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Kappzaum-Messung: Wie viel Kraft wirkt an der Longe auf die Nase?

Viel Zug auf dem Zirkel

Welcher Kappzaum ist schärfer? Und wie viel Kraft wirkt beim Longieren wirklich auf die Pferdenase? Die spannende CAVALLO-Messung beweist: An der langen Leine lohnt es sich, gute Traditionen zu pflegen.

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Immer wieder stürmt Ronaldo davon, hier bei der Messung mit dem Deutschen Kappzaum.

Longieren am Gebiss ist out, Kappzäume sind voll im Trend. Doch wer an der Longe das Pferdemaul schonen möchte, steht vor der Qual der Wahl: klassisch-deutsch, französisch oder doch lieber ganz ohne Metall? Bisher entschied vor allem der Bauch für oder gegen ein Modell. Denn was auf dem Nasenrücken wirklich passiert, wusste bisher niemand so ganz genau. Um dies zu ändern, bat CAVALLO zum Experiment.

Fünf Kappzäume unter der Lupe

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Die Messfolie ist ursprünglich für Fußdruckmessungen gedacht.

Testpferde waren der siebenjährige Andalusier Pepe und der fünfjährige Hannoveraner Ronaldo auf dem Pferdehof Teschen bei Lüneburg.

Die lange Leine führte Ausbilderin Babette Teschen selbst. Sie entwickelte zusammen mit ihrer Partnerin Tania Konnerth einen Internet-Kurs zum effektiven und gesunden Longieren mit Kappzaum, den CAVALLO im Februar 2009 in der Praxis testete (siehe auch www.wege-zum-pferd.de). Bei ihren bundesweiten Longierkursen trifft sie auf viel Unwissen rund um den Kappzaum. „Es gibt Verkäufer, die Reitern zu einem hierzulande traditionell verwendeten schweren Modell raten, weil es das Pferd dazu bringen würde, den Kopf zu senken“, erzählt die Ausbilderin kopfschüttelnd.

Die Mär vom schweren Kappzaum, der das Pferd belastet, ist weit verbreitet: „Viele greifen deshalb zu leichten Caveçons oder Serretas, übersehen dabei aber, dass diese südeuropäischen Zäume schärfer als unsere traditionellen sind“, sagt Teschen.

Ist das wirklich so? Die Messungen von CAVALLO bringen erstmals Licht ins Dunkel zwischen Pferdenase, Kappzaumeisen und Longenführer. Dabei nutzt das Experten-Team diesen Aufbau: Eine Messfolie wird mit Doppelklebeband am Kappzaum fixiert. Vier Messpunkte pro Quadratzentimeter erfassen 50 Mal in der Sekunde den Druck auf den Nasenrücken. Ein Kabel leitet die Werte vom seitlich am Kappzaum angebrachten Datalogger zum Speichergerät am Longiergurt.

Zwischen Longe und dem mittleren Kappzaumring misst ein Zugsensor die Kraft an der Leine. Auch diese Daten werden in einem Aufzeichnungsgerät am Longiergurt gespeichert, welches per Kabel mit dem Sensor verbunden ist. Ohne Ausbinder kann das Pferd die Hals- und Kopfposition frei wählen.

Das Testpferd kommt in den Ring

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Der Longenzug entwickelte sich beim Lederkappzaum wie bei allen Messungen parallel zum Nasendruck (unteres Bild). Bei etwa 100 Sekunden sehen Sie die Druckpause beim Handwechsel.

Mit jedem absolviert er dasselbe etwa 3,5-minütige Programm aus zwei Zirkelrunden im Schritt, Trab und Galopp, zuerst linke, dann rechte Hand. Damit der Zirkel etwa gleich groß bleibt, ist er mit Pylonen markiert. Die beiden voneinander unabhängigen Messungen werden jeweils synchron gestartet und beendet.

Der longenerfahrene Pepe verhält sich bei der ersten Messung (Deutscher Kappzaum) nicht ganz so, wie es seine Besitzerin gewohnt ist: „Er wehrt sich zwar nicht offen, aber die Kabel scheinen ihn doch zu irritieren“, sagt Teschen. Die Folge: Pepes Haltung ist unruhig, er schaut herum und schlägt mit dem Kopf. Bei der nächsten Messung (Wiener Kappzaum) gewöhnt sich der Schimmel offensichtlich an die Apparate an seinem Kopf und zieht brav seine Runden. Einzige Störung: Beim Lederkappzaum bricht die Messung nach drei Minuten durch einen technischen Fehler ab – vor dem Ende des letzten Galopps auf der rechten Hand.

Da gerade diese Phase bei den anderen Kappzäumen die höchsten Spitzenwerte ergibt, ist anzunehmen, dass auch beim Lederkappzaum etwas höhere Werte vorliegen, als es die Aufzeichnung zeigt. Die Messungen bei Caveçon und Serreta laufen reibungslos; allerdings zieht Pepe laut Babette Teschen mit ihnen weniger an der Longe.

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Der Longenzug (oberes Bild) entwickelte sich beim Lederkappzaum wie bei allen Messungen parallel zum Nasendruck. Bei etwa 100 Sekunden sehen Sie die Druckpause beim Handwechsel.

Die Ergebnisse der Messreihe bestätigen Teschens Longengefühl: Bei den beiden gut gepolsterten Kappzäumen sind die durchschnittlichen Zug-Höchstwerte an der Longe mit 6,2 Kilo (Deutscher Kappzaum) und 6,8 Kilo (Wiener Kappzaum) deutlich höher als bei den ungepolsterten (Lederkappzaum 4,1 Kilo, Caveçon 4,9 und Serreta 5,0).

Die Messungen unter den Kappzäumen zeigen, dass diese Kraft nicht vollständig auf der Pferdenase ankommt. Die höchste Gesamtbelastung auf der kompletten Messfolie liegt beim deutschen Kappzaum bei 2,8 Kilo, was 45 Prozent des Maximalwerts an der Longe entspricht. Beim Wiener Kappzaum kommen mit 2,4 Kilo nur 35 Prozent des maximalen Longenzugs auf der Nase an. Lederkappzaum, Caveçon und Serreta übertragen mit 43, 46 und 42 Prozent ähnlich viel Kraft wie der Deutsche Kappzaum.

Der Zug von der Longe landet also nicht nur auf der Pferdenase. Einen Teil absorbieren sicher die Polster. Der Rest wirkt an anderen, nicht vermessenen Stellen des Kappzaums, etwa seitlich am Nasenteil oder an Backen- und Genickstück.

Kleine Auflage – hoher Spitzendruck

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Dr. Parvis Falaturi prüft mit Stoppuhr die Messdauer.

Der maximale Druck auf einem Quadratzentimeter liegt beim Wiener Kappzaum trotz höchster Zugkräfte an der Longe nur bei etwa 300 Gramm. Beim Deutschen sind es mit knapp 600 Gramm schon deutlich mehr. Die ungepolsterten kommen auf maximal 800 (Lederkappzaum), 900 (Serreta) und bis zu 1000 Gramm (Caveçon) pro Quadratzentimeter.

Auch die Druckbilder (siehe Tabelle) zeigen, dass der Wiener Kappzaum den Druck breiter auf der gesamten Pferdenase verteilt als jeder andere. Bei Caveçon und Serreta sind nur relativ kleine Druckflächen zu sehen; die restlichen Messpunkte bekommen keinen Druck.

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Babette Teschen sieht ihre Ausrüstungsempfehlung durch die Messung bestätigt: „Für eine effektive Arbeit an der Longe ist ein weich gepolsterter Kappzaum mit gut sitzendem Naseneisen optimal.“

Zwar könne man mit schärferen Werkzeugen Pferde leichter unter Kontrolle behalten. Aber Gymnastik mit Genickstellung und Biegung sei so nur schwer realisierbar. Zumal viele Pferde nur ungern an einen scharfen Kappzaum herantreten und keine Anlehnung anbieten. „Unerfahrene Pferde halten zwar oft den Hals hin, bleiben aber im Genick fest“, beobachtet die Ausbilderin.

Serreta und Co. sind durchaus mit Kandaren vergleichbar: „Es sind feine Werkzeuge für weit ausgebildete Pferde und Reiter. Wer an der Longe noch die Grundbegriffe erarbeitet, sollte daher genauso wenig zur Serreta greifen, wie er beim Anreiten eine Kandare einschnallen würde“, rät Teschen.

Wie recht sie damit hat, zeigen die Messungen mit dem zweiten Testpferd. Der fünfjährige Hannoveraner Ronaldo soll dasselbe Programm wie Pepe absolvieren, einmal mit Deutschem Kappzaum und einmal mit Serreta. Der schlaksige Wallach ist an der Longe noch längst nicht so sicher und ausbalanciert wie sein Kollege. Bewusst bereitet Babette Teschen ihn nicht wie gewohnt durch Gymnastik am Boden auf seine Aufgabe vor, sondern schickt ihn gleich auf den Zirkel. Ronaldo reagiert wie erwartet: Er schwankt, eiert und wird hektisch. Schritt geht er kaum, immer wieder galoppiert er an und drängt nach außen.

Die Zugkräfte bei diesem Spektakel, das in vielen Reithallen sogar noch mit Trensengebiss zu besichtigen ist, sind hoch. „Mit Deutschem Kappzaum liegen sie deutlich über dem vom Sensor erfassten Kraftmaximum von etwa 8,5 Kilo“, sagt Parvis Falaturi. Er schätzt, dass sich manche Kraftspitze bis zu 10 Kilo bewegt haben könnte. Auch an der Serreta reicht Ronaldos Kurve manchmal über den Messbereich hinaus, allerdings nur wenig. Biomechaniker Falaturi geht von Maximalwerten um die 8,5 Kilo aus.

Spitzen erreichen die Nase nur einmal

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Der Andalusier trägt ein Datenlesegerät direkt am Zaum.

Die meisten Gesamtdruckspitzen der Kurve kratzen nicht einmal an der 700-Gramm-Marke. Auch der Druck pro Quadratzentimeter ist beim Deutschen Kappzaum über fast die gesamte Messdauer mit maximal etwa 250 Gramm recht niedrig. Der Maximalwert von 1,1 Kilo wird nur einmal in gut drei Minuten erreicht.

Der höchste punktuelle Druck der Serreta übersteigt mit 1,2 Kilo pro Quadratzentimeter den Wert des Deutschen Kappzaums kaum. Allerdings wird dieser Wert in den letzten zwei Dritteln der Messung regelmäßig erreicht. Die insgesamt gemessene Kraft steigt in dieser Zeit immer wieder auf 2 bis 3 Kilo an.

Ein wichtiger Aspekt für die Kappzaumwahl hat nur am Rande mit dem Druck auf der Pferdenase zu tun. „Kappzäume ohne stabiles Naseneisen bewegen sich auf der Nase wesentlich stärker seitlich, als wenn Bügel den Sitz stabilisieren“, sagt Babette Teschen. Kommt zu viel Zug auf die Longe, verdreht sich der Zaum und kann dem Pferd auf der äußeren Kopfseite ins Auge rutschen. Im Experiment trug deshalb nur das erfahrene Pferd flexible Kappzäume, von denen Teschen für die Longenarbeit generell abrät.

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Mit Pylonen auf dem Zirkel stellt Babette Teschen sicher, dass Pepe immer gleich große Runden trabt.

Ansonsten zeigt die Messung, dass die allgemeine Auffassung über Kappzaum-Wirkungen stimmt: Schmale, harte Nasenteile wirken schärfer als breite, weich gepolsterte – egal ob flexibel oder nicht. Klar ist damit, dass vermeintlich leicht Kappzäume die Pferdenase beim Longieren nicht entlasten, sondern tatsächlich belasten.

Allerdings sind Serreta, Caveçon und Co. deswegen nicht gleich ein Fall für den Tierschutz. Zumindest, solange die Nasenteile nicht schon bei geringem Zug Verletzungen verursachen, wie das bei der in Spanien gebräuchlichen gezackten Serreta der Fall ist.

Sachgemäß verwendet, können sie sehr nützlich sein, zum Beispiel beim Reiten: Sowohl auf der Iberischen Halbinsel als auch in der klassisch-barocken Ausbildung werden diese Kappzäume oft für den Übergang zur Kandare eingesetzt. Auch bei der Boden-, Doppellongen- und Handarbeit leisten sie gute Dienste. An der einfachen Longe sollten Sie zum Wohle Ihres Pferds aber zur besser gepolsterten und hierzulande bewährten deutschen Variante greifen.

Viele Nerven, feine Nase

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privat
Dr. Claudia Graubner

Die Sensibilität am Nasenrücken und der Maulschleimhaut wird durch den fünften Kopfnerv (Nervus Trigeminus) gewährleistet. Dieser verzweigt sich auf seinem Weg zur Nase immer weiter und sensibilisiert so die vordere Kopfpartie ausreichend für eine korrekte Futteraufnahme. Aufgrund dieses immer dichter werdenden Nervennetzes ist der Nasenrücken vermutlich empfindlicher als die Maulschleimhaut oder die Zunge.

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Slawik
Eine Serreta hinterließ auf diesem Nasenrücken ihre Spuren. Viele Nerven sorgen hier für besonders hohe Sensibilität.

Doch für das Schmerzempfinden sind nicht nur die Nerven entscheidend. Je punktueller ein Druck auftritt, desto schmerzhafter ist er: Ein Kilo schmerzt unter einem spitzen Stab viel mehr als unter einem flachen Buch. Deshalb ist der korrekt angelegte Kappzaum an der Longe sicher das sanftere Werkzeug. Er verteilt die Kräfte auf eine recht große Auflagefläche rund um den Pferdekopf. Je besser er aufliegt und gepolstert ist, desto gleichmäßiger wirkt Longenzug auf den Nasenrücken und die äußere Kopfseite.

Gebisse haben dagegen eine kleine Auflagefläche und liegen zudem recht locker im Maul. Sie bewegen sich bei Longenzug horizontal, besonders wenn die Bewegung nicht durch Knebeltrense oder Gummischeiben begrenzt wird. Longenzug am Gebiss kann deshalb sehr schmerzhaft für Zunge und Maulschleimhaut sein, ohne dass dieser Schmerz dem Pferd ein verständliches Signal analog zur Zügelhilfe gibt.

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