Telemedizin Lisa Rädlein

Was taugt ein virtueller Besuch beim Tierarzt?

Telemedizin für Pferde Was taugt ein virtueller Besuch beim Tierarzt?

Immer mehr Pferdebesitzer und Tierärzte nutzen Telemedizin. Die digitale Beratung per Videochat & Co. hat viele Vorteile – aber auch klare Grenzen.

Wie sie auf die Idee kam, eine Plattform für Telemedizin zu gründen, weiß Dr. Theresa Sommerfeld noch ganz genau: "Beinahe täglich schickten mir Freunde und Bekannte Videos und Fotos von ihren Pferden, die ich mir anschauen sollte."

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Irgendwann dachte sich die Fachtierärztin für Pferde: Das geht doch bestimmt noch anderen Leuten so. Sommerfeld hatte Recht: Als sie sich im November 2020 mit ihrem Unternehmen "telVet – Dein Pferdetierarzt online" (www.telvet.de) selbständig machte, war das Interesse von Anfang an groß. "Und die Nachfrage steigt stetig weiter", freut sich Sommerfeld.

Nachmittags ab 17 Uhr und am Wochenende ganztags können Pferdebesitzer Videocalls bei der Pferdefachtierärztin buchen, ihr Fotos und Videos ihrer Pferde schicken oder sich ihre Meinung zu Röntgenbildern einholen. Eine Viertelstunde Beratung kostet 25 Euro; Theresa Sommerfeld orientiert sich dabei an der Gebührenordnung für Tierärzte.

Wer nach dem Gespräch einen Bericht möchte, zum Beispiel zur Weiterbehandlung für den eigenen Tierarzt, zahlt fünf Euro extra. Beurteilt Sommerfeld Röntgenbilder, rechnet sie pro Bild fünf Euro ab.

Live-Schalte in den Stall

"Anfangs fand ich es befremdlich, in einen Computer zu reden", sagt die Tierärztin. "Aber sehr schnell bekommt man ein gutes Gefühl für Videotelefonate."

Dass die Beratung per Videoanruf stattfindet und die Reiter so die Möglichkeit haben, ihr Pferd live zu zeigen, sei nur einer von vielen Vorteilen der Telemedizin, findet sie: "Es gibt keine Anfahrtskosten und kaum Wartezeit – bei telVet bekommt man eigentlich immer noch am selben Tag einen Online-Termin. Zudem kann ich mir alle Daten und Bilder in Ruhe zu Hause anschauen und eine total unabhängige Zweitmeinung abliefern."

Obwohl sie nicht beim Pferd im Stall stehe, sei es möglich, sich ein gutes Gesamtbild zu verschaffen, versichert die reitende Veterinärin: "Ein aufmerksam beobachtender Halter kann mir wertvolle Hinweise liefern. Ich packe die Informationen aus Vorbericht, Bild- und Videodateien zusammen, kann während der Beratung gezielt auf Fragen eingehen und den Pferde-besitzern sagen, worauf sie in den nächsten Tagen achten müssen. Das nimmt ihnen die Ängste."

Der größte Knackpunkt der Telemedizin ist die Frage: Muss sich ein Tierarzt das Pferd live anschauen? Oder kann das Problem warten oder sogar vom Besitzer behoben werden? "

Viele Handgriffe können Reiter unter meiner Anleitung selbst erledigen", meint Dr. Sommerfeld. Ob Wunde, Hautveränderung, chronische Erkrankung, Ganganalyse, die Beurteilung von Röntgenbildern – helfen könne sie eigentlich immer, so die Tierärztin, "sofern ich einen Vorbericht und auswertbare Fotos und Videos bekomme".

Je nach Problem erhalten die Pferdebesitzer eine Anleitung zur Soforthilfe und ein Konzept für das weitere Prozedere.

Die Grenzen de digitalen Dienstes

In manchen Fällen sei es allerdings nichtmöglich, aus der Ferne zu reagieren, das betont die Online-Veterinärin auch: nämlich bei akuten Notfällen, die einer schnellen Behandlung durch einen Tierarzt vor Ort bedürfen. "Das sind zum Beispiel Koliken, Atemnot, Frakturen, starke Blutungen und so weiter." Hier hat die Telemedizin klare Grenzen.

Als Theresa Sommerfeld ihr Konzept einmal auf einem Tierärztekongress vorstellte, erreichte sie auch skeptisches Feedback: "Es kam die Sorge durch, ich würde den Tierärzten vor Ort die Arbeit wegnehmen." Das wolle und könne sie nicht, betont sie: "Ich sehe mich nicht als Konkurrenz zu den Kollegen, sondern schließe eine Lücke. Online-Tierärzte bieten eine seriöse, kompetente und schnell verfügbare Wissensquelle im Netz und leisten somit einen wertvollen Beitrag zur Gesunderhaltung der Pferde."

Dr. Maren Hellige, Präsidiumsmitglied des Bundesverbands Praktizierender Tierärzte (BPT) und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM), stimmt dem zu: "Die Telemedizin ist gut geeignet für die Erstberatung und kann auf jeden Fall filtern: Ist das ein Notfall oder nicht?" Extrem hilfreich sei sie zudem zur Verlaufskontrolle, findet die Pferdetierärztin: "Wie verheilt eine Wunde? Wie wächst der Hornspalt zu? Wie entwickelt sich die Lahmheit oder das Fieber?"

Der BPT jedenfalls stehe der Telemedizin "absolut positiv" gegenüber, sagt Hellige, die an der Pferdeklinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover die Radiologie leitet. "Unter Kollegen machen wir das ja eigentlich schon länger: Röntgenbilder austauschen, nach der Meinung des anderen fragen, sich beratschlagen, ob eine Fraktur operabel ist. Auch das ist Telemedizin."

Einen Nachteil hätte der digitale Fortschritt allerdings, warnt Hellige: "Der Tierarzt sieht alles nur durch den Filter des Pferdebesitzers und ist auf dessen Beschreibungen, Fotos und Videos angewiesen. Er bekommt nur mit, wie der Halter die Symptome und den Verlauf empfindet, kann das Pferd nicht selbst anfassen, kann nichts fühlen oder riechen. Die Telemedizin lässt schlicht nicht alle Sinne zu."

Keine Diagnose, nur Beratung

Dieser Verantwortung müssten sich Tierärzte, die Telemedizin anbieten, stets bewusst sein – und dürften per Videochat natürlich keine Diagnose stellen: "Ich kann zwar am Bildschirm beurteilen, wie schlimm ein eitriger Nasenausfluss ist. Aber nicht, woher er kommt", erklärt Hellige.

Sie macht deutlich: "Pferdebesitzer dürfen von der Telemedizin nicht erwarten, dass sie uns ein Lahmheitsvideo schicken und dann ein Präparat geschickt bekommen. Diese Grenzen müssen klar kommuniziert werden." Medikamente nur nach einer Videoberatung zu verschreiben, ist Tierärzten ohnehin verboten.

Maren Hellige sieht es als Herausforderung, die noch junge Telemedizin in den Klinik- oder Praxisalltag zu integrieren. Tierärzte, die sie anbieten wollen, müssten sich entscheiden: "Mache ich das ein, zwei Stunden täglich oder nur am Wochenende? Die Pferdebesitzer erwarten online schnell eine Antwort und in Zukunft wird es darauf ankommen, das als Praxisteam gut zu organisieren."

Schulungen für Tierärzte

Dabei will Björn Becker helfen. Der gelernte Werbekaufmann, der als Tierarzt gleich zwei Praxen in Bad Bentheim und Heek-Nienborg leitet, schreibt an der Tierärztlichen Hochschule Hannover seine Doktorarbeit über Telemedizin. "Es geht darin vor allem um den aktuellen Stand in Deutschland verglichen mit anderen Ländern. Ich möchte die Telemedizin vorantreiben und mit formen", sagt der engagierte 49-Jährige.

Er bietet für seine Tierarzt-Kollegen Workshops zum Thema an und hat zum Beispiel einen Videokonferenz-Knigge entworfen hat. "Wenn wir wollen, dass die Pferdebesitzer bereit sind, für Telemedizin zu bezahlen, müssen wir Tierärzte einen professionellen Eindruck machen." Das bedeutet zum Beispiel: "Die Technik muss funktionieren, der Arbeitsplatz bietet Ergonomie und Ruhe, im Hintergrund sollten keine Kinder durchs Bild springen, der Tierarzt blickt in die Kamera und so weiter."

Der Tierarzt, der Groß- und Kleintiere behandelt, hat sich im vergangenen Jahr "FirstVet" (www.firstvet.com) angeschlossen, einem schwedischen Dienstleister für Telemedizin, der 2020 nach Deutschland expandierte und Becker als leitenden Veterinär engagierte. "Wir starteten mit vier Kollegen, heute sind wir 20", berichtet der 49-Jährige.

Bei FirstVet registriert man sein Pferd in einer App, abgerechnet wird per Konsultation und wie bei telVet nach der aktuellen Gebührenordnung. Interessant für Pferdebesitzer: Wer bei bestimmten Versicherungen Kunde ist, kann die Videoberatung bei FirstVet kostenlos nutzen. "Versicherungen sind sehr an der Telemedizin interessiert und werden sie noch weiter voranbringen", schätzt Becker.

Der Tierarzt sieht die Pferde-Telemedizin wie seine Kolleginnen Sommerfeld und Hellige als Werkzeug, das eine Lücke schließt: "Digitale Angebote sollen die Tiermedizin ergänzen, keinesfalls ersetzen. Und vor allem die Frage klären: Muss ich damit meinen Tierarzt behelligen oder nicht? Wenn wir das schaffen, erreichen wir eine Win-Win-Situation, weil für den Halter die Kosten sinken und sich für den Tierarzt die Wirtschaftlichkeit verbessert."

Chance für Tierarzt und Halter

In Beckers Augen ist die Telemedizin eine Chance in seinem Berufsstand – für junge Tierärzte in Elternzeit ebenso wie zum Beispiel für ältere Kollegen: "Sie könnten sich früher aus dem harten Joballtag zurückziehen und auf Telemedizin umsteigen, sodass ihr wertvolles Wissen und ihre Erfahrung nicht verloren gehen." I

n der Digitalisierung der Medizin stecke "ein Megapotenzial", findet der Chef-Veterinär von FirstVet Deutschland. Im Moment sei Telemedizin allerdings für alle neu und jeder müsse sich erst reinfinden. "Mein Tipp für Tierärzte wie Pferdebesitzer: Einfach mal ausprobieren! Wer merkt, dass es nichts für ihn ist, kann es immer noch lassen."

Schub für die Telemedizin

Die Pandemie hat der Telemedizin einen Schub verpasst. Obwohl es in Deutschland vergleichsweise schleppend vorangeht, wird die Humanmedizin zunehmend digitaler: Die elektronische AU kommt, viele Ärzte bieten Videosprechstunden an, die elektronische Patientenakte ist in der Testphase.

Seitens der Ärzte gibt es Telemedizin schon länger: Verschicken sie Laborbefunde, um die Meinung von Kollegen zu hören, ist das Telemedizin. Unter Veterinären sind digitale Leistungen bei den Kleintierärzten am stärksten verbreitet. Möglicherweise, weil sie im Vergleich zum Pferdedoktor selten Hausbesuche machen.

CAVALLO-Kommentar

Es wird höchste Zeit, dass die Telemedizin in Deutschland Fahrt aufnimmt – viele andere Länder sind uns Jahrzehnte voraus. Nutzen Pferdebesitzer die digitalen Angebote vor allem, wenn sie unsicher sind, ob der Tierarzt kommen muss, dann profitieren alle: das Pferd, der Veterinär, der Halter und die Telemedizin-Anbieter. Die immer schwierigere Situation bei der Notfallversorgung kann die Telemedizin entschärfen – filtert sie doch jene Fälle raus, die gar nicht dringend sind. Das entlastet den heimischen Tierarzt und schenkt ihm Zeit für wahre Notfälle, statt ihm Konkurrenz zu machen. Sina Horsthemke, freie Medizin-Journalistin.

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