
Katharina Hemmer ist eine der wenigen Spitzenreiterinnen ohne Pferdesportfamilie im Rücken – ihr Weg begann im Schulpferdestall. Heute ist sie angestellt bei Olympiamannschaftssieger Hubertus Schmidt auf dem Fleyenhof bei Paderborn. Mit ihrem Spitzenpferd Denoix gewann sie Mannschafts-Gold bei der Europameisterschaft 2025 und zuletzt Mannschafts-Gold bei der Weltmeisterschaft 2026 in Aachen.
Training auf dem DOKR-Gelände
Die Richterhäuschen am Rande des Vierecks stehen leer. Unter der Woche und ohne Veranstaltung ist es auf dem Gelände des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) relativ still. Außer Vogelgezwitscher sind die Stimmen von Katharina Hemmer und Anna Den zu hören. "Nach vorne denken, spielerisch weitergaloppieren”, ruft Katharina Hemmer, amtierende Mannschaft-Dressur-Europa- und Weltmeisterin. Sie steht im Sand und trainiert mit S-Dressurreiterin Anna Den.

Anna Den mit "Feiner Prinz" beim Galopp-Training mit Katharina Hemmer.
Im Gleichmaß galoppiert ihr Pferd Feiner Prinz, versammelt sich, setzt seine Hinterhand schon fast zu tief und zeigt eine große Pirouette. "Eine große Pirouette reiten, und nur die Galoppsprünge kleiner machen", erklärt Katharina Hemmer. "Mein Pferd bemüht sich immer so, dass ich ihn gar nicht stören möchte", gibt Anna Den ihr Gefühl weiter. Die Gefahr ist, dass die Pirouette doch zu klein wird und zu anstrengend fürs Pferd – da hilft die Kontrolle von der Trainingspartnerin, von unten aus einem weiteren Blickwinkel.
Bundesstützpunkt Warendorf
In Warendorf im Münsterland hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ihren Sitz – und das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR). Beide treten seit 2025 unter der Marke "Pferdesport Deutschland” auf. Zur Anlage gehören drei Reithallen, eine Mehrzweck- und eine Longierhalle, zwei Dressur-, zwei Mehrzweck- und zwei Springplätze auf Sand sowie ein Fahr- und Vielseitigkeitsplatz auf Gras mit Naturhindernissen. Dazu kommen eine Galoppierbahn und ein angrenzender Reitwald. Die Ställe bieten Platz für 110 Boxen. Dort stehen die Pferde einiger Kaderreiter, unter anderem von Gianna Regenbrecht und Antonia Baumgart. Für Lehrgangsgäste gibt es weitere 71 Boxen. Jährlich trainieren in Warendorf rund 2.000 Reiter mit 4.000 Pferden.
Miteinander trainieren
Spitzenreiterin coacht Spitzenreiterinnen: Katharina Hemmer ist für einen Tag von ihrem Heimatstall Fleyenhof bei Paderborn nach Warendorf gekommen. Aus Bottrop dagegen sind Anna Den und ihr 12-jähriger Feiner Prinz angereist. Unter dem Motto #ridingtogether treffen sich noch Vielseitigkeitsreiterin Antonia Baumgart und Para-Reiterin Gianna Regenbrecht, deren Pferde am DOKR stehen. Alle wollen gemeinsam mit Katharina Hemmer trainieren.

Von links nach rechts: Para-Dressurreiterin Gianna Regenbrecht mit Flori, Vielseitigkeitsreiterin Antonia Baumgart, Team-Dressur-Europameisterin Katharina Hemmer und Dressurreiterin Anna Den mit Feiner Prinz.
"Super, schön, gut so" – ist immer wieder zu hören. Katharina Hemmers positives Feedback verleiht Flügel. Sie verkörpert die junge Generation im Dressurviereck, die mit Begeisterung, Lob und konkreten Bildern arbeitet.
Seit zehn Jahren ein Team
Katharina Hemmer guckt sich bei jedem Reiter-Pferd-Paar erst ein. Natürlich interessiert sie sich auch für die Hintergründe: Anna Den zum Beispiel hat ihr Pferd Feiner Prinz, seitdem er zwei Jahre alt ist. Der dicke Schopf und die großen Augen haben sie verzaubert – zehn Jahre später haben die zwei den Weg bis zur Klasse S geschafft.

Anna Den hat erst mit 15 Jahren mit dem Reiten begonnen. Inzwischen startet sie bis Klasse S**. Reiten ist ihr Hobby, sie hat sechs Pferde, ist Markenbotschafterin und Testimonial für diverse Reitsportfirmen.
Wenn Anna Den galoppiert, fliegt mit jedem Bergauf-Galoppsprung die Mähne in die Höhe. "Prinz checkt alles von Anfang an, der probiert alles, er macht immer mit”, sagt Anna Den. Und ihr Pferd sucht geradezu die Kamera. Der weiß, dass er wichtig und schön ist.
Herausforderungen im Training
So gut sich das Pferd bewegt, "so ist er auch sehr flexibel in seinem Körper", sagt Anna Den. Tatsächlich weicht manchmal die Hinterhand nach innen aus. Im Schritt greifen die Vorderbeine weit nach vorne. Bei so einem Raumgriff entstehen schnell Taktfehler, wenn das Pferd nicht ganz losgelassen ist. Genau daran will Anna Den arbeiten: "Mein Ziel für das Training mit Katharina ist: Mehr Routine für ungewöhnliche Situationen zu bekommen, um mein Pferd schneller zum Loslassen zu bringen.”
Spaßmacher mit Flex-Körper
Deshalb ist der Ausflug nach Warendorf willkommen. Feiner Prinz und Anna Den bekommen einiges von weitem zu sehen: Zwei Reiter sitzen mit kurzen Bügeln auf ihren Pferden und spazieren am hingegebenen Zügel Richtung Wald, wo sich die Geländestrecke befindet. Aus einem Stall taucht Bundestrainerin Monica Theodorescu auf und führt ein Pferd an der Hand. FN-Präsident Martin Richenhagen verlässt die Bürogebäude des Verbands, deren Fenster teils zum Dressurviereck blicken. Ihm voraus trippelt Lotti, ein Parson Jack Russell.
Intensives Training für Losgelassenheit
Das alles sollte den Prinzen nicht interessieren. Katharina Hemmers Motto für die Stunde: Die Lösungsphase besonders intensiv gestalten – physisch und psychisch. Abwechslungsreich für den Kopf mit immer neuen Linien und vielen Übergängen. Das fördert auch die Losgelassenheit des Körpers. Erst wenn das Pferd wirklich losgelassen ist, kann es taktrein gehen. Das entspricht den ersten beiden Stufen der Skala der Ausbildung: Takt und Losgelassenheit bedingen einander.

Immer wieder Pausen machen und Loben. Anna Den streichelt den Hals ihres Pferds mit beiden Händen.
"Langsam denken, wenn Feiner Prinz im Trab zu eilig wird”, gibt Katharina Hemmer mit auf den Weg. Schenkelweichen im Schritt passt als lösende Übung besonders gut: Von der Mittellinie im Schulterherein Richtung Bande, auf der Viertellinie wieder geraderichten, dann in die Ecke reiten. Ein Spiel zwischen Stellen, Gerademachen und Biegen. Das sind zugleich Vorbereitungen für die Traversale. Traversalen sind Anna Dens Lieblingslektion – die wir in der nächsten Serie von #ridingtogether zeigen. Katharina Hemmers Fazit für das Pferd: "Ein echter Spaßmacher!"
Vielseitigkeitstraining mit Antonia Baumgart

Antonia Baumgart ist Sportsoldatin und trainiert am DOKR, wo auch ihre Pferde leben. 2025 ritt sie erstmals den Vier-Sterne-Kurs beim CHIO Aachen. Mit Ris de Talm erzielte sie gerade im polnischen Baborówko Platz zwei in der CCI4*-L – und steht auf der Longlist der deutschen Vielseitigkeitsreiter für die WM 2026.
Zum DOKR-Areal in Warendorf gehört auch eine Geländestrecke und ein Ausreitwald. Das ist Antonia Baumgarts Metier. Die Sportsoldatin gehört zur Perspektivgruppe in der Vielseitigkeit, in der talentierte Reiter bis 30 gefördert werden. Ihr Pferd Kelly Rose, sieben Jahre alt, stammt vom Hannoveraner Karajan ab und ist ebenfalls ein "Perspektivpferd”: Mit fünf Jahren wurde die Stute mit Antonia im Sattel beim Bundeschampionat der Vielseitigkeitspferde Dritte.
Bedeutung der Dressur im Vielseitigkeitssport
Beim Warmreiten erklärt Antonia Baumgart, wie wichtig die Dressur im modernen Vielseitigkeitssport geworden ist – das Ergebnis ist Ausgangspunkt für Parcours und Gelände. Das Vielseitigkeitspferd soll sich im Viereck möglichst gelassen, aber ausdrucksstark zeigen: "Genau das Gegenteil von der Geländestrecke, wo die Pferde richtig hochfahren müssen”, sagt die Reiterin. Drei gute Grundgangarten sind Pflicht – besonders der Galopp soll raumgreifend, aber wenig aufwendig sein.

Vielseitigkeitspferde wie Kelly Rose sollen möglichst effizient galoppieren, wichtig fürs Gelände.
Denn je größer der Galoppsprung, desto weniger Sprünge braucht das Pferd auf der Strecke. Energiesparen als Prinzip, wenn die Pferde in den höchsten Klassen sechs Kilometer galoppieren. Deshalb ist Antonia Baumgarts Lieblingslektion: der Mittelgalopp und der Übergang zurück zum Arbeitsgalopp – zudem ein Baustein zur besseren Rittigkeit.
Die Hinterhand aktivieren
Aller Anfang ist gleich: die Lösungsphase. Antonia Baumgart zeigt sie lehrbuchreif – langer Hals, sichere Verbindung, immer wieder Handwechsel, gerne auf drei oder vier Bögen durch die Bahn. Katharina Hemmer zeigt den Weg zu mehr Ausdruck: Beim Aktivieren der Hinterhand im Trab nicht mit der Wade drücken, sondern impulsartig treiben – und zugleich mit weichen halben Paraden den Vorwärtsimpuls auffangen und in Richtung Versammlung umlenken. "Am Hinterbein halten”, nennt das die Dressurreiterin. Kelly Rose sieht bald ganz anders aus: Sie schwingt durch den ganzen Körper, das Genick ist der höchste Punkt und sie hat eine positive Körperspannung. "Das ist der Unterschied zwischen einem laufenden und einem schwungvollen Trab. Da ist Energie zu sehen”, meint Katharina Hemmer. Übergänge innerhalb des Trabes verstärken den Effekt: antreten lassen, Tritte verlängern, dann wieder Last aufnehmen – zugleich ist das Krafttraining für die Hinterhand.

Ausdrucksstarke Bewegungen: Daran feilt Katharina Hemmer mit Antonia Baumgart.
Training auf der Geländestrecke
Das Training endet nebenan auf der Geländestrecke – dort verwandelt sich Kelly Rose ein weiteres Mal: Antonia Baumgart im leichten Sitz, die Stute mit der Nase vorne und dennoch in guter Anlehnung – und dann geht die Post ab. Bergauf, bergab über die Wellenbahn, im Takt, in Balance. Zum Schluss geht’s durch den kleinen See – es spritzt, aber der Galopp bleibt im Gleichmaß. Katharina Hemmer ist zufrieden: Ein Pferd, das sich so unter dem Sattel zeigt, "das wollen wir doch alle!”
Para-Training mit Gianna Regenbrecht
Die dritte Trainingspartnerin rollt im Rollstuhl ans Viereck: Gianna Regenbrecht vertritt die Para-Equestrian und sitzt erst am Viereck mit Hilfe auf.

Gianna Regebrecht gehört zu den besten Para-Dressurreiterinnen Deutschlands. Nach einem Reitunfall 2014 sitzt sie im Rollstuhl und startet in Grade II – der Kategorie für Reiter mit eingeschränkter Beinfunktion und reduzierter Rumpfbalance. Mit Stute Flori (First Florentine XT) hat sie 2026 bei der DM in Balve Silber gewonnen – und steht auf der WM-Longlist.
Katharina Hemmer möchte wissen, wie schnell sich Pferde auf das Para-Reiten einlassen? "Flori hat eine gute Grundausbildung, ich muss ihr nur noch meinen Dialekt erklären”, bringt es Gianna auf den Punkt. Statt Schenkelhilfen hält die Para-Reiterin in jeder Hand eine Gerte. Die Beine machen manchmal Bewegungen, die Flori schlicht ignorieren soll. Para-Pferde müssen mitdenken, geduldig sein und ihren Reiter auch vom Rollstuhl aus akzeptieren. Deshalb legt Gianna großen Wert auf gute Erziehung und Bodenarbeit; nur so kann sie aus dem Rollstuhl heraus mit ihren Pferden agieren.
Einsatz der Gerte im Para-Reiten
Das Thema "Gerte" ist Gianna Regenbrecht wichtig: "Die Gerte ist nicht zum Schlagen da, sondern zum Tippen, Anlegen oder mal über das Fell streicheln”. Gianna touchiert damit an der Schenkellage oder an der Schulter, je nach Lektion. "Es ist ein feines Hilfsmittel, das Präzision verlangt. Und die Geduld dafür müssen wir alle lernen”, sagt sie.

Gianna erklärt Katharina, wie sie die Gerten einsetzt, die ihre Schenkelhilfen ersetzen.
Ob Vielseitigkeits- oder Para-Reiterin: Katharina Hemmer fordert von Gianna und Flori im Training auch das aktive Hinterbein. Ihr Gefühl während des gemeinsamen Trainings beschreibt die Sportlerin so: "Ich konnte richtig im Pferd sitzen, die Pferdebewegung hat mich in den Sattel gesogen. Dadurch hatte ich eine so gute Stabilität im Oberkörper, was Floris Hinterbeine nochmal aktiviert hat. Die Energie aus dem Hinterbein landete vorne, ich habe sie mit den Händen fühlen und fein auffangen können. So fühlte sich das Pferd und die Bewegung noch geschlossener an – ein echter Kreislauf – dann ist Reiten einfach!" Gianna Regenbrechts Lieblingslektion wird die Volte – auch wegen des äußeren Zügels. Ohne die äußere Begrenzung wird sonst jede Volte zum Windei. Das Ziel: Ein äußerer Zügel ohne Ziehen. Mit feinen Hilfen, als klares Signal fürs Pferd. Reiten klingt so logisch – und ist im Sattel dann doch immer schwieriger umzusetzen, als die Theorie über die Lippen kommt.
Gemeinsam geht’s besser
Für die Zuschauer ist es immer wieder wie ein Wunder, wenn sich Pferd und Reiter während eines guten Reitunterrichts völlig verändern. Warum gelingen Lektionen oft besser, wenn jemand daneben am Boden steht – obwohl der Reiter selbst eigentlich genau weiß, was zu tun ist?
Die Antwort kennt Katharina Hemmer: "Es ist völlig menschlich, wenn man beim Alleine-Reiten eher in seiner Komfortzone bleibt. Wenn jemand dann von unten über positives Feedback noch ein bisschen mehr verlangt, verschiebt sich die Grenze des Möglichen." Gianna Regenbrecht bestätigt das: "Ein gutes Ergebnis kommt auch durch gutes Timing. Und wenn Katha mich zum nächsten Schritt ermutigt, mit ihrer positiven Art, hilft mir das auch, an mir weiter zu arbeiten. Und wenn ich solche positiven Emotionen spüre, spürt das auch mein Pferd. Das überträgt sich ja sofort."

Katharina reitet am Boden mit und demonstriert mit ihrer Körpersprache: positive Spannung bringt Energie.
So unterschiedlich die individuellen Anforderungen an Pferd und Reiter beim Dressursport, in der Vielseitigkeit oder dem Para-Sport auch sind – die Basis ist dieselbe: die klassische Reitlehre, die Skala der Ausbildung. Und das Ziel eint alle: leichtes, harmonisches Reiten. Der Weg dorthin ist leichter mit #ridingtogether. "Ein gutes Training ist immer ein Gemeinschaftswerk”, sagt Katharina Hemmer.
SO GEHT’S WEITER:
#ridingtogether ist ein gemeinsames Projekt von CAVALLO und den Reitsportmarken ABUS/PIKEUR. Im nächsten Teil der Serie zeigt CAVALLO die Lieblingslektionen der vier Reiterinnen und ihre Übungs-Tipps. Um das nicht zu verpassen, kannst du hier unseren kostenlosen Newsletter abonnieren: Newsletter bestellen (cavallo.de)












