Was tun bei Hufgelenksentzündung?
Hufgelenksentzündung: Ursache, Diagnose, Behandlung

Falsches Reiten, Vertreten, Fehlstellungen oder genetische Anfälligkeit lassen viele Pferde lahmen. Das sind die aktuellen Therapiemöglichkeiten.

Kompendium Hufgelenksentzündung
Foto: Lisa Rädlein
In diesem Artikel:
  • Wissenswertes zur Anatomie
  • Was verursacht eine Hufgelenksentzündung?
  • Woran erkennt man eine Hufgelenksentzündung?
  • Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?
  • So behandeln Tierärzte
  • Wie lässt sich einer Hufgelenksentzündung vorbeugen?

Der Hengst hatte sehr starke Schmerzen, teilweise konnte er sein Bein gar nicht belasten", so Dr. Antonia Zanker. Über ein Jahr lahmte er. Röntgenbilder zeigten vorne rechts hochgradige arthrotische Veränderungen im Hufgelenk. Der Hengst litt unter einer degenerativen Hufgelenksentzündung.

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Hufgelenksentzündung: Diagnose und Behandlung
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Kompendium Hufgelenksentzündung
Lisa Rädlein
Falsche Belastung oder unglückliches Vertreten können Entzündungsauslöser sein.

Wissenswertes zur Anatomie

Das Hufgelenk setzt sich aus Huf-, Kron- und Strahlbein zusammen. Das Gelenk kann gestreckt und gebeugt werden, auch leichte Drehbewegungen sind möglich.

Was verursacht eine Hufgelenksentzündung?

Hufgelenksentzündungen sind eine der häufigsten Lahmheitsursachen. Man unterscheidet zwei Formen: die infektiöse und die nicht-infektiöse.

Bei einer infektiösen Entzündung gelangen Bakterien ins Hufgelenk; etwa bei Nageltritten, bei denen spitze Gegenstände in Hufsohle oder Strahlfurche dringen. Außerdem können Entzündungen auftreten, wenn benachbarte Strukturen (wie die Fesselbeugesehnenscheide) bakteriell infiziert sind und diese Infektion auf das Hufgelenk übergeht. Auch im Blut befindliche Keime können vor allem bei Fohlen infektiöse Hufgelenksentzündung hervorrufen.

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Auch bei Huffehlstellungen droht eine Hufgelenksentzündung.

Eine nicht-infektiöse Hufgelenksentzündung kann akut ausgelöst werden oder sich über einen längeren Zeitraum entwickeln. Ursache für akute Entzündungen können Vertreten oder Verletzungen wie das Hängenbleiben des Hufs an einem Hindernis sein. Im schlimmsten Fall kommt es hierbei zu Knochenbrüchen oder einer Absplitterung eines Knochenstücks vom Gelenkrand (ein sogenannter Chip). Darüber hinaus kann eine Hufgelenksentzündung entstehen, wenn der knöcherne Strecksehnenansatz (Processus extensorius) am Hufbein abreißt und das Gelenk behindert.

Hufgelenkslahmheiten, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln, entstehen durch dauerhaft falsches Reiten oder Überbelastung. Auch Fehlstellungen der unteren Gliedmaßen, wie zehenweite- oder zehenenge Stellungen, können zu einer Entzündung führen. Solche Fehlstellungen seien auch genetisch bedingt, so Dr. Zanker. Häufig werden diese durch schlechte Hufbearbeitungen begünstigt. Fußt das Pferd stetig schief auf, wird entweder der Gelenkknorpel durchgängig überbelastet oder die Ansätze der Gelenkkapsel sowie der Gelenkbänder am Knochen dauerhaft überbeansprucht. Die Fehlbelastung schädigt allmählich Knorpel, Gelenkkapsel oder Bänder. Diese können verknöchern und Knochenwucherungen am Hufgelenkrand bilden. Eine Arthrose entsteht, die die Beweglichkeit des Gelenks einschränkt und Schmerzen verursacht.

Woran erkennt man eine Hufgelenksentzündung?

Bei einer infektiösen Entzündung geht das Pferd mittel- bis hochgradig lahm. Die Körperinnentemperatur ist erhöht und liegt bei erwachsenen Pferden zwischen 38,5 und 41 Grad Celsius. Der betroffene Huf ist erwärmt, Kronsaum sowie Fessel sind angeschwollen. Auch bei einer akuten nicht-infektiösen Form kann das Tier stark lahmen. Teilweise entlastet es den Huf bereits im Stand. Eine schleichende Hufgelenksentzündung ruft meist eine geringbis mittelgradige Stützbeinlahmheit hervor, wobei das Pferd im Schritt nicht lahmt. In der Regel zeigen Patienten einen deutlichen Wendeschmerz.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Der Tierarzt beobachtet, wie das Pferd läuft, auffußt und steht. Außerdem führt er eine Beugeprobe durch. Am wichtigsten sind jedoch Leitungs- und Gelenksanästhesien. Bei Leitungsanästhesien werden die zuleitenden Nerven betäubt, wodurch die Lahmheitsursache auf einen Gliedmaßenabschnitt eingegrenzt werden kann. Zur spezifischeren Diagnostik kann das Gelenk direkt mit einem Lokalanästhetikum ausgeschaltet werden.

Röntgenaufnahmen, Ultraschall, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) dienen der bildgebenden Diagnostik. Mithilfe von Röntgenaufnahmen können isolierte Fragmente (Chips), Frakturen, arthrotische Veränderungen oder Erkrankungen des Knochens festgestellt werden. Mit CT oder MRT können Gelenkstrukturen wie Knorpel, Gelenkkapsel und Bänder untersucht werden. Eine Punktion des Hufgelenks ermöglicht die Untersuchung der Gelenkflüssigkeit (Synovia) im Labor auf Bakterien, Zellzusammensetzung und physikalische Eigenschaften.

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Tierspital Universität Zürich
Befindet sich ein Knochenfragment im Hufgelenk, lahmt das Pferd hochgradig.

So behandeln Tierärzte

Eine infektiöse Hufgelenksentzündung muss unverzüglich chirurgisch versorgt werden. Unter Vollnarkose und arthroskopischer Kontrolle wird die Entzündungsursache (Keime/ Fremdkörper) entfernt und der physiologische Zustand wiederhergestellt. Anschließend wird das Pferd mit Antibiotika therapiert und die Wunde mit einem sterilen Verband abgedeckt.

Leichte akute nicht-infektiöse Hufgelenksentzündungen werden mit kühlenden, ruhigstellenden Verbänden behandelt. Verbessern sich die Symptome nicht, können entzündungshemmende Schmerzmittel oral (zum Beispiel über Futter) verabreicht werden. Bleibt auch diese Therapie erfolglos, werden Entzündungshemmer in das Gelenk gespritzt; zusätzlich kann Hyaluronsäure injiziert werden. Tritt dennoch keine oder nur eine geringe Verbesserung ein oder ist die Lahmheit auf einen Chip zurückzuführen, wird eine Gelenkspiegelung (Arthroskopie) durchgeführt. Diese ermöglicht es unter Vollnarkose den Gelenkzustand zu beurteilen und eventuell vorhandene Chips zu entfernen, krankhaft veränderten Knorpel zu glätten oder veränderte Synovia zu ersetzen.

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Tierspital Universität Zürich
Chips können arthroskopisch entfernt werden.

Die Regenerationsfähigkeit des Knorpelgewebes ist eingeschränkt. Ist der ursprüngliche Gelenkknorpel (embryonal angelegter hyaliner Knorpel) geschädigt, muss er durch Ersatzgewebe (Faserknorpel) ausgetauscht werden. Um die Qualität des Faserknorpels zu optimieren, können Substanzen wie Stammzellen oder Eigenbluttherapiepräparate in das Hufgelenk gespritzt werden. Eine Fütterung von Glucosamin, Muschelextrakt oder Chondroitin kann die Gelenkfunktion zudem unterstützen.

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Pferdeklinik Wolfesing
Die Röntgenaufnahme zeigt ein gesundes Hufgelenk.

Hat sich eine Arthrose entwickelt, kann diese nicht rückgängig gemacht werden. Es gilt weitere arthrotische Veränderungen zu vermeiden und Schmerzen zu lindern. Dies kann zum Beispiel durch Gelenkinjektionen, optimierten Beschlag und angepasste ruhige kontinuierliche Bewegung erfolgen.

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Pferdeklinik Wolfesing
Vor der Arthrodese: Knöcherne Zubildungen auf und am Kronbein, am Strahlbein sowie zwischen Kron- und Hufbein. Knöchener Strecksehnenansatz stark vergrößert. Am Hufbein Knochenauflösung erkennbar.

Als letzter Therapieversuch gilt die Hufgelenkarthrodese. Bei einer Arthrodese wird das Hufgelenk in einem operativen Eingriff mittels Schrauben und/oder Platten versteift. Ziel der Operation ist es, dem Tier ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen.

Eine Arthrodese kann durch unterschiedliche OP-Techniken erfolgen. Eine Standardvariante gibt es nicht. Der eingangs beschriebene Hengst wurde in der Tierärztlichen Klinik für Pferde Wolfesing mit einer nur in diesem Einzelfall angewandten Technik behandelt. In der von den Fachtierärzten Dr. Nils Adolphsen und Dr. Antonia Zanker angewandten Methode (2021 im Fachmagazin "Pferdeheilkunde" veröffentlicht) wird die Arthrodese des Hufgelenks durch drei das Hufgelenk überbrückende Schrauben erreicht. Diese werden vom Kronbein durch den Hufgelenkspalt in das Hufbein eingebracht.

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Pferdeklinik Wolfesing
Ein Jahr später: Huf-, Kron-und Strahlbein verwachsen. Zubildungen auf Huf- und Kronbein verknöchert. Knöcherne Zubildungen um Schraubenköpfe, auf Fesselbein und im Krongelenkbereich.

Ein Jahr nach dem Eingriff lief der Hengst auf geraden Strecken lahmfrei; nur auf gebogenen Linien war im Trab eine geringgradige Restlahmheit erkennbar. Nichtsdestotrotz könne von einer Schmerzfreiheit ausgegangen werden.

Wie lässt sich einer Hufgelenksentzündung vorbeugen?

Lahmheiten sollten auf keinen Fall ignoriert werden. Ziehen Sie umgehend einen Tierarzt hinzu, damit eine mögliche Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt werden kann. Außerdem sollten die Hufe regelmäßig von einem Fachmann bearbeitet und die Belastung des Tieres an seinen Trainingsstand angepasst werden, um Fehlstellungen und Überbelastungen zu vermeiden.

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12 / 2022

Erscheinungsdatum 23.11.2022

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