Kopfhaltung des Reiters Lisa Rädlein

Wie die Kopfhaltung des Reiters das Pferd lenkt

Wie die Kopfhaltung des Reiters das Pferd lenkt Kopfsache

Keine Angst, unsere Tipps sind gar nicht verkopft. Ob Kinn, Augen oder Nacken: Schon kleine Kniffe bringen den ganzen Körper ins Lot.

Augen

"Schau dahin, wo du hinreiten willst", hören Reiter oft im Unterricht. Stimmt das wirklich? Kopf und Blick leiten die Körperdrehung ein, sind sich unsere Expertinnen einig. Trotzdem passieren hier ab und zu Fehler. Denn oft visiert der Reiter zwar das Ziel an, aber nicht den Weg dorthin, wie Anke Recktenwald erklärt.

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Kopfhaltung des Reiters
Ins Lot bringen Warum Reiter auf ihre Kopfhaltung schauen sollten
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"Wenn ich mit dem Auto einparke, schaue ich ja nicht nur auf die Parklücke, sondern auf meinen Weg dorthin", verdeutlicht die Feldenkraispädagogin. "Wohin wir schauen, entscheidet, worauf wir unsere Körpermuskulatur ausrichten", sagt Westerntrainerin Kerstin Babel. Wer zu weit nach vorne schaut, dreht den Kopf zu stark und es kann passieren, dass der Körper in die andere Richtung gegendreht. Dann wird die Hilfengebung für das Pferd verwirrend.

Linien zeichnen: "Ich stelle mir vor, dass ich drei bis vier Meter vor mir mit meinen Augen eine Linie auf den Boden zeichne, auf der ich reiten möchte", erklärt Kerstin Babel. "So verhindere ich, dass der Blick zu weit vorausschweift und sich eine falsche Körperdrehung einschleicht."

Schiefe Blicke: Wie verändert unser Blick den Sitz? Das lässt sich mit dieser Übung spüren. Setzen Sie sich auf die Kante eines Stuhls und schieben die Hände unter Ihre Gesäßknochen. Dann schauen Sie am linken Stuhlrand hinunter und spüren, wie sich Ihr Gewicht auf den linken Gesäßknochen verlagert. "Schauen Sie in der Wendung im Sattel nach innen auf den Boden, passiert genau das", erklärt Marlies Fischer-Zillinger. "Sie kippen nach innen und verlieren den Kontakt zum äußeren Gesäßknochen."

Weicher Blick: Der Blick soll immer weich und flexibel bleiben, also nicht starren, sagen die Expertinnen. Denn beim Starren wird der Körper fest und unbeweglich. Anke Recktenwald hat hierfür eine Übung parat: Fixieren Sie beim Reiten die Ohren Ihres Pferds und halten diesen starren Blick ein paar Sekunden. Dann lösen Sie den Blick und lassen ihn in die Ferne schweifen. Wie fühlt sich das Starren und wie der weiche Blick an? Wie gut können sie mit der Bewegung mitgehen? Wie reagiert Ihr Pferd?

Umherschauen gegen Angst: Wenn wir Angst haben, verspannen wir uns und unser Blick wird starr. Darum empfiehlt Marlies Fischer-Zillinger ängstlichen Reitern, bewusst umherzuschauen und unterschiedliche Dinge in der Umgebung wahrzunehmen. Das lockert den Blick und die Muskulatur. Dadurch kann man freier atmen und sitzen, Angst und Anspannung verschwinden.

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Ohren

Die Ohren sind entscheidend für ein gutes Gleichgewicht, denn im Innenohr versteckt sich unser Gleichgewichtsorgan. "Reiter mit einem weniger ausgeprägten Gleichgewichtssinn klammern oft mit Beinen und Knien", sagt Westerntrainerin Kerstin Babel. Anke Recktenwald hat schon öfter beobachtet, dass Reiter aus dem Gleichgewicht kommen, wenn sie ihren Kopf drehen, um Anweisungen des Reitlehrers besser zu hören. Hier könnte ein Headset eine Lösung sein.

Auch Verspannungen wirken sich negativ auf den Gleichgewichtssinn aus. "Ist man verspannt, kann man auch nicht mitgehen und im Gleichgewicht sitzen", sagt Bewegungstherapeutin Marlies Fischer-Zillinger.

Ausgleichssport und Koordinationstraining: Um das Gleichgewicht zu schulen, rät Kerstin Babel zu Ausgleichsport oder gezieltem Koordinationstraining neben dem Reiten.

Hals

"Die Halswirbelsäule ist für mich Teil des Kopfes", sagt Kerstin Babel. Ist der Nacken verspannt, kann man nicht ausbalanciert sitzen.

Ja und Nein: "Um akute Verspannungen in der Halswirbelsäule zu lösen, kann man leicht mit dem Kopf nicken oder den Kopf schütteln. Wichtig dabei ist, immer feine Bewegungen zu machen", erklärt Marlies Fischer-Zillinger.

Runder Nacken: Kerstin Babel rät bei Nackenverspannungen zu folgender Übung: "Lassen Sie den Kopf nach vorne auf die Burst kippen. Dann drehen Sie den Kopf nach links und machen drei kleine Nickbewegungen. Anschließend rollen Sie den Kopf nach rechts und wiederholen das Ganze." Eine weitere Übung der Westerntrainerin: Die Hände am Hinterkopf verschränken und dann die Ellenbogen nach vorne und unten Richtung Brust führen. So dehnt sich die Nackenmuskulatur auf.

Mund

"Das Pferd spürt, wenn der Reiter lächelt", sagt Anke Recktenwald. Kerstin Babel erklärt, wieso: "Beim Lächeln lockert sich die Kiefermuskulatur und so der ganze Körper bis zur Hüfte." Lächeln sieht also nicht nur schön aus, sondern ist auch gut für den Sitz.

Flattern: "Atmet man mit flatternden Lippen aus, macht also beim Ausatmen ein Brrrr-Geräusch, lockert das Lippen und Kiefer und beruhigt die Atmung", sagt Marlies Fischer-Zillinger.

Kiefer

Wussten Sie, dass der Kiefer den ganzen Körper blockieren kann? "Ist der Kiefer verspannt, wird über die Halswirbelsäule zum Becken hin alles fest und man kann nicht mehr locker mitgehen", erklärt Westerntrainerin Kerstin Babel. "Auch die Hände und somit unsere Verbindung zum Pferdemaul werden direkt von der Kiefermuskulatur beeinflusst", fügt Anke Recktenwald hinzu.

Also sollte der Kiefer am besten locker bleiben. Doch woher kommen die Verspannungen überhaupt? "Das passiert oft, wenn wir uns konzentrieren oder uns ärgern, weil etwas nicht gut läuft", weiß Kerstin Babel. Und Marlies Fischer-Zillinger ergänzt: "Die Kiefermuskulatur ist oft ein Stressanzeiger. Langfristig sollte man daher versuchen, die Ursache zu finden und Stressmuster zu lösen."

Festgebissen: Diese Übung verspricht Aha-Momente: Anke Recktenwald rät, Pferdchen zu spielen. Zwei Personen halten zwischen sich ein Paar Zügel. Das "Pferd" sitzt und ahmt nun die Nickbewegung eines Pferds nach, indem es mit den Armen eine Vor-Zurück Bewegung macht. Der "Reiter" folgt der Bewegung mit den Händen. Für einen stärkeren Effekt kann er auch auf der Stelle traben. Wie gut kann der Reiter noch mitgehen, wenn er die Zähne zusammenbeißt?

Zähne zählen: Eine Sofort-Hilfe bei verspanntem Kiefer ist diese Übung von Anke Recktenwald: Man streicht mit der Zunge jeden einzelnen Zahn innen und außen entlang. Ganz langsam, so als würde man jeden Zahn einzeln zählen. So lockert sich der Kiefer.

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Heiße Kartoffel: Bewegungsexpertin Marlies Fischer-Zillinger rät, sich vorzustellen, man habe eine heiße Kartoffel im Mund. Die O-Bewegung, die man dann bei dieser Vorstellung mit dem Mund macht, lockert die Kiefermuskeln sofort.

Zunge hinter die Zähne: Soforthilfe-Tipp: Drückt man die Zunge leicht gegen die Schneidezähne in Richtung Gaumen, kann man die Zähne nicht zusammenbeißen, verrät Kerstin Babel. Probieren Sie es aus! Nicht vergessen: Die Zunge auch wieder lockern.

Aufrichtung

Unsere Expertinnen sind sich einig: Die richtige Aufrichtung ist entscheidend für einen guten Sitz. Und eine gute Körperhaltung fängt nun mal beim Kopf an. "Bei der richtigen Aufrichtung bekommt der Nacken eine gute Länge, der Rücken wird frei, das Becken wird locker. Arme und Beine werden frei und beweglich und man fühlt sich, als würde man tiefer sitzen", beschreibt Anke Recktenwald.

"Das Brustbein wird frei und das Atmen fällt leicht", fügt Kerstin Babel hinzu. Blickt man nach unten, lässt den Kopf hängen und sitzt nicht mehr richtig aufgerichtet, sind die Hüftbeuger angespannt und die Beine rutschen automatisch nach vorne. Man kann das Bein nicht mehr lang machen und federn. "Diese Erfahrung habe ich selbst bei der Sitzschulung an der Longe gemacht", erzählt Marlies Fischer-Zillinger.

Hoppe hoppe Reiter: "Die richtige Aufrichtung macht leicht", sagt Anke Recktenwald. Spüren kann man das bei folgender Übung: Eine Person sitzt bei einer anderen auf dem Schoß, Sie spielen "Hoppe Hoppe Reiter". Dabei verändert der Reiter seine Aufrichtung. Um den Effekt deutlich zu spüren, können Sie den Kopf übertrieben nach oben oder nach unten bewegen. Die untere Person wird merken: Sitzt der Reiter richtig aufrecht, ist er leichter zu bewegen. Diesen Effekt spürt auch das Pferd.

Innere Bilder: Vorstellungen können dem Reiter helfen, aufrechter zu sitzen. Das erste innere Bild kommt von Anke Recktenwald: "Spüren Sie, wie der Kopf auf der Wirbelsäule thront. Stellen Sie sich vor, Sie tragen eine Krone oder einen breiten Korb auf dem Kopf – je nachdem, was für Sie besser funktioniert."

Auch Kerstin Babel hat ein inneres Bild parat: "Um die korrekte Aufrichtung zu erlangen, stellen Sie sich vor, Sie würden Ihren eigenen hoch sitzenden Pferdeschwanz greifen und nach hinten oben ziehen. So wird der Kopf gerade, die Wirbelsäule richtet sich auf."

Kinn

Ein Fehler, den fast jeder Reiter kennt: Immer wieder wandert der Blick nach unten und das Kinn damit Richtung Brust. Dabei krümmt sich unsere Halswirbelsäule, der Druck auf den Rücken erhöht sich, der Kopf hängt nach unten. "Im Prinzip müssen die Muskeln dann den Kopf festhalten, er ist ja nicht mehr da, wo er eigentlich hingehört. Die Schultern fallen nach vorne, wir werden fest und können nicht mehr geschmeidig sitzen", erklärt Anke Recktenwald. Doch auch der umgekehrte Fehler kommt vor: "Viele Reiter schieben das Kinn nach vorne, wenn sie angespannt sind", beobachtet Kerstin Babel. Dabei kippt der Schwertfortsatz, also der untere Teil des Brustbeins, nach hinten und die Wirbelsäule wird instabil. "Dann ist keine korrekte Aufrichtung mehr möglich und der Kopf kann nicht mehr frei getragen werden", erläutert auch Fischer-Zillinger.

Bewusster werden: Um mehr Bewusstsein für die richtige Kinnposition zu bekommen, empfiehlt Anke Recktenwald, das Kinn mal ganz bewusst beim Reiten vor- und zurückzuschieben und zu fühlen, was dabei passiert und welche Körperteile beeinflusst werden.

Faust einklemmen: Bei dieser Übung von Marlies Fischer-Zillinger macht man eine Faust und stellt sie ganz oben auf dem Brustbein auf, so dass der kleine Finger aufliegt und der Daumen Richtung Kinn zeigt. Nun klemmt man die Faust mit dem Kinn fest. Nach ein paar Schrittrunden löst man diese Haltung, lockert den Nacken (siehe Punkt "Hals") und spürt den Unterschied. Machen Sie die Übung an der Longe oder einhändig am langen Zügel.

Die Expertinnen

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Anke Recktenwald

Anke Recktenwald zeigt auf ihrer DVD "Verständliche Hilfegebung mit Sitz und Hand" viele Übungen für mehr feinere Hilfen beim Reiten. www.anke-recktenwald.de

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Kerstin Babel

Kerstin Babel ist Trainerin A im Westernreiten und Pferdephysiotherapeutin. Sie betreibt die Westernreitschule MORE. www.kerstin-babel.com

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Marlies Fischer-Zillinger

Marlies Fischer-Zillinger ist unter anderem Bewegungs- und Atemtherapeutin. www.marlies-fischer-zillinger.de

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