Im Porträt: Bärbel Kemper
Frau Kempers grünes Gut

Bärbel Kemper und ihre Familie pflegen 66 Hektar Wald und machen ihn zu einer artenreichen Oase – und züchten Pferde. Eine perfekte Verbindung?

Bärbel Kemper im Portrait
Foto: Laura Falkenhain

Strand, wir sind am Strand!, ruft ein Kind. Tatsächlich ist das keine Fata Morgana – auf der Pferdeweide gibt es eine kleine Oase: dort glitzert in der Sonne ein von grünen Pflanzen umsäumter Teich mit Holzsteg und Sandstrand. Im Hintergrund grast eine Pferdeherde. Um die Weide wachsen Apfelbäume. Wir sind im Paradies! Das CAVALLO-Team besucht heute das Landgut Kemper & Schlomski am Rande der Sächsischen Schweiz nahe Dresden. Bärbel Kemper und ihre Tochter Anna-Karina führen uns über den Betrieb, begleitet von einer Gruppe fröhlicher Kinder, die hier ihre Freizeit verbringen dürfen.

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Im Porträt
Züchterin und Naturschützerin Bärbel Kemper
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Bärbel Kemper im Portrait
Laura Falkenhain
Streuobstwiese: Sie ist nicht nur die Heimat für Insekten und viele alte Baumarten, sondern auch Kulturgut. Das Obst dient als Vitaminfutter für die Pferde im Winter.

"Wir haben auf den Weiden und auch in unserem Wald kleine Biotope angelegt" erzählt Bärbel Kemper. "Die Teiche bieten zahlreichen Tieren Lebensraum. Hier gibt’s Libellen, Wasserschlangen…" Ups! Fast hätte CAVALLO-Autorin Alena Brandt schon die Schuhe ausgezogen, um mit den Zehenspitzen die Temperatur des glasklaren Wassers zu testen. Aber beim Wort "Schlange" zuckt sie zurück. Hilft nichts: Später wird sie dennoch eine treffen. Hätte sie sich denken können, dass im Paradies mit Apfelbäumen auch Schlangen leben.

Im Sommer baden die Pferde im Teich

Der Unterschied zum biblischen Paradies: Vom Baum der Erkenntnis soll hier auf dem Landgut jeder naschen. Und zwar um zu lernen, eine artenreiche Natur zu erhalten. Der Teich auf der Weide ist nur ein Beispiel dafür, wie gut Naturschutz und Pferdehaltung zusammenpassen. Das Biotop fördert Artenreichtum – und gleichzeitig werden die Fjordpferde aus der eigenen Zucht dort im Sommer direkt ans Wasser gewöhnt. Schließlich sollen sie verlässliche Familienpferde werden. Lust auf noch mehr solcher Inspirationen? Dann begleiten Sie uns auf der Entdeckungstour.

Bärbel Kemper im Portrait
Laura Falkenhain
Naturschutzteiche: Auf der Weide gewöhnen die Pferde sich an Wasser – und gleichzeitig bieten die Teiche Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten.

Der Dreiseitenhof ist denkmalgeschützt. Er liegt idyllisch umgeben von Bergwiesen, Wäldern und Feldern. Bärbel Kemper bewirtschaftet ihn mit ihrer Familie und ihrem rund zehnköpfigen Team nach ökologischen Grundsätzen: Es gibt einen Bienenwald, Streuobstwiesen, Biotop-Verbunde und eine Fjordpferdezucht mit besten Stutenstämmen. "Alle Projekte hier sollen pädagogischen Mehrwert haben", sagt die Chefin. Das hätte sie 2004 noch nicht gedacht. Als die den Hof kaufte, war er ein ganz normaler landwirtschaftlicher Betrieb. Familie Kemper legte artenreiches Grünland an und Naturschutzteiche. "Es sollte eine heile Welt entstehen, wo sich die Pferde wohl fühlten – wie auf dem Immenhof. Die Tiere sind wie unsere Familienmitglieder", erzählt Bärbel Kemper.

Klingt verträumt? Von wegen. Die Powerfrau ist eine Macherin. Dafür ist Durchhaltevermögen gefragt: Auf den Öko-Weiden verkümmerte erst das Weidelgras, weil es keinen Dünger bekam. Dafür kamen bald wieder andere Pflanzenarten durch, die dem verbreiteten Weidelgras sonst nicht trotzen können. So entstanden artenreiche Heuwiesen und Bio-Futter für die Pferde auf dem Grünland, das so viel Fläche einnimmt wie 560 Reitplätze. "Für die anderen Landwirte waren wir anfangs Exoten. Sie grinsten, weil wir das anbauten, was sie wegspritzen", erzählt Bärbel Kemper. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet: Viele Betriebe in der Nachbarschaft stellten ebenfalls auf Ökolandbau um. Das Landgut machte ja vor, wie man naturfreundlich und trotzdem wirtschaftlich arbeiten kann!

Wenn Bärbel Kemper eine Vision hat, dann setzt sie diese um. Ziemlich erfolgreich sogar: 2021 wurde sie etwa mit dem "Deutschen Waldpreis" in der Kategorie "Waldbesitzerin des Jahres" ausgezeichnet. "Aber ohne mein Team hätte ich das nicht geschafft", betont sie. Ihre 66 Hektar Wald sind PEFC-zertifiziert, also nachhaltig bewirtschaftet.

Der Fichtenfriedhof wird zum Bienenwald

Die Tatkraft von vielen kreativen Köpfen macht das Team vom Hofgut Kemper aus. Als durch die Dürre 2018 zahlreiche Fichten starben, steckten die Naturschützer nicht den Kopf in den Sand. Im Gegenteil: Sie kamen auf die Idee, auf den Flächen einen Bienenwald anzulegen. Die Kreisjugendfeuerwehr half beim Pflanzprojekt. "Das war auch gleich ein Team-Event", erzählt Anna-Karina Kemper, die nach dem Abitur Nachhaltigkeit und Wirtschaft studieren möchte.

Im Bienenwald wachsen viele verschiedene Baumarten – und von April bis September blüht es. "Wir fangen unten in der Nahrungskette an, etwas zu verbessern: bei den Insekten. Davon profitieren andere Tiere wie Vögel und Fledermäuse", erklärt Bärbel Kemper. Ihr sei es wichtig, die Natur als komplexes Ökosystem zu begreifen – und als Generationenprojekt. Woher hat sie das ganze Wissen? "Ich bin gut vernetzt mit Fachleuten und habe mir mit der Zeit alles angeeignet", erzählt sie. Während sie der CAVALLO-Autorin von ihren Projekten erzählt, finden die Kinder, die uns beim Rundgang begleiten, am Waldrand eine Schlange. Zum Kreischen ist nur der CAVALLO-Autorin. Die Kinder hingegen sind begeistert: echte kleine Waldschrate eben.

Der Impuls für die pädagogischen Projekte kam von außen. Damals war die jetzt 18-jährige Tochter Anna-Karina drei Jahre alt. Im Kindergarten sollten die Eltern ihre Berufe vorstellen. Eine Mutter war Bäckerin und die Kinder kamen mit den tollsten Süßigkeiten nach Hause. Bärbel Kemper ist Unternehmensberaterin. "Ich dachte: Na toll, wie soll ich den Beruf Kindern erklären?", erzählt sie. Sie entschloss sich also, alles rund um den Hof und Naturschutz zu zeigen. Sie sammelte Pflanzen und drei Terrarien voll mit Weinbergschnecken. "Das war der Hit", erinnert sie sich.

Bärbel Kemper im Portrait
Laura Falkenhain
Pädagogische Projekte: Kinder lernen auf dem Landgut und im Schulwald alles über Tier- und Naturschutz. Sie passen gut auf, denn als Bonbon dürfen sie oft auf den lieben Zuchtstuten reiten.

Beim nächsten Kindergartenfest brachte sie Fjordpferde mit und schon bald fragten auch andere Kindergärten eine Aktion bei ihr an – und ob sie nicht mit den Kindern ein Pflanzprojekt starten wolle. Sie habe ja auch Wald. Ein Schulwald entstand und so kam alles ins Rollen.

Heu und Hengste sorgen für konzentrierte Kids

Was für viele Reiter nach einem Traum klingt, macht das Landgut für die Schüler in Sachsen wahr. Die Kinder lernen im Projekt Fjordpferd wöchentlich alles rund ums Pferd: putzen, führen, artgerechte Haltung – und reiten. "Dafür nehmen wir unsere lieben Zuchtstuten", erklärt Bärbel Kemper. Theorie lernen die Kinder an Tischen und Bänken im Stall; die Hengste malmen währenddessen das Öko-Heu von der Bergwiese nebenan in der Box. Dort stehen sie nur ausnahmsweise – wenn Besuch im Stall ist.

"Das malmende Geräusch strahlt Ruhe auf die Kinder aus", meint die Hofchefin. Sie setzt sich zu den Kindern und füllt mit ihnen das Rätsel- und Malbuch aus. "Wer waren die ersten Züchter des norwegischen Fjordpferds?" fragt sie. "Die Wikinger", antwortet Lotta. Korrekt. Eines ist klar: Hier geht jeder mit mehr Wissen vom Hof, mit mehr Liebe zur Natur – und jeder Menge Inspiration.

Bärbel Kemper im Portrait
Laura Falkenhain
Zucht: Das erste Fjordi-Fohlen des Jahres chillt im Stroh. Bald darf es auf der Weide mit Altersgenossen toben. Die Pferde sind ganzjährig draußen auf ökologisch bewirtschafteten Weiden. Bundesprämienstute Lalelu wartet in der Abfohlbox nebenan auf ihren Nachwuchs.

Die Kinder können davon gar nicht genug bekommen: "Ich will noch nicht nach Hause. Hier wird es nie langweilig", meint die kleine Lotta. So geht es auch dem CAVALLO-Team. Aber Powerfrau Bärbel Kemper gibt zu, dass sie etwas müde ist. Die Nacht zuvor hatte sie die trächtigen Stuten überwacht. Ein Fohlen schlummert bereits im Stroh. Vielleicht kommt ja bald das nächste dazu. Wenn es wüsste, dass es im Paradies aufwachsen darf, würde es sich bestimmt beeilen.

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Laura Falkenhain
Hammer! CAVALLO-Autorin Alena Brandt darf Feldahorn im Bienenwald pflanzen.

Kontakt

Landgut Kemper & Schlomski
Großröhrsdorfer Str. 3
01825 Liebstadt
www.lgks.eu

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Laura Falkenhain
Lachen und lernen, das gehört auf dem Landgut Kemper und Schlomski zusammen. Bärbel Kemper bringt den Kindern alles über Fjordpferde bei.
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12 / 2022

Erscheinungsdatum 23.11.2022

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