Sich über den neuen, sündhaft teuren Sattel der Boxennachbarin auslassen, über die dünnen Beine der besten Dressurreiterin auf dem Turnier herziehen ("Hat die überhaupt Muskeln?") oder an der Bande den Reitstil der neuen Einstellerin bewerten – im Stall wird schnell geurteilt. Pferde und Lästern gehörten schon immer zusammen. Leider werden oft auch die Körper der anderen Reiterinnen bewertet: zu dick, zu dünn, zu sehr außer der Reihe.
Johanna Constantini ist Klinische Psychologin und Sportpsychologin in Innsbruck. Sie sagt: "Bodyshaming im Stall? Das ist sehr naheliegend. Weil man im Reitsport auf einem Pferd sitzt, wird das Gewicht unweigerlich zum Thema. Hinzu kommt die enganliegende Kleidung, man sieht die Körperform sehr genau, auf Turnieren sind die Hosen sogar weiß, was mehr aufträgt als dunkle Farben. Und es ist wieder in Mode gekommen, dünn und athletisch zu sein. Der Druck nimmt zu", ordnet die 34-Jährige ein. Aber warum ist es vor allem ein Frauending, über die Körper anderer (meist negativ) zu reden? "Bodyshaming wird im Stall deshalb zum Selbstläufer, weil der soziale Vergleich bei Frauen auf der optischen Ebene stattfindet. Seit jeher konzentrieren sich Frauen mehr auf ihr Äußeres, sie wollen attraktiv sein", sagt Johanna Constantini.
Attraktiv sein und bleiben war das Gebot
Lästern und Abwerten ist aber auch Ausdruck einer jahrhundertelangen Abhängigkeit der Frau vom Mann. Das Patriarchat lässt grüßen. Weil Frauen wirtschaftlich und rechtlich lange nicht frei waren, weil sie kein eigenes Bankkonto, keine Karriere, keine Macht hatten, mussten sie zusehen, dass ihre Ehe funktioniert – allein das sicherte ihre Existenz. Attraktiv sein und bleiben war also das Gebot. Eine Frau, die heute Mitte 40 ist, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Mutter aufgezogen, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sozialisiert wurde – und die genau diese Glaubenssätze weitergegeben hat. Frauen sind mittlerweile unabhängig. Und doch hält sich in den Köpfen hartnäckig, dass sich der "Wert” einer Frau nach ihrer Schönheit bemisst. Das spüren wir heute noch im Stall, selbst in einem so emanzipierten Sport wie dem Reiten. Bodyshaming steht heute, in Zeiten von Abnehmspritze und Jugendwahn, hoch im Kurs.
Die Innere Stimme ist ständiger Begleiter
Aber waren wir nicht mal weiter? Body Positivity war bis vor kurzem noch das Schlagwort der Stunde: sich keinem Schönheitsideal unterwerfen und endlich verstehen, dass jeder Körper richtig ist, wie er ist. Nach Jahren, in denen diese neue Haltung Konjunktur hatte, gibt es jetzt einen Backlash: Dünn sein ist wieder en vogue. Beispielsweise werden unter dem Hashtag "Skinnytok" auf TikTok extrem dünne Körper propagiert. Und die Abnehmspritze suggeriert uns: Wer heute mollig oder dick bleibt, ist selbst dran schuld.
All das führt dazu, dass Reiterinnen nicht nur andere bewerten: ob zu dünn, zu kurvig, zu groß, zu klein – sie bewerten auch permanent sich selbst. Sie sitzen auf dem Pferd und fragen sich, ob ihre Oberschenkel im Sattel zu dick wirken. Sie trauen sich in weißen Reithosen vielleicht nichts aufs Turnier oder haben schon vorher Befürchtungen, auf Fotos nicht vorteilhaft rüberzukommen. Sie haben Angst vor den Blicken anderer oder den Kommentaren, weil sie so schlank sind. Die innere Stimme und die Scham sind ständige Begleiter. Obwohl objektiv betrachtet alles in Ordnung ist. Körper sind eben unterschiedlich; dennoch bleibt es die größte Herausforderung für Frauen, mit ihrem eigenen zufrieden zu sein. Und sich nicht als defizitär zu betrachten. Studien sagen, dass über 90 Prozent aller Frauen nicht mit ihrem Körper glücklich sind.
Anonym, schnell und Verletzend
Eine, die Bodyshaming aus dem Stall, aber auch aus den sozialen Medien kennt, ist das ehemalige Curvy Model Angelina Kirsch. Wenn die 37-Jährige heute Bilder von sich teilt, erlebt sie zweierlei Reaktionen. Die Menschen schreiben: ‚Du hast abgenommen, du bist ja nicht mehr kurvig, für was stehst du eigentlich noch?!’ Sieht man sie hingegen auf ihrem Pferd, wird kommentiert ‚Du bist zu dick, du musst da runter, das geht gar nicht, Tierquälerei!’"Mich erreichen unzählige persönliche Nachrichten mit diesen widersprüchlichen Botschaften. Bodyshaming ist heute allgegenwärtig, weil man niedrigschwellig und anonym den Menschen in den sozialen Medien um die Ohren knallen kann, was man denkt", sagt Angelina Kirsch.
Was ihr heute nicht mehr begegnet: Bodyshaming beim Reiten. Ihr Isländer Flamur steht in einem reinen Isländer-Stall. "Die Mentalität ist viel entspannter als in anderen Ställen, ich habe noch nicht mal ein Augenrollen mitbekommen. Wenn jemand ein Thema hat, suchen wir das Gespräch – es ist ein großes Glück", erzählt Kirsch. In ihrer Jugend hat sie das ganz anders erlebt, da nahm Kirsch in einem Spring- und Dressurstall Unterricht. "Es wurde geredet, wenn sich jemand aufs Pferd gesetzt hat, der nicht dem Standard entsprach", erinnert sie sich. Es sei immer einfacher, über andere zu reden, als über sich selbst nachzudenken oder sich zu reflektieren, sagt Johanna Constantini. "Wenn ich andere abwerte, werte ich mich im gleichen Moment auf. In einer Gruppendynamik kann das schnell Fahrt aufnehmen", meint die Sportpsychologin. Gerade im Stall sei es extrem schwer, andere darum zu bitten, mit dem Lästern aufzuhören. "Da kann man sicher sein, dass man die nächste ist, über die geredet wird", gibt Constantini zu bedenken. Sie plädiert für Stallregeln, die allerdings die Stallbetreibenden aufstellen müssen. So könne man sich dann aber auf die Regel, dass über andere nicht hergezogen wird, berufen. Angelina Kirsch hat es nie aus der Bahn geworfen, wenn früher im Stall über ihren Körper geredet wurde. "Ich konnte schnell einordnen, dass die Leute, die über andere herziehen, in Wahrheit ein Thema mit sich selbst haben", so Kirsch. Was sie aber beschäftigt hat: Wenn sich ihre Oma kritisch äußerte. "In der Pubertät war zum Glück schnell meine Mutter an meiner Seite, die gemerkt hat, dass ich unsicher mit meinem Körper wurde. Sie sagte: ‚Du ernährst dich gesund, du treibst Sport, mach bitte niemals eine Diät!‘", erzählt Angelina Kirsch. Das habe sie annehmen können und sich fortan nicht von anderen beeinflussen lassen.
Soziale Medien befeuern Bodyshaming
Vielseitigkeitsreiterin Susanne Schürr findet, dass der Ton im Stall schon immer rau war. Sie beobachtet aber auch, dass Social Media Bodyshaming befeuert. Vor allem bei den jüngeren Reiterinnen haben Instagram und TikTok einen großen Einfluss. "Es geht im Stall heute viel mehr darum, gut auszusehen, als gut reiten zu können. Und zum Aussehen gehört natürlich auch die Figur", sagt Susanne Schürr.
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