Pferde grasen auf Weide Lisa Raedlein

Weidemanagement: Worauf es heute und in Zukunft ankommt

Pferdeweiden richtig pflegen und managen „Artenreiches Grünland kann Wetterextreme besser abpuffern“

Wie werden unsere Pferdeweiden in Zukunft aussehen? Hubert Kivelitz erklärt im Interview, worauf es beim Weidemanagement heute und mit Blick auf den Klimawandel ankommt: Artenvielfalt, Bodenschutz und gutes Gras für die Pferde. Kivelitz ist Herausgeber des kürzliche erschienen "Praxishandbuch Grünland für Pferde" vom Verband der Landwirtschaftskammern.

CAVALLO: Immer mehr Pferdehalter interessieren sich für das Thema Weide und Grünland. Die Faktoren für eine gute Weidebewirtschaftung werden immer komplexer. Experten vom Verband der Landwirtschaftskammern haben, in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen der Universitäten Göttingen und Halle, jetzt das Praxishandbuch Grünland für Pferde herausgegeben. Das richtet sich gleichermaßen an Fachleute und interessierte Laien. Welche Aspekte sind Ihnen besonders wichtig?

Hubert Kivelitz: Zunächst einmal ist es sehr zu begrüßen, dass Pferdehalter in den letzten Jahren stärker für die Themenkomplexe "Weide und Grünland" als Grundlage für Tierwohl bzw. Tiergesundheit und –Ernährung sensibilisiert wurden. Hier haben auch Fachzeitschriften wie zum Beispiel die CAVALLO maßgeblich und dankbarerweise dazu beigetragen. In dem Buch haben wir zunächst die gesamte Bandbreite der Anforderungen an das Grünland aus pflanzenbaulicher sowie aus futterbaulicher und ernährungsphysiologischer Sicht aufgegriffen. Auf dieser Grundlage haben wir einen weiten thematischen Bogen gespannt, in dem wir neben dem Weidemanagement auch die große Bandbreite an Grünlandpflege- und Düngungsmaßnahmen anschaulich abgebildet haben.

Wichtig war uns dabei auch zu erklären, warum diese oder jene Maßnahmen sinnvoll sind und welche Effekte sie auf die Grünlandvegetation haben. Ein zentraler Punkt des Buches sind zum einen die potenziellen gesundheitlichen Risiken, die auf der Weide bestehen können. Zum anderen möchten wir Lösungsmöglichkeiten aufzeigen bzw. Vermeidungsstrategien, um solche Risiken zu minimieren.

Eine Pferdeweide muss also nicht nur ernährungsphysiologischen Anforderungen genügen, sie sollte zum Beispiel auch frei von Giftpflanzen sein. Ist dieses Thema bei Pferdehaltern stärker in den Fokus gerückt?

Ja, durchaus. Diversen Umfragen zufolge haben Pferdehalter einen großen Informationsbedarf rund um das Thema Grünland. Wir merken den steigenden Informationsbedarf auch als Landwirtschaftskammern in der Beratung. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass, je nach Region, 15 bis 25 Prozent der Grünlandflächen von Pferden beansprucht werden, dann leitet sich daraus ein potenzieller Beratungsbedarf ab. Zudem hat der überwiegende Anteil der Pferdehalter keinen ausgesprochenen landwirtschaftlichen Hintergrund. Da Gesundheit und Ernährung des Pferds aber primär und unmittelbar mit dem Grünland bzw. mit der Weidehaltung zusammenhängen, sollte es im Interesse des Pferdehalters liegen, sich mit dem Themenkomplex "Grünland für Pferde" auseinanderzusetzen.

Wenn das vorliegende Buch dazu einen Beitrag leisten kann, dann hat es seinen Zweck erfüllt. Mit dem Lesen eines Buches allein ist es aber meist nicht getan. Der effektivste Weg des Informations- bzw. des Wissens- und Erkenntnistransfers ist immer noch die Beratung bei dem Pferdehalter vor Ort und ebenso das Selbststudium. In diesem Zusammenhang ist es nur zu begrüßen, sich solide Kenntnisse über die verschiedenen Pflanzenarten anzueignen. Letztlich ist die Pflanzenkenntnis auch deshalb so wichtig, um günstige oder auch weniger günstige Entwicklungen auf dem Grünland selbst besser beurteilen zu können.

Was sind denn die wichtigsten Faktoren, auf die es bei der Bewirtschaftung von Pferdeweiden ankommt?

Zunächst sollte man sich klar machen, welche Ansprüche an die Weide gestellt und welche Weideformen praktiziert werden. Hier gibt es in der Praxis der Pferdehaltung ein großes Spektrum. Ebenso spielen in diesem Zusammenhang Standort- und Klimafaktoren hinein, die wesentlichen Einfluss auf die Vegetation der Weide haben. Nicht zuletzt beeinflusst das Weidetier "Pferd" selbst durch sein Fressverhalten sowie durch Tritt die Ausprägung der Pflanzenvegetation. Es gibt also vielseitige Wechselwirkungen von Standort- und Nutzungs- bzw. Bewirtschaftungsfaktoren, die die Vegetationszusammensetzung und -Dynamik beeinflussen.

CAV Pferd Herde Weide Koppel Grasen
Rädlein
Pferde können den Boden durch Trittschäden verdichten und so auch die Vegetation beeinflussen, die sich auf ihm wohlfühlt.

Durch gezielte Pflege- und Bewirtschaftungsmaßnahmen wie Düngung, Nachsaaten, Mulchen von Weideresten u.a. wird versucht, die Grünlandpflanzenbestände in eine bestimmte Richtung zu steuern. Ziel dabei ist es, dass möglichst wenige Anteile an Pflanzenarten mit geringem Futterwert und vor allem keine giftigen Arten im Bestand vorkommen. Dagegen soll ein hoher Anteil schmackhafter Pflanzen vertreten sein und es soll sich eine robuste und trittfeste Weidenarbe entwickeln.

Es lässt sich leider nicht pauschal sagen, welche Bewirtschaftungs- und Pflegemaßnahme am wichtigsten ist. Vielmehr sollte man eine Vorstellung davon entwickeln, welcher Pflanzenbestand in Abhängigkeit von den individuellen Anforderungen und unter Berücksichtigung der Standortfaktoren sinnvoll ist. Davon hängen alle weiteren Maßnahmen ab. Sind jedoch die Rahmenbedingungen problematisch, wenn zum Beispiel ein zu enges Verhältnis zwischen Tierbesatz und Fläche besteht, also eine dauerhafte Überweidung stattfindet, können meist auch die obligatorischen Pflegemaßnahmen, ungünstigen Pflanzenbestandsentwicklungen nicht nachhaltig entgegenwirken. Unter dieser Prämisse gibt es nicht DAS Grünland oder DIE Weide für das Pferd.

Ein zentrales Thema sind durch den Klimawandel nötig gewordene Anpassungen. Einige Weidegräser werden vermutlich langfristig keine Zukunft mehr haben. Geht das Buch auf diese Fragen ein?

Gegenwärtig kann auf Basis der Vielzahl von Klimamodellen und daraus abgeleiteten Klimaszenarien ja nicht mit großer Sicherheit gesagt werden, wie sich das Klima oder präziser gesagt, das Wetter in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten entwickeln wird. Das hängt unter anderem stark von der künftigen Menge der globalen CO2-Emissionen ab. Über welchen Zeithorizont sprechen wir in diesem Zusammenhang? Klimaänderungen vollziehen sich sehr langsam über einen langen Zeitraum. Die Vorstellung, dass sich insbesondere im Westen Deutschlands in den nächsten 10 bis 20 Jahren zunehmend ein arides Klima (Wüstenklima, Anm. d. Redaktion) oder kontinentales Klima (sehr kalte Winter und warme Sommer mit vermehrten Gewitterniederschlägen, Anm. der Redaktion) einstellt und sich sogar eine steppenartige Vegetation entwickelt, hat keine wissenschaftliche Grundlage. Es gibt derzeit keine Anhaltspunkte für einen klaren Trend in diese Richtung.

Immer wieder auftretende Trockenphasen gehören zwar zur normalen Wettervariabilität. Klimamodelle machen derzeit keine klaren quantitativen Aussagen darüber, wie oft, wie intensiv und wie wahrscheinlich zukünftig Trocken- und Hitzephasen auftreten werden. Es ist aber davon auszugehen, dass Hitzephasen mit steigender Klimaerwärmung zunehmen und Trockenheit verstärken werden.

Grasendes Pferd
Rädlein
Die Pflanzenvielfalt auf der Weide sollte möglichst groß sein. So ist das Gründland gegenüber Wetterextremen wiederstandsfähiger.

Dennoch kann man davon ausgehen, dass sich in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten das Spektrum der verfügbaren Kulturgräser kaum verändern wird. Auch das Deutsche Weidelgras wird im Grünland und Futterbau kaum an Bedeutung verlieren. Dennoch gilt es, dort wo es möglich ist, eine möglichst artenreiche Vegetation auf dem Grünland zu entwickeln. Je artenreicher das Grünland ist, desto besser kann dieses Wetterextreme "abpuffern". Artenreichere Pflanzenbestände, die auch trockenheitsverträglichere Arten (Gräser und Kräuter) beinhalten, zeigen meist eine größere Wachstumsstabilität und eine bessere Resilienz insbesondere nach Trockenphasen.

Deutsches Weidelgras, auch das sollte man wissen, hat aber auch nach langanhaltenden Trockenphasen ein sehr gutes Regenerationsvermögen. Die Auffassung, dass man sich vor dem Hintergrund des Klimawandels in unseren Breiten ab nun intensiver mit Steppengräsern für das Pferdegrünland beschäftigen sollte, halte ich gegenwärtig für abwegig und nicht zielführend. Das Buch widmet ein Kapitel dem Thema, welche Maßnahmen beim Beweidungsmanagement ergriffen werden sollten, um weiteren Stress und ungünstige Pflanzenbestandsentwicklungen z.B. während Trockenphasen zu vermeiden.

Die Pferdewirtschaft wird sich auch mit Themen wie nachhaltigere Pferdehaltung und Ressourcenschonung beschäftigen müssen. Möglichst viele Pferde auf kleinem Raum, wie es oft praktiziert wurde, wird vermutlich nicht die Lösung sein?

Kriterien der Nachhaltigkeit sollten nach Möglichkeit auch in der hobbymäßig betriebenen Pferdehaltung eine Rolle spielen. Das heißt, dass neben dem Anspruch auf artgerechte Pferdehaltung auch den Anforderungen an den Boden- und Gewässerschutz gleichermaßen Beachtung geschenkt werden sollte. Auch der Aspekt der Biodiversität spielt in die Diskussion um Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit mit rein. Gerade aber dort, wo Pferdehaltern aus Kostengründen nur wenig Fläche zur Verfügung steht, bestehen die klassischen Zielkonflikte. Dies ist vor allem in Ballungsräumen der Fall. Aber auch dort, wo den Pferden unter dem Gesichtspunkt des Tierwohls ganzjährig, also auch im Spätherbst und Winter, unter nassen Bedingungen, Auslauf auf der Weide zur Verfügung gestellt wird, gibt es die beschriebenen Zielkonflikte "Tierwohl vs. Bodenschutz".

Im Rahmen der Winterbeweidung kann man beispielsweise gerade auf schweren Böden zumindest in stark frequentierten Bereichen wie Zuwege, Heuraufen, Tränken usw. mit einer Auflage von Holzhackschnitzeln, Rindenmulch oder Sand, schwere Bodenschadverdichtungen vermeiden. Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn Pferdehalter zusätzlich Paddocks oder Paddock-Trails als Ausweichfläche anlegen könnten. In der Praxis scheitert dies jedoch meist an nichtgenehmigten Nutzungsänderungen durch die zuständigen Behörden oder letztlich auch an den Kosten. Daher werden sich auch künftig Zielkonflikte nicht vermeiden lassen, wenn das Aufgeben der Pferdehaltung keine Option ist.

Steht ausreichend Weidefläche zur Verfügung oder ist sogar eine extensive Beweidung mit Pferden möglich, können die skizzierten Zielkonflikte meist vermieden werden. Vor allem die extensive Beweidung mit Pferden kann einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität leisten. Auch darauf gehen wir in dem Buch in einem eigenen Kapitel ein.

Das Buch richtet sich an Fachleute aber auch an interessierte Laien. Wie schwierig war der Spagat, komplexe Sachverhalte verständlich rüberzubringen?

Albert Einstein hat folgenden Ausspruch geprägt: "Wenn Du es nicht einfach erklären kannst, hast Du es nicht gut genug verstanden". Das Buch ist sicher keine wissenschaftliche Abhandlung und insofern nicht primär an Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen gerichtet. Von dem Autorenteam sind aber sowohl aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse als auch langjährige praktische Erfahrungen zu den speziellen Anforderungen an das Grünland für Pferde eingeflossen. Uns war es wichtig, die vielfältigen und komplexen Zusammenhänge von Weidemanagement, Pflege- und Düngungsmaßnahmen, Standortfaktoren und Pflanzenbestandsentwicklung in einer verständlichen Form und Sprache aufzuzeigen. Auf den zahlreichen Fotos in dem Buch werden neben verschiedenen Pflanzenarten vor allem auch verschiedene typische Situationen auf der Pferdeweide sowie Bewirtschaftungsmaßnahmen abgebildet.

Da einige aus dem Autorenteam selbst langjährig in der Grünlandberatung auch bei Pferdehaltern tätig sind, regelmäßig Seminare für Pferdehalter durchführen oder auch selbst Pferdehalter sind, war uns bewusst, welche Themen wir auf welche Art und Weise aufgreifen und darstellen mussten

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