der Magen immer noch gefüllt ist.

So behandeln Tierärzte eine Magenentleerungsstörung

Die Behandlung ist aufwändig. Mittels Magenspülungen soll der Futterball zersetzt werden. Über eine Nasen-Schlund-Sonde werden salzhaltige Lösungen und etwa Cola verabreicht, alle zwei Stunden zwei Liter – und das über drei Tage. "Das Sprudeln der Cola soll den Futterkloß auseinander treiben", erklärt Dr. Martin Waselau.

Und Dr. Silke Zuck geht davon aus, dass auch die in der Limonade enthaltene Phosphorsäure bei der Zersetzung hilfreich ist. Nachgewiesen wurde bisher aber weder das eine noch das andere.

Wichtig: Die Cola muss zuckerfrei sein, "um nicht zusätzlich Kohlenhydrate, die schnell zu Säuren umgebaut werden, in den Magen zu geben", so Waselau. Denn diese Säuren würden in die meist parallel einhergehenden offenen Magenverletzungen (Läsionen) gelangen und sie verschlimmern. Silke Zuck rät zudem zu koffeinfreier Cola, um "einen Koffein-Schock zu vermeiden".

Zur Unterstützung der Magen-Darm-Funktion könne gegebenenfalls auch Metoclopramid (MCP) verabreicht werden. Zudem sei eine mehrmonatige Therapie mit Omeprazol zur Regeneration der Magenschleimhäute empfehlenswert, abhängig von den Befunden der Kontrollgastroskopien.

Eine Operation, um den Futterball zu entfernen, ist theoretisch möglich – aber viel zu riskant. Waselau: "Man müsste den Magen öffnen. Hier ist die Gefahr einer Kontamination der Bauchhöhle mit Magenchymus sehr hoch."

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Mash oder Grünmehl-Pellets sollen die Verdauung anregen.

Nach dem dreitägigen Klinikaufenthalt sollte das Pferd in den folgenden drei Monaten mindestens fünfmal am Tag gefüttert werden; angesagt ist Weichfutter wie Mash und Grünmehl-Pellets-Wassergemisch (1 Kilo Pellets/10 Liter Wasser), um die Darmtätigkeit zu unterstützen.

"Nach zwei Monaten sollte das Pferd dann nochmals zur Kontrolle in die Klinik. Ist dann alles gut, sollte nach einem halben Jahr und danach jährlich kontrolliert werden", so Dr. Waselau. War die Behandlung erfolgreich, seien die Pferde wieder normal belastbar.

Wie lässt sich vorbeugen?

In erster Linie mit gutem Futtermanagement: "Man muss ausreichend Heu füttern, also zwischen 1,5 bis 2 Kilo pro 100 Kilo Körpergewicht", betont Dr. Silke Zuck.

Zudem sollte zuckerarm gefüttert werden: Zuck warnt in diesem Zusammenhang vor einer generellen Überversorgung. "Die Helikopter-Besitzer, wie ich sie nenne, geben ihren Pferden zu viel Zusatzfuttermittel. In denen sind häufig Geschmacksverstärker und süße Melasse enthalten." Dr. Martin Waselau setzt auch auf regelmäßige Gebisskontrolle.

Zudem ist stets auf ein ausreichendes Wasserangebot zu achten.

Die Experten

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Dr. Silke Zuck

Dr. Silke Zuck, 57, von der Tierarztpraxis Dr. Zuck und Dr. Ehrenfels in Dossenheim. Hat in den letzten zehn Jahren über 2500 Gastroskopien durchgeführt. www.tierarztpraxis-zuck-ehrenfels.de

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Dr. Martin Waselau

Dr. Martin Waselau, 45, leitet zusammen mit Dr. Anja Kasparek die Pferdeklinik in Aschheim bei München. Pro Monat gibt es hier ca. zehn Magenuntersuchungen. www.pferdeklinik-aschheim.de

Ein gähnendes Pferd.
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