Online-Auktionen Lisa Rädlein

Chancen und Risiken: Pferdekauf per Online-Auktion

Virtueller Hammer Pferdekauf per Online-Auktion

Die Corona-Krise hat Online-Auktionen befeuert: Allein der Hannoveraner Verband versteigerte 240 Fohlen und 220 Reitpferde im Netz. Chancen und Risiken des Trends.

Beim Fischzug im Netz angeln Reiter gerne mit. Haben Sie nicht auch schon auf ein besonderes Schabracken-Schnäppchen geboten? Der neueste Trend geht dahin, das passende Pferd gleich mit zu bestellen. Online-Pferdeauktionen boomen – gerade während der Covid-19-Pandemie.

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Auch Freizeitreter steigern bei Online-Auktionen mit

Noch nie wechselten wohl so viele Pferde in Deutschland den Besitzer per Mausklick wie 2020. 240 Fohlen und 220 Reitpferde mit hannoverschem Brand wurden bis November so versteigert, beim Westfälischen Pferdestammbuch kamen 88 Fohlen und 86 Reitpferde unter den virtuellen Hammer. Käufer sind längst nicht mehr nur internationale Sportställe. Das Angebot lockt schon jetzt Hobbyreiter.

Wilken Treu, Geschäftsführer des Hannoveraner Verbands, geht davon aus, dass ihr Anteil größer werden wird. "Ich denke, dass man die derzeitige Lage als Aufbau eines neuen Bereichs ansehen muss, der in den nächsten Jahren immer selbstverständlicher wird – auch für Privatpersonen", prophezeit er. In der Krise hat sich die Online-Variante als Alternative zu Präsenzveranstaltungen bewährt: "Zur Aufrechterhaltung des Verkaufs sind Online-Auktionen ein wichtiger Bestandteil geworden."

Mitbieten auch am Smartphone

Noch, so der Zuchtexperte, meldeten sich auf den Plattformen vor allem gewerbliche Käufer zum Bieterduell an. Doch Anbieter sehen in dem Format auch Vorteile für Hobbysportler. Die könnten sich bequem anhand der Informationen auf der Auktionswebseite für ihren nächsten Partner entscheiden und ein Gebot abgeben.

Das geht am PC und sogar per Smartphone von unterwegs. Auch Aussteller profitierten von dem Format: Beim für Fohlenauktionen gängigsten Konzept müssen sie den Nachwuchs nur zum Vet-Check vorstellen und ein Video von ihm aufnehmen.

Online-Auktionen
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99% der Angebote werden im Netz für zu viel Geld ersteigert. Pferde auch? Bisher zumindest nicht. So zahlten Bieter bei der Westfälischen Online-Fohlenauktion im September 2019 im Schnitt 5566 Euro für einen Absetzer, bei der klassischen Auktion waren es 10 000 Euro.

Züchter Gerd Sosath ist überzeugt: "Die Online-Auktion bietet für alle Beteiligten Vorteile." Er hat 2019 zum ersten Mal Fohlen im Internet versteigert. Mit Interessenten aus 14 Ländern und einem Durchschnittspreis von 8.200 Euro stufte er die Premiere als Erfolg ein. 2020 waren Pferde des Züchters bei Online-Versteigerungen verschiedenster Verbände vertreten. Doch nicht alle waren zu Beginn so positiv gestimmt.

Beim Fohlenkauf ziehen Online-Auktionen

Wer ein ausgebildetes Pferd suchte, dem fehlte oft das persönliche Kennenlernen für die Kaufentscheidung. "Die ersten Reitpferde-Online-Auktionen sind daher gescheitert", erinnert sich Wilken Treu.

Thomas Münch hat 2018 einen Kompromiss aufgezeigt: Der Pferdehändler und Vermarktungsleiter des Westfälischen Pferdestammbuchs bot eine Woche lang die Möglichkeit, Auktionspferde probezureiten. Die Versteigerung fand im Anschluss online statt.

Ein Modell, das während der Corona-Krise Nachahmer fand, darunter der Hannoveraner Verband: Ende Mai 2020 wechselten zum ersten Mal Reitpferde online den Besitzer – für durchschnittlich 22.254 Euro. Wer wollte, konnte seinen Favoriten vor dem Bid up in der Zentrale in Verden unterm Sattel testen. Meistbietend verkauft wurden die 67 Sporthoffnungen dann im Netz statt, wie sonst, in der Niedersachsenhalle.

Liegt die Zukunft des Pferdehandles im Worl Wide Web?

Zum Teil, glaubt Wilken Treu: "Das bietet insbesondere ausländischen Käufern eine gute Möglichkeit und sichert den weltweiten Absatz." Und zwar auch während der Krise: Bei den hannoverschen Fohlenversteigerungen im Juni 2020 sicherte sich ein Bieter aus Spanien den teuersten Springnachwuchs, das begehrteste Dressurtalent ging in die USA. 30 der 57 Vierbeiner bei der virtuellen Reitpferdeauktion im Juli verließen Deutschland ebenfalls.

Damit das alles technisch reibungslos klappt, arbeiten Anbieter mit professionellen Partnern zusammen. Gerd Sosath etwa beauftragte das Hamburger Auktionshaus Dechow, das 2018 mit dem Verkauf des Air Berlin-Bestands Aufsehen erregte.

Während der Züchter das Lot aus 31 Fohlen zusammenstellte, kümmerte sich Projektmanagerin Simone Teichelkamp darum, alles rechtlich und steuerlich sauber über die Bühne zu bringen, also etwa darum, dass die Mehrwertsteuer korrekt abgeführt wurde.

Für wen lohnen sich Online-Auktionen?

Aber reicht das, um ein Gebot abzugeben? Und lohnt sich die Online-Auktion für die Züchter am Ende? Psychologie-Studien kamen in der Vergangenheit zum Ergebnis, dass Menschen im Netz gerne zu viel zahlen.

So beobachteten Verhaltensökonom Dan Ariely und Marketingexperte Itamar Simonson, wie der Satz "Sie sind derzeit der Höchstbietende" Teilnehmer von Internet-Versteigerungen anspornt weiterzubieten. Bei 500 Transaktionen wurden 99 Prozent der Ware überteuert verkauft.

Auf Pferdeauktionen trifft das scheinbar nicht zu – zumindest vor der Corona-Krise: Bei der dritten westfälischen Online-Fohlenauktion Mitte September 2019 lag der Durchschnittspreis bei 5.566 Euro. Kunden der "klassischen" Fohlenauktion, ebenfalls Mitte September, zahlten im Mittel 10.000 Euro für einen Absetzer.

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Noch treten zum Bieter-Duell vor allem gewerbliche Käufer an. In der Krise sicherten Onine-Auktionen den Verkauf ins Ausland.

Ähnliches Bild in Verden: 6.933 Euro gaben Bieter bei der ersten Fohlenauktion im Netz durchschnittlich für Hannoveraner-Nachwuchs aus, ohne ihn live gesehen zu haben. Ganz analog wechselten im Oktober 40 Fohlen bei der 136. Eliteauktion den Besitzer – der Hammer fiel im Schnitt bei 7.100 Euro.

Trabten Fohlen leibhaftig durch den Ring, stieg also ihr Preis. Ob sich das durch eine Zeit ändern wird, in der sogar Reitturniere online stattfinden, ist noch nicht abzusehen.

Tierschützer sehen den Trend mit Sorge

"Kein Mensch sollte seinen tierischen Partner wie einen Gebrauchsgegenstand über Onlineportale kaufen", sagt Jana Hoger von der Tierschutzorganisation Peta. Wie der Deutsche Tierschutzbund fordert sie ein Verbot des Onlinehandels mit Tieren – und kritisiert vor allem die Anonymität im Netz.

Verkäufer könnten kaum einschätzen, in welche Hände sie ihr Pferd geben, und Käufer nicht beurteilen, ob die Chemie mit dem neuen Partner stimmt. "Ich hoffe, dass die wenigsten Hobbyreiter ein Reitpferd online kaufen", sagt auch Dr. Bonny-Jasmin Jacobs, die mit ihrem Vater Dr. Karl-Otto Jacobs im niedersächsischen Bierbergen einen Zuchtbetrieb leitet. Denn "nicht jeder Reiter kann jedes Pferd reiten". Gerade im Amateurbereich sei Probereiten unverzichtbar.

Der renommierte Züchter und Vorsitzende des Hannoveraner Verbands, Hans-Henning von der Decken, glaubt nicht an den Online-Trend: "Das ist nur ein Boom." Zwar würden in Zukunft wohl mehr Pferde so den Besitzer wechseln, die persönliche Variante mit Handschlag werde aber kaum abgelöst.

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