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Turnierrichter packen aus

So werden die Noten für Reiter vergeben

Die Vorwürfe wiegen schwer. Vier Richter sagen, was bei der Notenvergabe häufig falsch läuft. Ob fehlendes Fachwissen, zu hohe Fehlertoleranz oder Status-Dünkel: Das System hat viele Baustellen, an denen auch Reiter nicht unschuldig sind

Im kleinen fehlt oft Fachwissen, im höheren Bereich zählt häufig die Karriere. „Mein Aufreger zuletzt war ein Gespräch mit einem führenden Richtervertreter: Er war der Meinung, Richter seien nicht verantwortlich für korrekte Ausbildung. Das kann doch nicht sein! Wer soll denn dafür zuständig sein, wenn nicht wir Richter? Wenn wir verspannte, exaltierte Bewegungen hoch benoten, dann wird das auch so trainiert und geritten!

Ich sehe aber nicht, dass es in den letzten Jahren schlimmer geworden ist. Gutes und schlechtes Richten hat es immer schon gegeben. Am Niederrhein gab es Richter, die haben wir schon zu meinen Jugendzeiten Mitteltrabrichter genannt. Da reichte es für eine gute Benotung, wenn Mitteltrab gezeigt wurde.

Mir hat mal zu meiner aktiven Reiterzeit ein Grand-Prix-Richter deutlich weniger Punkte als die anderen Richter gegeben. Gleichzeitig hat er ein total spanniges und widersetzliches Pferd mit vielen Punkten belohnt. Auf meine Frage, was ihm denn nicht gefallen habe, hat er geantwortet: ,Die Stute ging korrekt und harmonisch, aber nicht spektakulär. Da will ich mehr sehen.‘ Auf meinen Einwand, dass das widersetzliche Pferd in jeder Piaffe nach spätestens sieben Tritten gestiegen sei, musste ich mir anhören: ,Ich weiß aber, dass dieses Pferd piaffieren kann. Und die gezeigten Tritte waren gut für eine Zehn, deshalb habe ich für die Piaffen dann doch noch die Sieben gegeben.‘ Da habe ich mir schon die Frage gestellt, warum ich mich bemühe, nach der Skala der Ausbildung zu reiten.

Das Hofiert-Werden in der Szene wiegt höher als die Durchsetzung der klassischen Lehre.

Für Richten, das der Reitlehre nicht entspricht, sehe ich zwei Ursachen: Im kleinen Bereich gibt es sicherlich Richter, die sich bemühen gut zu richten und mit Herzblut dabei sind, denen aber das Wissen, die Fachlichkeit fehlt. Im höheren Bereich scheinen einige Richter ihre Tätigkeit als Karriere anzusehen. Da wiegt das Hofiert-Werden, das Zum-Engen-Zirkel-Gehören in der internationalen Szene höher als die Durchsetzung der klassischen Reitlehre. Ich behaupte, dass einige der Richter auf internationalen Turnieren wider besseren Wissens Entscheidungen fällen. Denn wenn Du aus dem Zirkel ausscherst, wirst du nicht in dem Zirkel bleiben.

Mein Vorschlag zur Verbesserung der Situation: Auf großen nationalen Turnieren sollten die Richterkommentare via Kopfhörer hörbar sein, so wie auf manchen Turnieren ein Experte über ein mietbares Gerät wie über Radio die Ritte kommentiert. Die amtierenden Richter sollten gar nicht wissen, ob sie on air sind oder nicht, sie werden nach Zufallsprinzip abwechselnd freigeschaltet. Wer nichts zu verbergen hat, kann eigentlich nichts dagegen haben. Ich habe diese Idee mal einem führenden Richter vorgeschlagen. Er sagte nur zu mir: ,Das geht gar nicht. Wenn ich einem Pferd unter einem Profi eine Fünf gebe für den Schritt hört das ja jeder und der Reiter will den vielleicht noch verkaufen!‘ Fand ich völlig unmöglich, diesen Gedankengang. Es kann ja wohl nicht Aufgabe des Richters sein, dem Profi zu helfen, Pferde zu verkaufen!“

Dr. Britta Schöffmann aus Duisburg richtet bis einschließlich Klasse M auf nationaler Ebene, ist Ausbilderin und zudem Fachbuchautorin für Dressurausbildung.

Beispiel: Enger Mitteltrab statt Nase vor

Rahmenerweiterung und Schubkraft sind Merkmale eines guten Mitteltrabs. Dennoch wird dies bis hoch in internationale Prüfungen häufig nicht gezeigt. Bekanntes Beispiel: „Bei Totilas und Edward Gal habe ich auch zu den besten Zeiten dieses Paares Schub, Rahmenerweiterung und Nase vor in dieser Lektion vermisst“, sagt Dr. Britta Schöffmann. Einige Fehlerquellen des Mitteltrabs bzw. starken Trabs sprechen die Regeln des Weltreiterverbandes explizit an und geben gleichzeitig eine Empfehlung zur Benotung. Ein Beispiel: Ist das Pferd sehr eng in Hals und Rücken, hat aber einen klaren Rhythmus im starken Trab, sollte die Wertnote unter Sieben lauten.

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Typischer Fehler: zu wenig Rahmenerweiterung. Auch hier kommt die Nase nicht vor.

Zu gute Noten für schwache Reiter

„Zunächst will ich mal klarstellen: Jeder Richter ist bemüht, ein faires Urteil zu fällen. Wenn ein Pferd in eine Prüfung geht, das klassisch ausgebildet und losgelassen ist und wenn noch dazu der Reiter gut sitzt und die Lektionen gelingen, dann wird dieses Paar eine gute Wertnote erhalten. Zu 99,9 Prozent! Aber so gute Ritte sind die Ausnahme.

In den kleinen Klassen wird häufig nicht gut geritten. Da eine Rangverteilung zu finden, ist nicht so einfach. Selbst wenn das Pferd losgelassen geht und der Reiter ordentlich draufsitzt, passieren zum Teil Fehler. Zum Beispiel wird eine Hinterhandwendung oder die Grußaufstellung vergeigt. Wenn in einer L-Dressur ein Pferd wunderbar geht, aber in den Ecken im Außengalopp ausfällt, dann hat das Paar schlechte Karten. Oder: Wenn ein Pferd in einer M-Dressur die Wechsel nicht springt, dann kann es noch so schön gehen, dann wird die Note schlechter ausfallen!

Manche Richter zücken trotz Defiziten Achter-Noten. Das weist in die falsche Richtung.

Mein Eindruck ist, dass durch die Bank in den unteren Klassen schlechter geritten wird. Es starten Reiter in Klassen, wo sie noch nicht hingehören. Richter zücken dann manchmal Siebener- oder Achter-Noten, obwohl deutliche Defizite zu erkennen sind. Das ist gar nicht gut, denn es weist den Weg in die falsche Richtung.

Ich empfehle jedem, der mit seiner Note nicht zurechtkommt, mit seinem Protokoll umgehend nach dem Ritt zum Richter zu kommen. So ein Gespräch zwischen Reiter und Richter kann sehr fruchtbar sein.

Dass in den Prüfungen Reiter unterwegs sind, die da noch nicht hingehören, ist eventuell ein gesellschaftliches wie zum Teil auch ein geschäftliches Problem. Manche Ausbilder, die teils auch selbst keine Profis sind, schicken die Leute zu früh in die Prüfungen. Da wird dann großzügig lobend gesagt: ,Ja komm, du reitest doch schon M!‘, wo es eigentlich richtig wäre, zu sagen: ,Reite noch ein Jahr lang auf L-Niveau. Du bist noch nicht so weit.‘ Die Quittung folgt auf dem Turnier und es kommt vor, dass ich 20 Pferde in einer L-Dressurprüfung habe, die leider alle nicht besonders gut gehen.“

Brigitta Allmacher aus Nörvenich in Nordrhein-Westfalen richtet bis Inter I in der Dressur auf nationaler Ebene und Springen bis M**. In unteren Klassen sei das Richten besonders schwierig, sagt sie.

Beispiel: Komplexe Galopp-Pirouette

„Bei der Wertung von Galopp-Pirouetten hat man manchmal das Gefühl, dass fünf Richter unterschiedliche Pirouetten gesehen haben“, sagt Richterin Dr. Britta Schöffmann. Für viele scheinen die Bewertungskriterien und ihre Gewichtung unklar zu sein. Woran das liegt, fragt sich auch Schöffmann: „Ist es nicht wissen, nicht können oder nicht wollen?“

Im internationalen Regelwerk des Weltreiterverbands FEI sind die Kriterien benannt: Rhythmus (klar, gleichmäßig und Dreitakt), Anlehnung, Stellung und Biegung (Kopf leicht vor der Senkrechten, gestellt und gebogen, leichter Zügelkontakt), Versammlung (das Pferd soll wirklich Last mit der Hinterhand aufnehmen, die Kruppe senken und sich selbst tragen), Größe (kleiner Durchmesser), Genauigkeit (sechs bis acht Galoppsprünge, der äußere Hinterfuß soll gut unter den Schwerpunkt springen, die Pirouette soll gut platziert sein).

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Ist das Pferd so wie hier nicht in Balance, geht meist auch der Rhythmus verloren.

Statt Leistung zählt der Name

„2007 wollte ich gern die Richterprüfung machen. Doch bei einem der letzten Testate wurde mir klar, dass ich bei diesem Zirkus nicht mitmachen möchte: Ich richtete eine Ponyreiterin und ihr Pony zeigte in der ganzen Prüfung keinen Schritt, sondern lief passartig. Ich gab eine wohlwollende Fünf, der zweite Richter eine Sieben. Mit der gemeinsamen Note Sechs für den Schritt war sie aus der Platzierung raus.

Doch das Mädchen war die Tochter eines bekannten Reiters. Am Mittagstisch kam dieser mit dem Turnierveranstalter zu mir. Der berühmte Vater fragte, ob ich ihn denn nicht kennen würde? Und ob das nicht ein tolles Pony sei? Er war offensichtlich sauer. Der Veranstalter steckte mir leise, dass man solche Namen brauchen würde, sonst käme bald keiner mehr gucken. Wenn ich das nicht verstehen würde, dann wäre es sehr schade im Hinblick auf das nächste Jahr.

Ich habe verstanden, dass da viel Politik eine Rolle spielt.

Als Richterin wollte ich genau so etwas verhindern: dass man mit solchen groben Fehlern wie diesem passverschobenen Schritt noch in die Platzierung kommt. Wie hätte ich meine Werte und Prinzipien so verraten und nur wegen des Namens anders werten können? Dieser Tag hat mir die Augen geöffnet. Ich habe verstanden, dass da viel Politik eine Rolle spielt.

Ich möchte keine Richterin sein, wenn das so läuft. Es ist sicherlich nicht überall so, aber es gab diesen Moment. Ich möchte nur noch Ausbilderin sein und eine Ausbildung pro Pferd lehren. Weil ich da etwas bewirken kann, mit Menschen, die etwas verändern wollen. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Prüfungen in Richtung Zwanglosigkeit und Losgelassenheit gibt. Wir haben heute Sportpferde mit sehr guten Grundgangarten, aber wie sehen die tief, locker und unspektakulär aus? Damit das gezeigt wird, brauchen wir andere Prüfungen.“

Sandra Adamczyk wollte als Nachwuchsrichterin nicht nach Status werten. Sie erlebte Widerspruch und beschloss, doch keine Richterlaufbahn einzuschlagen. Sie lebt in Alsdorf und arbeitet als Ausbilderin nach der H.D.v.12.

Beispiel: Schritt – Pass statt Viertakt und „V“

Ein taktmäßiger Schritt ist ein Zeichen für eine solide Ausbildung. „Ein passiger Schritt ist ein grober Ausbildungsmangel“, sagt Ausbilderin Sandra Adamczyk. Dennoch würde immer wieder darüber hinweggesehen.

Bei passigem Schritt bewegen sich Vorder- und Hinterbeine nahezu parallel, ähnlich der Weise, wie Kamele laufen. Wenn solch eine laterale Bewegung zu erkennen ist, soll ein Schritt mit der Wertnote Fünf oder niedriger bewertet werden – so klar steht es in den internationalen Regeln des Weltreiterverbands. Einen guten Schritt mit klarem Viertakt erkennt man zum Beispiel daran, dass Vorder- und Hinterbein ein erkennbares „V“ in der Bewegung formen.

Natürlich ist ein guter Raumgriff des Schritts wünschenswert, hier wird davon gesprochen, wieviel ein Pferd übertritt, also mit dem Hinterbein über die Hufspur des Vorderbeins hinausgreift. Wichtiger ist jedoch ein klarer Viertakt.

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Kamelgang: Hier ist gut zu erkennen, dass sich Vorder- und Hinterbeine nahezu paralell bewegen.

Richtern, Reitern und Ausbildern fehlt das Wissen

„Die Zucht hat sich verändert und bringt sehr elastische und bewegungsstarke Pferde hervor. Viele Pferde haben heute ein sehr leichtes Genick, lassen sich schnell beizäumen. Wenn Pferde das anbieten, werden sie häufig zu schnell gefördert.

Die Sportpferde werden oft mit viel Druck geritten – man sehe sich mal die früheren Ritte von Andreas Helgstrand dazu als Beispiel an! Für die Pferde ist das dramatisch. Da werden menschliche Eitelkeiten bedient, da geht es nicht mehr um das Pferd und seine richtig durchgeführte Ausbildung – im Sinne des Lehrsatzes ,richtig reiten reicht‘ von Paul Stecken.

Das Problem ist, dass die Reitlehre recht oberflächlich gesehen wird. Viele Beteiligte stecken gar nicht tief genug drin in der Materie. Damit meine ich Richterkollegen, aber insbesondere auch Reiter und Ausbilder. Manchmal gewinne ich da den Eindruck, dass diese von der Reitlehre zu wenig wissen.

Nicht von hinten nach vorne geritten? Das wird oft toleriert.

Ich sehe häufig falsch bemuskelte Pferde in den Prüfungen. Etliche Pferde sind am Genick bemuskelt, haben aber zugleich viel zu wenig Muskulatur im Übergang von der Schulter in den Hals. Manchmal ist da sogar eine Delle oder ein Tal zu erkennen. Man spricht dann vom abgebrochenen Hals. Aber genau dort muss Muskulatur sein, damit das Pferd sich gut tragen kann! Erst dadurch wird eine sichere Anlehnung möglich. Solch ein Muskelbild ist ein Indiz dafür, dass das Pferd falsch ausgebildet wurde. Da war nicht genug Zeit da, die Muskulatur zu entwickeln. Bei diesem Muskelbild kann man davon ausgehen, dass das Pferd nicht korrekt von hinten nach vorne geritten ist. Das wird aber häufig einfach toleriert und übersehen! Richter, Ausbilder und Reiter beschäftigen sich meiner Meinung nach mit dieser komplexen Materie der Reitlehre viel zu wenig.

Ein weiterer Kritikpunkt meinerseits ist, dass die Dressurprüfungen zu sehr auf die Qualität des Pferdes abzielen. Ursprünglich soll hier ja die Qualität von Reiter und Pferd geprüft werden. In der Realität spielt das Pferd die weitaus größere Rolle. In der Wertung der einzelnen Lektionen wird auf den Reiter nicht genug eingegangen. Sitz und Einwirkung werden nur in den Schlussnoten, also insgesamt für die gesamte Prüfung gewertet. In der Realität werden diese Noten meist nur an die anderen Noten angepasst.“

Rudolf Hübner vermisst tiefes Fachwissen auf allen Ebenen. Er war ein Schüler von Paul Stecken, lebt in Ovelgönne/Niedersachsen und richtet auf ländlicher Ebene bis Klasse L in Dressur und Vielseitigkeit und bis M im Springen.

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