Schnappende Pferde Lisa Rädlein

Wie trainiert man schnappende Pferde?

Schni, Schna, Schnappi Wie trainiert man schnappende Pferde?

Wird Ihr Pferd an der Hand auch manchmal zum Krokodil? Dann hat es einen Grund dafür, sagen die Ausbilderinnen Anna Eichinger und Rebekka Pertenbreiter. Ihre Meinung: Wer ein schnappendes Pferd straft, macht alles nur noch schlimmer. Um das Problem zu lösen, hilft es oft, die eigene Einstellung zum Tier zu verändern. An welchen Stellschrauben Sie drehen können.

Tipp 1: Ein besserer Begleiter werden

  • Halte ich mit meiner Hand eine zu feste, zu lose oder unstetige Verbindung?
  • Können mein Pferd und ich im Gleichtakt gehen?

Sensible Pferde fühlen sich durch die Hand des Menschen, der sie führt, oft gestört. Anna Eichinger lässt sich anfangs gerne selbst von ihren Schülern an die Hand nehmen und führen. "So kann ich spüren, ob die Verbindung zu fest, zu lasch oder unstetig ist", erklärt sie. Oft helfe ihr Feedback den Schülern, sich ihrer Einwirkung bewusst zu werden und diese dann zu verbessern.

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Probieren Sie die Übung mit einer anderen Person aus: Geben Sie ihr einen Strick in die Hand und versuchen Sie so mit ihr zu arbeiten, wie Sie das sonst mit Ihrem Pferd tun. Folgt die Person Ihnen weich oder hakt es zwischendurch? Wie fühlt sich die Verbindung für die andere Person an? Üben Sie, in der Bewegung einen weichen, stetigen Kontakt zu halten. Je besser Sie werden, desto wohler wird sich auch Ihr Pferd an Ihrer Hand fühlen.

Viele Pferde seien unzufrieden, wenn sie sich nicht in ihrem eigenen Tempo bewegen können, ergänzt Anna Eichinger. Bremst der Mensch mit der Hand oder bewegt er sich permanent zu langsam, fängt das Tier womöglich an, den Menschen vor sich her zu schieben und zu treiben. Pferde, die dann schnappen, wollen sagen: Mach Platz da! Tipp: Auch wenn Sie beim normalen Führen das Tempo vorgeben, sollten Sie bei der gymnastizierenden Handarbeit ein Grundtempo wählen, das dem Pferd entspricht.

Tipp 2: Die Individualdistanz des Pferds respektieren

  • Fühlt mein Pferd sich unwohl, wenn ich es am Kopf anfasse?
  • Entspannt mein Pferd, wenn ich den Abstand zu ihm vergrößere?

Viele Pferde mögen es nicht, wenn wir uns nah an ihrem Kopf bewegen. Warum sollten wir ihnen nicht auch das Recht auf einen Individualabstand zugestehen? Selbstverständlich lässt sich "Nahkontakt" im Umgang nicht vermeiden. "Aber Sie helfen Ihrem Pferd, wenn Sie es dann nicht überfallen, sondern sich bewusst annähern", rät Rebekka Pertenbreiter.

Schnappende Pferde
Lisa Rädlein
Vor allem männliche Pferde neigen zum Schnappen – auch bei Artgenossen. Das kann durchaus freundlich sein.

Bei der Handarbeit oder beim Führen ist der Mensch zwangsläufig nah am Pferdekopf. Wie viel Distanz ein Pferd braucht, ist individuell und tagesformabhängig. Beobachten Sie das Verhalten in der Gruppe: Manche Pferde halten generell Abstand zu den anderen, andere nur dann, wenn es ihnen schlecht geht. Und manchmal sind wir Menschen selbst so gestresst, dass unsere Nähe für das Pferd schwer zu ertragen ist.

Oft entspannt sich ein Schnappi daher deutlich, wenn Sie ihm zunächst erlauben, mehr Abstand zu Ihnen einzuhalten. "Vieles lässt sich mit etwas Übung auch aus größerer Distanz erarbeiten", so Anna Eichinger. Nach und nach können Sie den Abstand verringern und sich langsam wieder an mehr Nähe herantasten. Beginnen Sie mit kurzen Momenten und steigern Sie die Dauer. Grundsätzlich gilt für alle Pferde: Regelmäßig Pausen einbauen, um komplett herunterzufahren. Ganz wichtig: Das gilt auch für den Menschen!

Tipp 3: Mit dem Kopf im Hier und Jetzt sein

  • Kommen Sie gestresst von der Arbeit?
  • Schaut Ihnen im Umgang mit dem Pferd jemand zu?
  • Schweifen Ihre Gedanken vom Hier und Jetzt mit Ihrem Pferd ab?

Wir kennen das: Nach einem langen Arbeitstag gestresst nach Hause kommen, umziehen und ab in den Stall. Wenn Sie diese miese Laune bis zu Ihrem Pferd tragen, wird es kaum erfreut sein. Sensible Pferde spiegeln die schlechte Stimmung prompt – und manche werden zu Schnappis. Rebekka Pertenbreiter beobachtet, dass Pferde häufig schnappen, wenn der Mensch nicht präsent oder nicht authentisch ist.

Wer etwa an die Einkaufsliste denkt oder sich bei der Arbeit mit dem Pferd von Zuschauern an der Bande beobachtet fühlt, bekommt schon mal von seinem Tier einen zahnbewehrten Dämpfer verpasst. "Pferde brauchen unsere volle Aufmerksamkeit, um sich bei uns sicher zu fühlen. Das Schnappen ist dann eine Aufforderung, uns wieder zu fokussieren", so die Trainerin.

Tipp 4: Den eigenen Raum einnehmen

  • Kommt mir mein Pferd im Umgang oft zu nah?
  • Wie viel Aktivität muss ich aufwenden, um meinen Raum zu verteidigen?

Wenn wir uns bedrängt fühlen, neigen wir dazu, uns aktiv gegen das Pferd zu wenden, anstatt passiv einfach unseren eigenen Raum zu füllen. Auf welche Weise wir unseren Raum beanspruchen, hängt von unserem Typ ab: Der maskuline Typ verteidigt seine Grenze (und erzeugt eventuell Gegendruck), der weibliche Typ lässt mehr Nähe zu (und überlässt damit unbewusst dem Pferd das Sagen).

Rebekka Pertenbreiter verrät drei einfache, aber sehr effektive Tipps und Übungen für mehr Kontrolle über den eigenen Raum:

1. Die erste Maßnahme bei Pferden, die an der Hand sehr übergriffig werden: Nehmen Sie eine Gerte beim Führen zwischen sich und das Pferd. Das reicht oft schon, um den Schnappi auf Abstand zu halten. Ist Ihr Pferd davon nicht beeindruckt, nutzen Sie das Ende Ihres Führstricks (idealerweise ein langes Bodenarbeitsseil). Wenn Sie Ihren Schnappi rechts von sich mit Ihrer rechten Hand führen, schwingen Sie das Seilende mit der linken Hand über Ihre rechte Schulter. So schützen Sie Ihren Raum, ohne sich mit Ihrem Pferd in einen Konflikt zu begeben.

2. Füllen Sie Ihren Raum um sich herum gedanklich mit einer flüssigen Substanz. Das innere Bild wäre: Sie befinden sich in einem Strudel, der sich in einer Drehbewegung um Sie herumbewegt. So füllen Sie Ihren imaginären Raum mit gedanklicher Energie, ohne sie gegen Ihr Pferd zu richten.

3. Ihr Pferd bewegt sich frei in der Halle oder auf dem Platz. Die Übungsaufgabe: Sie möchten genau an dem Platz stehen, wo sich Ihr Pferd befindet. Dass, was Sie dort möchten, hat nichts mit ihm zu tun. Stellen Sie sich vor, da wächst das beste Gras und deshalb wollen Sie dorthin. Gehen Sie los und nehmen Sie dabei Stück für Stück den Raum vor sich ein. Am Anfang benötigen Sie eine Gerte oder Peitsche als Hilfsmittel, um einen Ihrer Arme zu verlängern.

Nutzen Sie anfangs den verlängerten Arm, damit Sie vor sich einen Halbkreis beschreiben können. Je mehr Energie Sie dabei entwickeln, desto weniger Aktivität brauchen Sie, damit Ihr Pferd seinen Platz für Sie verlässt. Wichtig: Sie gehen dem Pferd nicht hinterher. Das Gefühl, Raum einnehmen zu können, hilft Ihnen, präsenter zu sein – wichtig im authentischen Umgang mit einem Schnappi.

Was steckt hinter dem Schnappen?

Häufig sind es männliche Pferde, die ihre Beißer blecken. Das liegt in ihren Genen. "Sie kneifen sich beim Spielen oder beknabbern eine Stute, die sie klasse finden", erklärt Pferdeverhaltensforscherin Dr. Vivian Gabor. Während Stuten ihren Raum eher hinten verteidigen, indem sie ausschlagen, agieren Hengste vorne: Sie schnappen und beißen, um Artgenossen auf Abstand zu halten.

"Zwei Pferde stehen nie im Zustand hoher Anspannung nebeneinander", so die Wissenschaftlerin. Deshalb muss sich ein Pferd an den nahen Kontakt zum Menschen gewöhnen. Befindet der Mensch dicht an seinem Kopf, löst das zunächst Unbehagen aus. Das Schnappen ist in diesem Fall ein Abwehrverhalten, um den Raum zu verteidigen. Lernt das Tier, dass der Mensch weicht, kann sich das Verhalten verstärken und etablieren. Wird es dagegen bestraft, kann sich daraus ein Kampfspiel entwickeln.

"Bei der Arbeit an der Hand wird die Situation noch schwieriger", betont Dr. Vivian Gabor. Denn wenn der Mensch etwas vom Pferd möchte, befindet er sich selbst in einer gewissen Form von Anspannung. Das Pferd muss lernen, dass der Mensch es damit nicht provozieren will.

Schnappen kann eine Übersprungshandlung sein, wenn das Pferd Stress empfindet.

Tipp: Durch das Gebiss werden Schnappis oft zusätzlich getriggert, erklärt die Verhaltensforscherin. Es kann also helfen, bei der Handarbeit aufs Gebiss zu verzichten.

Die Ausbilderinnen

Schnappende Pferde
Lisa Rädlein
Rebekka Pertenbreiter ist EFLC (Equine Facilitated Learning and Coaching)-Trainerin. Sie schult Menschen, die Pferde besser verstehen lernen möchten. www.seanara.de

Rebekka Pertenbreiter ist EFLC (Equine Facilitated Learning and Coaching)-Trainerin. Sie schult Menschen, die Pferde besser verstehen lernen möchten. www.seanara.de

Schnappende Pferde
Katharina Gerlitz
Anna Eichinger ist Ausbilderin für klassische Reitkunst. Die Arbeit an der Hand ist ein zentraler Bestandteil ihrer Pferdeausbildung. www.einfachreiten.com

Anna Eichinger ist Ausbilderin für klassische Reitkunst. Die Arbeit an der Hand ist ein zentraler Bestandteil ihrer Pferdeausbildung. www.einfachreiten.com

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