Wird ein Pferdeführerschein bald zur Pflicht?

Tierärztetag fordert Pflicht-Sachkunde für Pferde
Pflicht zum Pferde-Führerschein?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 12.02.2026
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Mother and instructor preparing young girl for horseback riding lesson
Foto: Moment RF

Der Arbeitskreis "Tierschutz im Pferdesport" hat die Debatte um einen "Pferdeführerschein" neu entfacht. Wörtlich heißt es: Der 30. Deutsche Tierärztetag fordert, dass Pferdehalter:innen, Pfleger:innen und andere Personen, die mit dem Pferd umgehen, nachweislich über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten nach § 2 Tierschutzgesetz (TierSchG) verfügen müssen. Entsprechend zertifizierte Sachkundekurse/Schulungen (z. B. "Pferdeführerschein") könnten durch qualifizierte, nicht staatliche Anbieter durchgeführt werden. Zunehmend ist festzustellen, dass beim Umgang mit Pferden teilweise zu wenig Sachkunde vorhanden ist und es dadurch immer wieder zu Tierschutzverstößen kommt."

"Das Wissen über Pferde reicht oft nicht aus"

"Aus unserer alltäglichen tierärztlichen Praxis stellen wir immer wieder fest, dass Menschen, die mit Pferden umgehen, nicht ausreichend Wissen darüber haben", sagt Dr. Michael Köhler, Leiter des Arbeitskreises "Tierschutz im Pferdesport" und Vorsitzender des Bundestierärztekammer-Ausschusses für Pferde. "Wir finden, dass jeder eine gewisse fachliche Expertise haben sollte, der mit Pferden umgeht, um deren Grundbedürfnisse zu kennen. Wir würden uns freuen, wenn sich der Gesetzgeber dessen annehmen würde." Er habe schon vor zehn Jahren versucht, das anzustoßen. Es soll eine praktikable Organisationsstruktur gefunden werden, um ein gewisses Maß an Sachkunde und Grundlagen sicherzustellen. "Konkrete Pläne zur Umsetzung gibt es bisher noch nicht, die FN könnte dabei ein Partner im Boot sein und wir wollen mit den Ministerien ins Gespräch gehen", kündigt Dr. Köhler an.

"Wir sollten uns lieber um die kümmern, die Pferden bewusst Leid zufügen", sagt indes Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies, die im Arbeitskreis Tierschutz beim Tierärztetag saß. "Auf gar keinen Fall möchte ich den guten Ideen von Tierschützern widersprechen. In der Landwirtschaft fände ich einen Sachkundenachweis zum Beispiel sehr wichtig.

Sie sieht nur speziell für den Tierschutz im Bereich Pferd folgendes Problem: "Die Erfahrung lehrt uns, dass wir da eine Bürokratie aufbauen und uns um die kümmern, die es eh schon gut machen – und eben nicht die erreichen, die wir erreichen wollen. Wir belasten damit unsere Behörden, anstatt uns um die zu kümmern, die eigentlich unsere Vorbilder sind und dabei gegen das Tierschutzgesetz verstoßen." Nicht die Unwissenden machten im Pferdebereich die größten Probleme, sondern gerade die Profis, die Vorbilder sein sollten und stattdessen Pferden bewusst Leid zufügten – sei es mit Schlaufzügeln, Rollkur oder Gebisskonstruktionen. Dr. Tönnies: "Wie man Pferde richtig halten sollte, ist meines Erachtens genau bekannt."

Beim Deutschen Tierärztetag ging es um Tierschutz im Pferdesport – "doch das Thema Schlaufzügel, eines der größten Tierschutzprobleme im Reitsport, wurde bewusst unterdrückt." Mehrfach sei es aus der Beschlussvorlage verschwunden, kritische Stimmen seien ignoriert worden, Diskussionen blockiert. "Ich war dabei – und habe erlebt, wie Funktionäre der Tierärzteschaft verhindern, dass über Schmerz, Leid und Missbrauch von Pferden gesprochen wird. Schlaufzügel ziehen Pferdeköpfe mit Flaschenzugmechanik auf die Brust – ein Instrument des Zwangs, das Schmerzen, Schäden und Angst verursacht." Dass Tierärzte so etwas nicht klar verurteilen, sei ein Skandal. "Sachkunde ist "nice to have", aber Missbrauch kommt oft von den "Wissenden" und wir sollten die Behörden nicht unnötig mit dem Thema Sachkunde für diese spezielle Tierart belasten", formuliert Dr. Kirsten Tönnies.

Die FN ist auf eine Pflicht vorbereitet

"Mit dem Thema ,Sachkundenachweis für alle Pferdehalter’ greift die Bundestierärztekammer in ihren Forderungen an die Verbände das auf, was zunehmend von Politik und Gesellschaft eingefordert und daher in diversen Bereichen zunehmend gesetzlich vorgeschrieben wird", sagt Thies Kaspareit, Leiter der Abteilung Ausbildung (FN). Dieses sicherlich auch vor dem Hintergrund der Erfahrungswerte beim Sachkundenachweis für die Haltung bestimmter Hunde und auch der Erfahrungen rund um die Kutschenführerscheine, wo insgesamt deutlich spürbar gesellschaftlicher Rechtfertigungsdruck minimiert und zur Lösung bestehender Probleme beigetragen worden sei.

Rädlein

Vor diesem Hintergrund habe die FN aus zwei Gründen den Pferdeführerschein-Umgang eingeführt. "Zum einen, weil sie von dem Sinn einer Grundausbildung am und mit dem Pferd aus Gründen der Sicherheit und des Tierwohls zutiefst überzeugt ist; und zum anderen, um auf eine gesellschaftliche/politische Pflicht zum Pferdeführerschein vorbereitet zu sein, was die FN umfassend ist. Für eine etwaige Pferdeführerschein-Pflicht ist aber die Politik verantwortlich, nicht die FN", so Kaspareit.

Und was sagt die Politik dazu?

CAVALLO hat alle Bundestagsfraktionen angefragt. Dies sind die Rückmeldungen:

"Die Fraktion Die Linke begrüßt den Beschluss des Deutschen Tierärztetages. Die Linke setzt sich nicht nur für eine soziale Klima- und Umweltpolitik, sondern auch für einen sorgsamen und artgerechten Umgang mit Tieren ein. Deshalb unterstützen wir die Forderung nach einem "Pferdeführerschein". Der Umgang mit Pferden und deren Haltung will gelernt werden, verpflichtende Schulungskurse halten wir deshalb für sinnvoll." Marcel Bauer, Pressesprecher "Die Linke"

"Natürlich ist es sinnvoll, dass Pferdehalter sich sachkundig machen, wie sie mit ihren Tieren artgerecht umgehen. Dafür gibt es genügend Weiterbildungsangebote auf dem freien Markt. Die verpflichtende Einführung eines ‚Pferdeführerscheins‘ lehne ich allerdings ab. Ohnehin ist im Tierschutzgesetz geregelt, dass Tierhalter über die angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung ihres Tieres Bescheid wissen müssen. Halter dürfen die Tiere nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, ihnen kein Leid und keinen Schaden zufügen. Würden wir einen ‚Pferdeführerschein‘ einführen, so würde das nur unnötige Bürokratie mit sich bringen. Wir sind indes mit dem Versprechen angetreten, Bürokratie abzubauen." Claudia Kemmer, Pressesprechern der CDU/CSU-Fraktion.

Katja Schnabel trenst Pferd auf
Dörpmund

"Wir Grüne unterstützen die aktuelle Forderung des Deutschen Tierärztetags ausdrücklich. So sprechen zahlreiche Gründe für eine verpflichtende Sachkunde: Pferde werden häufig nicht ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten, etwa mit zu wenig Auslauf, ohne artgerechte Fütterung oder in ungeeigneter Unterbringung – was auch nicht selten zu erhöhten und vermeidbaren Tierarztkosten führt. Da Pferde Unwohlsein oftmals nur subtil zeigen, kann ein falscher Umgang etwa in der Ausbildung und beim Training der Tiere auch zu einer Gefährdung für den Menschen führen. Denn Pferde sind sehr große und kräftige Fluchttiere. Ein niedrigschwelliger Pferdeführerschein würde hier zum Vorteil für Tier und Halter werden und eine einheitliche bundesweite Regelung ermöglichen. Darüber hinaus fehlt bislang eine gesetzliche Grundlage für das Halten und Züchten von Pferden – analog zur Tierschutz-Hundeverordnung. Statt verbindlicher Vorgaben existieren derzeit lediglich zum Teil überarbeitungsbedürftige Leitlinien. Daher setzen wir uns klar für die Einführung eines verpflichtenden Sachkundenachweises in der Pferdehaltung ein und fordern die Bundesregierung auf, zügig eine Tierschutz-Pferdeverordnung auf den Weg zu bringen." Moritz Fleischmann, Referent für Öffentlichkeitsarbeit Bündnis 90/Die Grünen

Berufsreiter stehen für Sachkunde

"Wir unterstützen, dass ein Mindestmaß an Sachkunde gefordert wird", sagt Hannes Müller, Erster Vorsitzender der Bundesvereinigung der Berufsreiter (BBR) im Deutschen Reiter- und Fahrer-Verband (DRFV). "Die BBR ist die Interessenvertretung aller Pferdewirtinnen/Pferdewirte und Pferdewirtschaftsmeisterinnen/meister aller Fachrichtungen in Deutschland. Wir stellen somit das Rückgrat der Ausbildungslandschaft im Bereich der Pferdewirtschaft dar. Im Schulterschluss mit den Ausbildungsstrukturen der FN wird genau diesem Gedanken der Sachkunde zugearbeitet. In allen Regelwerken der Ausbildungslandschaft – sei es in der staatlich kontrollierten, per Gesetz geregelten oder in der APO der FN als privatrechtlichem Sportverband – ist das Wohlergehen der Pferde oberstes Gebot.”

"Jedem, der im organisierten Pferdesport unterwegs ist, stehen die Inhalte zur Verfügung und sie werden flächendeckend genutzt. Auch viele Pferdefreundinnen und -freunde ohne Vereinsbindung finden in professionell geführten Betrieben diese Ausbildungsstrukturen und nutzen sie im Interesse um das Wohlergehen ihrer Pferde gern. Leider kann aber jeder ein Pferd erwerben und privat halten und nutzen. Hier ist es natürlich ungemein schwieriger, in eine seriöse Informationskultur einzusteigen ¬ stehen uns doch, gerade durch Soziale Medien, auch eine Vielzahl von dubiosen Quellen zur Verfügung. Insofern kann man nur unterstützen, dass ein Mindestmaß an Sachkunde von jedem Pferdebesitzer gefordert wird."

Das sagen Trainerinnen an der Basis

"Wenn wir Reit- oder Pflegebeteiligungen an unseren Schulpferden vergeben, ist der FN-Pferdeführerschein bei uns verbindlich", erklärt Shirley Funke, Trainerin B Leistungssport (FN), die einen Betrieb für Reittherapie im schwäbischen Maulbronn hat. "Uns ist wichtig, dass unsere Reitschüler nicht nur reiten lernen, sondern sich auch Wissen rund um Fütterung, Haltung und das Erkennen von Krankheiten aneignen. Dafür halten wir den FN-Pferdeführerschein für sehr sinnvoll."

"Ich lege all unseren Reitschülerinnen und Reitschülern den Pferdeführerschein "Umgang" sowie den Pferdeführerschein "Umgang für junge Reiter" ans Herz", sagt Susi Korf, IPZV- Trainerin B. Sie betreibt eine Reitschule im schwäbischen Kirchberg an der Murr. In diesen Kursen werde sehr umfangreiches theoretisches Wissen über Pflege, Fütterung, Haltung und den sicheren Umgang mit dem Pferd vermittelt. Außerdem lernten die Teilnehmer, wie man ein Pferd korrekt verlädt, im Gelände führt und am Boden arbeitet. "Einmal im Jahr findet bei uns dazu ein viertägiger Kurs mit Prüfung statt. Wir bieten den Pferdeführerschein des IPZV an, der dem der FN gleichgestellt ist. Ich fände es sehr gut, wenn der Pferdeführerschein künftig zur Pflicht würde – beim IPZV ist er bereits Voraussetzung für einen Turnierstart."

"Die behördliche Kontrolle bleibt ungeklärt"

Das sagt Andreas Ackenheil, Rechtsanwalt für Tierrecht (www.tierrecht-anwalt.de):

"Rechtlich handelt es sich bislang nur um eine Forderung, nicht um eine verbindliche Norm. § 2 TierSchG verpflichtet jede Tierhalterin und jeden Tierhalter zwar zur sachkundigen, artgerechten Haltung, schreibt aber keinen formellen Nachweis dieser Kenntnisse vor. Eine Pflicht zur Teilnahme an Kursen oder Prüfungen existiert für private Pferdehalter derzeit nicht. Anders ist die Lage bei gewerblich tätigen Betrieben.

Wenn private Anbieter die Ausbildung für einen solche Sachkunde-nachweis übernehmen, droht eine Zersplitterung der Prüfungsanforderungen. Während z. B. die FN mit dem "Pferdeführerschein Umgang" bereits ein etabliertes Schulungssystem anbietet, könnten andere Anbieter weniger qualifizierte oder abweichende Kurse organisieren. Ohne einheitliche staatliche Kontrolle wäre die Vergleichbarkeit der Nachweise kaum gewährleistet.

Die behördliche Kontrolle bleibt ungeklärt: Wer die Einhaltung dieser Standards über- wachen soll, ist offen. Veterinärämter könnten theoretisch für die Anerkennung von Anbietern oder Prüfungen zuständig werden, doch das würde eine gesetzliche Erweiterung der behördlichen Aufgaben erfordern. Ohne klare Zuständigkeit entstünde eine rechtliche Grauzone zwischen freiwilliger Schulung und verpflichtender Sachkunde.

Der Beschluss des Deutschen Tierärztetages zeigt jedoch, dass das Thema politisch Fahrt aufnimmt. Sollte der Gesetzgeber diese Forderung aufgreifen, müsste vor allem geklärt werden, wer eine solche Sachkunde ausstellen darf, welche Anforderungen an Ausbildung und Prüfung gestellt werden und welche Behörde die Einhaltung kontrolliert. Erst eine gesetzlich geregelte Zuständigkeit, vergleichbar mit dem System der § 11er-Erlaubnisse für Hundetrainer oder Reitbetriebe, würde eine rechtssichere, bundesweit einheitliche Umsetzung ermöglichen. Bis dahin bleiben freiwillige Kurse wie der FN-Pferdeführerschein eine empfehlenswerte Möglichkeit, Fachkenntnisse zu dokumentieren, rechtlichen Pflichten vorzubeugen und das Vertrauen von Versicherern, Reitbetrieben und Behörden zu stärken.

Kommentar von CAVALLO-Autorin und Pferdetrainerin Cathrin Flößer:

Mehr Sachkunde beim Umgang mit dem Pferd nachzuweisen, klingt im ersten Moment prima. Als Pferdetrainerin erlebe ich immer wieder, mit wie viel Unwissenheit man sich Pferde anschafft. Doch was würde das in der konkreten Umsetzung bedeuten? Was ist mit denen, die bereits jahrelang Pferde halten oder in dem Bereich arbeiten? Es sind noch sehr viele Fragen offen. Es müssten Gesetze geändert werden, die Behörden müssten prüfen und überwachen. Ich finde, dass es schon genug Bürokratie und Regulierungen in unserem Land gibt. Stattdessen sollte man die Basis noch mehr informieren und sensibilisieren. Reitschulen sollten nicht nur Reiten vermitteln, sondern auch den Umgang mit dem Pferd am Boden, Haltung und Fütterung. Zudem sehe ich auch Pferdeverkäufer in der Verantwortung. Ich erlebe oft, dass junge oder unpassende Pferde an Einsteiger verkauft werden. Mit dem Pferdeführerschein der FN gibt es doch schon ein gutes Tool, Wissen nachzuweisen. Reitschulen sollten motiviert werden, solche Abzeichen abzunehmen, um das Wissen über Pferde und ihre Bedürfnisse zu verbreiten und den Nachwuchs zu sensibilisieren, dass eine Investition in Wissen wichtiger ist als die 20. Schabracke. Ich bin für mehr Aufklärung statt Verpflichtung.

Kommentar von Online-Redakteurin Catharina Köther:

Ein verpflichtender Pferdeführerschein soll das Tierwohl verbessern? Ich finde das greift am Kern des Problems vorbei. Wer Pferde aus Leidenschaft hält und mit ihnen umgeht, informiert sich ohnehin, investiert viel Zeit und Geld in Ausbildung, Pflege und Haltung. Hier herrscht in der Regel kein Mangel an Wissen, sondern im Gegenteil ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Meiner Meinung nach fehlt es also äußerst selten an Wissen, sondern eher werden bestehende Regeln zu lax kontrolliert. Wie aktuelle und vergangene Fälle zeigen, treten gravierende Probleme doch vielmehr dort auf, wo Leistungsdruck, fehlende Kontrollmechanismen und wirtschaftliche Interessen vorherrschen – nicht bei Hobbyhaltern, die ihr letztes Hemd für ihre Tiere geben. Wenn Missstände trotz vorhandener gesetzlicher Vorgaben bestehen, wird ein weiteres Zertifikat kaum die Lösung sein. Statt neue Hürden für Pferdebesitzer und -halter aufzubauen, wäre es sinnvoller, bestehende Vorgaben konsequent durchzusetzen – dort, wo die echten Missstände auftreten. Ein neuer "Pflichtschein" wirkt dagegen wie Symbolpolitik ohne spürbaren Nutzen für die Pferde.