Kompendium - Karies Lisa Rädlein

Medizin-Kompendium

Was tun bei Karies im Pferdemaul?

Bakterien im Pferdemaul produzieren Säure. Die zersetzt Zahnzement, Schmelz und Dentin – Karies. Wann muss der Tierarzt bohren oder gar den Zahn ziehen?

Das Pony war erst zwei Jahre alt, aber ihm machten schon Diarrhoe (Durchfall) und ein starker Gewichtsverlust zu schaffen. Dazu hatte es augenscheinlich starke Probleme beim Kauen. In seinem Kot fanden sich in nicht unerheblichem Maße Futterbestandteile, die unzerkaut und langfaserig waren.
Der Grund für die Beschwerden des jungen Tiers, dessen Beispiel im Buch "Zahnheilkunde in der Pferdepraxis" von Gordon Baker und Jack Easley beschrieben wird: eine massive Karies an den hinteren Backenzähnen im Oberkiefer.

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Medizin-Kompendium Was tun, wenn das Pferd Karies hat?
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Wissenswertes zur Anatomie

Bei Pferden kommen zwei Arten von Karies vor: die sogenannte Infundibular-Karies und die periphere Karies. Der Name der ersten Form bezieht sich auf das Infundibulum; so nennt man die trichterförmige Einstülpung des Zahnschmelzes auf der Kaufläche aller Schneidezähne und der Oberkiefer-Backenzähne. An den Schneidezähnen wird die Einstülpung auch als Kunde bezeichnet.

Normalerweise füllt Zahnzement das Infundibulum aus. Ist die Zementfüllung jedoch unvollständig (Zementhypoplasie), bilden sich tiefere Einkerbungen in den Schmelzbechern. Darin sammeln sich leicht Futterreste, die Bakterien als Nährboden dienen. Betroffen von dieser Karies-Form sind fast immer die Oberkiefer-Backenzähne. An den Unterkiefer-Backenzähnen gibt es diese Karies-Form nicht: Sie haben kein Infundibulum. Die andere Karies-Form ist die sogenannte periphere Karies, die vor allem an den Unterkiefer-Backenzähnen vorkommt. Der Zahn wird dabei an den Seitenflächen angegriffen.

"Diese Form der Karies sieht man häufig im Zusammenhang von Parodontitis, also einer Entzündung des Zahnhalteapparates", erklärt Pferde-Zahnärztin Dr. Johanna Castell aus der Nähe von Augsburg/Bayern. Dabei klemmt sich zwischen den Zähnen Futter ein und fängt an zu gären. Teils bleibt das Futter auch an den Seitenflächen der Zähne hängen, vor allem, wenn diese scharfkantig sind. Die Seitenflächen der Zähne und der Zahnhalteapparat werden angegriffen, die Zahnhartsubstanz zersetzt. "Die Zähne sehen von den Seiten wie angefressen aus", so Dr. Johanna Castell.

Was verursacht Karies bei Pferden?

Tierärzte gehen davon aus, dass unterschiedliche Faktoren Karies begünstigen können. Dazu zählen etwa Kohlenhydrate im Futter, Mikroorganismen in der Maulhöhle und Säuren. Werden die Mikroorganismen von reichlich Zucker im Futter genährt, produzieren sie Säure. Diese demineralisiert die Zähne und lässt sie brüchig werden. "Der Zucker in Melasse oder melassierten Futtermitteln ist ein Substat für Bakterien, das in Säure umgewandelt wird", sagt Dr. Johanna Castell.

Welche Mengen an Zuckerstückchen, Leckerli und Fruchtzucker in Obst schädlich sind, ist nicht bekannt. An Schneidezähnen tritt Karies seltener auf als an Backenzähnen; ein Pferde-Zahnarzt hat bei der Kontrolle alles im Blick. Saures Futter wie Silage kann ebenfalls zum Abbau von Zahnzement führen. Auch eine ungenügende Mineralstoffversorgung in der Aufzucht spielt eine Rolle bei der Kariesentstehung. Kariesgefährdet sind zudem alle Pferde mit Gebissfehlern. "Und wahrscheinlich ist ein guter Teil wie bei uns Menschen auch Veranlagung", so Dr. Castell.

Wie macht sich die Krankheit bemerkbar?


Karies macht sich erst im fortgeschrittenen Stadium bemerkbar, wenn bereits das schmerzempfindliche Dentin in der Nähe des Zahnmarks (Pulpa) angegriffen ist. Das Pferd frisst dann langsamer und trinkt ungern kaltes Wasser. Kommt noch Parodontose dazu, riecht das Pferd unangenehm aus dem Maul. Mitunter speichelt das Pferd stark, hat eitrigen Nasenausfluss oder stinkt aus Maul und Nüstern. Es kann abmagern oder kopfscheu werden; es reibt auch häufig die Nüstern oder das Gesicht.

Manche Pferde werden sehr ruhig, andere aggressiv. Manchmal schwillt das Gesicht im Bereich des Kieferknochens oder das Gewebe an den Backenzahnwurzeln im Oberkiefer. Zahnschmerzen können auch Rittigkeitsprobleme wie schiefe Kopfhaltung, festen Rücken, Steigen, Bocken oder ein Verwerfen im Genick hervorrufen. Auch Schlundverstopfungen oder Verstopfungskoliken können die Folge sein.

Wie stell der Tierarzt die Diagnose?


Wie weit Karies den Zahn zersetzt hat, stellt der Tierarzt fest, indem er die Maulhöhle mit Licht, Spiegel, Intraoralkamera und Zahnsonde untersucht. Zusätzlich wird geröntgt oder ein Computertomogramm gemacht. Je nach Schwere der Karies (Infundibular-Karies wird in fünf Grade eingeteilt; Grad 1 bezeichnet Karies im Infundibularzement, Endstadium ist der Zahnverlust in Grad 5) entscheidet der Tierarzt, ob er das Loch füllt oder den Zahn ziehen muss.

So behandeln Tierärzte und Therapeuten Karies im Pferdemaul

Ist die Karies noch nicht in die Wurzelhöhle vorgedrungen, bohrt der Tierarzt am sedierten Pferd den Zahn auf, entfernt das zersetzte Gewebe und verschließt das Loch mit Kalziumhydroxid und Komposit. Nach der Behandlung darf das Pferd wegen der Sedierung zwei Stunden lang nichts fressen. Mögliche Komplikationen: "Beim Aufbohren kann der Wurzelkanal eröffnet werden. Selbst wenn er wieder verschlossen wird, ist der Zahn oft verloren, falls sich das Zahnmark entzündet", erklärt die Expertin.

Leidet das Pferd bereits an Pulpitis, ist eine Füllung nutzlos. Dann muss der Zahn raus. Dasselbe gilt, wenn sich der Kieferknochen verändert hat. Tierärzte versuchen dann zunächst, den Zahn durch die Maulhöhle zu ziehen. Gelingt das nicht, etwa weil der Zahn zersplittert ist, kann die minimalinvasive Buccotomie eingesetzt werden. Bei dieser Methode wird das Pferd meist nur sediert und lokal anästhesiert. Dann wird die Backe seitlich geöffnet. Entweder wird nun eine Schraube in den Zahn gedreht und der Zahn mit deren Hilfe gezogen. Oder er wird mit einem schraubenzieherartigen Instrument von unten aus dem Zahnfach herausgehebelt. Alternative zur minimalinvasiven Buccotomie: Der Zahn wird zerfräst und mithilfe von Pics (kleine Hebel) entfernt.

"Bei beiden Methoden bleibt das Zahnfach unverletzt, und das verbessert die Heilung", beschreibt die Zahnspezialistin den Vorteil gegenüber anderen Techniken, Pferdezähne zu entfernen. "Bis das Pferd wieder geritten werden kann, dauert es etwa drei bis vier Wochen, teils auch kürzer." Bei der peripheren Karies steht die Behandlung der Parodontose im Vordergrund. Die Zahnzwischenräume müssen gesäubert und eventuell etwas erwei- tert werden. Die scharfen Kanten wer- den berundet, damit nach Möglichkeit kein Futter mehr hängenbleiben kann. Je nach Schwere der Erkrankung muss der Vorgang häufig wiederholt werden. Tierheilpraktikerin Julia Melanie Hahlweg aus Ditzingen/Baden-Württemberg behandelt Karies-Patienten mit Acidum fluoratum, Kreosotum, Sepia, Staphisagria, Phosphoricum oder Sulfur. Als Organpräparate bieten sich die Zahnkaries-Nosode oder Dent suis an. Letzteres kräftigt als Langzeitgabe das Dentin der Pferdezähne.

So können Pferdehalter Karies bei Pferden vorbeugen

Prozent der Menschen leiden an Karies. Bei Pferden ist der Karies-Satz nicht ganz so hoch: Einer Studie an schwedischen Schlachtpferden zufolge waren mehr als sechs Prozent der Tiere von Karies betroffen. Weil Karies Folgeerkrankungen wie Zahnmarkentzündungen, Kieferknochenabbau oder Nebenhöhlenentzündung hervorrufen kann, sollten Pferdebesitzer der Erkrankung vorbeugen – am besten durch eine jährliche Kontrolle durch einen Zahnspezialisten. Pferde, die reichlich Heu bekommen, pflegen ihre Zähne durch die Speichelproduktion schon beim Fressen. Denn der Speichel neutralisiert schädliche Säuren. Fohlen und Jungpferde sollten ausreichend mit Mineralstoffen versorgt werden.

Die Expertin

Dr. Johanna Castell studierte an der Ludwig-Maximilians-Uni in München und promovierte am Lehrstuhl
für Tierernährung bei Professorin Ellen Kienzle. Zehn Jahre war sie 
dann für die Tierklinik Gessertshausen tätig, ehe sich das Vorstandsmitglied der IGFP (Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne) im Frühjahr 2016 selbstständig machte. www.tierarzt-castell.de

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