Ein echter Team- Player
Die Hunde schlagen an, als wir Gut Weiglschwaig betreten. Die Reitanlage nördlich von München ist das Zuhause von Raphael Netz, seiner Partnerin Selina Söder und ihren Dressurpferden. Abgesehen vom Bellen der Wachhunde ist es still. Nur aus der Reithalle dringt leise Musik. Es ist einer dieser Orte, an denen man sofort spürt: Hier bestimmen nicht Hektik und Eile den Alltag, sondern Ruhe und Gelassenheit. Dabei gäbe es eigentlich allen Grund zur Nervosität.

Ausdruck entsteht durch Lockerheit: Mit Stute Sola Diva zeigt Raphael, was feines Reiten ausmacht.
Denn erst zwei Tage zuvor hat Raphael erfahren, dass er Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Aachen vertreten wird – der bislang größte Erfolg seiner Karriere. Kurz zuvor gewann der 27-Jährige mit der deutschen Dressurmannschaft den Nationenpreis in Hagen und belegte mit Great Escape Camelot Rang zwei im Grand Prix Special. Wenig später fiel die Entscheidung: Raphael und Camelot gehören zum deutschen WM-Team. Dass sie Team-Gold holen werden, ist heute noch ein Traum. Wer nun einen Stall im Ausnahmezustand erwartet, wird überrascht. Die einzige Deutschlandflagge, die wir entdecken, trägt Raphaels Hund Bella um den Hals. Statt über seine WM-Nominierung oder Erwartungen zu sprechen, erzählt Raphael lieber vom Pferdeurlaub.
Mehr zu den ausgezeichneten WM-Ergebnissen der Dressurreiter könnt ihr übrigens hier nachlesen:
Erst Camelot, dann die Weltmeisterschaft
"Ob bei Turnieren wie zuletzt in Hagen oder beim Weltcup in Saudi-Arabien, Camelot gibt für mich immer alles", sagt Raphael. "Deswegen hat er jetzt erst einmal eine Woche frei und wird nicht geritten." Die WM in knapp einem Monat spielt dabei keine Rolle. Erst kommt Camelot.
Raphael öffnet die Boxentür seines Herzenspferds. Der 15-jährige Wallach streckt neugierig den Kopf heraus und sucht zielstrebig nach den Karotten, die wir mitgebracht haben. Dass er als Spitzensportler an trainingsfreien Tagen wegen ihres hohen Zuckergehalts eigentlich auf Möhren verzichten sollte, scheint ihn herzlich wenig zu interessieren. "Zwei oder drei gehen schon", sagt Raphael. Als er Camelot den Kopf krault, erzählt er, dass es mit Blick auf die Weltmeisterschaft keinen besonderen Trainingsplan geben wird. "Wir werden nicht viel anders machen", sagt er. "Das hat uns schließlich bis zur Nominierung gebracht und kann deshalb nicht so verkehrt gewesen sein."

Raphael spricht kaum von sich allein. Für ihn entsteht Erfolg immer im Team.
Anschließend nimmt Raphael uns mit auf einen Rundgang über Gut Weiglschwaig. Hier werden Sportpferde ausgebildet und auf Turniere vorbereitet, Reiter gecoacht sowie Nachwuchstalente verkauft. Der Hof ist Lebensmittelpunkt für Raphaels und Selinas 17 Pferde sowie das Team, das täglich hinter ihnen steht. Jedes Detail ist durchdacht: großzügige Paddockboxen, helle Stallgassen, eine riesige Reithalle sowie ein großer Außenplatz und saftige Weiden – alles auf kurzen Wegen erreichbar. Täglich verbringen die Tiere Zeit im Freien. "Wir wollten an einen Ort ziehen, an dem sich Mensch und Tier gleichermaßen wohlfühlen und gleichzeitig optimale Trainingsbedingungen haben", sagt Raphael. "Alle meine sowie die mir anvertrauten Pferde sollen glücklich, gesund und gut gymnastiziert sein. Wenn das alles passt, kommt der Erfolg meistens von allein."
Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch Raphaels Leben. Noch heute erzählen seine Eltern – die mit Pferden nichts zu tun hatten –, dass ihr Sohn schon als Baby jeden Spaziergang unterbrach, sobald irgendwo Ponys auf einer Koppel standen. "Ich wollte immer zu den Pferden", erinnert sich Raphael. "Warum das so war, kann bis heute niemand richtig erklären." Der entscheidende Funke sprang schließlich bei einem Kindergeburtstag mit Ponyreiten über. Für viele Kinder ein schönes Erlebnis – für Raphael der Beginn einer Leidenschaft, die ihn nie wieder loslassen sollte. Seine Eltern ermöglichten ihm daraufhin bereits mit etwa fünf Jahren Reitunterricht bei einer Pferdetrainerin im Ort. Karin Miles war auf Sitzschulung spezialisiert und ließ ihren jungen Schüler zunächst ein ganzes Jahr ausschließlich an der Longe reiten. Gleichgewicht, Körperspannung und ein unabhängiger Sitz standen im Mittelpunkt. "Meine Eltern haben damals gesagt: Wenn der Junge sich so lange quälen lässt, dann muss er es wirklich wollen", erzählt Raphael und lacht. "Rückblickend hätte es für meine Karriere keinen besseren Grundstein geben können." Mit neun Jahren erfüllten ihm die Eltern schließlich seinen größten Wunsch: ein eigenes Pferd. Die Familie besuchte einen Verkaufsstall. Auf einer Weide standen zahlreiche Pferde. Ein Haflinger lief ihnen neugierig hinterher."Das hat uns gefallen", erinnert sich Raphael. Also wurde der Junge auf den dreijährigen Akatenao – kurz Aki – gesetzt und ein paar Runden im Schritt geführt. Der Haflinger blieb ruhig. Mehr brauchte es nicht. "Damit war die Entscheidung gefallen", sagt Raphael. Erst nach dem Kauf stellte sich heraus, dass Aki noch gar nicht angeritten war. "Wir wussten es damals einfach nicht besser", erzählt Raphael und lacht. Doch, Glück gehabt, das Pony war brav und der Junge überglücklich. Für Raphael wurde Aki zum wichtigsten Lehrmeister seiner Jugend. Er ritt den Wallach selbst ein. Karin Miles unterstützte. Schon damals hatte Raphael einen großen Traum: Er wollte eines Tages im Frack reiten. Nicht wegen der Schleifen und nicht wegen des Applauses, sondern weil ihn die Eleganz faszinierte. "Ich fand das einfach wunderschön", berichtet er heute. Gemeinsam arbeiteten sich Raphael und Aki von einer Dressurklasse zur nächsten. Anfangs wagten sie sich sogar über Sprünge, doch schon bald zeigte sich, dass ihre eigentliche Zukunft im Dressurviereck liegen würde. Nachdem seine Trainerin ihn bis zur Klasse L begleitet hatte, brachte er sich vieles selbst bei. Beim Wiesbadener Pfingstturnier saß er stundenlang am Rand, beobachtete die besten Reiter und versuchte anschließend zu Hause, die Lektionen nachzureiten. Darüber hinaus analysierte er Videos und probierte unermüdlich aus. "Wenn ich etwas erreichen wollte, musste ich Leistung bringen. Das hatte ich früh verstanden", sagt Raphael. Mit Erfolg: Mit gerade einmal 13 Jahren bestritten der Junge und sein siebenjähriger Haflinger ihre erste S-Dressur. "Der Frack war viel zu groß", erzählt Raphael schmunzelnd. "Ich sah aus wie ein kleiner Pinguin, aber ich war total glücklich."
Für Gesprächsstoff sorgte an diesem Tag jedoch weniger der Frack als vielmehr sein Pferd. Während die Konkurrenz mit edlen Warmblütern ins Viereck ritt, erschien Raphael mit einem stämmigen Haflinger. "Die Leute konnten reden, was sie wollten. Das hat mich nicht gestört", sagt er. "Ich hatte mein Ziel vor Augen: Ich wollte einer der besten Dressurreiter der Welt werden." Vielleicht ist genau diese Zielstrebigkeit der Grund, warum bald andere Pferdebesitzer auf den Jugendlichen aufmerksam wurden. Nach und nach vertrauten sie ihm ihre Ponys und später auch ihre Sportpferde an. Raphael schaffte den Sprung in den Bundeskader und lernte schon früh, mit dem Druck großer Sichtungsturniere umzugehen. "Diese Situationen haben mir unglaublich geholfen", sagt Raphael."Wenn es jetzt um eine WM-Nominierung wie in Hagen geht, fühlt sich das natürlich besonders an. Aber ich habe schon früh gelernt, was ich tun muss, wenn ich aufgeregt bin und abliefern muss."
Eine E-Mail brachte ihn nach Aubenhausen
Bis heute hat Raphael vor Prüfungen seine festen Rituale. "Ich ziehe mich vorher zurück und mache einen Powernap. Danach gibt es zwei Espressi, dann putze ich meine Stiefel, meinen Helm und meinen Frack, connecte mich mit meinem Pferd und los geht’s."
Dass der junge Raphael damals auch unter Druck einen kühlen Kopf bewahrt hat, sprach sich in der Dressurszene herum. 2016 erhielt Raphael eine E-Mail von der späteren Olympia-Siegerin Jessica von Bredow-Werndl. Sie war über Raphaels Instagram-Profil auf den jungen Hessen aufmerksam geworden. Beeindruckt von seinem feinen Reitstil und seinem Gespür für Pferde lud sie ihn zum Probearbeiten nach Aubenhausen ein. Bereits nach drei Tagen stand für beide Seiten fest: Das passt. Mit 17 Jahren zog Raphael nach Bayern. "Ich wollte einfach ganz viel lernen und jeden Tag besser werden", berichtet er. Acht Jahre blieb er bei Jessica und ihrem Bruder Benjamin, ritt zahlreiche Pferde bis auf Grand-Prix-Niveau, wurde mehrfach Europameister und erhielt wertvolle Einblicke in den internationalen Spitzensport, die ihn bis heute prägen. "Manchmal musste ich mich selbst kneifen, weil das alles nicht selbstverständlich war", sagt Raphael. "Ich bin so dankbar für diese Zeit." Mindestens genauso wertvoll war eine Erkenntnis, die ihn bis heute begleitet: Jedes Pferd braucht seinen eigenen Weg. Wie unterschiedlich dieser aussehen kann, zeigte ihm beispielsweise Wallach Lacoste. Für ihn verlegte Raphael einen Teil des Trainings kurzerhand auf die Ovalbahn in Aubenhausen. Dort fühlte sich "Costi" wohl. So gewann er Vertrauen und entwickelte sich schließlich zu einem erfolgreichen Championatspferd.
Den Wunsch, eines Tages einen eigenen Ausbildungsstall zu führen, hatte Raphael schon lange. Diese Möglichkeit bot sich vor zweieinhalb Jahren. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Selina gründete er die Netz Equestrian GmbH. Längst geht es dabei um weit mehr als nur ums Reiten. Gemeinsam führen sie einen Ausbildungsbetrieb auf Gut Weiglschwaig, kümmern sich um die Pferde, organisieren Mitarbeiter, betreuen Pferdebesitzer und coachen Reiter. "Selina und ich ergänzen uns super", sagt Raphael."Konkurrenzdenken gibt es bei uns überhaupt nicht."

Raphael kann nicht nur Pferde motivieren. Auch sein Hund macht begeistert mit.
Teamgeist statt Ego-Trip
Auffällig ist, wie selten Raphael dabei von sich selbst spricht. Fast immer sagt er "wir". Gemeint sind mal Selina, mal das Stallteam, die Pferdebesitzer oder seine Pferde. Erfolg scheint für ihn nie die Leistung eines Einzelnen zu sein. "Damit Camelot und ich fünf Minuten im Viereck glänzen können, muss im Hintergrund alles passen", erklärt er. "Unser Stallteam, Trainer, Hufschmied, Tierärzte, Therapeuten und Sponsoren – das funktioniert nur gemeinsam."
Der Rundgang über Gut Weiglschwaig endet wieder im Stall. Sola Diva wartet bereits gesattelt am Putzplatz. Die elfjährige Hannoveraner-Stute hebt aufmerksam den Kopf, als Raphael auf sie zukommt. "Du Wunderschöne", sagt er und gibt ihr einen Kuss auf die Nase. Dann geht’s in die Reithalle. Dort angekommen stellt er die Stute zunächst frei neben der Aufstiegshilfe ab. Anschließend geht er in aller Ruhe zum Hallentor, um es zu schließen. Sola Diva bleibt brav stehen und beobachtet ihn aufmerksam. "Ausgeglichene, ruhige Pferde sind mir unglaublich wichtig", sagt Raphael. "Das ist für mich die Grundlage von allem." Wenig später sitzt er im Sattel. Sola Diva schwingt locker durch den Rücken, während Raphael scheinbar mühelos jede Bewegung begleitet. Von außen wirkt alles leicht. Fast selbstverständlich. Nur bei einer Piaffe gerät die Stute kurz aus dem Takt. "Da habe ich mich gerade zu sehr auf die Kamera konzentriert", sagt Raphael, lächelt und beginnt die Lektion noch einmal. "Wir treten über unseren Sitz und unsere Hilfengebung in einen Dialog. Wenn wir selbst abgelenkt oder gestresst sind, leidet die Kommunikation und damit auch das Reiten", erklärt er später. Damit wird deutlich, wie Raphael denkt. Wenn eine Lektion nicht gelingt, sucht er die Ursache zunächst bei sich selbst: "Es wäre zu einfach zu sagen, das Pferd hat etwas nicht verstanden. Meistens liegt der Fehler beim Reiter."

Die elfjährige Hannoveraner-Stute Sola Diva unter Raphael in der Reithalle beim Training vor der Kamera.
Anschließend galoppiert er mit Sola Diva einige Runden über den Außenplatz. Die Stute beschleunigt kraftvoll, entwickelt beeindruckenden Schwung und lässt sich ebenso mühelos wieder aufnehmen und bremsen. "Das klappt, weil ich meine Pferde konsequent von hinten nach vorne ausbilde", sagt Raphael. Kurz darauf darf Sola Diva sich im Trab am langen Zügel dehnen. Vor- und Hinterhand arbeiten dynamisch zusammen. Das gefällt uns. "Ausdruck entsteht durch Lockerheit", ruft er uns zu. Nach gut zwanzig Minuten steigt Raphael zufrieden ab: "Ich bin ein Fan von kurzen, intensiven Einheiten mit einzelnen Lektionen im Fokus." Wie erfolgreich seine Trainingsphilosophie ist, zeigt das Turnierergebnis von Sola Diva am darauffolgenden Wochenende: erster Platz im Grand Prix in München. Zum Abschluss begleiten wir Raphael noch einmal zu seinem Champion Camelot. Kaum hört der Wallach dessen Stimme, steckt er neugierig den Kopf über die Boxentür. Der Schopf steht in alle Richtungen ab. Raphael schaut sein Pferd liebevoll an. "Wenn man sich einen Charakter malen würde", sagt er, "dann würde ich Camelot malen. Er gibt immer sein Bestes und möchte alles richtig machen. So wie ich."
Fortschritte zählen mehr als Erfolg
Fragt man Raphael nach seinen sportlichen Zielen, spricht er selbstverständlich von Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Doch mindestens genauso viel Begeisterung hört man, wenn er über die Entwicklung seiner Pferde spricht, über einen gelungenen Trainingstag oder darüber, dass seine Pferde nach einem Turnier zufrieden auf der Weide stehen.
Zum Abschied stellen wir ihm noch eine letzte Frage. Was würdest du dem neunjährigen Raphael von damals heute mit auf den Weg geben? "Entspann dich", sagt er und lächelt. "Mach einfach so weiter." Vielleicht ist genau das Raphaels Geheimnis: Er freut sich über den nächsten kleinen Entwicklungsschritt – bei seinen Pferden und bei sich selbst. Und genau deshalb ist aus dem Jungen, der einmal unbedingt im Frack reiten wollte, einer der besten Dressurreiter der Welt geworden.
Kontakt
Raphael Netz und Selina Söder bilden auf Gut Weiglschwaig Pferde bis Grand-Prix-Niveau aus. Mehr Infos findet ihr unter netzequestrian.de












