So nutzen Sie Ihre Knie beim Reiten

Was die Knie beim Reiten machen

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Knie Übungen

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Das unscheinbare Knie ist ein Multitalent. Es hilft beim Parieren, Mitschwingen und Abwenden – und erleichtert dem Pferd sogar eine gesunde Haltung.

Dürfen wir vorstellen? Der vielleicht unterschätzteste Körperteil des Reiters: das Knie! Das größte Gelenk unseres Körpers, das von starken Bändern umgeben ist. Eigentlich ein echtes Wunderwerk – es ist zum Beispiel in fünf Richtungen beweglich, da es eine gleitende Gelenkachse besitzt.

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Dreh- und Angelpunkt Reiter-Knie

Das Knie wird jedoch völlig zu Unrecht auf den Reitplätzen kaum beachtet. „Dabei ist das Knie der Schlüsselpunkt, der darüber bestimmt, ob der Reiter losgelassen sitzt oder nicht“, erklärt Dressurreiterin Anabel Balkenhol.

Das sieht Peter Kreinberg, Horsemanshipund Westerndressurtrainer, genauso: „Das Knie ist ein ganz wesentliches Gelenk für den Reiter, es ist genauso wichtig wie das Hüft- und Fußgelenk.“

Bewegungen durchs Knie lassen

Das Knie ist ein Knotenpunkt, der die Bewegung locker durch den Körper lässt. Um diesen Job gut zu machen, muss es „leicht gebeugt und leicht rotierend bei jedem Pferdeschritt angeschmiegt an den Sattel arbeiten“, erklärt Peter Kreinberg. In diesen beiden Funktionen – rotieren und beugen – liegt das Geheimnis eines gut funktionierenden Reiterknies. Es ermöglicht, dass die Bewegung des Pferds durch den Reiterkörper fließen kann.

Gleichzeitig bereitet gerade das Beugen und Rotieren des Knies vielen Reitern Schwierigkeiten. „Das liegt daran, dass die Beweglichkeit des Knies von den Muskeln des Beins abhängt – je nachdem, ob diese losgelassen oder verspannt sind“, erklärt Kreinberg. Das betrifft vor allem die Wadenmuskeln und die inneren Muskelbereiche der Oberschenkel, die Adduktoren. „Klemmen diese, müssen sie gelöst werden“, sagt Peter Kreinberg. Dafür hat er spezielle Übungen entwickelt, die seine Schüler in ihr Training einbauen sollen.

Weder Klammeraffe von Schlendrian

Reiter sollen weder Klammeraffe noch Schlendrian sein. Wie fest das Knie genau am Sattel anliegen soll, ist vielen Reitern ein Rätsel. Der richtige Druck hat viel mit der Oberschenkelmuskulatur zu tun. Das Sitzschulungssystem nach Mary Wanless aus Großbritannien unterrichtet die Fähigkeit, diese Muskeln richtig zu nutzen. Der Oberschenkel wird gemeinsam mit dem Knie bewusst eingesetzt.

Der richtige Kniewinkel ist oft eine Gratwanderung. Das Mary-Wanless-System gibt auch vor, wie stark das Knie gewinkelt sein soll: „Anfänger sollten einen 90-Grad-Winkel anstreben, weil sie mit dieser Winkelung am wahrscheinlichsten den Knie- und Oberschenkelschluss erfühlen können“, sagt Hannah Engler, eine der wenigen nach Mary Wanless zertifizierten Trainerinnen in Deutschland. „Fortgeschrittenen empfiehlt Mary Wanless einen 100-Grad-Winkel.“

Sie selbst unterrichte es auch schon mal mit einem größeren Winkel bei den Fortgeschrittenen, „denn die Mary-Wanless-Empfehlung sieht optisch schon sehr nach Springreiter aus. Ich versuche mit meinen Schülern, das Optimum zwischen einer optisch schönen Beinlage und einem biomechanisch funktionalen Bein zu finden.“ Solch eine genaue Beschreibung der Winkelung ist selten. „Es gibt in der Literatur bei den alten Meistern keine Anleitung, wie stark das Knie gebeugt sein soll“, hat Ausbilderin Anke Recktenwald festgestellt. Die Pferdewirtschaftsmeisterin arbeitet nach Feldenkrais, Connected Riding und ist Tellington-TTouch-Lehrerin nach Linda Tellington-Jones.

Die Steigbügellänge macht den Kniewinkel aus

„Die Idee des Steigbügels ist, dass er die Gelenke anbeugt, damit diese besser federn können“, erklärt Anke Recktenwald. Wie lang der Steigbügel dafür sein muss, sei je nach Reiter unterschiedlich. „Als grobes Maß empfehle ich, dass die Oberkante des Steigbügels mit der Unterkante des Fesselgelenks des Reiters abschließen sollte.“

Kugelrund oder schlank: Die Pferdefigur hat gewichtigen Einfluss. Peter Kreinberg möchte für jeden Reiter eine individuelle Lösung finden: „Es gibt kein pauschales ‚Ihr müsst alle so sitzen’.“ Je nachdem, ob das Pferd rundrippig ist, einem barocken Typ entspricht oder eher vollblütig und schmal gebaut ist, müssen Bügellänge und Kniewinkelung laut Kreinberg angepasst werden.

Oberschenkelform des Reiters

Auch die Oberschenkelform des Reiters ist zu beachten, ebenso das Sattelmodell an sich. Große Pauschen verleiten Reiter zum Klemmen, baumlose Sättel auf runden Pferden bringen Reiter dazu, „mit nach außen gestellten Füßen und pendelnden Unterschenkeln auf den Pobacken und hinteren Oberschenkelmuskeln zu sitzen“, kritisiert Kreinberg. Es fehlt dann die Taillierung, die ein Sattelbaum dem Reiter bietet.

Freizeitreiter sind echte Klammerkandidaten. Peter Kreinberg sieht Klemmen als den am weitesten verbreiteten Sitzfehler bei Freizeitreitern an. Das Problem entsteht laut Kreinberg nicht nur durch ungünstige Sättel, sondern auch als Begleiterscheinung einer Vor- oder Rücklage des Reiters. Anfänger möchten sich durch das Klemmen oft festhalten.

„Die gute Nachricht ist, dass der Reiter nichts mehr mit diesem Thema zu tun hat, sobald er einen funktionalen Sitz erlernt hat!“ Als Kern dieses funktionalen Sitzes sieht Peter Kreinberg, „dass der Stützpunkt im Steigbügel unter den Schwerpunkt des Reiters kommt.“

Geschlossene Knie können Pferde sauer machen

Klemmt der Reiter, dann hat das Folgen bis hin zur Widersetzlichkeit des Pferds: „Zunächst ist der Reiter nicht mehr in der Lage, losgelassen zu sitzen. Manche Pferde neigen dazu, sich stark zu machen, wenn das Knie zugeht. Sie sagen dann ‚Ich mach so nicht mehr weiter!’“, erklärt Anabel Balkenhol. „Andere Pferdetypen spannen den Rücken an, sind auf der Flucht und überlegen, wie sie sich von diesem heftigen Knieschluss befreien können.“

Der Knieschluss macht Pferden aber nicht immer Beine. Ganz im Gegensatz: Alte Meister nutzten den Knieschluss teils zum Ausbremsen des Pferds. Die Hilfengebung wurde für das Parieren und Versammeln eingesetzt.

Dressurausbilderin Claudia Butry erklärt, was es damit auf sich hat: „Schließt der Reiter die Knie, stellt er sein Becken fest.“ Der Mensch geht nicht mehr fließend mit der Bewegung mit. Das signalisiert dem Pferd, langsamer zu werden.

12.03.2019
Autor: Jeanette Aretz
© CAVALLO
Ausgabe 2/2019