Wen Pferde wollen Lisa Rädlein

5 Übungen: So wird man ein Pferdemensch

Wen Pferde wollen Wie wird man ein Pferdemensch?

Egal ob wir lieber ins Gelände gehen, Dressur reiten oder vom Boden aus arbeiten, eines wollen wir alle: ein Pferdemensch sein, den das Pferd schätzt. Ausbilder Stefan Valentin beschreibt vier Qualitäten, die entscheidend sind.

"Das ist ein echter Pferdemensch" – diesen Satz hört man unter Reiterfreunden immer wieder, und wenn man so jemanden trifft, spürt man es meistens selbst. Man kann nachvollziehen, warum sich Pferde demjenigen gerne anschließen. So ist es auch bei Stefan Valentin. Seelenruhig und heiter wirkt er, einer der weiß, was er tut. Kein Wunder, dass er auf Pferde anziehend wirkt. Manche Reiter sind solche Naturtalente. Doch es geht auch ohne diese besondere Ausstrahlung! Ein guter Pferdemensch kann jeder werden, der vier Qualitäten entwickelt, sagt Stefan Valentin:

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Wen Pferde wollen 4 Eigenschaften: So werden Sie zum Pferdemensch
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  • bedingungslose Liebe,
  • innere Ruhe,
  • Bestimmtheit und
  • Gerechtigkeit.

Wie das gelingt, zeigt der Ausbilder mit vier ihm unbekannten Reiterinnen mitsamt deren Pferden.

Innere Ruhe finden für ein introvertiertes Pony

Gleich geht das Training mit den einzelnen Reiter-Pferd-Paaren los. Aber nein, halt! "Wir können nie trainieren, alles was wir mit dem Pferd machen, ist Beziehung leben", erklärt Stefan Valentin. Das erste Paar kennt sich schon sehr lange, fast wie ein altes Ehepaar. Seit jungen Jahren lebt Reitponystute Pandora, heute 29 Jahre alt, bei ihrer Besitzerin Cathrin Flößer. "Wir streiten eigentlich nie", meint Cathrin schmunzelnd, "aber oft muss ich mich ein bisschen zurückhalten – ich bin ein extrovertierter Mensch mit viel Energie und habe ein sehr introvertiertes, sensibles Pferd. Ich muss aufpassen, dass es ihr nicht zu viel wird." Konkrete Probleme hat das Paar nicht, nur bei Freiarbeit ohne Strick geht Pandora manchmal eigene Wege.

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Die Begrüßung ist für Stefan Valentin ein wichtiges Ritual. Cathrin Flößer streckt ihrer 29-jährigen Stute Pandora die Hand hin.

Stefan Valentin beobachtet erstmal, wie die beiden miteinander umgehen. Pandora reagiert auf feine Signale. Damit sie auch ohne Strick besser bei Cathrin bleibt, zeigt der Ausbilder den beiden eine Übung, die er "Rechts-Links" nennt. Dabei lernt das Pferd, mit dem Kopf und seiner Aufmerksamkeit immer beim Menschen zu bleiben. Cathrin und Pandora sollen sich danach gemeinsam frei über den Platz bewegen. Zunächst folgt Pandora Cathrin noch dicht, doch langsam wird der Abstand größer. Cathrin wird langsamer, will Pandora mithilfe der eben gelernten Übung zu sich zurückholen. Doch Stefan Valentin interveniert: "Geh einfach weiter, denk nicht: ,Sie darf nicht weggehen‘. Das wäre schon ein Anspannungszustand.

Denk dir: Ja, geh doch weg, geh ruhig." Es funktioniert, Pandora schließt wieder auf. Und wenn sie doch mal ganz "verloren" geht?

Das Pferd kann selbst entscheiden, was es tut

Stefan Valentin zeigt es. Als er sich mit der Stute frei über den Platz bewegt und sie sich von ihm weit entfernt, geht er hinter ihr her, visiert aus der Entfernung ihre Hinterhand auf einer Seite an, deutet an, darauf zuzugehen. Zuvor hat Pandora bei der "Rechts-Links"-Übung gelernt: Wenn der Mensch auf meine Seite zugeht, kann ich ihn stoppen, indem ich ihm meinen Kopf zuwende. "Daran erinnere ich sie jetzt", so Valentin. "Sie kann von mir weggehen, aber indem ich sie jetzt etwas treibe, zeige ich ihr: Du kannst das machen, aber es bringt dir nichts."

Pandora versteht nach einer Weile, probiert das Gelernte aus. Sie dreht sich zu Valentin um, kommt zu ihm. "Jetzt mache ich mit ihr zusammen eine Pause, denn das war die Reaktion, die ich mir gewünscht habe." Einfach nur dastehen, nichts tun, keine Leistung, aber auch kein Streicheln – einfach Ruhe. "Streicheln wäre viel zu viel Bewegung, zu viel Aktion. Einfach atmen und im Kopf nochmal die vier Qualitäten durchgehen." In der gemeinsamen Pause zum Abschluss, nachdem Pandora sich Cathrin noch einmal angeschlossen hat, genießt die Stute dieses ruhige Beisammensein sichtlich. Innere Ruhe ist eben einfach unwiderstehlich. An welcher Qualität Stefan Valentin wohl mit der nächsten Reiterin arbeiten wird? Janina Hilbigs Hengst Tango arbeitet normalerweise gut mit. Nur ein Problem liegt Janina auf dem Herzen: "Wenn man ihn an anderen Pferden vorbeiführt, ist er oft aggressiv, giftet zu ihnen herüber und regt sich auf."

Übung 1: Erst-Begegnung

"Wenn sich zwei Pferde begegnen, gibt es ein typisches Begrüßungsritual, das sicher jeder Reiter schon mal beobachtet hat: Riechen, schnuppern, schubsen, quietschen", so schildert es Stefan Valentin. In oft etwas abgeschwächter Form findet dieses Ritual bei jedem erneuten Aufeinandertreffen der Pferde statt. "Es geht dabei um die Frage: wer bewegt wen, damit sich die Pferde jederzeit synchron und im Fluss miteinander bewegen können. Auch zur Sicherheit der Herde, etwa bei Flucht." Begrüßen Sie Ihr Pferd, können Sie dieses Ritual nachahmen. Atmen Sie zunächst tief durch, gehen Sie innerlich ruhig und mit einer liebevollen Grundeinstellung auf Ihr Pferd zu. Strecken Sie ihm Ihren Handrücken hin; das Pferd soll ihn beschnuppern oder mit der Nase berühren. Nun können Sie mit einer langsamen Handbewegung oder einer Bewegung Ihres Kopfs im Zeitlupentempo auf den Pferdekopf zu testen, ob das Pferd Ihnen ausweicht, den Kopf leicht zur Seite bewegt. Ignoriert Ihr Pferd Ihre hingestreckte Hand oder drückt im zweiten Schritt gegen Sie, konzentrieren Sie sich auf seine Bauchseite, knapp vor der Flanke. Hier würde ein anderes Pferd bei der ersten Begegnung ebenfalls oft schnuppern oder auch zwicken, wenn das Gegenüber nicht ausweicht. Schauen Sie auf diesen Punkt, gehen dann darauf zu, bewegen Ihre Hand in diese Richtung. Kommt immer noch keine Reaktion, geben Sie dem Pferd einen Klaps. Dreht es Ihnen daraufhin den Kopf zu, lassen Sie es wie oben beschrieben an Ihrer Hand schnuppern und leicht mit dem Kopf weichen. Begrüßen Sie Ihr Pferd jedes Mal so, wenn Sie es aus dem Stall oder von der Koppel holen.

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Die Begrüßung ist für Stefan Valentin ein wichtiges Ritual. Cathrin Flößer streckt ihrer 29-jährigen Stute Pandora die Hand hin.

Übung 2: Pause

"Die angenehmste Belohnung für ein Pferd ist eine Pause, in der wir keine Ansprüche an es stellen und es ganz in Ruhe mit uns zusammen sein lassen", ist Stefan Valentin überzeugt. Bauen Sie solche Pausen nach jeder richtigen Reaktion des Pferds ein. Je größer die Anforderung an das Pferd war, desto länger ist die Pause. "Sehen Sie Ihr Pferd dabei nicht an, sprechen Sie nicht, berühren Sie es nicht", erklärt Stefan Valentin. "Streicheln ist oft eher ein Bedürfnis des Menschen, und die Stimme nutzen Pferde selbst nur, wenn sie in einem wie auch immer gearteten Erregungszustand sind." Das Pferd darf in der Pause umherschauen, sogar fressen, wenn Sie auf einer Wiese stehen. "Ich zupfe als Signal dafür oft selbst etwas Gras mit der Hand ab", so Valentin. Sie selbst nutzen die Pause, um die vier Qualitäten im Kopf nochmal durchzugehen und sich zu fragen: Betrachte ich mein Pferd mit liebevollen Augen? Bin ich innerlich ruhig? War ich gerecht? Weiß ich, was ich tue? Scannen Sie auch Ihren Körper nach Anspannungen ab und lassen Sie bewusst los, und wenn nur die Zunge lockerer im Mund liegen könnte.

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Übung 2: Pause

1. Qualität: Innere Ruhe

Für Pferde ist es existenziell wichtig, kleinste Anspannungen anderer sofort zu registrieren, um vor Gefahren schnell fliehen zu können. Nur wenn wir innerlich ruhig sind, können wir ihnen daher Sicherheit bieten. Pferde fühlen sich in Ruhe wohl – bieten wir ihnen eine ruhige Stimmung an, nehmen allen Leistungsdruck heraus, sind sie gerne bei uns. Der Schlüsselsatz für mehr innere Ruhe ist: "Es gibt nichts zu tun." Versuchen Sie auch Sorgen auszublenden, wenn Sie mit Ihrem Pferd zusammen sind. "Sorge gut für dein Pferd, aber mache dir keine Sorgen", drückt Stefan Valentin es aus. "Denn Pferde spüren bei Grübeleien sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist." Versuchen Sie, die Zeit beim Pferd von Zeitdruck freizuhalten, atmen Sie ruhig und checken Ihren Körper auf Anspannung.

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Strahlt der Mensch innere Ruhe aus und lässt Bedenken los, folgt das Pferd ihm gerne.

Mehr Bestimmtheit für die Junghengst-Besitzerin

Stefan Valentin begleitet Janina erstmal zu Tangos Box. Die geht langsam auf Tango zu, streichelt ihn an der Nase. "Das würde ich nicht machen", unterbricht Valentin ruhig. "Denn genau so nähert sich ein rangniedrigeres Pferd normalerweise, zögerlich und fragend. Eigentlich sollte aber er dir seine Aufmerksamkeit von sich aus widmen, wenn du die Box betrittst."

Als Valentin selbst nun in die Box geht, passiert genau das nicht: Tango ignoriert ihn. "Da er mich nicht beachtet, eröffne ich jetzt das Gespräch – und zwar so, wie es auch ein anderes Pferd machen würde." Pferde beschnuppern sich häufig erstmal am Bauch und loten dann aus, wer von beiden wen bewegt, wer dem anderen Platz machen muss. Valentin geht auf Tangos Flanke zu, berührt ihn am Bauch mit der Hand. Keine Reaktion. Es folgt ein festerer Klaps.

Endlich: Tango weicht mit der Hinterhand aus, wendet sich Valentin zu. "Indem du schon bei der Begrüßung seine Aufmerksamkeit verlangst, kannst du am Respekt arbeiten", erklärt Valentin. "Denn jeder Blick von dir ist schon eine Nachricht ans Pferd, und um die wahrzunehmen, muss er bei dir sein."

Eine Frage der Hierarchie

Anschließend demonstriert Janina Stefan Valentin das Problem und passiert mit Tango andere Pferde auf dem Paddock. Heute ist der Hengst verhältnismäßig gelassen. Stefan Valentin erhöht darum den Schwierigkeitsgrad, führt Tango an einem anderen Hengst auf der Weide vorbei.

Als Tango sich aufregt, holt Valentin sich sofort seine Aufmerksamkeit, wiederholt die Übung aus der Box – wenn nötig mit ordentlich Energie: Er macht energisch einen Satz auf Tango zu, damit er ihm weicht, ihm wieder seinen Kopf zudreht. "Wenn er auf kleine Anfragen nicht reagiert, muss die Steigerung prompt kommen. Das nicht zu machen, wäre bei ihm ein fataler Fehler, gerade wenn er durch die Hormone so abgelenkt ist", erklärt Valentin. Reagiert Tango und konzentriert sich auf ihn, macht Valentin sofort Pause, bückt sich zum Gras am Wegrand, rupft ein paar Halme ab. "Das ist für ihn das Signal, dass er jetzt auch fressen, sich entspannen darf."

Besitzerin Janina ist erstaunt, dass Tango angesichts der herausfordernden Situation mit dem anderen Hengst so gelassen geblieben ist. "Das ist die Hierarchie. Je mehr du die Entscheiderrolle einnimmst, desto ruhiger kann er werden", erklärt Stefan Valentin.

Nun geht es auf den Platz, damit Janina unter Stefan Valentins Anleitung an ihrer Bestimmtheit arbeiten kann. Los geht es mit der Rechts-Links-Übung, die auch schon bei Pandora und Cathrin zum Einsatz kam. Janina soll in einem leichten Bogen auf die Seite von Tango zugehen, die sie im Moment besser sehen kann, so dass er ihr mit der Hinterhand ausweicht. Sobald er dabei mit seinem Kopf vor Janina kommt, ihr sozusagen den Weg abschneidet, stoppt sie und macht eine Pause.

"Was wir dem Pferd hier nahebringen ist: Ich will an deinen Hintern, aber du kannst mich daran hindern", meint Stefan Valentin schmunzelnd. Das Pferd bekommt die Möglichkeit mitzuspielen, Entscheidungen zu treffen. "Das ist ganz wichtig für alles weitere, denn nur so hat das Pferd auch ein echtes Interesse daran, mit euch zu spielen – wenn es punkten kann. Oder hättest du Lust auf ein Fußballspiel Männer gegen Frauen, bei dem nur die Männer Tore schießen dürfen?", fragt der Ausbilder Janina. Wohl kaum. Also, Hengst Tango darf mitspielen.

Zwanghafte Konsequenz raubt die innere Ruhe

Das tut er mit großer Aufmerksamkeit, weicht Janina aus, bringt seinen Kopf vor sie. Janina ist konzentriert und ruhig, steigert ihre Energie rasch, wenn Tango doch mal nicht reagiert. Der Hengst schnuppert viel am Boden, hat alles im Blick. In den Pausen schaut er herum, spitzt die Ohren, horcht zur Weide nebenan. Das ist in Ordnung: "Der ist nicht völlig weg, Pferde sind Multitasking-fähig. Wir denken immer, dass sie uns die ganze Zeit anstarren müssen. Das stimmt nicht – wenn immer wieder ein Ohr zu dir kommt, er auf dich reagiert, reicht das völlig."

Bestimmtheit ja, aber nicht zwanghaft, das ist Stefan Valentin wichtig. "Wer immer daran denkt, dass er konsequent sein muss, verliert seine innere Ruhe, kommt in Stress", beobachtet Valentin. Das Pferd soll nicht stur Anweisungen befolgen, sondern mit dem Menschen in Kommunikation sein, sich immer wieder neu auf ihn einstellen", sagt Valentin. Darum ändert er ein Programm schon wieder, sobald das Pferd es kennt, belegt Signale mit neuen Bedeutungen.

Wie leicht das funktioniert, zeigt er mit Tango. Innerhalb kürzester Zeit geht der mühelos neben Valentin seitwärts und bewegt sich dabei mal auf die tippende Gerte zu, mal von ihr weg. "Was ich in dem Moment möchte, sagt ihm meine Körpersprache." Ob das nicht verwirrend fürs Pferd sei, fragt Janina. "Nein, ich bin einfach nur dauernd im Gespräch mit ihm. Und darum geht es bei jeder Übung: die Beziehung zu vertiefen."

Übung 3: Rechts-Links

Diese Übung ist ganz grundlegend, um mit dem Pferd eine gemeinsame Körpersprache zu entwickeln. Sie beinhaltet zwei Gedanken: Das Pferd bekommt bei dieser Übung die Möglichkeit mitzuspielen, "es kann punkten und selbst entscheiden", erklärt Stefan Valentin. Und Sie erreichen, dass das Pferd Ihnen stets seinen Kopf, und damit seine Aufmerksamkeit zuwendet. Das geht so: Sie stehen im Idealfall vor dem Pferd (später können Sie aus jeder Position beginnen).

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Übung 3: Ein guter Pferdemensch fordert keinen stumpfen Gehorsam. Er ist mit dem Pferd im Gespräch, es entscheidet mit.

Stellen Sie sich das Pferd als Zeiger einer Uhr vor, der gerade auf 12 Uhr steht. Es soll sich nun mit der Vorhand auf neun oder drei Uhr bewegen. Gehen Sie dazu auf die Hinterhand des Pferds zu, und zwar auf der Seite, die Sie von Ihrer Position aus gerade besser sehen können. Bleiben Sie im Körper gerade, gehen einen leichten Bogen auf das Pferd zu und richten den Blick auf die Hinterhand. Das Pferd weicht Ihnen. Irgendwann wird es dadurch mit seinem Kopf vor Sie kommen, Ihnen sozusagen den Weg "abschneiden". Sobald das Pferd mit seinem Kopf vor Ihnen ist, stoppen Sie und machen gemeinsam Pause. "Das Pferd lernt: Sie wollen an seine Hinterhand, doch es selbst kann Sie daran hindern. Es ist eine Art Spiel, mit dem Sie zugleich jederzeit den Kopf und damit die Aufmerksamkeit des Pferds zu sich holen können", erklärt Stefan Valentin.

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Übung 3: Ein guter Pferdemensch fordert keinen stumpfen Gehorsam. Er ist mit dem Pferd im Gespräch, es entscheidet mit.

2. Qualität: Bestimmtheit

Bestimmtheit bedeutet, dass der Mensch einen roten Faden hat, wenn er mit dem Pferd umgeht. Wer aus seiner eigenen Mitte heraus souverän handelt, bringt von ganz allein Bestimmtheit mit. "In der Bestimmtheit liegt auch eine gewisse Dominanz", erklärt Stefan Valentin. "Wenn Sie kein gutes Gefühl dabei haben, sich über Ihr Pferd zu stellen, hilft vielleicht folgender Gedanke: Die Leittiere in der Herde sind eigentlich die größten Diener aller. Sie begeben sich in Gefahr, verteidigen die Herde, wenn nötig, und tragen die Verantwortung für sie", so Stefan Valentin. Auch das Bild eines Kindes kann helfen. "Denken Sie daran, wie Sie einen Zweijährigen an die Hand nehmen und ihm die Welt zeigen würden – ich möchte einem Pferd gegenüber sein wie ein liebevoller Opa, der es an die Hand nimmt", erzählt Stefan Valentin. Und wie strahlen Sie diese ruhige Souveränität aus? Überlegen Sie sich etwa einen Plan, was Sie heute mit Ihrem Pferd tun wollen – dann fahren Sie erst in den Stall.

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Stefan Valentin erklärt Janina Hilbig, wie sie ihre Signale beim Longieren schrittweise steigert.

Herausforderungen für die gelassene Quartermix-Stute

Ein guter Weg dafür ist Gelassenheitstraining. "Bei Problemen zeigt sich immer, wie gut eine Beziehung ist, und wenn man sie gemeinsam meistert, vertieft das das Vertrauen", so Valentin. Für Ann-Kathrin Schofer und ihre 15-jährige Quartermix-Stute Lanaja hat der Ausbilder darum etwas mitgebracht: eine große Plane und Knallfolie.

Stefan Valentin geht an neue Objekte mit dem Pferd anders heran als viele andere Trainer, die das Pferd schnuppern und erkunden lassen. "Ich weiß, die Verhaltensforschung legt das nahe, aber ich möchte, dass das Pferd zum Beispiel die Plane betritt, weil ich es auch tue. Hier möchte ich wie ein liebevoller Opa sein, der das Pferd an die Hand nimmt, dem es blind vertraut."

Und wie geht das in der Praxis? Indem man sich Schritt für Schritt vortastet, das Pferd mit Signalen auf das Hindernis begleitet. Ann-Kathrin soll sich vor ihre Stute stellen und sie durch Antippen mit der Gerte und einem Blick auf die Schulter Schritt für Schritt vortreten lassen (siehe Übung 4). Jeder Schritt wird mit einer Pause belohnt.

Ann-Kathrin kann sich dabei kaum zurückhalten, Lanaja zu kraulen: "Jetzt hat es mich schon wieder in den Fingern gejuckt." Kein Wunder, so gut wie die Stute mitmacht. "Gerade muss ich nur noch hinschauen, und sie tritt schon vor", ist Ann-Kathrin überrascht. Eine feine Sprache eben – genau das wünscht sich Stefan Valentin für die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd.

Weil die Stute von der Plane am Boden relativ unbeeindruckt ist, ist der nächste Schritt, unter einem aufgehängten Planen-Dach hindurchzugehen. "Wichtig ist, dass wir vom Pferd nie mehr verlangen, als es leisten kann – das ist Gerechtigkeit in seinem Sinne", erklärt er. Der Mensch soll dabei Sicherheit geben. "Es geht darum, dass sie deiner Bewegung folgt, auch bei Ablenkung." Ann-Kathrin muss dazu ruhig und bestimmt bleiben, trotz Herausforderung. Das gelingt ihr so gut, dass sie mit Lanaja zum Abschluss sogar unter dem Planen-Dach hindurchreiten kann. Die schnaubt zufrieden ab und fühlt sich sichtlich gut aufgehoben.

Bestimmt agieren ist beim Frechdachs-Pony wichtig

Ein ganz anderes Temperament als die ruhige Lanaja hat der vierjährige Moe. Der Welshpony-Wallach von Madeleine Geltz ist sehr verspielt und testet in der Herde immer wieder die Rangfolge – auch wenn er dafür öfter mal einstecken muss. Während Stefan Valentin Madeleine die Grundlagen seiner Herangehensweise erklärt, fallen Moe schon Flausen ein: Er fängt an zu scharren. Dass Madeleine mit dem Strick wedelt, beeindruckt ihn nicht. Da greift Stefan Valentin plötzlich ein und gibt Moe einen Klaps auf

die Wange. "Das Strickwedeln war für ihn kein ausreichendes Signal, um aufzuhören. Wenn er dreimal nicht reagiert, muss eine Verstärkung kommen", sagt er. Immer wieder will Moe Kontakt zu seiner Besitzerin aufnehmen, berührt sie mit der Nase. "Das darf er, aber wenn er dich wegdrückt, drückst du dagegen", erklärt Valentin (siehe auch Erstkontakt, Übung 1). Rasch und bestimmt zu reagieren, Moe auch mal mit mehr Energie wegzuschicken, ist für Madeleine erstmal ungewohnt. Doch die Bestimmtheit wirkt: Moe hält nach kurzer Zeit mehr Abstand, kommt ihr beim Führen nicht mehr zu nahe. Aus dem Führen soll Madeleine nun das Longieren entwickeln, Moe weiter nach außen schicken (siehe Übung 5). Madeleine soll dabei darauf achten, innerlich ruhig zu bleiben und körperliche Anspannungen, wie hochgezogene Schultern, immer wieder bewusst lockern.

Am Schluss folgt Moe Madeleine ohne Strick über den Platz. Damit Madeleine bestimmt voran geht, hilft Stefan Valentin anfangs etwas und gibt ihr Richtungsanweisungen. "Merkst du es, der hört dir jetzt gut zu." Madeleine wählt nun selbst die Wege, biegt auf eine enge Wendung ab. Selbst da bleibt Moe hinter ihr, wie an einem unsichtbaren Band. "Schau mal, wie krumm er sich für dich macht", sagt Stefan Valentin. Madeleine strahlt. Sie hat es für den Moment geschafft, der Mensch zu sein, dem sich ihr Pferd gerne anschließt.

Übung 4: Vortreten lassen

Mit dieser Technik können Sie Ihr Pferd gut an neue Dinge heranführen, wenn es Ihnen noch nicht folgen möchte. Sie stehen leicht seitlich versetzt vor dem Pferd und halten den Strick nur mit zwei Fingern. "So kommen Sie nicht ins Ziehen, wir brauchen den Strick gar nicht für Impulse", so Valentin. Das Signal zum Vortreten geben Sie, indem Sie das Pferd an der Schulter mit einer Gerte leicht antippen. Tritt es einen Schritt vor, bleiben Sie stehen.

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Übung 4: Vortreten lassen - Das Pferd souverän begleiten: Valentin lotst Stute Lanaja durch Antippen an der Schulter schrittweise über eine Plane.

Blocken Sie es, wenn nötig, erst mal mit ausgestreckter Hand etwas ab, wenn es weiter vortreten möchte. Geben Sie dem Pferd nach der richtigen Reaktion eine Pause. Hat das Pferd verstanden, reicht es oft, auf die Stelle an der Schulter zu schauen; Sie brauchen Ihr Pferd dann gar nicht mehr anzutippen.

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Übung 4: Vortreten lassen - Die Reiterin gibt vom Sattel aus Sicherheit.

3. Qualität: Gerechtigkeit

Dem Pferd gegenüber gerecht zu sein, bedeutet, angemessen zu reagieren. "Unterstellen Sie nie Widersetzlichkeit, sondern gehen Sie erstmal davon aus, dass das Pferd Ihre Kommunikation nicht verstanden hat", rät Stefan Valentin. Steigern Sie Ihre Signale schrittweise. "Was die Hilfengebung angeht, fangen wir auf einer Intensitätsskala von 0 bis 100 fürs Pferd oft direkt bei 90 an", beobachtet Stefan Valentin. "Wir benehmen uns wie die Axt im Wald." Pferde bringen unglaublich feine Antennen mit, reagieren schon auf Blicke – nutzen Sie diese feine Wahrnehmung. Anderseits kann manchmal auch eine heftigere Reaktion angemessen sein. "Denken Sie an ein Kind, das Sie heftig am Arm ziehen, damit es nicht über die Straße rennt – diese Reaktion ist angemessen, weil sie den inneren Wünschen des Kinds entspricht, nämlich weiterzuleben", so Stefan Valentin. "Für Pferde ist es normal, auch mal weggeschickt oder abgemahnt zu werden, das geschieht auch in der Herde", so Valentin. "Wichtig ist, dass Ihre Reaktion der Situation angemessen ist."

Übung 5: Führen und Longieren

Beim Führen soll das Pferd neben Ihnen hergehen. Es darf Sie mit einer gedachten Linie, die senkrecht durch seine Schulter und seine Vorderbeine läuft, nicht überholen. "Sonst sind Sie abgemeldet und haben keinen Einfluss mehr." Die richtige Position einzunehmen, ist die Aufgabe des Pferds.

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Übung 5: Führen und Longieren - Beim Führen muss Madeleine Moe bestimmter auffordern, Abstand zu halten.

Sie arbeiten daran nicht ständig, sondern machen es dem Pferd nur unangenehm, wenn es etwa überholt – zum Beispiel durch Wedeln mit dem Strick oder einem Klaps mit der Gerte auf die Brust. Das Longieren entwickeln Sie aus dem Führen. Gehen Sie weiter nebeneinander, aber schieben das Pferd langsam mit Ihrer äußeren Hand durch Berührung oder Zeigen auf den Widerrist nach außen. Zum Verstärken können Sie den Arm höher heben, bewegen oder eine Gerte als Armverlängerung nutzen.

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Übung 5: Führen und Longieren - Aus dem Führen entsteht das Longieren, wie Stefan Valentin zeigt.

Diese können Sie auch auf den Widerrist auflegen, um das Pferd nach außen zu schicken. Ist das Pferd weit genug von Ihnen entfernt, werden Sie langsamer oder schicken es leicht vor, dass Sie hinter die Schulterlinie und in eine treibende Position kommen.

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Übung 5: Führen und Longieren - Zwei Finger in der Gertenhand abzuspreizen reicht als Signal für mehr Tempo.

4. Qualität: Bedingungslose Liebe

Die bedingungslose Liebe ist der Grundstein für die Beziehung zum Pferd. Auf ihr bauen die drei weiteren Qualitäten auf, die einen guten Pferdemenschen ausmachen. "Bedingungslos lieben klingt vielleicht erstmal esoterisch, ist es aber nicht", sagt Stefan Valentin. "Es heißt für mich: Wenn ich mit einem Pferd zusammen bin, ist es für mich in diesem Moment immer das einzige und das schönste Pferd." Wer bedingungslos liebt, kann nicht enttäuscht werden; egal, was das Pferd tut. Aus der bedingungslosen Liebe heraus betrachtet der Pferdemensch sein Tier in jeder Situation mit liebe- und verständnisvollen Augen. "Bin ich enttäuscht von meinem Pferd, waren meine eigenen Erwartungen falsch", so Stefan Valentin. "Zur bedingungslosen Liebe gehört auch immer wieder bereit zu sein, sich selbst zu verändern und zu hinterfragen."

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Bestimmt und souverän vorangehen. Gelingt das, folgt Moe durch enge Kurven.
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