CAVALLO Geschlechter Lisa Rädlein

Bestimmt das Geschlecht den Charakter von Pferden?

Geschlecht und Charakter Zicke, Macho, Gentleman?

Welche Vorurteile haben Reiter über den Charakter von Stute, Hengst und Wallach? Und welche Unterschiede gibt es wirklich? Zwei aktuelle Studien liefern Erkenntnisse.

Zickig, emotional und an bestimmten Tagen ganz übler Laune – Vorurteile über Stuten gibt es so viele wie über Frauen. Kein Wunder: Stereotype über Frauen (und Männer) sind in unserer Gesellschaft tief verwurzelt und könnten Forschern zufolge auch auf Tiere übertragen werden.

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Charakter-Unterschiede Stute, Hengst, Wallach - Zicke, Macho, Gentleman?
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Dass Reiter vom Geschlecht eines Pferds auf dessen Charakter schließen, zeigt eine Befragung von rund 1.200 Reitern und Reiterinnen – 94 Prozent waren Frauen, die meisten mit langjähriger Reiterfahrung ("It’s all about sex, or is it? Humans, horses and temperament", Team um Kate Fenner/Universität Sydney, 2019).

Wallache sehen Reiter offenbar rundum positiv

Die Forscher wollten herausfinden, welche Eigenschaften die Reiter mit den Geschlechtern verbinden. Dazu fragten sie, welcher von jeweils zwei gegensätzlichen Begriffen die meisten Stuten, Wallache und Hengste nach Meinung des Befragten am besten beschreibt.

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Charakteristisch: Wallache nehmen gerne Dinge zwischen die Zähne.

Unruhig oder ruhig, zuverlässig oder unzuverlässig? Vorhersehbar oder unvorhersehbar, schwierig oder einfach, gut trainierbar oder nicht? Unwillig oder willig, gutes Verhalten oder schlechtes Verhalten, dominant oder unkompliziert, sicher oder gefährlich? Wallache sehen die Reiter demnach als echte Schätzchen: Bei allen neun Gegensatzpaaren kreuzten die meisten Befragten den positiven Begriff an.

Bei den Stuten war das Verhältnis zwischen positiven und negativen Eigenschaften dagegen fast ausgeglichen. Sie gelten als zuverlässig und sicher, aber auch als dominant; die Reiter verbanden mit ihnen außerdem schlechtes Verhalten. Auch bei Hengsten war das Ergebnis eher durchwachsen: Die Befragten fanden sie schwierig, dominant und gefährlich, aber auch gut trainierbar und willig.

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Stuten lassen sich einer aktuellen Studie zufolge etwas weniger leicht einfangen als Wallache.

Das Klischee: Frau passt zu Stute, Mann zum Hengst

Bestimmte Vorannahmen über Geschlechter zeigten sich auch, als die Probanden imaginären Reitern ein Pferd zum Reiten zuteilen sollten: einem Mann, einer Frau, einem Mädchen und einem Jungen. Zur Auswahl standen Hengst, Stute und Wallach, eine Person ging also leer aus.

Das Ergebnis: Dem Mann wurde der Hengst am häufigsten zugeordnet, gefolgt von der Frau. Die Frau setzten die Befragten doppelt so oft auf die Stute wie den Mann und das Mädchen doppelt so oft wie den Jungen. Grund könnte laut den Foschern die Annahme sein, dass Frauen besser mit Stuten umgehen können. Warum?

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Hengste gelten unter befragten Reitern als dominant, aber willig.

Frauen werden in weltweiten Umfragen regelmäßig Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen, Uneigennützigkeit und Geduld zugeschrieben. Perfekte Voraussetzungen, um mit einer zickigen, pardon: sensiblen Stute klarzukommmen.

Auch bestimmte Disziplinen verbinden Reiter mit Pferde-Geschlechtern. Hengste und Wallache sahen die Befragten eher auf einem Dressurturnier als Stuten. Auch mit Springturnieren verbanden sie eher männliche Pferde, hier war der Wallach an der Spitze. Und wenn sie für sich selbst ein Pferd für einen Wanderritt wählen müssten, würden sich die allermeisten einem Wallach anvertrauen.

Reiter haben also von Stuten, Wallachen und Hengsten ein unterschiedliches Bild. Doch gibt es wirklich so große Unterschiede im Verhalten wie angenommen?

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Hengst

Zu den Auswirkungen des Geschlechts auf Training und Charakter von Pferden gibt es noch wenige Studien. Und die stellen meist keinen Unterschied in Bezug auf Lernfähigkeit oder Trainingsresultate bei Stuten, Wallachen und Hengsten fest.

Studie: Nur wenige Unterschiede im Verhalten

Um mehr über Geschlechter-Unterschiede zu erfahren, werteten Forscher nun Antworten von 1 233 Pferdebesitzern zum Verhalten ihrer Pferde aus ("Reported Behavioural Differences between Geldings and Mares Challenge Sex-Driven Stereotypes in Ridden Equine Behaviour, 2020).

Einige Mitglieder des australisch-neuseeländischen Wissenschaftler-Teams waren auch an der eingangs beschriebenen Befragung zu Geschlechter-Vorurteilen beteiligt. Wichtig bei der Anschluss-Studie: Die Reiter kannten das Ziel der Forscher beim Ausfüllen nicht – so war ausgeschlossen, dass Vorurteile sie beeinflussten.

Die Forscher werteten die Antworten zu 151 Fragen aus, die sich auf potenziell problematisches Verhalten bezogen – etwa beim Reiten, Satteln, Führen oder Einfangen. Hengste waren aufgrund der geringen Anzahl von der Analyse ausgeschlossen.

Nur in drei Punkten stellten die Wissenschaftler zwischen Wallachen und Stuten wesentliche Unterschiede fest: Wallache kauen mit einer 20 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit auf dem Strick, wenn sie angebunden sind, und mit 12 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit auf Decken herum.

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Wallach

Bei Stuten dagegen ist die Wahrscheinlichkeit um zehn Prozent höher, dass sie sich beim Einfangen auf dem Paddock vom Menschen wegbewegen. Alle drei Verhaltensweisen könnten mit dem Verhalten in freier Wildbahn zusammenhängen: Stutenherden werden laut den Forschern vom Hengst zusammengehalten, weshalb Stuten sensibler auf (scheinbar) treibende Reize reagieren könnten. Verhaltens-Studien zeigen, dass Hengst-Fohlen sich im Spiel öfter beißen – damit könnte zusammenhängen, dass Wallache gerne Dinge zwischen die Zähne nehmen.

Aber auch Vorurteile könnten Einfluss haben, so die Forscher. So könnten etwa Annahmen über ihr angeblich schlechtes oder dominantes Verhalten dazu führen, dass Stuten eher bestraft und Zwang ausgesetzt werden und sie sich deshalb ungern fangen lassen.

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Stute

Unterschiedliches Verhalten von Stuten und Wallachen unterm Sattel stellten die Forscher nicht fest. Trotzdem sehen es die Befragten. Das könne an einer verzerrten Sichtweise liegen, die dafür sorgt, dass Reiter bestimmte Verhaltensweisen auf (fehlende) Geschlechtshormone schieben – anstatt Schmerz, Missverständnisse oder Reiterfehler in Betracht zu ziehen.

Kommentar

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Reiterinnen uns mit den Stuten dieser Welt verbünden. Sie haben es verdient zu zeigen, dass sie absolut unkomplizierte Reit-Partnerinnen sein können. Wir sind es ihnen schuldig, unerwünschtes Verhalten nicht einfach den Hormonen anzuhängen, sondern uns erstmal in Lernverhalten und eigene Fehler zu vertiefen. Da sollte man nämlich bei jedem Problem anfangen, egal ob mit Stute, Hengst oder Wallach.

Ob diese ganze Gender-Thematik jetzt wirklich auch in die Pferdewelt Einzug halten muss? Ich finde: Oh ja, muss sie! Zu oft bestätigt man sich seine eigenen Vorurteile immer wieder, wenn man sie nicht gründlich hinterfragt. Und das sollten wir zum Wohl der Pferde tun! Natalie Steinmann, CAVALLO-Redakteurin

Stute

Pferde-Damen sind dominant ("bossy") und verhalten sich schlecht – sagen befragte Reiter. Andererseits: Sicher und zuverlässig seien sie auch. Tatsächlich unterscheiden sich Stuten beim Reiten kaum von Wallachen.

Hengst

Macho oder Streber: Von Hengsten haben Reiter ein widersprüchliches Bild. Einerseits gelten sie als schwierig, dominant und gefährlich, andererseits auch als gut trainierbar und willig. Besonders glänzen können Hengste den Befragten zufolge im Dressurviereck. Und: Hengste sind Männersache – so das Klischee.

Wallach

Zuverlässig, ruhig, gut einzuschätzen und willig – Wallache sind Everybody’s Darling. Ihnen ordneten die Reiter am meisten positive und kaum negative Eigenschaften zu. Da wundert es nicht, dass Wallache beliebter sind als Stuten und Hengste, egal ob für Dressur, Springen oder im Gelände.

Stute, Hengst oder Wallach? Das bevorzugen diese Pferde-Promis:

Lisa Röckener, Vielseitigkeit und Show: "Ich habe nur Wallache und Hengste zu Hause. Auch wenn ich eigentlich unabhängig vom Geschlecht entscheide, tendiere ich innerlich doch zu einem Wallach/Hengst. Ich glaube, das ist eher Zufall: Ich hatte überwiegend dieses Geschlecht im Stall, kam damit gut klar und bin nun darauf gepolt. Stuten reite ich auch gerne, wobei ich bei der letzten Stute manchmal Probleme hatte, wenn sie rossig war."

Michael Geitner, Equikinetic-Erfinder: "Mir waren Stuten immer viel lieber. Wenn du eine Stute fragst, wie sie etwas haben möchte, ist sie das beste Pferd, das man sich vorstellen kann. Beim Longieren in den Dualgassen kann das zum Beispiel heißen, mal einen Meter zurückzutreten, wenn die Dame sich dann wohler fühlt. Droht mir eine Stute, nehme ich das zehnmal ernster als bei einem Wallach – und Stuten sind nachhaltiger beleidigt."

Uta Gräf, Grand-Prix-Dressurreiterin: "Früher hatte ich ein bisschen Vorurteile gegenüber Stuten – ich fand, dass sie öfter klemmig waren. In den letzten Jahren bin ich aber so vielen tollen Stuten begegnet, dass sich mein Bild gewandelt hat. Generell muss man jedes Pferd individuell betrachten. Manche Hengste sind mega, andere hengstig und nicht so einfach. Manche Stuten verhalten sich in der Rosse etwas anders als sonst, andere aber gar nicht."

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