Auf Wärme und Kälte reagiert der Körper sofort – genau diese positiven Effekte können wir uns in der Reha-Phase gezielt zunutze machen. Die wohltuende Wirkung von Wärme und Kälte kennen wir alle aus eigener Erfahrung: Das Knie gestoßen? Schnell kühlen. Die Muskeln im Nacken- und Schulternbereich schmerzen? Wärmekissen drauf. Ganz ähnlich können wir Kälte und Wärme auch in der Reha-Phase unserer Pferde gezielt einsetzen.

Katrin Obst ist Physiotherapeutin mit Zusatzqualifikation in Osteopathie. Sie bildet Pferdemenschen auch in einem mehrtägigen Seminar zu Reha-Trainern aus. Infos unter www.katrinobst.de
"Kälte- und Wärmetherapie nutzen die Reaktionen des Körpers auf Temperaturveränderungen, um verschiedene therapeutische Effekte zu erzielen”, erklärt Physiotherapeutin Katrin Obst. Wir müssen nur wissen, was wir wann einsetzen. "Kälteanwendungen, auch Kryotherapie genannt, sind besonders effektiv bei akuten Verletzungen. Sie verengen die Gefäße und reduzieren dadurch Schwellungen sowie Entzündungen, lindern Schmerzen, haben also eine analgetische Wirkung, und verbessern die Durchblutung nach der Anwendung, wenn sich der Körper wieder erwärmt”, erklärt Katrin Obst. Wärmeanwendungen gehören zu den ältesten Therapieformen; schon die Römer setzten sie in ihren Tepidarien ein. "Wärme weitet Gefäße, fördert die Durchblutung und den Stoffwechsel, entspannt die Muskulatur, löst somit Verspannungen und verbessert die Beweglichkeit”, sagt die Reha-Expertin.
Empfohlene Produkte zur Kälte- und Wärmetherapie:
Im Akutfall kühlen, danach wärmen
Heißt also für die konkreten Anwendungen: Akute Verletzungen oder Entzündungen werden gekühlt (je nach Verletzung mehrere Minuten und auch mehrmals täglich möglich); nach dieser Akutphase wechselt ihr dann zu Wärmeanwendungen. Lässt sich natürlich auch außerhalb der Reha-Phase einsetzen: Kühlen bremst z.B. Mikroentzündungen nach dem Training aus; Wärme bereitet den Körper aufs Training vor.
So hilft Wärme bei Muskelverspannungen im Pferderücken
Bei Verspannungen, Schmerzen oder an kalten Tagen greifen wir Reiterinnen gerne zur Wärmflasche. Das empfiehlt Katrin Obst auch in der Reha-Phase: "Wenn Pferde eine Gliedmaße beispielsweise wegen einer Verletzung schonen, nehmen sie oft eine Kompensationshaltung ein. Das führt häufig zu Muskelverspannungen oder -verkürzungen, meist im Bereich des Pferderückens."
Daher: Rücken mit Wärme unterstützen. Die Reha-Expertin nutzt dafür gerne die Wellnessdecke von HeuEnjoy (ab 70 Euro); die erwärmt sich selbst, sobald sie auf dem Pferd liegt.

Das Material im HeuEnjoy erwärmt sich von allein.
Auch ein Knickkissen (funktioniert wie ein Taschenwärmer) braucht keine Starthilfe: Metallplättchen darin knicken, schon erwärmt sich das Kissen (z.B. Wehrle WarmUp, 25 x 25 cm, für ca. 25 Euro). "Die Wärmekissen kann man 15 bis 30 Minuten auf den Pferderücken legen; bei starken Verspannungen täglich, sonst alle zwei Tage", so Katrin Obst. Vermeidet Wärme bei akuten Infekten, Entzündungen oder Fieber; bei trächtigen Stuten individuell nach Absprache mit dem Tierarzt abwägen. Vorteil der Decken: "Die kann man später beim Putzen auflegen, um den Rücken fürs Reiten vorzuwärmen."

Das Knickkissen funktioniert wie ein überdimensionaler Taschenwärmer.
Wärme für die Beine nach OP oder bei Sehnenschäden
Nach operativen Eingriffen am Bein oder Sehnenschäden hilft Wärme beim Heilen. Katrin Obst empfiehlt spezielle Wärmegamaschen (etwa Gamasche von Waldhausen Health + Care). "Die kann man täglich für rund 30 Minuten am Pferdebein anbringen.” Diese Gamasche wärmt und vibriert dreistufig; "die Vibration wirkt zusätzlich stoffwechselanregend", so die Reha-Expertin. Und: Ihr könnt die Gamasche auch zum Kühlen einsetzen.
Keramik-Materialien werfen Wärme auf den Körper zurück
Unsere Körper sind höchst ineffizient: Denn einen Großteil der in uns erzeugten Energie geben sie als Wärmestrahlung über die Haut wieder ab. Genau das nutzen aber Keramik-Textilien: Sie wandeln die Wärme unserer Pferde in eine Art Infrarotstrahlung um und werfen sie auf den Pferdekörper zurück – wie ein Bumerang.
Der Vorteil dieser Materialien ist, dass ich keine externe Wärmequelle brauche und das jederzeit nutzen kann”, sagt Katrin Obst. Weil sich der Körper erst daran gewöhnen muss, solltet ihr die Zeitabstände nach einer Eingewöhnungsphase nach und nach steigern. Katrin Obst empfiehlt Keramik-Materialien bei angelaufenen Beinen, bei Arthrose und Rückenverspannungen.

Nach Sehnenschäden können Gamaschen mit Keramik-Material die Heilung unterstützen.
"Auch nach Sehnenschäden ist das empfehlenswert, weil wir da eine Durchblutungsförderung haben wollen, um die Heilung anzuregen, und Gamaschen mit Keramik-Material genau das bewirken”, erklärt die Therapeutin. Nach Operationen solltet ihr den Einsatz mit dem Tierarzt absprechen. "Hat das Pferd an einem Bein einen Verband, kann ich mit solchen Gamaschen die anderen, gesunden Beine unterstützen, die dann oft mehr Last tragen”, findet Katrin Obst.
Moxa-Zigarren für punktuelle Wärme
Moxa-Zigarren sind aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) nicht wegzudenken. Die Zigarre erwärmt Akupunkturpunkte, was für Energiefluss und Entspannung sorgt.

Die Zigarre erwärmt Akupunkturpunkte, was für Energiefluss und Entspannung sorgt.
Dafür werden die Zigarren aus Beifußkraut angezündet und mit wenigen Zentimetern Abstand über Akupunkturpunkte gehalten. "Das stärkt das Yang, das für alles zuständig ist, was positiv bewegend ist", sagt Katrin Obst; hilft bei Knochen- und Gelenkerkrankungen sowie Muskelverspannungen. Nicht anwenden bei akuten Infekten.
Die entzündete Moxa-Zigarre haltet ihr zwei- bis dreimal pro Woche für mehrere Minuten über die Akupunkturpunkte "Blase 23" im Lendenbereich und "Blase 60” außen am Sprunggelenk.

Die Akupunkturpunkte „Blase 23” (1) im Lendenbereich und „Blase 60” (2) außen am Sprunggelenk. Beide Punkte liegen auf dem Blasenmeridian (grüne Linie) .
Kneipp-Bäder und Kneippsche Güße für die Pferdebeine
Aus Thermen oder Wellness-Bereichen kennen wir die Kneipp-Becken: knietief mit Wasser gefüllt, durch die wir dann wie Störche staksen. Dahinter steckt Wissen aus der Hydrotherapie: Wasser kann Durchblutung und Stoffwechsel anregen.
"Kneipp-Anwendungen beeinflussen Arterien, Venen, Lymphgefäße und Kapillaren”, sagt Katrin Obst. Bei Wärme erweitern sich die Blutgefäße (Vasodilatation), was die Durchblutung anregt; bei Kälte verengen sich die Gefäße (Vasokonstriktion), was Schwellungen und Entzündungen reduziert. Genau das können wir uns in der Reha-Phase zunutze machen: "Wer eine Wasserstelle oder einen Bach in der Nähe hat, in den das Pferd gut ein- und aussteigen kann, kann es darin Wassertreten lassen”, so die Therapeutin; allerdings nicht, wenn das Pferd Herz-Kreislauf-Probleme hat. Das belastet zu sehr den Kreislauf und kann zu gesundheitlichen Problemen führen.

Wassertreten kühlt: Wasser kann gezielt die Reha-Phase beeinflussen.
Und ohne Wasserstelle? Da können wir "in akuten Phasen, in der es Hinweise auf Entzündungen gibt, für zwei bis drei Minuten täglich und ruhig dreimal pro Woche Kneippsche Güsse anwenden”. Heißt: ab an den Waschplatz und mit dem Schlauch herzfern beginnen – erst rechtes, dann linkes Hinterbein, danach rechtes, dann linkes Vorderbein. Beginnt auf Huf-Höhe und spritzt von unten nach oben bis zum Rumpf ab; mit einem möglichst weichen Wasserstrahl.
Kühlpads und Kühlgamaschen bei Entzündungen und Schwellungen
Bei akuten Entzündungen oder Schwellungen greift Katrin Obst zu kühlendem Equipment. Damit die Kälte punktuell da ankommt, wo sie gebraucht wird, arbeitet die Reha-Expertin für den Bereich vom Nacken bis zum Schweif beispielsweise gerne mit der "Cooling Mat” von CoolOnTrack (ca. 42 Euro): einfach in Wasser tunken und auflegen."Dabei entsteht Verdunstungskälte, solange das Material feucht ist”, erklärt sie.

Die CoolOnTrack-Gamaschen arbeiten nach dem ähnlichen Prinzip. Die Kühlgamaschen von Waldhausen Health + Care brauchen hingegen vor ihrem Einsatz für vier bis sechs Stunden einen Kühlschrank; die separaten Kühlkammern darin geben dann für 20 bis 30 Minuten Kälte ans Pferdebein ab. "Diese Kältetherapie kann man bei jeder Form von Entzündung einsetzen, aber auch später nach dem Training, um Mikroentzündungen zu minimieren”, erklärt die Therapeutin. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, offenen Wunden oder Hautläsionen sollte hingegen keine Kälte eingesetzt werden.
Quarkpackung für die Beine
Gerade keine Tonerde griffbereit und das nächste Reitsportfachgeschäft ist weit weg? Dann ab in den Supermarkt, wenn das Pferd ein dickes Bein hat: "Quark hat eine stark kühlende Wirkung, die Schwellungen hemmt und Entzündungsstoffe abtransportiert. Das darin enthaltene Milcheiweiß Kasein wirkt zudem entzündungshemmend”, erklärt Katrin Obst. Sie rät bei akuten Gelenkentzündungen, Verstauchungen und dicken Beinen zur Quarkanwendung. Bei Hautläsionen rät die Reha-Expertin davon ab.






