Juliane Wyrwol im Porträt: Vielseitigkeit & Pferdewohl

Vielseitigkeit mit Juliane Wyrwol
Sportsgeist & große Sprünge mit Julis Eventer

ArtikeldatumVeröffentlicht am 27.08.2026
Als Favorit speichern
Das Foto zeigt eine Reiterin in der Disziplin Vielseitigkeit, die mit ihrem Pferd auf einer Geländestrecke ein Baumstammhindernis überspringt. Sichtbar sind Reithelm und Sicherheitsweste, das Naturhindernis aus Rundhölzern sowie die offene Wiesen- und Waldumgebung eines Cross‑Country-Parcours.
Foto: MELANKA HELMS

Pferdewohl geht vor. Immer. Da stellt man den Wecker auf "sehr früh”, auch wenn Vielseitigkeitsreiterin Juliane Wyrwol nicht zum Team Frühaufsteher gehört. Aber bei Temperaturen von über 30°C am Tag unseres CAVALLO-Besuchs muss spontan umgeplant werden.

Juliane startet also um kurz nach 6.30 Uhr in Hamburg. Fünfmal pro Woche, erzählt sie auf der Fahrt, fährt sie von der Hansestadt zu den Pferden, Fahrtzeit: 45 bis 90 Minuten. Immerhin kann sie sich als selbstständige Content Producerin – etwa für Werbe- oder Imagefilme – die Zeit frei einteilen und abseits der Hauptverkehrszeiten zu den Pferden. Vielleicht würde es auch den ein oder anderen näheren Stall geben; aber bei der Stallwahl stand für Juliane klar das Pferdewohl im Fokus, sagt sie: "In meinem alten Stall übernahm ein anderer Betreiber. Im Frühjahr war nicht klar, ob die Pferde dieses Jahr überhaupt auf die Weide kommen. Das geht für mich gar nicht."

Keine Kompromisse bei der Pferdehaltung

Also zog sie mit ihren beiden Pferden – der 17-jährigen Baroness ("Nessi") und dem zehnjährigen Caspar – um. Auf der neuen Anlage gibt’s neben garantierten Weide- und Paddockzeiten vielseitige Trainingsmöglichkeiten: zwei Hallen, ein Spring-, ein Dressurplatz, Longierzirkel… Aber der Stall ist heute früh nur ein kurzer Zwischenstopp: Juliane hat für Caspar Galopptraining auf einem Geländeplatz in der Nähe eingeplant. Routiniert kuppelt sie den Anhänger an, packt Sattel, Trense, Helm & Co. ein, holt Caspar und lässt den braunen Wallach einsteigen; alles zusammen dauerte keine 15 Minuten.

Das Foto zeigt Juliane beim Vielseitigkeitstraining im Gelände auf einem braunen Pferd im Galopp. Sichtbar sind Reithelm und Sicherheitsweste, eine Trense, Gamaschen an den Vorderbeinen sowie Sattel und Schabracke; das Pferd trägt zudem eine Fliegenhaube. Die Szene spielt auf einer grasbewachsenen Wiese am Waldrand, typisch für die Geländestrecke der Vielseitigkeit.
MELANKA HELMS

Gemeinsam unterwegs sein? Ist für Juliane und Caspar fast weekly business: Lehrgänge, Reitunterricht, Geländetraining – und natürlich Vielseitigkeitsturniere. Sechs bis acht meldet sie jährlich. In diesem Jahr ist sie zwei davon nicht zu Ende geritten. "Die Bodenverhältnisse waren wetterbedingt einfach schlecht, obwohl sich die Veranstalter viel Mühe gaben. Aber ich wollte das Caspar nicht zumuten", erzählt Juliane, während sie das Gespann über die Landstraßen Richtung Geländeplatz lenkt. Ihrer Stute Nessi "hätte das nichts ausgemacht. Aber Caspar ist viel weicher, sensibler. Mein Bauchgefühl sagte mir: Da reitest du besser nicht drüber. Ich will mit Caspar noch möglichst lange über bessere Böden reiten, also warum was riskieren?"

Ein Unfall brachte ihre Welt ins Wanken

Die Gesundheit ihrer Pferde stand für die 37-jährige Vielseitigkeitsreiterin schon immer an erster Stelle. Vielleicht tut sie’s jetzt noch mehr, weil ein Unfall sie im vergangenen Jahr zum Zweifeln brachte; so sehr, dass sie sich fragte, ob sie diesen Sport noch ausüben will.

Das Foto zeigt ein schwarzes Pferd mit Halfter, das von Juliane auf einer Weide an der Hand geführt und am Hals gestreichelt wird. Die Weitwinkelaufnahme zeigt hohes Gras im Vordergrund und einen klaren blauen Himmel; das Tier ist über einen Führstrick gesichert und kaut auf Grashalmen.
MELANKA HELMS

Im September 2025 meldet Juliane mit Nessi ihre erste Vier-Sterne-Prüfung im polnischen Strzegom. Die ersten Sprünge im Gelände "hatten einen super Rhythmus". Bis Nessi nach einem Sprung auf drei Beinen steht. Die Strecke wird für 15 Minuten unterbrochen, Nessi vor Ort tierärztlich versorgt, verladen, in die nächste Tierklinik gebracht. Banges Warten. "Das war schon ziemlich, ziemlich schlimm, weil du weißt: Womöglich nimmst du dein Pferd nicht mehr mit nach Hause." Glück im Unglück: keine Fraktur bei Nessi – aber ein vollständiger Riss der Beugesehne. Juliane hadert sehr damit. "Natürlich hätte so ein Unfall auf der Weide passieren können. Aber er passierte in einer Vier-Sterne-Prüfung, die ich genannt hatte. Da habe ich mich schon gefragt: Wollte ich das zu sehr? Vermutlich würde mir keiner sagen, ich wäre schuld – aber es fühlte sich danach an." Juliane beendet die Turniersaison, reitet wochenlang nicht; ihre Mutter bewegt Caspar in dieser Zeit. Etwa drei Monate danach fährt Juliane mit einer Freundin und Caspar wieder auf einen Geländeplatz. "Ich bin einfach ein bisschen rumgaloppiert, das erste Mal seit dem Unfall. Aber das war unglaublich befreiend, weil ich merkte: Die Freude an diesem Sport ist noch da, Caspar hatte Spaß. Bis dahin hatte ich mich gefragt, wie ich jemals wieder einen Geländesprung reiten soll." Von dieser Unsicherheit ist heute nichts mehr zu spüren, als wir auf dem Geländeplatz in Sahrendorf ankommen. Juliane putzt Caspar, sattelt, trenst, dreht Stollen in die Eisen. Nach einer kurzen Aufwärmrunde nehmen die beiden ein paar Geländesprünge. Alles sieht easy aus, jede Distanz passt, keinem der beiden ist ein Zögern anzumerken. "Reicht’s an Fotos?", ruft Juliane. Reicht. Dann kommt jetzt ihr eigentliches Trainingsprogramm: Drei Minuten lang galoppieren Juliane und Caspar die Hügel des Geländeplatzes hinauf und hinab, dass der feine Lüneburger Heideboden nur so wirbelt. Eine Minute Pause, dann das Ganze nochmal. Danach lässt Juliane ihren braunen Wallach im Schritt durchs Wasserhindernis gehen, um die Beine zu kühlen. Die Pause nutzt sie für eine kurze Social-Media-Story; rund 76 000 folgen ihrem Account Julis Eventer auf Instagram.

Empfohlener redaktioneller Inhalt
Social Icon Instagram

Sie zeigt, wie positiv Reitsport sein kann

Ihre Reichweite nutzt sie, um positiv für den Reitsport einzustehen, mit dem Hashtag #wirfürdenpferdesport. Den verwendete Juliane erstmals nach den Olympischen Spielen 2021, als Reiterin Annika Schleu im Fünfkampf ihr Pferd schlug. Hintergedanke: Wir setzen bewusst Positives gegen dieses No-Go-Verhalten. Die Influencerin war deshalb auch beim Social-License-Workshop der FN Ende 2022 dabei und engagiert sich bei "Vielfalt Pferd”. "Bislang war es okay, dass wir Pferde nutzen – für Sport oder Freizeit –, wenn wir mit dem Pferd artgerecht umgehen und es ein schönes Leben hat. Das steht jetzt gesellschaftlich auf dem Prüfstand", sagt Juliane. Es gebe immer noch Reiter im Profibereich, "die das nicht verstehen – und das ist schade, denn am Ende wird auf die Profis und deren Verhalten geschaut". Deshalb müssten Verbände viel schneller reagieren, findet Juliane; etwa indem Verfehlungen härter geahndet werden – auch und gerade bei namhaften Reitern.

Das Foto zeigt eine Reiterin, die ein braunes Pferd im Freien mit einem Wasserschlauch am Maul abkühlt. Das Tier trägt ein Halfter mit Führstrick; die Wassertropfen und Spritzer sind deutlich sichtbar, die Szene wirkt sommerlich auf einem Stallgelände.
MELANKA HELMS

Schnell reagiert auch Caspar, als Juliane das Handy wegsteckt. Der Wallach hebt wie auf Kommando den Kopf: Geht’s weiter? Ich wäre soweit! Aber für ihn steht heute nur noch Duschen auf dem Plan – und, wieder daheim angekommen, Weidezeit mit seinen Kumpels. Während Caspar ein "wahnsinnig soziales Pferd" ist, benehme sich Nessi "manchmal wie die Queen persönlich und hinterfragt viel mehr." Wie etwa jetzt, als Juliane die Boxentür öffnet. Nessi wirft ihr einen kurzen Blick zu, als wolle sie sagen: "ich habe zu tun" – und zupft demonstrativ weiter Heuhalme aus ihrer Raufe. Die Stute wird aktuell antrainiert; bei unserem Besuch liegt die tägliche Bewegungsdauer bei 15 Minuten Schritt. Nessi nimmt’s gelassen; am Putzplatz steht sie ruhig, auf dem Reitplatz arbeitet sie konzentriert mit. Ihr Trainingsprogramm: Bodenarbeit – halten, antreten lassen, rückwärts, biegen… Kaum zu glauben, dass Nessi auch anders kann. Etwa beim ersten Proberitt: "Ich hatte nie Angst beim Springen, aber da schon. Nessi sprang Häuser und hat eine sehr eigene Abdrücktechnik, die katapultiert dich regelrecht aus dem Sattel." Nach dem ersten, nicht wirklich kontrollierbaren Geländeritt, erinnert sich Juliane, sagte sie noch zu ihrer Mutter: Sie wisse nicht, ob man dieses Pferd wirklich im Gelände reiten solle.

Große Träume hat sie für ihre Pferde

Tat sie dann aber glücklicherweise doch. Auch Mutter Doritt startete mit Nessi im Gelände, allerdings nicht mehr nach einem Sturz mit kompliziertem Knieschaden. Dafür ist sie bis heute Julianes Begleitung bei jedem Turnier – und oft genug im Alltag.

Inspiration für Juliane ist sie sowieso: "Meine Mama ist früher mit Blütern von der Bahn Vielseitigkeit gegangen. Für mich war immer klar: Das will ich auch." Mit Mamas Pferd Jimmy schaffte Juliane den Sprung in Hessens Juniorenkader, mit Wallach Alani startete sie international. Der musste verletzungsbedingt aus dem Sport genommen werden, ist aktuell an einen Therapiestall ausgeliehen und macht dort Kinder glücklich. "Falls das nicht mehr geht, hole ich ihn zurück. Alani hat einen Platz auf Lebenszeit." Den hat auch Nessi. Sie darf nach der Arbeit noch an der Hand grasen und dann weiter am Heu mümmeln. Fehlt auf Julianes To-Do-Liste nur noch der Letzte im Trio: der zweijährige Alf, den Juliane als Fohlen kaufte. Aktuell steht der schwarzbraune Wallach mit Kumpels in einem kleinen Offenstall; im nächsten Sommer will Juliane den Schlaks schonend anreiten. Wohin der Weg mit Alf führt? Mal schauen, meint Juliane und krault dem Schwarzbraunen den Widerrist. Vielleicht tritt er in Caspars und Nessis Hufspuren. Dass Caspar den Sprung aufs 4*-Niveau schafft, traut ihm Juliane zu. Insgeheim träumt sie davon, mal die Europameisterschaft der ländlichen Vielseitigkeitsreiter (CCI3* European Cup) zu reiten – oder bei der Deutschen Meisterschaft in Luhmühlen. Vielleicht ist Caspars Name Programm: Der heißt vollständig "Can’t stop Caspar".