Pferdeschnauze mit laufender Nase Lisa Rädlein

Nebenhöhlenentzündung beim Pferd behandeln

Sinusitis beim Pferd Nebenhöhlenentzündung beim Pferd behandeln

Eine dentogene Sinusitis, also Entzündungen der Nasennebenhöhlen, ist häufig Folge von Zahnproblemen. Die Ursachensuche gleicht einer Detektivarbeit.

Zunächst fällt der Besitzerin des achtjährigen Wallachs nur ein wenig Nasenausfluss auf. Der kommt aus der linken Nüster und riecht etwas unangenehm. Harmlos, denkt die Besitzerin und will abwarten; vielleicht löst sich der Ausfluss von alleine auf. Das tut er nicht, im Gegenteil: Wenige Tage später sickert immer noch Sekret aus der Nüster. Dazu hat der Fuchswallach angefangen, beim Reiten und am Putzplatz mit dem Kopf zu schlagen. Die Besitzerin ruft den Tierarzt. Dessen Diagnose fällt alles andere als harmlos aus: Der Wallach hat eine dentogene Sinusitis, also eine zahnbedingte Entzündung der Nasennebenhöhlen.

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Wissenswertes zur Anatomie

Insgesamt gibt es sieben Nasennebenhöhlen (Sinus) beim Pferd – zwei davon sind Kiefer- und Stirnhöhle, die sich am häufigsten entzünden. Es handelt sich bei den Nebenhöhlen um luftgefüllte Schleimhauterweiterungen (sogenannte Aussackungen) der Nasenhöhle. "Die Kieferhöhle besteht aus einer vorderen und einer hinteren Aussackung. Die hintere Aussackung ist mit der Stirnhöhle verbunden", erklärt Tierärztin und Zahnspezialistin Sigrun Klose. Die Nasennebenhöhlen sind über eine Öffnung mit dem mittleren Nasengang verbunden. Erkrankungen der Nasenschleimhaut können deshalb auch leicht auf die Nasennebenhöhlen übergreifen; das ist beim Menschen nicht anders.

Einerseits ist die Schleimhaut der Nasennebenhöhlen gut durchblutet. Andererseits sind die Öffnungen zwischen Nasengang und Nasennebenhöhlen sehr eng; daher kann es hier schnell zu Sekretansammlungen (etwa Eiter bei einer Infektion) kommen.

Vom mittleren Nasengang gelangt man in die Kieferhöhle des Pferdes. Hier im Oberkiefer befinden sich die Wurzeln von insgesamt zwölf Backenzähnen (zwölf weitere befinden sich im Unterkiefer), welche an dieser Stelle lediglich von einer dünnen Knochenschicht (Alveole) umschlossen sind.

Was verursacht eine dentogene Sinusitis beim Pferd?

Eine Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) kommt entweder primär oder sekundär vor. Die primäre Entzündung entsteht zum Beispiel durch Bakterien oder Pilze (siehe auch Absatz "Weitere Ursachen"). Die sekundäre Sinusitis kommt häufiger vor. In seltenen Fällen wird sie durch Tumore in den Nasennebenhöhlen verursacht. Auch Erkrankungen der Nasenschleimhaut greifen oft auf die Nasennebenhöhlen über.

Hat eine Entzündung ihren Ursprung bei den oberen Backenzähnen, wird sie als dentogene Sinusitis bezeichnet. Die Backenzähne wachsen bis zum Alter von sechs Jahren und sind dann oft zehn Zentimeter lang. Der Abrieb beträgt pro Jahr ein bis drei Millimeter; so weit schiebt der Zahn jeweils nach. Das Dilemma: Es besteht nur wenig Raum zwischen Zahnwurzel (Appex) und Nasennebenhöhle.

Entzündet sich der Zahn, etwa durch Karies oder auch in Form einer Parodontalerkrankung (also einer Entzündung des Zahnhalteapparates), kann das zu einer Infektion führen. Auch Absprengungsfrakturen an der Krone durch schlechte Druckverteilung (in Folge unzureichender Zahnkontrollen) können Entzündungen verursachen. Steigen diese über die Zahnwurzel auf und greifen sie an, kann das auch die benachbarten Nasennebenhöhlen in Mitleidenschaft ziehen, wenn die Zahnprobleme nicht rechtzeitig entdeckt werden.

Grundsätzlich können Pferde jeden Alters an einer dentogenen Sinusitis erkranken. Gefährdet sind aber vor allem Tiere bis 15 Jahre, bei denen die Zähne noch verhältnismäßig lang sind. Die Wurzeln liegen bei ihnen noch sehr nah an der Kieferhöhle.

Wie macht sich eine Sinusitis beim Pferd bemerkbar?

Zahnschmerzen als Ursache einer dentogenen Sinusitis zu bemerken, ist schwierig, weil Pferde diese mitunter recht lange verbergen. Manche Tiere fangen irgendwann an mit dem Kopf zu schlagen oder sind plötzlich unrittig, sagt Sigrun Klose. Unrittig heißt: "Sie wehren sich in solchen Fällen gegen die Reiterhand und lassen sich zum Beispiel nicht mehr korrekt stellen."

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Vermehrtes Kopfschlagen und Unrittigkeit können Anzeichen einer dentogenen Sinusitis sein,

Auch verändertes Fressverhalten, etwa langsameres Kauen als gewöhnlich oder aus dem Maul fallendes Futter, weist auf erste Zahnprobleme hin. "Hier sollte dann unverzüglich und genau nachgeschaut werden", betont Tierärztin Sigrun Klose.

Typisch für eine dentogene Sinusitis ist einseitiger Nasenausfluss, meistens eitrig und stinkend. Zudem weisen auch einseitig vergrößerte Lymphknoten im Kieferbereich auf die Erkrankung hin, oft verbunden mit Fieber.

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vor allem wenn noch einseitiger Nasenausfluss hinzukommt.

Mitunter zeigen sich zudem kleine, harte Beulen im Bereich des Oberkiefers: Wenn die Erkrankung besonders schlimm ist, verursacht die Entzündung Schwellungen am Gewebe des Kieferknochens, sogenannte Auftreibungen, erklärt Sigrun Klose.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Einfach ist das nicht. Um die Krankheit korrekt zu diagnostizieren, bedarf es einer "regelrechten Detektivarbeit", sagt Sigrun Klose. Das Abklopfen des Schädels im Nasennebenhöhlenbereich kann bereits erste Erkenntnisse bringen. Da macht es der Sound: Normalerweise ist eine gesunde Nasennebenhöhle mit Luft gefüllt und klingt hohl. Enthält sie jedoch Flüssigkeit (etwa Eiter), klingt sie beim Abklopfen eher dumpf.

Es folgen dann im zweiten Schritt eine gründliche Maulhöhlenuntersuchung sowie eine endoskopische Untersuchung der Nasengänge und Nasennebenhöhlen. Zudem werden detaillierte Röntgenaufnahmen des betroffenen Bereichs angefertigt. So lässt sich erkennen, ob einzelne Zahnwurzeln erkrankt sind und ob sich Flüssigkeit in den Nebenhöhlen befindet.

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Dann sollte man unbedingt eine Zahn- und Maulhöhlenuntersuchung veranlassen.

"Wenn sich dann nicht sicher sagen lässt, welche Zähne genau für die Sinusitis verantwortlich sind, ist eine Computertomographie (CT) nötig." Das geschieht in der Klinik. Doch im Kopfbereich, erklärt Sigrun Klose, braucht das Pferd keine Vollnarkose, das CT wird am stehenden, sedierten Pferd durchgeführt. Günstig ist das Verfahren nicht: Rund 1 000 Euro werden hier pro Untersuchung fällig.

So behandeln Tierärzte eine Sinusitis beim Pferd

Für die Behandlung gilt: Keine Experimente, der Zahn muss raus! "Nur medikamentös zu behandeln, bringt nichts", betont Tierärztin Klose. "Denn dann ist es nur eine Frage von ein paar Wochen oder Monaten, und es bildet sich wieder eine neue Entzündung." Verabreicht wird trotzdem ein passendes Antibiotikum, zudem gibt der Tierarzt schleimhautabschwellende Entzündungshemmer.

Die Nebenhöhlen werden dazu über den Naseneingang endoskopisch gespült. Wenn man fürs Spülen nicht über die Nase an die Nebenhöhle drankommt, ist eine sogenannte Trepanation angesagt. Hierfür wird an der entsprechenden Stelle von außen in den Schädel ein Loch gebohrt und auf diese Weise eine Spülung von außen ermöglicht.

So oder so: Das Pferd muss auf jeden Fall für ein paar Tage in die Klinik, schon weil in der Regel zweimal am Tag gespült werden muss. Das Pferd sollte in der Zeit auch vom Boden aus gefüttert werden, sodass Eiter und Sekret abfließen können. Verletzungen der Haut durch eine Trepanation heilen in rund eineinhalb Wochen ab.

Wie lässt sich der Nasennebenhöhlenentzündung beim Pferd vorbeugen?

Die ernüchternde Antwort: kaum. Doch gesunde Zähne sind das A und O. Regelmäßige Gebisskontrollen sind deshalb ein Muss, auch schon bei jungen Pferden. So lassen sich Veränderungen rechtzeitig entdecken und behandeln.

Kariöse Zähne sollten vom Zahnspezialisten behandelt oder, wenn das nicht mehr möglich ist, gezogen werden. Auch auf eine Erkrankung des Zahnhalteapparates gilt es rechtzeitig zu reagieren.

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Bei einer dentogenen Sinusitis ist die Behandlung klar: Der kranke Zahn muss raus, sonst droht bald die nächste Entzündung.

Pferdebesitzer können außerdem durch eine artgerechte Fütterung dazu beitragen, dass die Zahngesundheit möglichst wenig von außen "gefährdet" wird. Heu, Stroh oder Gras tun den Zähnen gut. Zuckerhaltige Mahlzeiten – etwa Müsli oder Leckerli mit hohem Melasseanteil – können hingegen zu futterbedingter Karies führen. Sigrun Klose rät daher vom "Leckerli nach jedem richtigen Schritt" ab.

Weitere Ursachen

Unabhängig von Haltung und Fütterung verursachen auch Bakterien in der Blutbahn eine Nasennebenhöhlenentzündung. Das passiert aufgrund eines vorübergehend schlechten Immunstatus. Ebenso können Pilzinfektionen Sinusitis auslösen. Eine primäre Nasennebenhöhlenentzündung (primäre Sinusitis) lässt sich allein mit einer Antibiotika-Therapie erfolgreich behandeln, wobei Sekretansammlungen häufig durch zusätzliche therapeutische Maßnahmen (Spülung der Nasennebenhöhlen) entfernt werden müssen.

Die Expertin

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Sigrun Klose

Sigrun Klose betreibt eine eigene Tierarztpraxis in Hagen bei Bremen. Klose hat sich unter anderem auf Pferde-Zahnheilkunde spezialisiert. Sie ist geprüfte Pferdedentalpraktikerin nach IGFP. Zu ihren weiteren Schwerpunkten gehören Huferkrankungen und Chiropraktik. www.pferdepraxis-sigrunklose.de

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