Tarquin Cosack baut Maßsättel per Hand

Zu Besuch bei der Hofsattlerei Cosack
Der Bewahrer

ArtikeldatumZuletzt aktualisiert am 10.04.2026
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Sanftes Sonnenlicht fällt in die Werkstatt. In einem Regal räkelt sich Kater Gismo – ungestört von Hektik und Lärm. An den Werkbänken der Hofsattlerei Cosack in Arnsberg herrscht konzentrierte Ruhe. Tarquin Cosack hat uns schon erwartet, serviert Kaffee – stilecht am Werktisch aus Holz. Der 43-jährige Gründer der Sattlerei ist Sachverständiger und Gutachter für Sattlerhandwerk.

Sofort ist er in seinem Element und zieht ein fünf Quadratmeter großes Rindsleder aus dem Regal. Mit geübtem Schwung breitet er es aus: "Von Kühen aus den Alpen, aus einer deutschen Gerberei”, kommentiert er. Tarquin Cosack liest das Material wie ein Buch. Je mehr Bewegung eine Kuh hatte, desto stabiler sei das Leder. Für einen Sattel brauche man eine ganze Haut. "Es ist ein veredeltes Abfallprodukt. Kein Tier stirbt dafür”, sagt er.

Ob Barock-, Distanz-, Wander- oder Damensattel – jedes Stück ist individuell nach Maß gefertigt. Die Krux: Probereiten ist ausgeschlossen, denn der zukünftige Sattel existiert ja noch gar nicht. "Meine Kunden müssen mir voll vertrauen”, sagt der Sattler. Er spricht ausführlich mit ihnen über Haltung, Nutzung und Training des Pferds, analysiert die Sattellage und vermisst den Rücken. Dann zeichnet er den Sattel und baut ihn zunächst aus Pappe. "Erst am Ende arbeite ich mit dem Leder. Denn das verzeiht keine Fehler.”

Tarquin Cosack ist Sattler und bewahrt das traditionelle Handwerk.
Maya Claussen

Die Sattelbäume werden aus verschiedenen Holzarten gefertigt. Weiche Hölzer dort, wo Flexibilität gefragt ist, harte dort, wo Stabilität nötig ist. Das Ergebnis: Ein Sattelbaum, der leichter als Kunststoff ist und dauerhaft anpassbar. So reiten manche Kunden seit über 15 Jahren im selben Maßsattel – teils auf dem dritten Pferd. Der Einstiegspreis liegt bei 7.000 Euro.

Ein Handwerksbetrieb ohne Nachwuchssorgen

Tarquin Cosack erhält 30 bis 40 Bewerbungen pro Jahr. Obwohl die Anforderungen an die angehenden Reitsport-Sattler hoch sind, denn er hat den Lehrplan abgewandelt. Im Normalfall reicht ein Kopfstück als Gesellenstück. In der Hofsattlerei gehört Sattelbau inklusive anatomisch korrekter Anpassung zur Lehre: "Auszubildende lernen hier in drei Jahren, wofür andere sechs Jahre brauchen."

Tarquin Cosack selbst machte sich direkt nach seiner Gesellenprüfung selbstständig – und bildete aus. "Ohne Meisterbrief, mit Sondergenehmigung”, verrät er. Die Qualität zeigt sich an seiner Gesellin Melia Ritzal: Kammersiegerin, Landessiegerin und Vize-Meisterin bei den Deutschen Meisterschaften im Handwerk. Für ihr eigenes Pferd fertigte sie einen Westernsattel mit handpunziertem Sattelblatt. "Das Muster habe ich selbst entworfen und mit Stempeln aufgebracht”, erzählt die gebürtige Stuttgarterin. Ihren Hengst besucht sie in der Mittagspause, er wohnt in einer Paddockbox gegenüber der Werkstatt.

Tarquin Cosack ist Sattler und bewahrt das traditionelle Handwerk.
Maya Claussen

An den Stall grenzt Tarquin Cosacks Herzensprojekt: die Reithalle, sein "Wohnzimmer für Pferde". Sie ist Trainingsraum, Kompetenzzentrum und Treffpunkt für Seminare. Dort reitet gerade Markenbotschafterin Sofia Cavallari. Die Halle entstand nach historischem Vorbild. An den Wänden hängen Stiche von Pluvinel, über der Bahn ein Kronleuchter. Besonderer Blickfang ist ein Bleifenster mit Blumenmuster, das einen regenbogenfarbenen Lichtpunkt in die Halle wirft. "Unser Feenportal", sagt Tarquin Cosack und schmunzelt. "Vorsicht, wer hindurchgeht, kommt vielleicht nicht wieder.”

Wir reisen mit dem Sattler lieber durchs Zeitportal in seine Kindheit. Die Liebe zu Tieren wurde ihm in die Wiege gelegt. Laufen lernte er am Halsband des Hundes, zum ersten Geburtstag bekam er ein Shetlandpony. Auf dem abgelegenen Rittergut wuchs er isoliert auf. "Also ritt ich mit meinem Pony oft stundenlang allein durch unseren Wald. Ich hatte Freiheit – war aber auch oft einsam", erzählt der Sattler.

Sein Vater prägte die Leidenschaft für Forst und Jagd, seine Mutter die Passion für Pferde. Sie betrieb eine Deckstation und besaß den ersten gekörten Friesenhengst Westfalens. Außerdem gab sie Voltigierunterricht. "Ich war der einzige Junge im rosa Tütü”, sagt Tarquin Cosack. Reiten lernte er klassisch im Verein. Als Achtjähriger begleitete er seine Mutter auf Tourneen der Spanischen Hofreitschule durch Europa. Seine Mutter ritt im Vorprogramm im Damensattel. Er saß auf der Ehrentribüne und bekam abends oft Unterricht von den Scholaren. Hier wurzelt seine Faszination für barocke Sättel.

Vom Turnier- zum glücklichen Freizeitreiter

Auch das Fahren lernte er früh: Mit zwölf Jahren lenkte er bereits Vierspänner mit Hengsten. Der Sattler startete auf Dressurturnieren auf seinem selbst ausgebildeten Warmblut. Als Jugendlicher entdeckte er bei der Arbeit auf einer Ranch in Kanada das Westernreiten und die Liebe zu Quarter Horses. Zurück in Deutschland kaufte er einen Paint-Hengst und wurde auf Anhieb Deutscher Vizemeister in Pleasure & Trail. "Aber die unfairen Bewertungen auf Turnieren gingen mir auf den Keks – egal, ob bei Dressur- oder Westernwettbewerben – und ich wurde glücklicher Freizeitreiter." Er war viel auf Wanderritten unterwegs. Seine Mutter ritt mit Packpferd vom Sauerland bis Wien. Über sie kam er zu Sattlermeister Christoph Rieser, der ihn trotz besetzter Lehrstelle ausbildete – und bis heute sein Mentor und Freund ist.

Mit 21 übernahm Tarquin Cosack das Familienanwesen mit Rittergut und gründete seine Sattlerei – unter der Bedingung, verheiratet zu sein und einen Nachfolger zu haben: "Schon früh lag viel Verantwortung auf meinen Schultern.” Die Familiengeschichte des Sattlers reicht bis ins Jahr 1284 zurück. Über dem Anwesen thront die Hubertuskapelle: "Da wurde ich getauft, dort habe ich geheiratet und irgendwann werde ich dort bestattet." Die Bänke der Kapelle fertigte Tarquin Cosack selbst; dafür fällte er zwei Eichen im eigenen Wald, den er neben der Sattlerei bewirtschaftet.

Das Herrenhaus wird derzeit zur Seniorenresidenz umgebaut, als historischer Wiederaufbau. Ein Mammutprojekt, nur mit staatlicher Förderung realisierbar. "Allein für die Erneuerung der Fenster hätte ich mir ein schickes Einfamilienhaus bauen können." Aber Tarquin Cosack denkt in mehreren Generationen über Jahrzehnte hinaus. Nachhaltigkeit ist für ihn gelebte Selbstverständlichkeit – und kein moderner Trend.

Tief verwurzelt mit dem Boden und der Tradition

Eine Geschichte aus der Kindheit bringt es auf den Punkt: Als kleiner Junge war er mit dem Vater im Wald. Während dieser mit den Waldarbeitern sprach, ließ er den Sohn die Jahresringe einer Buche zählen. Später fragte er an der Kaffeetafel die Zahl ab – es waren fast zweihundert. An der Ahnentafel ging der Vater mit seinem Sohn bis zu dem Vorfahr zurück, der den Baum gepflanzt hatte. "Da habe ich begriffen, wie viele Menschen schon vor mir gingen und dass ich nicht der Nabel der Welt bin. Es lehrt einen auch eine demütige Haltung", sagt Tarquin Cosack.

Seinen Weitblick lässt der Sattler auch in seine Produkte fließen. "Für einen Handwerker ist es das größte Glück, wenn ein Stück ein Leben lang hält”, betont er. Der Sattler gleicht dem Leder, mit dem er arbeitet: belastbar, ausdauernd und geprägt von der Lebensgeschichte.