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Schlachter statt Weide: Abzocke mit Beistellpferden

Schlachter statt Weide Abzocke mit Beistellpferden

Alt, krank, zu Geld gemacht! Der miese Markt mit Beistellpferden boomt. Wer einen guten Platz für seinen Rentner sucht, sollte ganz genau hinschauen.

Wenn euer Pferd alt oder krank ist, gebt es nicht weg. Bleibt bei ihm. Auch ein Pferd selbst zum Schlachter zu bringen, ist besser als das, was ich erlebt habe." Irene P. (Name von der Redaktion geändert) hat mit dem Wallach Celi das erlebt, wovor Tierschützer und Facebook-Gruppen seit langem warnen.

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Schlachter statt Weide Das miese Geschäft mit Beistellpferden
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Die Züchterin hatte das Pferd bereits an eine Familie verkauft, als der Wallach Ataxie-ähnliche Anfälle bekam. In dem kleinen Stall konnte er nicht bleiben: Er regte sich so sehr auf, wenn das zweite Pferd geritten wurde, dass man befürchtete, er würde sich selbst verletzten.

Auf der Suche nach einem neuen Platz in einer Herde, in der er sich wieder auskurieren sollte, tauchte ein freundlicher Mann aus Österreich auf. Er habe einen Erlebnisbauernhof in Kärnten, dort könne der Wallach zusammen mit den anderen auf die Weide; und später würde ihn seine Enkelin reiten. "Mir schwante schon nichts Gutes. Warum fährt jemand denn so weit, um ein angeschlagenes Pferd abzuholen?", erinnert sich Irene P.

Den Hof in Kärnten haben weder die Besitzerin noch die Züchterin gesehen, anfangs erhielten sie Bilder, dass es Celi gut gehe. Auf eine weitere Nachfrage hieß es dann plötzlich, das Pferd sei ausgebrochen, habe auf dem Nachbargrundstück zu viele Äpfel gefressen und sei an einer Kolik eingegangen.

"Viele der Pferde werden zu Hundefutter verarbeitet"

Dr. Jutta Wagner von der Tierschutz-Ombudsstelle in Kärnten hat den Fall Celi begleitet und ist sich ziemlich sicher, dass der Wallach das Schicksal anderer verschwundener Pferde teilen musste – und beim Schlachter gelandet ist. Der Fall des "netten" Erlebnishofbetreibers hat zumindest in Kärnten hohe Wellen geschlagen, gegen den Mann läuft in Österreich derzeit ein Gerichtsverfahren.

"Wir müssen uns leider damit abfinden, dass Celi tot ist. Aber diesen Machenschaften, bei denen so viele zuschauen und davon wissen, muss ein Ende bereitet werden. Ich möchte alle Pferdebesitzer davor warnen, nicht so naiv zu sein", ist die bittere Erkenntnis von Irene P.

Was es heißt, Geschäftemachern auf den Leim gegangen zu sein, haben auch viele Pferdebesitzer in Norddeutschland erlebt. Im niedersächsischen Beverstedt sind in den Jahren 2013 bis 2017 rund 70 Pferde verschwunden. Beate Landwehr ist selbst betroffen und hat mit der Facebook-Gruppe "Die verschwundenen Pferde aus Niedersachsen" eine Lawine ins Rollen gebracht.

Verschwundene Pferde in Niedersachsen

Sie hatte ihr Pferd Wim Bob einem Pärchen aus Beverstedt als Beistellpferd überlassen, verkauft unter Auflagen und zu einem symbolischen Preis von einem Euro. Auch ein Besuchsrecht wurde vereinbart, gesehen hat sie Wim Bob allerdings nie mehr. Andere Besitzer hatten mehr Glück im Unglück, ihre Pferde tauchten als Verkaufspferde im Internet oder bei Pferdehändlern wieder auf.

"Wir haben über unsere Facebook-Gruppe versucht, Netzwerke aufzudecken, damit solchen Machenschaften nicht länger Tür und Tor geöffnet werden", berichtet Beate Landwehr. Ihre Erfahrung: Viele Pferdebesitzer seien vermutlich auch ganz froh darüber gewesen, die Verantwortung für ihr Pferd abgeben zu können. "Sehr viele haben schon nach kurzer Zeit die Gruppe wieder verlassen. Ich denke, da spielt auch die Angst vor der Wahrheit eine Rolle." Und die ist meistens bitter.

Tierschützer gehen davon aus, dass viele der als Beisteller verkauften Pferde auf Schlachthöfen landen, dafür oft noch ins Ausland transportiert werden. Stuten lassen sich mit falschen Papieren für den Embryonen-Transfer einsetzen und viele Pferde werden, trotz körperlicher Probleme, als Reitpferde weiterverkauft.

Beate Landwehr hofft nun, dass sich diejenigen, die mit Beistellpferden Geschäfte machen, zumindest vor Gericht verantworten müssen. Die Aussichten auf eine Verurteilung wegen Betrugs stehen allerdings schlecht. Viele Gerichte argumentieren: Verkauft ist verkauft. Der Verkäufer habe ja aus freien Stücken das Pferd abgegeben. Die Staatsanwaltschaft in Verden hatte nach mehreren Anzeigen gegen das Pärchen aus Beverstedt Ermittlungen eingeleitet und Anklage wegen Betrugs in 19 Fällen erhoben.

Anklagen scheitern vor Gericht

Juristischer Knackpunkt ist allerdings der Sachwert. Staatsanwalt Martin Schanz bestätigte auf CAVALLO-Anfrage: Im Fall des besagten Pärchens habe das Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck eine Eröffnung des Hauptverfahrens wegen Betrugs abgelehnt.

Der Wert der Pferde sei nicht mehr sicher zu beziffern, deshalb könne auch nicht festgestellt werden, dass den jeweiligen Verkäufern tatsächlich ein Vermögensschaden entstanden sei. Das sei jedoch die juristische Voraussetzung für eine mögliche Verurteilung. Im Allgemeinen gehe man bei Gnadenbrot-Pferden davon aus, dass sie eher Kosten verursachen, als Geld einzubringen.

Das juristische Verfahren sehe vor, dass bereits vorläufig eingestellte Verfahren nochmals auf einen vermögensrechtlichen Schaden geprüft werden, das werde aber Zeit in Anspruch nehmen. Dass der Wert der Pferde im Laufe der Zeit gestiegen ist, ist allerdings eher unrealistisch.

Kritik an der Argumentation des Gerichts kommt von Pferderechtsanwältin Iris Müller-Klein. Besitzer von verschwundenen Pferden hatten sich an sie gewandt: "Die Justiz hat hier in vielen Fällen schlichtweg versagt. Die Prozesse werden mit dem Hinweis auf den niedrigen Sachwert abgebügelt." Verkannt werde dabei, dass Beistellpferde durchaus einen Wert, zum Beispiel als Schlachtpferde, haben.

Lediglich in einem Fall habe eine Mandantin bei einem Zivilrechtsstreit einen Schadensersatz von über 4.000 Euro geltend machen können. "Den gutgläubigen Verkäufern wurden ja bewusst falsche Tatsachen vorgegaukelt. Vertragsinhalte, dass das Pferd nicht geschlachtet bzw. nicht weiterverkauft werden darf, wurden ignoriert. Das ist genauso vorsätzlich wie ein unlauteres Spendengeschäft." Ihr Rat: Man sollte sich gut überlegen, ein altes oder krankes Pferd abzugeben und auf jeden Fall Eigentümer bleiben.

Pferdeohren als Hundesnack

Auch Karin Kattwinkel kennt sich mit der traurigen Suche nach verschwundenen Pferden aus. Sie leitet das Lehrinstitut für ganzheitliche Pferdegesundheit in Lohmar/NRW (www.equo-vadis.de), ist mobil als Pferdefachtherapeutin und Trainierin unterwegs und weiß um die Praktiken. Zum Beispiel, Pferdebesitzer unter Druck zu setzen: "Am besten Du überschreibst mir Dein Pferd, dann kann ich mich besser darum kümmern und Entscheidungen treffen, was den Tierarzt angeht." Ist das Pferd einmal in ihren Händen, ist es seinem traurigen Schicksal meist hilflos ausgeliefert.

"Viele kleinere Schlachthöfe haben einen angeschlossenen Pferdehandel ein paar Straßen weiter. Das macht oft der Sohn oder der Bruder. Und da wird sortiert, ob sich das Pferd noch als Reitpferd verkaufen lässt oder geschlachtet wird", so Kattwinkel. Der Markt für Schlachtpferde scheint groß, aufgekauft zu einem Preis von oft unter 300 Euro lässt sich hier gutes Geld verdienen, vor allem für den wachsenden Bedarf bei Tierfutter. Schon zwei Pferdeohren werden im Tierfutterhandel für rund sechs Euro verkauft, berichtet Karin Kattwinkel von ihrer Recherche für einen Fernsehbeitrag.

Ob im Pferdepass vermerkt ist, dass es sich um kein Schlachttier handelt, interessiert offenbar niemanden. Kattwinkel: "Ich habe es schon bei der Ankaufsberatung eines 2-jährigen Kaltbluts erlebt, dass der Pass vom Shetland-Pony-Verband ausgestellt worden war. Das war bislang nie aufgefallen."

Von einem mehr als laxen Umgang mit Pässen und Mikrochips weiß auch Iris Müller-Klein. Geht ein Pass verloren, werde für ein Pferd ohne Zugehörigkeit zu einem Verband einfach ein neuer bei der FN beantragt. "Beim Chip gibt es die Ausrede, der würde nicht mehr senden. Manche Pferde haben zwei oder mehr Chips unter der Haut." Transponder und Chip-Nummern gebe es im Netz, der Chip werde einfach selbst eingesetzt.

Seit Frühjahr diesen Jahres sollen zumindest Geschäfte mit toten Pferden erschwert werden: Die neuen tierseuchenrechtlichen Vorschriften sehen vor, dass beim Tod eines Tiers der Equidenpass vernichtet werden muss.

Frühzeitig an die Rente denken

Wer ein Pferd kauft, sollte darüber nachdenken, wie sein Lebensabend aussehen könnte. Leider sind viele Reitbetriebe für Senioren nicht gut gerüstet. "Man kann einem Pferd mit einem eigenen Sparbuch quasi die Rente finanzieren", rät Karin Kattwinkel. Auch viele ältere Reiter kümmern sich gerne noch um ein Senior-Pferd; denkbar wäre etwa eine Vermittlungsbörse.

All dies kann zumindest ein wenig dazu beitragen, alten und kranken Pferden das Elend der Beisteller zu ersparen.

Wie schütze ich mein Pferd vor Betrug?

Leider hält nicht jeder Gnadenbrot oder Beisteller-Platz, was er verspricht. Deshalb sollten Verträge möglichst umfassend und genau formuiert werden. Nur so haben sie bei einer eventuellen gerichtlichen Auseinandersetzung Bestand. Internetvordrucke sind meistens zu ungenau.

Pferderechtsanwältin Iris Müller-Klein rät, Eigentümer des Pferds zu bleiben und bei Zuwiderhandlung Vertragsstrafen anzukündigen. Ein neuer Eigentümer kann ansonsten mit dem Pferd tun und lassen, was er möchte: Es auch verkaufen oder schlachten lassen.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Dauer-Leihgabe. Ergänzend können ein Besuchsrecht und eine einseitige, kurze Kündigungsfrist vereinbart werden.

Kommentar

Miese Geschäfte mit Beistell-Pferden funktionieren, solange Betrügern nicht konsequenter das Handwerk gelegt wird. Und solange Besitzer aus Not, Blauäugigkeit oder Bequemlichkeit ihre Pferde windigen Käufern überlassen. Verhindern lassen sich diese Machenschaften nicht, aber wir können mithelfen, dass solchen Netzwerken der Nachschub ausgeht. Wer ein Pferd abgeben muss, sollte also ganz genau hinschauen, selbst hinfahren und sich nicht auf Versprechen verlassen. Präzise formulierte Verträge können vor später Reue schützen, denn Gutmenschen sind leider sehr selten. Ute Stabingies, CAVALLO-Redakteurin

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