Kolik-Diagnose in 9 Schritten erklärt

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Foto: Juliane Fellner CAVALLO Kolik-Diagnose

Pferde-Darm abhören

Kolikpatient bei der Untersuchung: Mit einem Stethoskop hört Tierarzt Dr. Enno Allmers beim Pferd den Darm ab.

Vorbericht

Der Tierarzt befragt den Pferdebesitzer. „Das mache ich parallel zur Untersuchung, denn bei einer Kolik muss alles schnell gehen“, erklärt Dr. Enno Allmers. Der Reiter kann wichtige Infos liefern:

• Seit wann zeigen sich Koliksymptome?
• Wie stark sind sie?
• Hat das Pferd bereits Medikamente/Schmerzmittel bekommen?
• Gab es eine Futterumstellung?
• Hat das Pferd auf einer Sandweide gestanden?
• Wurde es entwurmt?
• Hat das Pferd Kot abgesetzt?

Herz-Kreislauf-Untersuchung:

Schleimhäute checken: Zu Beginn einer Kolik ist die Bindehaut oft blass-rosa. „Färbt sie sich dunkelrot, wird’s kritisch“, so Dr. Allmers. Der Tierarzt untersucht zudem die Schleimhäute im Maul des Pferds.

Herzfrequenz und Puls messen

Der Tierarzt horcht das Herz ab. Über die Anzahl der Herzschläge pro Minute lässt sich der Schweregrad der Kolik bestimmen. Je höher die Herzfrequenz, desto schlechter ist die Prognose.

„Beim erwachsenen Pferd sind die Werte dann bedenklich, wenn sie über 60 Herzschlägen pro Minute liegen“, erklärt Dr. Enno Allmers. Sinkt die Herzfrequenz trotz Behandlung nicht, kann das ein Anzeichen für die Notwendigkeit zur OP sein.

Kapillarfüllungszeit ermitteln

Infos über Kreislaufzustand und Blutdruck gewinnt der Tierarzt, indem er mit der Fingerkuppe kurz auf das Zahnfleisch des Kiefers drückt. So unterbricht er die Durchblutung und das Zahnfleisch wird blass.

Die Zeit, bis das Blut zurückfließt und die normale Farbe wieder da ist, nennt sich Kapillarfüllzeit. „Zwei Sekunden Füllzeit sind normal. Dauert die Füllzeit länger als vier Sekunden besteht fürs Pferd Lebensgefahr“, so der Experte.

Körpertemperatur messen

Die Temperaturmessung geschieht rektal. Bei Kolik kann die Körpertemperatur steigen – oder auch abfallen. Der Tierarzt schließt daraus auf den Zustand des Kreislaufs und aufs Befinden.

„Bei gestressten Tieren ist die Temperatur meist hoch“, so Dr. Allmers. Fieber (Temperatur über 38,5 Grad) kann zudem auf Entzündungen im Darm und Strangulierungen hinweisen. Eine Unterkühlung kommt bei Schockzuständen vor.

Darmgeräusche abhören

Blubbert der Darm ruhig und regelmäßig? Das checkt der Tierarzt, indem er mit einem Stethoskop die Flanke und den Unterbauch auf jeder Seite des Pferds abhorcht.

Der Experte weiß, wo welche Teile des Darms liegen. „Höre ich an einer Stelle abnormale Geräusche, erhalte ich einen Hinweis, dass dieser Darmabschnitt Probleme bereitet“, sagt Dr. Allmers.

Laute Darmgeräusche deuten auf eine Gaskolik. Fehlen Geräusche im Darm, kann das auf Darmverschlingung hinweisen. In dem Fall ist eine OP nötig.

Rektaluntersuchung:

Beim Griff in den Pferde-Po beurteilt der Tierarzt das hintere Drittel des Darms und die Bauchhöhle. Idealerweise findet die rektale Untersuchung im Untersuchungsstand statt, da Verletzungsrisiko für Pferd und Tierarzt besteht.

„Es ist der wichtigste Teil der Diagnose. Die Infos sind wegweisend für die Beurteilung, ob das Pferd operiert werden muss oder nicht“, so Dr. Allmers. Als erstes checkt der Tierarzt, ob Kot im Darm ist – und räumt diesen aus. Finden sich im Pferdeapfel Parasiten, Sand oder Schleim, kann das Licht auf die Ursache der Kolik werfen. Ist kein Kot vorhanden und das Pferd hat seit 24 Stunden nicht geäpfelt, besteht Lebensgefahr.

Als nächstes fühlt Dr. Allmers, ob das Pferd auf Druck – etwa am Blinddarm – mit Schmerz reagiert. Zudem prüft er die Lage der Darmabschnitte. Diese können sich drehen, einstülpen oder abknicken. Denn: Der Pferdedarm bewegt sich ständig und haftet nur an wenigen Stellen an der Bauchhöhle. Verdrehen sich Abschnitte des Darms, können sie in kürzester Zeit absterben. Schnelles Handeln ist gefragt. Eine OP ist oft die einzige Rettung.

Hodensack und Listenkanäle abtasten:
Bei männlichen Tieren kann etwa ein Leistenbruch zu Koliken führen. „In dem Fall klemmt sich der Darm im Leistenkanal ein, was sich fühlen lässt“, erklärt Enno Allmers.

Körperumfang anschauen:
„Wirkt der Rumpf wie eine Tonne, deutet das auf eine Gaskolik“, so der Experte. Im schlimmsten Fall muss der Darm in einer Operation punktiert werden, damit das Gas entweicht.

Nasen-Schlund-Sonde

Eine Nasen-Schlund-Sonde kann Diagnose und Therapie zugleich sein. Der Tierarzt schiebt einen Schlauch in die Nase des Pferds. Dieser rutscht dann weiter über den Schlund in den Magen.

Stößt der Tierarzt auf Widerstände, bläst er Luft in den Schlauch. „Das löst Schluckreflexe beim Pferd aus“, sagt Dr. Allmers. Über die Sonde erhält der Veterinär Infos über den Füllungszustand des Magens. Er nimmt das Ende des Schlauchs in den Mund und versucht, Flüssigkeit (Magensaft und Speichel) aus dem Magen anzusaugen. Dabei schiebt er die Sonde leicht vor- und zurück.

Beim gesunden Pferd fließt keine oder nur wenig Flüssigkeit in den Schlauch: Der Magen ist leer. Fließt von allein Flüssigkeit in den Schlauch, ist der Magen überladen. In der Fachsprache heißt das Reflux (Rückfluss): ein Zeichen, dass Magensaft und Speichel nicht in den Dünndarm abfließen können. Ein Tierarzthelfer fängt die Flüssigkeit in einem Behälter auf. Sie wird später auf Menge, Farbe, Geruch und pH-Wert untersucht.

Für therapeutische Zwecke kann der Tierarzt den Magen über die Sonde entleeren sowie Medikamente und Wasser geben. Bei Verstopfung etwa kann das Abführmittel Paraffinöl den Kot glipschiger machen. Glaubersalz hält Flüssigkeit im Darm und hilft, den Kot einzuweichen. „Glaubersalze und Öl kann ich aber nur geben, wenn sicher ist, dass keine Darmverdrehung vorliegt“, so Dr. Allmers.

Blutabnahme

Über die Anzahl der roten Blutkörperchen checkt der Tierarzt den Flüssigkeitszustand des Pferds. „Ein Flüssigkeitsmangel weist auf einen Schock“, so der Experte. Ist zu wenig Wasser im Körper, belastet das den Kreislauf. Extreme Blutwerte können Hinweise auf die Notwendigkeit einer OP liefern.

Ultraschall

Stellt die Darmoberfläche als Bild dar. Der Arzt hat damit auch die zwei Drittel des Darms im Blick, die bei der Rektaluntersuchung nicht fühlbar sind. „Ultraschall hat sich zur Kolikdiagnose bei akuten und chronischen Patienten etabliert“, so Dr. Allmers. Folgendes wird geprüft:

• Wie dick ist die Darmwand?
• Bewegt sich der Darm?
• Ist der Darm am richtigen Platz?
• Ist Flüssigkeit im Bauchraum?
Ultraschall dauert meist nicht länger als fünf Minuten, gibt aber wichtige Hinweise darauf, was als nächster Schritt nötig ist. Zeigt sich beim Ultraschall etwa Flüssigkeit im Bauchraum, steht eine Bauchhöhlenpunktion an. Der Tierarzt sticht dabei eine Nadel in den tiefsten Punkt des Pferdebauchs. So gewinnt er einige Tropfen der Flüssigkeit zur Untersuchung. Die Ergebnisse sind wichtig für die Entscheidung: OP – ja oder nein? Finden sich etwa Futterpartikel in der Flüssigkeit, deutet das auf einen geplatzten Magen – eine schlechte Prognose.

Was passiert nach der Diagnose?
Führt die Diagnose zum Verdacht auf Dünndarmverschluss, extreme Aufgasung, Leistenbruch beim Hengst oder Magenriss empfiehlt der Veterinär eine OP. „Besitzer sollten sich schon vor dem Ernstfall Gedanken machen, ob sie ihr Pferd im Fall einer Kolik operieren lassen wollen“, so Dr. Enno Allmers. Denn bei einer Kolik zählt jede Minute. Pferdehalter, können etwa eine OP-Erlaubnis aufschreiben. Sind sie im Notfall nicht erreichbar, kann der Tierarzt trotzdem helfen. Laut Dr. Allmers ist es zudem wichtig, bereits im Vorfeld Verladen zu üben und einen möglichen Transport in die Klinik zu organisieren.

Bei akuten Koliken laufen Diagnose und Therapie oft parallel ab. Der Tierarzt kann während der Diagnose bereits Medikamente geben; beispielsweise Schmerzmittel oder Mittel zum Entkrampfen, etwa bei einer Verstopfungskolik. Ob und wie schnell Medikamente wirken, zeigt sich schon nach wenigen Minuten am Zustand des Pferds. Schlagen Medikamente nicht an, kann es nötig sein, das Pferd in die Klinik zu fahren. „Dort gibt es noch mehr Diagnosemöglichkeiten, etwa zur Blutanalyse“, erklärt Dr. Allmers.

Verstopfungskoliken ziehen sich teils über mehrere Tage. Welches Zeitfenster Reiter ihrem Pferd geben können, bevor sie den Patienten in die Klinik transportieren, sollten sie mit dem Tierarzt besprechen.
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