Teil des
CAV Zebra Zesel  Rasse Paul

Rasse-Porträt: Die CAVALLO Zebra-Mix Stute Zesel

Auf Streifendienst bei Zesel

Zebra-Mix „Zesel“ schlägt nach allen Seiten. Kann man sie wie ein Problempferd korrigieren? (Artikel stammt aus 2002)

"Vorsicht, die schlägt!“ warnt Ulrich Zwermann, springt zur Seite und wedelt mit einer Litze. „Die respektiert nur Strom.“ Gärtner Zwermann ist ein gestandener Kerl von 38 Jahren. Trotzdem braucht er Schützenhilfe von Bauer Andreas Schmidt und Hilfsarbeiter Thomas Ernst, um seinen nur knapp 1,30 Meter großen Teufelsbraten in den Stall zu treiben.

Fremd unter Pferden

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Paul
Zesel schlägt um sich ...

Zesel heißt die renitente Dame, kurz vorgestellt in CAVALLO 8/2002. Der Mix aus Pony und Zebra schlägt nach allen Seiten, wenn ihr was nicht paßt. „Scheu “, nennt Besitzer Zwermann das, „unerzogen“ ein Profi-Pferdetrainer. Zesel paßt eigentlich gar nichts: Putzen, Wurmkuren, Hufe schneiden, Treiben oder Führen – alles, was man mit Equiden anstellt, um sie gesund zu halten, ist tabu. Welche Schrecken die wilde Zesel bei einem kleinen Wanderzirkus erlebte, ehe sie in Zwermanns Privatzoo in Usingen (Taunus) zwischen Lamas, Emus und Kamelen landete, weiß niemand.

„Die Zirkusleute kauften von mir vor zwei Jahren zwei Kamele. Weil sie nicht genug Geld hatten, ließen sie mir das Zesel da“, erzählt Zwermann, der ein Tiernarr ist, aber von Pferden „wenig Ahnung“ hat, wie er bereitwillig zugibt – er ließ Zesel in den letzten zwei
Jahren einfach in Ruhe. Zwermanns Tierarzt schätzt Zesel auf fünf Jahre; mehr weiß keiner über sie. Nicht einmal, welches Elternteil Zebra und welches Pferd war. Als Zesel damals kam, zerlegte sie fast den Hänger, tobte beim Ausladen, trat wild um sich, kam frei und raste Richtung Taunus. Erst nach Stunden gelang es mehreren Männern, den Wildling zu fangen. „Zesel ist so scheu, daß sie sofort schlägt, wenn man sie bedrängt.

Hufeschneiden geht nur mit Narkose; Aufhalftern ist unmöglich.“ Ist es wirklich unmöglich – oder ist Zesel einfach falsch erzogen? Kann man den Wildling korrigieren wie ein Problempferd? Oder liegt die Widerborstigkeit unabänderlich in den Zebra-Genen? Gibt es Verhaltens-Unterschiede zwischen einem Zebra-Pferd-Mix und einem Pferd? Neugierig geworden, arrangierte CAVALLO ein ungewöhnliches Experiment: Der bayerische Ausbilder Michael Geitner schiebt ab sofort Streifendienst und bekommt Zesel von Zwermann auf unbegrenzte
Zeit zur Ausbildung.

CAVALLO berichtet regelmäßig über ihr Training, beschreibt die Probleme und dokumentiert ihr Verhalten. Zesel soll lernen, sich anfassen, halftern, putzen und führen zu lassen und Hufe zu geben. Außerdem soll sie sich das Schlagen abgewöhnen – vorausgesetzt, sie ist überhaupt trainierbar. Besitzer Zwermann wäre alles recht. Und wenn sie etwas abnimmt, wäre das auch nicht schlecht. Die ist nur am Fressen.“ Auch Geitner ist gespannt: „Mal sehen, wie weit wir kommen.“ Daß Zebra-Mixe trainierbar sind, zeigen Experimente in den USA. Dort kreuzt man seit einigen Jahren Zebras mit Pferden vom Pony über Vollblut bis zum Quarter-Horse, nennt das ganze „Zorse“ oder „Zony“ und freut sich über die extravagant gestreiften Tiere.

Die Mixe sind unfruchtbar und lassen sich sogar reiten – allerdings nur, wenn sie vom Fohlenalter an in fachkundigen Händen waren. Auf Zesels Zirkus-Jugend trifft das wahrscheinlich nicht zu.

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Zesel tobt und tritt

Reinrassige Zebras gelten unter Tiertrainern als extrem schwierig. Deshalb zeigen Zirkusse so selten Zebra-Nummern – selbst Löwen sind leichter zu trainieren. „Zebras bleiben immer Wildtiere. Sie wehren sich bei Druck und sind unberechenbar“, warnt Ellen Guderian, die in Montana auf der Rocky Mountain Songbird Ranch Zebras und Zebra-Mixe züchtet.

Ob in Zesel mehr Zebra oder mehr Pferd steckt, wird sich zeigen. Zunächst gibt es freilich ein ganz handfestes Problem: Wie kommt das ungezähmte Tier von Usingen im Taunus nach Rechtmehring bei München? „Zesel läßt sich nicht verladen und mag keine geschlossenen Räume. Da fängt sie an zu toben“, warnt Zwermann. „Sie hängt aber sehr an zwei Mini-Shettys, die sie auch beschützt. Die können sie ja begleiten.“ Das Zesel-Experiment beginnt am 3. September 2002. Reisetag für die renitente Dame.

Geitner fährt mit einem Zweipferdehänger ohne Trennwand nach Usingen. Die Strategie: Zesel und die namenlosen Shettys – eine Stute und ein Hengst – werden in ihren Stall getrieben und der Hänger so dicht wie möglich davor geparkt. Anschließend bauen Zwermann und seine Helfer einen Treibgang aus ausgehängten Türen („Trittschutz ist ganz wichtig“), und die kleine Herde darf in den verlockend mit Heu und Stroh gefüllten Hänger wandern, in dem sie unangebunden reisen sollen.

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Ausbilder Michael Geitner bei der Arbeit mit Zesel.

Zesel hat es faustdick hinter den Ohren

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Zesel schlägt typisch für ein Zebra seitwärts aus.

Schnell ist klar: Zesel hat es faustdick hinter den gestreiften Ohren. Sie lernte, daß ein leichtes Drohen und angelegte Ohren reichen, damit Menschen schleunigst den Rückzug antreten. Jede ihrer Drohgebärden läßt Zwermann warnen und weichen. Geitner grinst amüsiert. „Wahrscheinlich brauchen wir den ganzen Nachmittag“, unkt jemand. Die große Überraschung: Nach nur fünf Minuten steht Zesel im Hänger.

Zwermann drängt die kleine Herde sanft mit ausgebreiteten Armen, die Shettys stürzen gierig auf das Heu, Zesel hinterher. Klappe zu, Plane zu, fertig. Rundum verblüffte Gesichter. „Das ging ja gut. Ich bin richtig froh“, sagt Geitner und linst nach Zesel. Die steht im Hänger und webt. „Das macht sie immer unter Streß. Als wir sie bekamen, hat sie es den ganzen Tag gemacht, jetzt nur noch, wenn sie unter Druck ist“, sagt Zwermann. Sechs Stunden und 467 Kilometer später spaziert Zesel in Rechtmehring gelassen aus dem Hänger und inspiziert ihren Paddock samt Hütte. Schon die ersten 48 Stunden im neuen Domizil zeigen: Zesel hat keine Angst, ist nicht scheu, sondern absolut gelassen und hellwach. Sie lebt sich sofort im Holzstall ein. Sie läßt sich putzen und streicheln – „aber nur bis zu dem Punkt, an dem sie keine Lust mehr hat“, beschreibt Geitner. Dann peitscht sie mit dem Schweif wie eine gereizte Katze und läßt nach dieser Kurz-Warnung die Hufe fliegen – vorne, hinten und an allen Seiten.

In der Rangordnung steht sie unter der Shetty-Stute. „Beim Fressen giften die Kleinen sie weg“, sagt Geitner – ein Fakt, den er zufrieden registriert. „Wenn sie Respekt hat, bedeutet das, man kann sie trainieren.“

Die Besen fahren Zesel ins Gesicht wie wütende Stachelschweine

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Langsam erlernt Zesel Respekt vor dem Menschen.

Weitere 48 Stunden später klingt das bayerisch-deftig anders: „Dös is vielleicht a kloane Drecksau.“ Zesel hat ihre ersten Respektsübungen hinter sich, in denen sie Geitner Respekt beibrachte. „Das ist Zesels Grundproblem: Sie ist nicht ängstlich, sondern Menschen gegenüber absolut furcht- und respektlos“, analysiert er. Das Tier weiß, daß schon ein leichtes Ohrenanlegen reicht, damit es in Ruhe gelassen wird. „Erst mal muß sie Respekt lernen. Sonst drückt sie sich vor allen Übungen und entscheidet weiter selbst, wann sie etwas mag und wann nicht.“

Der einfachste Respekts-Test, der bei allen Pferden funktioniert, ist ein bedrohlich rappelnder Sack. „Respektlose Pferde, die Menschen umrennen, kann ich mit dem Sack erschrecken. Sie beachten mich und meine Signale wieder und werden folgsam“, erklärt Geitner. Zesel nicht. Als sie im Stall stillstehen soll, während Geitner samt Sack zwischen ihr und der Tür steht, beeindruckt sie das nicht. „Der Sack schüchtert die nicht die Bohne ein, die rennt mich einfach um. Die ist komplett furchtlos; man kann sie nicht erschrecken.“ Die neue Strategie: Besen.

Unbeeindruckt rennt Zesel einen Geitner, zwei Helfer und drei Besen über den Haufen, als sie zwischen ihr und der Tür stehen. Als die Stute es zum zweiten Mal versucht, fahren die Besen Zesel ins Gesicht wie wütende Stachelschweine. „Jetzt merkt sie zum ersten Mal, daß sie nicht Chef ist.“ Die nächsten Wochen vergehen mit einer Übung: stehenbleiben, den Menschen nicht umrennen, ihm weichen. „Jedes Pferd gibt irgendwann auf. Zesel nicht. Sie testet jeden Tag.“ Trotzdem schafft Geitner es, sie erstmals zu halftern – eine riskante Aktion, über die das nächste Heft berichtet.