Ausbildungsskala für jedes Reitniveau Teil 5
So reiten Sie Ihr Pferd gerade

Ein geradegerichtetes Pferd bleibt nicht nur länger fit, sondern macht auch viel mehr Spaß unterm Sattel. Mit feinen Hilfen-Variationen und mehr Gespür für die Schiefe erreichen Sie dieses Ziel geradewegs.

Serie Ausbildungsskala Geraderichtung
Foto: Lisa Rädlein
In diesem Artikel:
  • "Im Schulterherein variieren"
  • "Abseits vom Hufschlag reiten"
  • "Nicht zu viel fordern für ein motiviertes Pferd"
  • "Beachten Sie beim Schenkelweichen die Schiefe Ihres Pferds"
  • Serie zur Skala

Zugegeben, das Thema Geraderichtung ist nicht das eingängigste der Skala der Ausbildung. Doch reindenken lohnt sich! Denn je weniger schief ein Pferd ist, desto rittiger und durchlässiger wird es: Es kann sich besser im Takt bewegen, die Schubkraft der Hinterhand wirkt besser Richtung Schwerpunkt und das Pferd wird sich besser versammeln und in jede Richtung lenken lassen. Wieder einmal hängen die Punkte auf der Skala also eng miteinander zusammen.

Ein schiefes Pferd kann man sich vereinfacht wie eine krumme Banane vorstellen: Die krumme bzw. hohle Seite ist verkürzt, also weniger dehnungsfähig als die andere Seite. Was passiert beispielsweise bei einem rechts hohlen Pferd in der Bewegung? Es kommt mehr Gewicht auf das linke Vorderbein, auch das linke Hinterbein trägt etwas mehr Last.

Das rechte Hinterbein dagegen versucht der Lastaufnahme auszuweichen und tritt seitlich am Körperschwerpunkt vorbei. Besonders gut wahrnehmen können Sie die Schiefe auf gebogenen Linien. Haben Sie ein rechts hohles Pferd, dann

  • ist es in Rechtswendungen überstellt und überbogen und entzieht sich den äußeren Hilfen, indem es über die linke Schulter ausweicht,
  • verkürzt es Linkswendungen und fällt dabei auf die linke Schulter. Dabei tritt es nicht an den äußeren Zügel heran.

Entsprechend entgegengesetzt ist es bei einem links hohlen Pferd.

Sie haben die Schiefe Ihres Pferds ausgemacht? Dann können Sie an der Geraderichtung arbeiten.

Ein wichtiger Grundgedanke dabei für Ausbilder Michael Putz: Die hohle Seite des Pferds als die schwierige zu betrachten. Auf dieser Seite muss das Pferd in der Muskulatur langsam immer dehnungsfähiger werden.

Dazu ist die diagonale Hilfengebung, also das Zusammenspiel von innerem Schenkel und äußerem Zügel, wichtig: "Bei Biegungen in Richtung der steifen Seite des Pferds geht es nicht darum, dass das Pferd am inneren Zügel nachgibt. Entscheidend ist, dass es den inneren Schenkel akzeptiert und an den äußeren Zügel herantritt", so Putz.

Serie Ausbildungsskala Geraderichtung
Levente Janos – stock.adobe.com
Als Pyramide ist die Skala der Ausbildung in den Richtlinien für Reiten und Fahren der FN dargestellt.

"Im Schulterherein variieren"

Serie Ausbildungsskala Geraderichtung
Lisa Rädlein
Claudia Butry ist Trainerin A mit Schwerpunkt Dressur und Bewegungstrainerin nach Eckart Meyners. Sie lebt bei Kempten im Allgäu.

Die Dressurausbilderin schwört für die Geraderichtung auf Seitengänge wie Schulterherein oder die Vorübung dazu, das Schultervor. Wichtig ist für Butry, bei der Ausführung die Schiefe des Pferds zu beachten. "Bei einem rechts ausgeprägt hohlen Pferd macht es zu Beginn wenig Sinn, Schulterherein auf der rechten Seite zu üben", so die Ausbilderin. Lieber reitet Butry die Lektion dann vermehrt in kurzen Reprisen auf der linken Hand, damit das Pferd nach und nach die rechte, verkürzte Körperseite mehr aufdehnen kann.

Serie Ausbildungsskala Geraderichtung
Braun
Schulterherein: Inneres Hinterbein und äußeres Vorderbein fußen in einer Linie.

Beim Schulterherein beträgt der Winkel zwischen Pferdekörper und Bande normalerweise etwa 30 Grad. Butrys Tipp: Bei einem rechts hohlen Pferd im Schulterherein auf der linken Hand lieber an etwas weniger Abstellung von der Bande denken, die Vorhand also nicht zu weit nach innen führen. Achten Sie dafür besonders auf eine gute Stellung und Biegung.

Ist dagegen die hohle Seite innen, wird das Pferd dazu neigen, mit der äußeren Schulter gegen die Bande zu drücken und sich zu überbiegen. Haben Sie eine größere Abstellung zur Bande im Kopf um zu vermeiden, dass die Schulter an der Bande klebt. Reiten Sie mit weniger Biegung, da das Pferd auf dieser Seite ohnehin zum Überbiegen neigt.

"Abseits vom Hufschlag reiten"

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Lisa Rädlein
Bianca Rieskamp ist Pferdewirtin und Reitpädagogin. Sie unterrichtet klassische Reitlehre und Freiheitsdressur.

Geraderichtende Lektionen wie Schulterherein oder Schultervor erfordern vom Pferd und vor allem vom Reiter schon viel Können, weiß Ausbilderin Bianca Rieskamp. Geraderichten fängt für sie aber nicht erst bei Lektionen an. Schon beim jungen Pferd oder nicht so fortgeschrittenen Reiter lässt sich daran arbeiten – "indem man auf einer geraden Linie auch möglichst geradeaus und geradegerichtet reitet".

Dabei sollte der Reiter sich die Zeit nehmen, bewusst zu fühlen, wie und wohin sich die Pferdebeine bewegen. Fußt vielleicht das innere Hinterbein weniger unter den Schwerpunkt, sondern seitlich neben den Körper? Oft fällt das Spüren mit geschlossenen Augen leichter. "Ob das Gefühl stimmt, kann der Reitlehrer abgleichen, indem er gleichzeitig vom Boden aus hinschaut", rät Rieskamp. Fußt tatsächlich ein Hinterbein am Körper vorbei, kann der Reiter es im Moment des Abfußens vermehrt vorwärts treiben. "Das Vorwärts hilft dem Pferd, weiter vorzufußen und gerader zu werden – ich vergleiche das gerne mit einem Fahrrad, das bei zügiger Fahrt weniger eiert", so Rieskamp.

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Lisa Rädlein
Mit geschlossenen Augen lässt sich besser spüren, wo das Pferd hintritt.

Außerdem lohnt es sich, die ausgetretenen Pfade zu verlassen: "Auf dem ersten Hufschlag kann das Pferd nicht zur Seite der Begrenzung ausweichen. Das ist einerseits hilfreich, andererseits behindert es das Gefühl des Reiters für die Schiefe. Er lernt weniger, das Pferd mit dem Sitz so einzurahmen, dass es im Gleichgewicht und geradegerichtet geht", erklärt Bianca Rieskamp. Ihr Rat: Sich immer wieder von der Bande lösen und Linien abseits des ersten Hufschlags reiten. Weichen Schulter und/oder Hinterhand des Pferds dabei aus, hapert es an der Geraderichtung – selbst wenn das Pferd an der Bande gerade geht.

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Lisa Rädlein
Beim Leichttraben im Gelände sollte man darauf achten, nicht immer auf dem Fuß leichtzutraben, auf den das Pferd setzt.

Auch beim Leichttraben kann man die Schiefe des Pferds gut spüren: Häufig fühlt sich das Aufstehen und Hinsetzen auf der hohlen Hand harmonischer an. "Auf der anderen Hand geht das Pferd steifer durch Wendungen, was das Leichttraben erschwert." Häufig setzt beispielsweise ein rechts hohles Pferd den Reiter beim Leichttraben auf der linken Hand auch automatisch auf den falschen Fuß und umgekehrt. Bianca Rieskamp rät, im Gelände regelmäßig den Fuß zu wechseln, um das Pferd nicht ungleichmäßig zu belasten.

"Nicht zu viel fordern für ein motiviertes Pferd"

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Lisa Rädlein
Richard Hinrichs lehrt klassische Reitkunst und leitet das Institut für klassische Reiterei Hannover.

Barockausbilder Richard Hinrichs beobachtet, dass viele Reiter selbst nicht gerade sind. "Oft hängen sie nach links herunter und tragen ihre rechte, stärkere Hand höher." Spüren Sie also genau in Ihren Sitz und lassen einen Blick von außen auf sich werfen. Erst dann sollte es an die geraderichtende Biegearbeit gehen.

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Lisa Rädlein
Schief gewickelt: Die Reiterin hängt mit dem Gesäß im Sattel nach rechts und knickt in der Hüfte nach links ein. Solche Sitzfehler sind häufig und beeinflussen auch das Pferd.

Dabei setzt Richard Hinrichs dann auf den Weg des geringeren Widerstands: Er fordert Biegung zur steifen Seite hin zunächst nur für kurze Abschnitte. "So löse ich beim Pferd keinen Widerwillen oder Gegenspannung aus." Das ist Hinrichs wichtig, damit Harmonie und Losgelassenheit nicht verloren gehen. "An erster Stelle steht immer, dass das Pferd gerne mit und für mich arbeitet."

"Beachten Sie beim Schenkelweichen die Schiefe Ihres Pferds"

Serie Ausbildungsskala Geraderichtung
Lisa Rädlein
Michael Putz ist Ausbilder und Träger des Goldenen Reitabzeichens. Er ist Mitautor der Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1 und 2.

Michael Putz variiert bei der geraderichtenden Arbeit gerne die Lektion Schenkelweichen. Je nach Schiefe des Pferds empfiehlt er dabei, die Lektion mit weniger oder mehr Biegung zu reiten.

So reiten Sie die Übung: Von der linken Hand kommend biegen Sie bei A oder C auf die Mittellinie ab. Dabei schließen Sie das Pferd etwas, indem Sie vermehrt mit den Schenkeln an die leicht verkürzten Zügel herantreiben. Aus dem Geradeaus auf der Mittellinie beginnt der linke Schenkel vorwärts-seitwärts zu treiben, bleibt aber am Gurt. Sie sollten die Vorstellung haben, das Pferd etwas mit der Schulter voraus Richtung Hufschlag zu reiten. Michael Putz’

Serie Ausbildungsskala
FN-Verlag
Linienführung beim Schenkelweichen von der Mittellinie zum Hufschlag. Abbildung aus „Richtig Reiten – eine Herausforderung“ von Michael Putz.

Tipp: "Bleiben Sie dabei mittig sitzen und schauen dahin, wo Sie hinreiten. Lehnen Sie den Oberkörper nicht nach links herüber." Fleiß und Fluss der Bewegung müssen erhalten bleiben – "entwickeln Sie die Seitwärtsbewegung also allmählich", rät Michael Putz. "Haben Sie sogar die Idee im Kopf, längere Schritte zu fordern."

Beachten Sie bei dieser Lektion unbedingt die Schiefe Ihres Pferds. Im Moment sitzen Sie gedanklich auf einem rechts hohlen Pferd. Ihr linker, seitwärtstreibender Schenkel fragt nun allmählich eine leichte Längsbiegung ab. Um dem Pferd die Biegung zu erleichtern, gestatten Sie ihm Schritt für Schritt bzw. Tritt für Tritt einen etwas weiteren Rahmen, indem Sie die Zügel zentimeterweise verlängern. Durch die Dehnung zusammen mit der Biegung wird die Muskulatur auf der äußeren Seite dehnungsfähiger. Sie können dabei den linken Zügel gefühlvoll etwas höher führen, werden Sie dabei leicht in der Hand. "So machen Sie dem Pferd Ihre rechte, tiefer geführte Hand schmackhaft und es wird auf seiner schwierigen Seite eher das Vertrauen finden, an die Hand heranzutreten", erklärt Putz. Achten Sie außerdem besonders darauf, dass die Schulter vorangeht und das Pferd nicht mit der Hinterhand nach außen drängelt, um sich der leichten Längsbiegung zu entziehen.

Nun satteln Sie gedanklich um auf ein links hohles Pferd. Dieses Pferd wird dazu neigen, sich nach links zu überbiegen und über die rechte Schulter wegzulaufen. Denken Sie hier daher daran, nur Stellung, aber keine Biegung abzufragen. Lassen Sie den rechten, verwahrenden Schenkel eher vorne am Gurt, um einem Ausweichen der Schulter vorzubeugen.

Serie zur Skala

Wie Sie die Ziele der Ausbildungsskala ganz praktisch umsetzen können, erfahren Sie mit vielen Profitipps in unserer Serie.

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2 / 2023

Erscheinungsdatum 18.01.2023

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