Hilft Reiten bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche?

Schreibschule auf dem Pferd
Hilft Reiten bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 10.04.2026
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Ein junges Mädchen auf dem Pferd klatscht sich mit der Trainerin am Boden ab
Foto: PeopleImages/ gettyimages

Hannah (Name geändert) hat eine diagnostizierte Legasthenie. Ihr fällt es schwer, Schreiben zu lernen. Bei Legasthenikern zeigt selbst jahrelanges Lernen in manchen Fällen kaum Erfolge. Das Mädchen durfte erstmals ein spezielles Training auf dem Pferd ausprobieren – und lernte innerhalb von Wochen, Wörter fehlerfrei zu schreiben. Katja Vau hatte die Idee, das Pferd ins Spiel zu bringen. Die Grundschullehrerin ist auf die Förderung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) spezialisiert und auch als Reitlehrerin tätig. Sie startete mit ihrer Schülerin Hannah ein spannendes Pilotprojekt: die Pferdegestützte Legasthenie-Förderung (PLF). Der Begriff für die erfolgversprechende Lernmethode wird gerade geschützt – doch für die weitere Forschung werden noch Partner gesucht.

Katja Vau im Porträt
Katja Vau
Die Expertin

Das Rechtschreib-Problem

In Silben zu sprechen, fällt den meisten Menschen leicht: Wer die Wörter in Silben zerlegt (z. B. "Sat-tel”, "Tren-se”,"Zü-gel”), weiß, wie sie geschrieben werden. Diese Strategie, die als "Schwingen" bezeichnet wird, funktioniert bei Kindern mit Rechtschreibschwäche meist nicht. Rhythmisches Sprechen, Klatschen, entsprechende Handbewegungen, rhythmische Körperbewegungen – in hartnäckigen Fällen hilft all dies nicht beim Erlernen dieser Methode. Oft wird in der Rechtschreibdidaktik hier von einer Henne-und-Ei-Frage gesprochen: Hilft das Schwingen beim Rechtschreiben oder hilft das Wissen um die richtige Schreibung beim Schwingen?

Die Idee, Kinder mit LRS aufs Pferd zu setzen

Als Reitlehrerin sprangen Katja Vau zwei Dinge ins Auge, die sie in Zusammenhang mit den Problemen beim Schwingen setzte. Zum einen der Takt des Pferds: Das räumliche und zeitliche Gleichmaß seiner Schritte, Tritte und Sprünge ist einer der Grundpfeiler für korrekte Pferdeausbildung. Zum anderen das Bewegungsgefühl des Reiters: Die Fähigkeit, auf die Bewegung des Pferds einzugehen, schult auch in hohem Maß das Rhythmusgefühl des Reiters.

So kam sie auf die Idee, das Pferd als Taktgeber zu nutzen, um dem reitenden Kind ein Gefühl für den Rhythmus von Wörtern zu vermitteln. Beim Reiten müssen Bewegungen in allen drei Bewegungsrichtungen gleichzeitig koordiniert werden.

Dabei sind nicht nur die großen Muskelgruppen in den Extremitäten und im Rumpf gefragt, sondern auch die Tiefenmuskulatur. Katja Vau vermutete deshalb, dass die Rhythmus-Schulung auf dem Pferd eine ganz andere Qualität haben könnte als Hand- oder Körperbewegungen ohne Pferd.

Ein Mädchen sitzt mit ihrer Lehrerin am Tisch und lernt schreiben
FatCamera/ gettyimages

Reitstunden mit Sprech-Übungen

Hannah hat eine attestierte Legasthenie und ein behandeltes ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom). Sie geht in die dritte Klasse. Das Mädchen kann noch nicht selbstständig reiten. Das war für dieses Projekt auch nicht nötig. Hannah kann an der Longe im Schritt sitzen, leichttraben und im Trab aus- sitzen. Vor der zehnwöchigen Förderungsmaßnahme hatte sie in einer Schreibprobe 11 von 18 Wörtern, die hinsichtlich des oben beschriebenen Phänomens relevant sind, falsch geschrieben.

Aufbau jeder Einheit:

  • 15 Minuten Vorbereitung/Kontrolle der beiden häuslichen Lernportionen (Umfang: je ca. zehn Minuten)
  • 30 Minuten Arbeit auf dem Pferd
  • 15 Minuten Nachbereitung/Erklären der beiden neuen Lernportionen für die kommende Woche

Arbeit auf dem Pferd:

Der Ablauf bei der Arbeit auf dem Pferd war immer gleich oder ähnlich. Katja Vau sprach zwölf Wörter rhythmisch im Takt der Gangart vor. Diese hat Hannah im Rhythmus mehrmals nachgesprochen. So wurden die Wörter auf die Gangarten verteilt:

  • Schritt: Wörter mit langem Vokal, z.B. Ku-gel, gra-ben. Der Moment des Abfußens hinten innen läuft im Schritt synchron zur rhythmischen Pause im Silbengelenk.
  • Leichttraben:Wörter mit kurzem Vokal und zwei unterschiedlichen Konsonanten im Silbengelenk, also En-te, wan-dern. Der Moment des Aufstehens läuft beim Leichttraben synchron zur rhythmischen Pause im Silbengelenk.
  • Aussitzen: Wörter mit kurzem Vokal und Doppelkonsonant, also Son-ne, Schlüs-sel. Der Moment des mitgeschwungenen Sitzenbleibens läuft beim Aussitzen synchron zur rhythmischen Pause im Silbengelenk.

Ein vielversprechendes Ergebnis

In der letzten Einheit der zehnwöchigen Maßnahme wurde die Schreibprobe wiederholt und das Mädchen machte in den 18 entscheidenden Wörtern keinen relevanten Fehler mehr. Ein überwältigender Fortschritt! Wie ist dieser Fortschritt zustande gekommen?

Katja Vau hofft, dass sich künftig Forschung und Wissenschaft mit dieser Frage beschäftigen. Ein gelungenes Pilotprojekt mit nur einer Probandin kann nur ein erster Hinweis auf eine mögliche erfolgreiche Therapieform sein, sagt die Grundschullehrerin. Weitere Studien sollten sich, so Vau, unter anderem mit folgenden Fragen beschäftigen:

  • Dass tiergestützte Therapie und vor allem Hippotherapie einen vielfältigen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Probanden hat, ist bekannt. Wie groß war der Einfluss in der PLF?
  • Funktioniert PLF auch bei Kindern, die keine Affinität zu Pferden haben?
  • Wie groß war der Einfluss der vorteilhaften Lernsituation, also des Eins-zu-Eins-Förderunterrichts?
  • Welchen Anteil am Lernerfolg hatten die Übungseinheiten? Mit den beiden häuslichen Lernportionen und dem einmal wöchentlichen Arbeiten im Reitbetrieb gab es immerhin drei Übungseinheiten pro Woche.
  • Wie groß war der Einfluss von Sympathie und Emotionalität – zum Pony und zur menschlichen Lehrerin?

Katja Vau hat eine Vision:"Wenn jedes Kind, egal ob an einer Regel- oder Förderschule, in Zukunft so wie in der Logopädie oder der Ergotherapie bei Bedarf ein kassengestütztes Rezept für eine wissenschaftlich fundierte und in kurzer Zeit wirksame PLF erhalten kann, dann wäre der Leitgedanke dieses Pilotprojekts umgesetzt!"