Pferd über dem Sprung Gettyimages/Westend 61

Ist Touchieren beim Pferdetraining sinnvoll?

Umstrittene Trainingsmethode Der Irrsinn des Touchierens

Die Barr-Vorwürfe gegen Ludger Beerbaum rütteln die Reiterwelt auf – und richten ein Schlaglicht auf die umstrittene Methode des "Touchierens".

Der Fernsehsender RTL strahlte am Abend des 11. Januar 2022 eine Ausgabe der Sendung "Extra" aus, die eine neue Debatte ums Barren auslöste. Kernstück des Beitrags: Vier kurze Viodeosequenzen, in denen eine Person am Boden Pferden im Sprung eine Stange gegen die Vorderbeine führt. Der Reiter soll Springreiter Ludger Beerbaum sein.

Dass die Trainingsmethode Beerbaums quer durch die Reiterwelt Kritik auslöste, war das eine. Auch der FN wurden Versäumnisse vorgeworfen. Diese verbot nach dem Skandal um Paul Schockemöhle vor 30 Jahren (siehe Abschnitt "Vom "Barren" zum "Touchieren": Die Affäre um Schockemöhle") zwar das Barren, erlaubt aber weiterhin sogenanntes "Touchieren" von Pferdebeinen im Sprungablauf – statt geschlagen sollen die Pferdebeine hier nur berührt werden (siehe Abschnitt "Vom "Barren" zum "Touchieren": Die Affäre um Schockemöhle"). "Beim richtlinienkonformen Touchieren handelt es sich um das Setzen eines taktilen Reizes, ähnlich wie beim Abwurf einer Hindernisstange, nicht um das Zufügen von Schmerzen", erklärt FN-Ausbildungsleiter Thies Kaspareit im CAVALLO-Interview.

Beerbaum: Mit Barren nichts zu tun, sondern erlaubt

Beerbaum stritt in einem von ihm veröffentlichten Statement nicht ab, auf den Videos zu sehen zu sein. Mit Barren hätten die Szenen auf dem Reitplatz jedoch nichts zu tun. "Es handelt sich dabei um erlaubtes Touchieren, das von einem erfahrenen, routinierten Pferdefachmann durchgeführt wurde. Der im Video zu sehende Gegenstand erfüllte die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für ein zulässiges Touchieren: nicht länger als drei Meter, maximal zwei Kilogramm schwer."

Doch war die gefilmte Methode wirklich erlaubt? Dazu äußerte sich die FN erst rund eine Woche nach der Ausstrahlung. "In einer ersten Bewertung der Szenen kommen wir zu dem Ergebnis, dass Teile der dokumentierten Vorgänge eindeutig nicht unserer Beschreibung des Touchierens entsprechen. Zum Beispiel ist eine Ausholbewegung zu sehen, bevor die Touchierstange die Pferdebeine berührt", so Soenke Lauterbach, Generalsekretär der FN.

Wo genau hört Berühren auf, wo fängt Schlagen an? Das ist kaum abgrenzbar. Mehr als nur Anhaltspunkte für ein Schlagen findet Dr. Maximilian Pick, Fachtierarzt für Tierschutz, der auch im RTL-Beitrag auftrat. Gegenüber CAVALLO sagte er am Tag nach der Ausstrahlung: "Wenn das wirklich nur ein sanftes Berühren wäre, wäre dagegen gar nichts einzuwenden. Aber auf den Videosequenzen hört man deutliche Schlaggeräusche gegen die Beine. Deshalb würde ich das nicht als Touchieren bezeichnen, sondern als Barren." Ob RTL diese Geräusche womöglich wie teils vermutet verstärkt hat, lässt sich nicht sicher sagen.

Dr. Pick: Sanftes Berühren im Sprungablauf nicht möglich

Doch Pick geht weiter – er stellt in Frage, dass "Touchieren" im Sinne von bloßem Berühren in der Praxis überhaupt funktioniert: "Touchieren ist ja gar nicht möglich! Denn Touchieren heißt: sanft berühren. Und ein Pferd, das mit einer gewissen Geschwindigkeit über den Sprung kommt, das kann ich mit einer Stange an den Beinen gar nicht sanft berühren."

Dr. Andreas Franzky, Vorsitzender der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT), sieht das ähnlich: "Selbst wenn es Menschen gäbe, die die Methode des Touchierens mit einer Stange ohne Schmerzen oder Leiden für das Pferd umsetzen könnten, bleibt eine zu große Gefahr, dass es nicht funktioniert." Zudem sei das Missbrauchspotenzial einfach zu groß. "Das Problem ist, dass eine klare Trennung zwischen Touchieren und Barren nicht möglich ist. Jeder Trainer kann sich im Fall der Fälle einfach darauf zurückziehen, er habe ,nur‘ touchiert." So, wie es auch Ludger Beerbaum nach Bekanntwerden der Videos tat. In weiteren Statements zum Thema äußert er die "feste Überzeugung", dass auf den Videos Touchieren zu sehen sei. Er habe eine ausführliche Stellungnahme an die FN geschickt und sei zuversichtlich, dass sich der Verband nach deren Überprüfung seiner Meinung anschließe – also, dass hier eine von den Richtlinien gedeckte Methode angewandt wurde.

Dass das erlaubte Touchieren ihm noch vor die Füße fallen könnte, bemerkte der Verband 2020, als RTL der FN im Sommer kritisches Videomaterial zum Einsatz von eventuell tierschutzwidrigen Methoden und einen Beitrag zum Thema Barren ankündigte. Die FN berief daraufhin im Januar 2021 eine Kommission ein, die strittige Trainingsmethoden – also das Touchieren – in den Richtlinien prüfen und ggf. überarbeiten sollte. Ende 2021 sollten die Ergebnisse präsentiert werden. Aufgrund der Komplexität des Themas Touchieren dauere die Arbeit jedoch an, schrieb die FN kurz nach Ausstrahlung des RTL-Beitrags.

Im Ausland wundert man sich übers sogenannte "Touchieren"

Bei einem Treffen im Februar 2021 mit RTL bekam der Verband eine Videosequenz zu sehen – ob es sich um einen Verstoß gegen die Richtlinien handelte, habe sie anhand dessen nicht feststellen können, so die FN. Das gesamte Beweismaterial stellte der Sender dem Verband nach eigener Aussage trotz mehrmaliger Aufforderung nicht zur Analyse zur Verfügung. Deshalb zeigte die FN im Mai 2021 schließlich bei der Polizei NRW eine mögliche Verletzung des Tierschutzgesetzes an, die Behörden sollten dem Sachverhalt nachgehen – das Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft jedoch im November 2021 ein.

Im Ausland blickt man mit Verwunderung auf den Verlauf der Affäre. So schreibt die Schweizer "Pferdewoche": "Die Frage muss gestellt werden, wieso in Deutschland eine Expertenkommission derart lange tagen und verhandeln muss, um das Regelwerk zu definieren. Ein Verbot ihrer Version des Touchierens wäre die einzige richtige Lösung, da gibt es keine Kompromisse." Und auch die Internationale Dachorganisation des Pferdesports (FEI) mit Sitz in Lausanne fand klare Worte: "Die Trainingsmethoden, die in dem Videomaterial von RTL gezeigt werden, sind aus der Perspektive des Pferdewohls völlig inakzeptabel und verstoßen gegen die Regeln der FEI."

Der internationale Dachverband reagierte schnell Diese Einschätzung gab die FEI am Tag nach der Ausstrahlung der Videos im deutschen Fernsehen ab – während die FN sich erst nach einer Woche äußerte. Offensichtlich machten die eigenen Regeln die Bewertung für den Deutschen Verband kompliziert. Das Touchieren zu verbieten, könnte der FN künftig schnelleres Reagieren ermöglichen. Ob der Verband das auch so sieht, wird sich hoffentlich im kommenden Frühjahr zeigen – dann will die Kommission Ergebnisse zur Richtlinienüberarbeitung vorlegen.

"Die Reiter werden besser geschützt als die Pferde! Und so lange es um Geld geht, wird sich das auch nicht ändern." Miriam Frenz über Facebook

"Die FN muss aufhören, vor den Sportreitern zu kuschen und endlich klare Kante für die Pferde zeigen." Marlen Grote über Facebook

"Man darf sein ,Nichtkönnen‘ nicht weiter durch unangemessene Trainingsmethoden kompensieren!" Lisa Schlahn über Facebook

Vom "Barren" zum "Touchieren": Die Affäre um Schockemöhle

Schon vor 30 Jahren erschütterte ein Skandal um das Barren Deutschland: Stern TV strahlte 1990 Videos aus, die den damaligen Spingreiter und heutigen Züchter Paul Schockemöhle zeigten, wie er Pferden über dem Sprung mit einer Holzstange gegen die Beine schlug. Die "Barr-Affäre" ging durch die Medien, eine Debatte über die weite Verbreitung der Methode begann. Die FN tagte, aus "barren" wurde "touchieren".

Noch heute ist die Methode in Band 2 der Richtlinien für Reiten und Fahren beschrieben:

"Dazu wird […] über ein niedriges Hindernis gesprungen. Das Anheben der Touchierstange muss aus der Höhe der oberen Hindernisstange erfolgen."

"Die Touchierstange darf ein maximales Gewicht von 2 000 g bei 3,00 m Länge nicht übersteigen. Die Beschaffenheit der Stange muss rund sein, mit glatter Oberfläche aus nicht splitterndem Materia. Sie darf jedoch nicht aus Metall sein."

"Wird die Touchierstange gehalten, darf dies nur von sehr erfahrenen, routinierten Pferdfachleuten durchgeführt werden, die über genügend Gefühl, Sensibilität und Erfahrung verfügen."

Was muss sich im Springsport noch ändern?

Eine Kommission der FN beschäftigt sich mit strittigen Methoden – wo aus unserer Sicht neben dem Touchieren nachgebessert werden müsste:

Schlaufzügel als Korrektur für "heftige Pferde": Band 2 der Richtlinien für Reiten und Fahren nennt Schlaufzügel noch immer als mögliches, wenn auch "viel diskutiertes" Hilfsmittel für die Korrekturarbeit von heftigen Springpferden. Zugleich heißt es dort: "Der Schlaufzügel [...] widerspricht [...] im Prinzip den in den ,Richtlinen für Reiten und Fahren‘ erläuterten Grundsätzen." Dann sollten sich die Richtlinien auch klar gegen seine Verwendung positionieren.

Beliebige Zaumwahl: Ab Klasse M** gilt in deutschen Springen beliebige Zaumwahl – nur die Grundsätzen der Unfallverhütung und des Tierschutzes gelten. Richtlinien Band 2: "Es wird darauf vertraut, dass die Reiter [...] eine angemessene Auswahl für das jeweilige Pferd treffen können." Abenteuerliche Zäumungen auf Turnieren (siehe CAVALLO 1/2017) zeigen, dass dringend Vorgaben nötig sind.

Kommentar

Die FN muss schneller liefern und darf sich nicht nur von öffentlichen Debatten treiben lassen. Sonst macht sich der Verband zum Helfer derjenigen, deren Verfolgung ihm laut eigener Aussage so am Herzen liegt. Es kann nicht angehen, dass die FN über Regeländerungen brütet, während Pferde unter den nicht geänderten Regeln leiden. Dass überhaupt solche "Trainingsmethoden" wie das Touchieren erlaubt sind, ist inakzeptabel. Zwei Kilo schwere, drei Meter lange Holzstangen – wer damit arbeitet, sollte die Finger vom Pferd lassen. Da hilft es auch nichts, dieser "Methode" den beschönigenden Namen "Touchieren" zu geben. Noch dazu öffnet sie Tür und Tor für schlimmere Methoden wie das Barren mit präparierten Stangen. Mutige Zeugen, die sich für Pferde einsetzen und tierquälerisches Training filmen, werden kaum etwas bewirken, wenn sie sich nicht auf klare Regelverstöße berufen können. Wer Pferde wirklich schützen will, muss auch das sogenannte Touchieren verbieten – ebenso wie andere vermeintliche "Trainingsmethoden" (Stichwort Low Deep Round), die de facto nichts Anderes sind, als Pferde mit Gewalt zu behandeln.

Natalie Steinmann
Lisa Rädlein
Natalie Steinmann, CAVALLO-Redakteurin

Natalie Steinmann, CAVALLO-Redakteurin

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