Feinstaub in der Reithalle und auf dem Platz: Ursachen, Risiken und Praxistipps

Staub-Belastung beim Reiten
Feinstaub im Reitboden: Ursachen und Maßnahmen

ArtikeldatumVeröffentlicht am 25.08.2026
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Reitplatz mit Reiterin auf Pferd, Außenaufnahme, Dressurviereck mit dunklen Teppichflocken, umgeben von Bäumen.
Foto: Rädlein

Oft ist er nahezu unsichtbar. Aber in den vergangenen trockenen, hitzigen Wochen war er offensichtlich: Staub, der von Pferden auf Reitplätzen und in Hallen aufgewirbelt wurde. Doch wie sehr belastet dieser die Lungen von Pferd und Reiter? Und was treibt die Staubbelastung in die Höhe?

Trockenheit fördert Staubbildung

Um mit der letzten Frage zu starten: vor allem fehlendes Wasser. Bei nahezu allen Reitböden, die zu trocken sind, bildet sich mehr Staub; teils sogar Feinstaub. Das ist übrigens kein reines Sommer-Thema – wie wir aus Feinstaub-Messungen etwa in Ballungszentren wissen. Ein weiterer Faktor beruht auf dem Zweck von Reithalle und -platz: Beim Laufen zermahlen die Pferdehufe auf Dauer den Boden selbst sowie etwaige Hinterlassenschaften. Staub und Feinstaub lassen sich also bis zu einem gewissen Grad nicht vermeiden – und begegnen uns natürlich nicht nur in Reithallen oder auf Reitplätzen.

Pferd mit der Nase an einem staubigen Boden
Lisa Rädlein

Diese Staubpartikel gelangen in die Luft – und schweben dort desto länger, je kleiner sie sind. Die Unterscheidung zwischen Staub und Feinstaub bemisst sich nach der Partikelgröße (siehe Kasten unten). In menschlichen Zellen lösen die Feinstaubpartikel laut Umweltbundesamt Entzündungen und Stress aus. Abhängig von Menge und Dauer könne das zu Asthma, Bronchitis oder Lungenkrebs führen, das Herz-Kreislaufsystem (Bluthochdruck) oder den Stoffwechsel beeinflussen und etwa Diabetes und Demenz begünstigen. Die Einhaltung von Grenzwerten zum Schutz der menschlichen Gesundheit, die die EU vorgibt, soll die Belastung minimieren. Seit dem Jahr 2000 wird PM10 (Partikel von 10 Mikrometer (μm) oder kleiner) deutschlandweit gemessen. PM2,5 wird seit 2008 an rund 200 Messstationen überwacht. Der PM10-Tagesmittelwert darf nicht öfter als 35 Mal im Jahr mehr als 50 Mikrogramm (μg) pro Kubikmeter (m3) betragen. Bei PM2,5 sind es 25 μg/ m3 im Jahresmittel.

Feinstaub und Staub: Ein Überblick Als Feinstaub gelten Staubpartikel, die kleiner sind als zehn Mikrometer (µm, ein Tausendstel Millimeter). Zum Vergleich: Ein Schweifhaar ist 100 bis 150 µm dick. Im Gegensatz zu Grobstaub (10–500 µm) sinkt Feinstaub nicht gleich zu Boden, sondern schwebt, einmal aufgewirbelt, eine Weile in der Luft, weil er so leicht ist. Abhängig von ihrer Größe dringen Staubteilchen unterschiedlich tief in die Atemwege ein. Für Menschen ist das gut untersucht: Grobstaub bleibt in Nase oder Rachen hängen. Feinstaub (Englisch:"Particulate Matter"/"PM") dagegen ist "lungengängig": Partikel der Größe PM 3–10 (unter 10 µm) gelangen in Luftröhre und Hauptbronchien, kleinere (PM 1–2/unter 2 µm) dringen weiter in die fein verzweigten Bronchiolen vor. Teilchen unter 1 µm (PM 0–1) erreichen sogar die Lungenbläschen, in denen der Sauerstoff ins Blut übergeht.

Ist Feinstaub eine Gesundheits-Gefahr für Pferde?

Wie Feinstaub die Pferdegesundheit beeinflusst und ob die Feinstaubentwicklung bei bestimmten Böden unterschiedlich ist, ist noch unklar, bisherige Erkenntnisse widersprüchlich. In einer "Sondierung zu Zuschlagstoffen in Reitböden” vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft und der Hochschule Osnabrück heißt es, "es ist davon auszugehen, dass die Stäube einer Tretschicht problematischer werden können, umso mehr verschiedene Materialien im Tretschichtgemisch verwendet werden”. In einer Studie der TiHo Hannover (Kemper et.al.) schnitt hingegen ein Sand-Späne-Gemisch in punkto Staubbelastung besser ab als reiner Sandboden. Und: Die durchschnittliche Partikelkonzentration in Reithallen war hier bis zu zehnmal größer als in Städten mit Luftverschmutzung. Allerdings waren in die Studie nur vier Reithallen inkludiert. Fundiertes Wissen ist also noch ausbaubedürftig. Dr. Heike Kühn arbeitet derzeit daran: Die Tierärztin (www.equizyt.com) hat sich auf Diagnostik und Therapie von Atemwegserkrankungen spezialisiert und betreut gerade eine Doktorarbeit zu Feinstaub. "Immer wieder entdecken wir im Labor nach Lungenuntersuchungen in den Proben Partikel, die wir nicht zuordnen können.” Und das tief in der Lunge. Die Doktorarbeit soll Aufschluss geben, ob es sich hierbei um Mikroplastik handeln könnte. Ob diese Partikel Pferde krank machen, sei nicht bewiesen, betont Dr. Heike Kühn. Im Labor will sie prüfen, ob die Partikel tatsächlich Entzündungen auslösen. "Wir wissen aktuell noch nicht, ob von bestimmten Reitböden eine Gefahr ausgeht." Besser erforscht ist, dass Feinstaub aus Sandböden krank machen kann.

Nahaufnahme von lockerem, hellbraunem Sandboden auf einem Reitplatz.
Rädlein

Der Quarzstaub erhöht bei Menschen das Lungenkrebs-Risiko, weshalb (zumindest für Arbeitsplätze) schon 1999 Grenzwerte festgelegt wurden, die immer wieder verschärft wurden. Für Reitböden fanden Wissenschaftler heraus: Über Sandflächen, die nur unregelmäßig mit einem Wasserschlauch bewässert wurden, schwebte lungengängiger Quarzfeinstaub, der die damaligen Grenzwerte mancher Länder teils überschritt. Wenn die Plätze bewässert wurden, war die Belastung messbar reduziert. Quarzstaub kann bei Pferden Silikose verursachen (Quarzstaublunge). Die Erkrankung verursacht bleibende Vernarbungen des Organs, ist aber selten.

Feinstaub selbst messenFür einen ersten Eindruck richtest du den Strahl einer Taschenlampe bei Dunkelheit in die Halle oder auf den Platz: Im Licht zeigt sich Staub deutlich. Auch Staubablagerungen auf der Bande liefern Anhaltspunkte. Der unsichtbare Feinstaub lässt sich mit tragbaren Prüfgeräten (ab ca. 80 bis 120 Euro) erfassen. Georg Fink rät, regelmäßig in 0,5 m, 1,0 und 2,5 m über dem Boden zu messen, die Werte zu dokumentieren sowie vor und nach der Bodenpflege zu vergleichen. Offizielle Grenzwerte für Reitböden gibt es nicht. Grenzwerte zum Schutz der menschlichen Gesundheit nach EU-Vorgaben misst das Umweltbundesamt deutschlandweit. Luftdaten: umweltbundesamt.de

Staubquellen im Stall-Alltag

Dr. Kühn warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen, nicht jedes Symptom habe Krankheitswert: "Bewegt sich ein Pferd in einer staubigen Halle, ist es normal, dass die Lunge mit Husten reagiert. Der ist noch lange kein Asthma, sondern erstmal ein natürlicher Schutzmechanismus." Die Expertin bezweifelt, dass Atemwegserkrankungen bei Pferden zugenommen hätten, wie manche sagen: "Auch Pferde werden immer älter, wodurch das Risiko steigt. Zudem sind die Besitzer sensibler für das Thema. Es ist möglich, dass Equines Asthma häufiger wird; belegt ist das jedoch nicht." Vieles ist noch offen, doch fest steht, so Dr. Kühn: "Je staubfreier man ein Pferd hält, desto gesünder ist es." Früher hätte man Atemwegsprobleme nur auf Heu und Stroh geschoben. "Doch auch Pollenbelastung, Saharastaub, Pilze während der Erntezeit und jeglicher anderer Staub im und am Stall spielen eine Rolle."

Das weiß auch Georg Fink. Der Diplom-Agraringenieur ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Reitanlagen, Böden sind sein Spezialgebiet. "Mit Sicherheit haben sie einen Anteil an der Entstehung von Atemwegserkrankungen bei Pferden, aber sicher nicht den alleinigen", sagt er. Und:"In jedem Boden mit Sand zerreiben sich Stoffe und haben das Potenzial, zu Feinstaub zu werden." Je mehr Pferde die Fläche nutzen, desto mehr Abrieb entstehe. "Zudem hinterlassen mehr Pferde auch mehr Pferdeäpfel. Selbst bei sorgfältigem Abmisten verbleibt immer ein Rest biologisches Material im Tretbelag." Material, das trocknen und sich in Feinstaub verwandeln kann. Abäppeln, mahnt Fink, sei kein Luxus, sondern Pflicht.

CAVALLO hautnah: Claudia Münch, Pionierin der FN-Bodenarbeitsausbildung, von hinten mit Schaufel und Rechen auf Reitplatz
Sandra Reitenbach

Der Sachverständige hat in den vergangenen 15 Jahren etwa 120 Gutachten zu Böden in der Pferdehaltung geschrieben. "Alle Reitplätze verändern sich durch atmosphärische und biologische Einflüsse sowie durch Benutzung, Pflege und Wartung. Langfristig können ihre Eigenschaften nur durch regelmäßige Instandhaltungsleistungen erhalten werden." Heißt: Böden fachgerecht pflegen. Doch ein staubfreier Reitplatz sei eine Illusion, so Fink, der als Gutachter zahlreiche Feinstaubmessungen auf diversen Böden durchgeführt hat. Er sagt: "Jeder Belag kann zu einer Belastung der Pferdelunge führen. Selbst extrem staubarmes Material entwickelt ab dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme durch Wind, Regen, Sonneneinstrahlung und Frost, durch die Nutzung und die Pflege zunehmend Feinanteile, die in den Feinstaubbereich gehen. Das ist nicht zu verhindern. "Wie sehr der Reitboden staubt, können Stallbetreiber selbst herausfinden: mit mobilen Messgeräten etwa."Der Markt ist groß, gut funktionierende Geräte gibt es schon für kleines Geld", meint Fink, der jedem Betrieb rät, sich eins zuzulegen.

Feinstaubkonzentration in Bodennähe

Seine gutachterlichen Messungen sind aufwändiger – und fördern teils erschreckende Ergebnisse zutage: "Bei der Untersuchung eines Reitplatzes haben wir mal noch in 2,50 Metern Höhe eine hohe Konzentration lungengängiger Feinstäube festgestellt – es war frappierend." Vor allem, wenn man weiß, dass die Konzentration mit der Nähe zum Boden zunimmt. "Lässt man das Pferd sich dehnen, mit tiefer Nase am langen Zügel, saugt es den Feinstaub auf wie ein Staubsauger", so Fink. Doch: Auf benachbarten Plätzen gleicher Bauart maß er eine deutlich geringere Staubemission. Daher schließt der Experte: "Es kommt nicht auf das Material, sondern auf dessen Qualität an sowie auf sorgsame Pflege."

Stute Happy in der Bahn unter Daniela Wais in korrekter Dehnungshaltung im Trab.
Rädlein

In erster Linie bedeutet das: regelmäßig wässern. Wasser bindet Staubpartikel. Um das Trinkwasser zu schonen, rät Fink zu Zisternen, um Regenwasser zu sammeln. Zudem sollte jede Person, die einen Reitboden nutzt, helfen, ihn zu pflegen: "Das Feinstaubthema geht uns alle an. Es besteht großer Handlungsbedarf, und die Betriebe stehen in der Pflicht, für gesunde, staubarme Verhältnisse zu sorgen." Was raten Reitböden-Hersteller, um die Staubentwicklung zu minimieren? "Das beginnt bereits beim Aufbau des Reitbodens", sagt etwa Claudio Gutierrez, Managing Director bei OTTO Arena Systems. "Entscheidend ist ein funktionierendes Gesamtsystem aus Unterbau, Drainage sowie einer optimal abgestimmten Trenn- und Tretschicht." Langfristig könne ein Reitboden ohne Befeuchtung nicht funktionieren. "Eine gleichmäßige Bewässerung über die gesamte Fläche ist von zentraler Bedeutung, ebenso die tägliche Pflege mit geeigneten Planier- und Pflegegeräten. "Zudem zählt der sachgemäße Umgang, der durchaus variiert. Die Firma ASground verkauft Böden rein aus Teppichflocken, die keine Bewässerung erfordern. Bahnplaner sind tabu. "Bereits bei der Entwicklung von synthetischen Reitplatzbelägen vor rund 30 Jahren habe ich festgelegt, dass die Teppichschnipsel unter keinen Umständen mit Sand gemischt werden dürfen, um Abrieb zu vermeiden”, betont Geschäftsführer Bodo Klopsch. Dass das Thema Feinstaub mit Mikroplastik wissenschaftlich nicht abschließend untersucht sei und daher beispielsweise Grenzwerte fehlen, bedeute nicht, "dass Stäube von uns nicht beachtet werden und deren Vermeidung nicht auch weiterhin Gebot der Stunde ist". Es muss also weiter geforscht werden. Gebe es irgendwann offizielle Grenzwerte für Reitböden, sagt Klopsch, "werden wir natürlich messen und wenn notwendig reagieren.”

Praxis-Tipps für Reitböden

  • Gut planen: Der Reitboden ist zum Einsatzzweck (Disziplin, Nutzungshäufigkeit etc.) zu wählen. Beim Kauf auf Umweltzertifikate, hochwertige Materialien und professionelle Bauweise achten. Sicherheitsdatenblätter (nach 2001/58/EG) bewerten das Produkt, nicht die Nutzung, bei der Feinstaub entstehen kann. – Abnahme: Nach jeder Schicht (Trag-/Trenn-/ Tretschicht) Zwischenabnahmen und vor der ersten Nutzung eine Schlussabnahme vornehmen.
  • Feucht halten: Grundfeuchtigkeit bindet Staub, daher sollte jeder Betrieb Technik bereithalten, mit der sich Sandböden immer wieder gleichmäßig durchfeuchten bzw. beregnen lassen.
  • Konsequent abmisten: Pferdeäpfel während oder nach dem Ritt entfernen; sonst trocknen und zerfallen sie mit der Zeit, was die Belastung erhöht.
  • Kontrollieren: Der Boden sollte regelmäßig überprüft und je nach Nutzungsintensität ein- bis zweimal jährlich durch eine Fachfirma gewartet werden.
  • Qualität halten: Alle, die den Reitboden nutzen, sollten ihn pflegen – indem sie die gesamte Fläche bereiten, Sprünge öfters verstellen, Senken vor und nach Hindernissen sowie den Hufschlag ebnen.