Praxistest: Entwurmen mit Kräutern

Helfen Kräuter gegen Würmer?

Foto: Colourbox Praxistest: Entwurmen mit Kräutern
Natürlich entwurmen ohne Chemie ist im Trend. CAVALLO nimmt die Wurm-Kräuter unter die Lupe und unterzieht sie einer Probe aufs Exempel.

Jedes Pferd trägt Parasiten in sich – und in überschaubarer Anzahl sind die gar nicht schlimm. Bei den kleinen Strongyliden, den häufigsten Schmarotzern im Pferdedarm, spricht man etwa erst ab einem Wert von 200 EpG, also mehr als 200 Eiern pro Gramm Kot, von einem behandlungsbedürftigen Wurmbefall – und der sollte dann auch bekämpft werden. Doch die chemische Wurmkur schmeckt offenbar immer weniger Pferdebesitzern. Kräutermischungen zum „natürlichen Entwurmen“ sprießen am Markt, manche Tierheilpraktiker empfehlen ein Potpourri von Hagebutten, Knoblauch, Thymian und Co. im Kampf gegen Würmer. Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

CAVALLO hat nachgeforscht, was die Kräuter wirklich bringen, und zwei Produkte bei Pferden von Redakteuren ausprobiert.

Kräuter-Hype am Futtertrog

Unzählige Futterhersteller haben Kräutermischungen in ihrem Sortiment, die eine Darmflora versprechen, in der sich die Schmarotzer nicht wohlfühlen. Auch Tierheilpraktiker oder Privatpersonen preisen im Netz ihre Mischungen an. Dabei beziehen sie sich gerne auf die Ernährung der Wildpferde: Die suchen sich genau die Kräuter, die ihrem Körper gerade gut tun – und bekommen selbstverständlich keine Wurmkuren. Und da hierzulande und heutzutage nur die wenigsten Pferde freien Zugriff auf verschiedene Kräuter haben, müssten diese eben ergänzend gefüttert werden.

Die Vielfalt der grünen Inhaltsstoffe ist verblüffend. Die Wurmkräuter verschiedener Hersteller haben die unterschiedlichsten Bestandteile, versprechen aber alle dasselbe Ergebnis: Pferde ohne Wurmbefall. Fakt ist: Kräuter enthalten sekundäre Pflanzenstoffe, die zur Zellerneuerung beitragen, entzündungshemmend sind und vor Viren und Bakterien schützen. Pferdebesitzer, die Kräuter füttern, berichten von gesünderen Vierbeinern. Das ist darauf zurückzuführen, dass Kräuter das Immunsystem stärken, den Stoffwechsel in Gang bringen und das Wohlbefinden der Pferde verbessern können.

Bekannte Kräuter zur Entwurmung

Besonders häufig werden Pfefferminze, Thymian, Ulmenrinde, Kümmel, Knoblauch, Papayablätter und Brennnesseln im Kampf gegen Darmparasiten verabreicht. Pfefferminze kann den Appetit anregen und soll, ebenso wie Kümmel, Ulmenrinde und Papayablätter, beruhigend auf Magen und Darm wirken. Thymian beruhigt die Atemwege bei Erkältungen oder Husten und hat eine desinfizierende Wirkung. Knoblauch soll das Immunsystem stärken sowie Keime und Bakterien bekämpfen. Brennnesseln stärken die Nieren und regulieren den Stoffwechsel.

Das klingt alles sehr gesund, doch explizit wurmfeindlich sind diese Kräuter scheinbar nicht. So sieht das auch Tierarzt Dr. Marcus Menzel aus Thurmading/Bayern. Der Parasitologie-Experte forscht seit Jahren, wie Pferde richtig entwurmt werden: „Es ist gut möglich, dass die Kräuter für ein ausgeglichenes und widerstandsfähiges Darmmilieu sorgen“, meint Dr. Menzel. „Gegen einen behandlungsbedürftigen Parasitenbefall werden sie aber nach unseren bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts ausrichten können.“ Doch was sagen die Hersteller selbst zur Wirkung ihrer Produkte?

Wissenschaftliche Beweise? Pustekuchen!

Die Anbieter von Wurm-Kräutern halten sich bedeckt. CAVALLO fragte bei verschiedenen Herstellern an, doch die wollten sich zur genauen Wirkung ihrer Kräutermischungen nicht äußern. Tierarzt Dr. Marcus Menzel machte ähnliche Erfahrungen: „Ich habe mehreren Herstellern angeboten, die Kräutermischungen in einer Blindstudie zu testen. Keiner wollte sich der wissenschaftlichen Untersuchung stellen.“ Wissenschaftliche Beweise für die Wirkung der Kräuter fehlen.

Die Wirkung wird vielmehr oft mit einem Argument belegt, das einer Überprüfung nicht standhält: Wenn Pferde nach der Kräuterkur mehr Wurmeier im Kot haben als vorher, wird daraus gefolgert, dass die Kräuter wirken. Das ist ein Trugschluss! Tatsächlich steigt die Anzahl der ausgeschiedenen Eier mit der Zunahme des Wurmbefalls – je mehr Würmer im Pferdedarm sind, desto mehr Wurmeier werden ausgeschieden.

Auch dass Wurm-Kräuter teils ohne Angabe von Inhaltsstoffen oder Fütterungsempfehlungen, ohne eine Beratung oder tierärztliche Untersuchung zu erwerben sind, ist bedenklich. Im Pferdekörper leben schließlich die verschiedensten Parasiten: kleine und große Strongyliden, Bandwürmer, Spulwürmer, Magendasseln und viele mehr. Für die Wirkstoffe herkömmlicher Wurmkuren ist bekannt, gegen welchen Befall sie wirken. Ohne genaue Angaben der Hersteller die Kräuter gezielt gegen einen bestimmten Wurmbefall einzusetzen, scheint unmöglich.

Flower Power ohne Reue? Nein!

Denn auch die Natur hat Risiken und Nebenwirkungen. Viele Pferdebesitzer unterschätzen die Effekte von Kräutern und verfüttern sie unbedacht an ihre Lieblinge. Was gut gemeint ist, kann leider schwerwiegende Folgen haben. Kräuter, die beim Menschen eine positive Wirkung haben, können bei Pferden beispielsweise völlig anders wirken. Dazu gehört das Johanniskraut. Es hat auf Menschen eine beruhigende Wirkung, führt bei Pferden, über das Futter verabreicht, aber zu einer starken Überempfindlichkeit gegenüber UV-Strahlung (Photodermatitis), was starke Sonnenbrände zur Folge haben kann.

Des Weiteren sind gewisse Kräuter zwar grundsätzlich gesund für Pferde, aber zum Beispiel nicht für tragende Stuten geeignet, wie etwa Thymian. Der kann bei zu hoher Dosierung sogar die Leber schädigen. Dass die Dosis das Gift macht, gilt etwa auch für Huflattich, der geringe Mengen der gefährlichen Pyrrolizidinalkaloide (PA) enthält. In stark verdünnter Form ist der Eisenhut in der Homöopathie beliebt; pur übers Futter verabreicht, können die darin enthaltenen Stoffe wie das Alkaloid Acotinin ein Pferd sogar vergiften.

Tierärzte und Futterspezialisten empfehlen daher vor der Fütterung von Kräutern unbedingt eine Untersuchung des Pferds sowie eine umfassende Beratung durch einen Experten.

Also doch entwurmen mit Chemie?

Die Antwort lautet auch hier: Nein! Denn drei- bis viermal jährlich einfach allen Pferden eine Wurmkur ins Maul zu drücken, ist ebenfalls riskant. Denn Würmer sind hartnäckige Biester. Je öfter sie die chemische Keule zu spüren bekommen, desto mehr scheint den Schmarotzern das Medikament zu schmecken. Sie überleben, indem sie gegen die gängigen Mittel resistent werden – und vererben diese Resistenz auch an ihre zahlreichen Nachkommen. Jede Wurmkur ohne Wurm- und Wirkungsnachweis befeuert diese beängstigende Entwicklung.

Ein gesundes Pferd steckt die Wurmkur zwar problemlos weg, dennoch ist sie eine vorübergehende Belastung für den Organismus – die oft gar nicht nötig wäre. „Es hat sich gezeigt, dass nur circa 30 Prozent der erwachsenen Pferde tatsächlich einen Wurmbefall aufweisen. Im Umkehrschluss werden also 70 Prozent der Pferde grundlos entwurmt, wodurch es unnötigerweise zu fortschreitenden Resistenzentwicklungen kommt“, sagt Dr. Menzel. „Ebenso ist es nicht nachvollziehbar, warum Pferden, ohne diagnostisch bewiesene Notwendigkeit, entwurmende Wirkstoffe verabreicht werden, die in der Folge Koppeln und Gewässer verunreinigen.“

Die geringe Zahl befallener Pferde lässt sich übrigens ganz einfach erklären: Würmer, Dasseln und Maden leben von und in ihrem Wirt. „Würden sie sich so weit vermehren, dass eine Gefahr für die Mehrzahl ihrer Wirte entstünde, würden sie sich auch selbst in Gefahr bringen“, verdeutlicht Dr. Marcus Menzel.

Die beste Strategie gegen Parasiten

Experten empfehlen seit 2010 die zeitgemäße (Selektive) Entwurmung nach Dr. Marcus Menzel. Professor Kurt Pfister, damals Leiter des Instituts für Vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie an der LMU München, und Tierärztin Anne Becher entwickelten einen Wurmkur-Planer (www.selektive-entwurmung.com), der erstmals in CAVALLO veröffentlicht wurde und im Wesentlichen bis heute gilt. Über Kotproben wird mit einem speziellen Verfahren ermittelt, wie viele und welche Würmer im Pferd parasitieren. Behandelt werden nur die Tiere, bei denen die Zahl der Wurmeier im Kot den Schwellenwert überschreitet. In regelmäßigen Abständen zeigen weitere Kotproben, ob die Behandlung Erfolg hatte.

Das seit 2012 nach Tierarzt Dr. Menzel bezeichnete Ampelsystem teilt die Pferde nach dem ersten Kontrolljahr wie folgt ein: niedrige Eiausscheider (Grün), inkonsistente Eiausscheider (Gelb) und hohe Eiausscheider (Rot). Danach richten sich die Kontrollen und die Behandlung in den Folgejahren. Ausnahme: Fohlen und Jungpferde müssen individuell und intensiv kontrolliert werden. Ihr Immunsystem ist weniger ausgeprägt, weshalb sie anfälliger für Endoparasiten sind.

Weitere Infos übers richtige Entwurmen finden Sie unter www.selektive-entwurmung.com. Das ist sicher, zeitgemäß und kein dubioser Medizin-Trend wie „natürliches Entwurmen“.

Hier gibt es den Wurmkurplaner zum Download

18.10.2017
Autor: Marlene Weiblen
© CAVALLO
Ausgabe 10/2017