Studiendesign und Stichprobe
Die Grundlage der Auswertung war ein im April 2025 über Social Media verbreiteter Onlinefragebogen; vollständig ausgefüllt wurden 484 Fragebögen. Die Stichprobe war überwiegend weiblich (98 %), 86 % der Teilnehmenden gaben mehr als zehn Jahre Reiterfahrung an.
Die Studie von Prof. Dr. Manuela Kesselmann erfasst neben dem Selbstwert auch Empathie, Veränderungsbereitschaft und die Bewertung des Pferds als Ressource — und verknüpft diese Konstrukte mit Angaben zu Führungsstil, Losgelassenheit und Reaktionsweise bei Widersetzlichkeit.
Für pferdegerechtes Reiten nutzte die Studie die FN‑Richtlinien als Orientierung. Losgelassenheit und eine verständnisvolle Reaktion auf Widersetzlichkeiten standen im Zentrum der Definition – nicht rein technische Kriterien.
Selbstwert und Reitverhalten
Kernaussage der Auswertung ist ein positiver Zusammenhang zwischen höherem Selbstwertgefühl und Angaben zu pferdegerechtem Reiten. Personen mit höherem Selbstwert berichteten häufiger, auf Fachwissen zu bauen und weniger dominanzorientiert zu handeln.
Das zeigt sich konkret in der Art, wie Reiter auf Widersetzlichkeiten reagieren: Höher eingeschätzter Selbstwert ging mit der Neigung einher, Ursachen zu suchen und mit Verständnis statt mit Druck zu reagieren. Das ist praxisrelevant, weil es direkt das Wohlbefinden des Pferds und die Ausbildungsergebnisse beeinflusst.
Gleichzeitig signalisieren die Ergebnisse, dass einem niedrigeren Selbstwertgefühl eher dominante Verhaltensmuster im Umgang mit dem Pferd gegenüberstanden. Die Studie betont in diesem Zusammenhang den Stellenwert der Selbstregulation: Es geht nicht allein um Wissen, sondern um die Fähigkeit, Emotionen und Reaktionen zu steuern.
Unterschiede zwischen Freizeit- und Turnierreitern
Ein unerwartetes Ergebnis für die Forschenden war die deutliche Differenz zwischen Freizeitreitern und Turnierreitern. Freizeitreiter gaben im Durchschnitt ein höheres Selbstwertgefühl an und berichteten von positiveren Beziehungen zu ihren Pferden.
Die Studie legt nahe, dass Leistungsdruck, Wettbewerbssituation und der öffentliche Bewertungscharakter des Turniersports Faktoren sein können, die Selbstwert und Beziehungserleben belasten. Das bedeutet nicht, dass Turnierreiter grundsätzlich schlechter mit Pferden umgehen, sondern dass Kontext und Stressoren das Erleben und Verhalten beeinflussen können.
Für Trainer und Betreuer heißt das: In Leistungsumfeldern sind Selbstregulation und Unterstützungsstrukturen besonders relevant, weil dort externe Bewertung das innere Erleben stärker belastet als im Freizeitkontext.
Veränderungsbereitschaft und Pferd als Ressource
Neben dem Selbstwert zeigte sich auch, dass Veränderungsbereitschaft ein wichtiger Faktor für fachlich fundiertes, pferdegerechtes Reiten ist. Wer sich selbst als veränderungsbereit einschätzt, berichtete häufiger von respektvollem Umgang und fachlich begründeten Trainingsentscheidungen.
Ein weiterer Zusammenhang betraf die Wahrnehmung des Pferds als positive Ressource: Reiter, die ihr Pferd als wichtige Ressource erlebten, gaben ebenfalls häufiger an, pferdegerecht zu handeln und eine gute Beziehung zu haben. Damit rückt die emotionale Bedeutung des Pferds in den Fokus der Trainingsgestaltung.
Diese Befunde zusammengenommen deuten darauf hin, dass innere Haltungen — Selbstwert, Offenheit für Veränderung, Wertschätzung des Pferds — die Grundlage für Entscheidungen im Training legen und dadurch direkt das Pferdewohl beeinflussen.
Was Trainer und Reiter konkret tun können
Prof. Dr. Manuela Kesselmann empfiehlt, Korrekturen weniger rein technisch, sondern emotional eingerahmt zu geben. Das bedeutet in der Praxis: Fehler als Lernchance darstellen, statt sie als persönlichen Mangel zu formulieren. Solche sprachlichen und pädagogischen Anpassungen unterstützen die Selbstregulation des Reiters.
Ein weiteres Element ist Reflexion: Trainer und Reiter sollten das Verhalten des Reiters gegenüber dem Pferd bewusst analysieren — etwa mit Fragen wie: Was wollte ich gerade erreichen? Was hat mich unter Druck gesetzt? Diese Reflexion fördert Verantwortungsübernahme statt Schuldzuweisung.
Für die individuelle Arbeit nennt die Studie Strategien zur Stärkung des Selbstwerts: Fokus auf eigenen Fortschritt statt Vergleich mit anderen, Prozessziele setzen statt nur Ergebnisziele und Freude am Tun zulassen. Im Turnierkontext empfiehlt die Studie, sich für Prüfungen eigene Ziele zu setzen, bei denen fachliches Feedback und Pferdewohl stärker gewichtet werden als reine Platzierungen.
Grenzen der Studie und nächste Schritte
Die Studie ist explorativ und korrelativ: Sie zeigt Zusammenhänge, aber keine Kausalität. Die Forschenden selbst nennen als nächste Schritte Interventionsstudien, die prüfen, ob gezieltes Selbstwert‑ oder Empathietraining das Reitverhalten und die Beziehung zum Pferd verändert.
Weitere Untersuchungen sollten außerdem den Einfluss des Unterrichtsstils auf den Selbstwert untersuchen und spezifische Stressoren im Turnierumfeld identifizieren. Solche Arbeiten könnten konkrete Hebel für Ausbilder und Verbände liefern, um das Pferdewohl systematisch zu stärken.





