Immer mehr Traditions-Turniere werden eingestellt

Warum immer mehr Traditionsturniere verschwinden
„Sponsor für unser Turnier gesucht“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 17.04.2026
Als Favorit speichern
Das Interesse an Reitturnieren ist gesunken.
Foto: gettyimages/ Lotta Vess

Die weißen Reithosen bleiben in Deutschland immer häufiger im Schrank. Denn wer Turniere reiten möchte, hat ein Problem: Es gibt immer weniger.

Die Statistiken der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) lassen aufhorchen: Seit drei Jahren sinken die Zahlen der Turnierveranstaltungen, 2024 waren es bis zu zwölf Prozent weniger als im Vorjahr. Vom Turnierplan sind einige traditionelle Events verschwunden: Dortmund, Bremen, Hannover, Kiel, München und Berlin beispielsweise. Auch die Veranstalter in Braunschweig, Offenburg, Nörten-Hardenberg und Spangenberg haben die Segel gestrichen, genauso wie viele ländliche Turniere. Das CHI Donaueschingen letzten Herbst wurde abgesagt, Zukunft ungewiss. Ganz aktuell gibt es die Meldung aus dem baden-württembergischen Zeutern: Das beliebte Dressurfestival mit nationalen Prüfungen bis Klasse S kann dieses Jahr nicht stattfinden.

Der Grund: Die hohen Kosten sind nicht mehr zu stemmen. Sponsoren fehlen. Zur Einordnung: Für ein Standard-Vereinsturnier muss ein Veranstalter mit Kosten zwischen 10 000 und 20 000 Euro rechnen. Bei Freiluft-Events mit 3* liegt das Budget bei 1 bis 1,5 Millionen. Bei 4* sind es schon zwei Millionen. Und bei internationalen 5* belaufen sich die Kosten auf rund vier Millionen Euro. Das Budget für nationale 4*-Hallenturniere liegt etwa bei 500 000 bis 600 000 Euro. Internationale Hallenturniere auf Weltcup-Niveau müssen mit ca. 2,5 Millionen Euro kalkulieren.

Viele Geldgeber ziehen sich zurück

Es rumort an vielen Ecken. Die FN hat letztes Jahr ihren Hauptsponsor Agria verloren. Und für 2026 fehlten lange Zeit die Austragungsorte für die Nationenpreise Dressur, Springen, Voltigieren und Fahren, weil Aachen mit der WM für dieses Jahr als Austragungsort entfällt. Es hagelte Absagen. Unter anderem aus finanziellen Gründen. Auf 1 bis 1,5 Millionen belaufen sich die geschätzten Mehrkosten solch einer großen, internationalen Teamprüfung. Die großen deutschen Sommerturniere wie Hagen, Balve, Aachen, Riesenbeck und Münster stehen auf sicheren Beinen. Vor allem aber die Hallensaison in Deutschland bietet für die internationalen Reiter nicht mehr viele Optionen, außer Frankfurt und Leipzig, Stuttgart und Neumünster auf Weltcup-Niveau. Da sind Events wie die Sunshine Tour, Turniere in Wellington und Ocala oder in Doha attraktiver mit hohen Preisgeldern und vielen Sonnenstunden. Ein Teufelskreis: Wirtschaftliche Probleme führen dazu, dass Sponsoren abspringen, Reiter fehlen – und Veranstalter sind mit Kostenexplosionen konfrontiert. Das Resultat: Es gibt weniger Turniere. Durch das geschrumpfte Angebot bleiben die Profis und Spitzenreiter fern, die dann wiederum als Zugpferde für potenzielle Sponsoren fehlen.

In allen Bereichen sind die Kosten explodiert

Springausbilder Jan Wernke hat einen guten Überblick. Er hat Erfolge in Springprüfungen bis 4*, ist in Aachen geritten und hat den Großen Preis von Deutschland in Dortmund gewonnen. Außerdem ist er als Coach viel unterwegs und hat selbst nationale Turniere bis S* ausgerichtet. "Regionale Turniere haben schon vor der Coronazeit Probleme bekommen. Corona hat das Ganze dann nochmal um ein Vielfaches schwieriger gemacht. Die wirtschaftliche Lage ist für viele Sponsoren angespannt. Viele haben ihr Engagement eingestellt oder stark reduziert. Hinzu kommen Kostenexplosionen in allen Bereichen. Wir sprechen da über Kostensteigerungen um 30 bis 40 Prozent. Wenn man für ein regionales Turnier früher rund 8 000 Euro einplanen musste, sind das mittlerweile locker 15 000 Euro. Hinzu kommt, dass die Erwartungen an die Infrastruktur und die Gegebenheiten stetig gestiegen sind. Da sind viele Vereine nicht mehr mitgekommen."

Auch Turnierveranstalter Volker Wulff der Sportmarketing Agentur Engarde sieht den Ursprung der aktuellen Probleme in der Corona-Pandemie. "Während der Covidzeit stand der Turnierbetrieb weitgehend still, und nach dieser Phase waren viele der Eventdienstleister nicht mehr am Markt, weil sie die Zeit wirtschaftlich nicht überstanden haben. Das hat den Markt verändert und zu extremen Kostensteigerungen geführt. Da hat sich gezeigt, dass sich die stabilen Veranstaltungen durch langjährige Sponsoren, viele Zuschauer und gutes Management halten konnten, andere haben das nicht geschafft. Es ist schwierig geworden, Verträge zu sichern oder neu aufzusetzen. Drei Jahre wirtschaftliche Rezession ziehen nicht einfach so durchs Land, ohne dass man es merkt." Hinzu komme, sagt er, dass in den vergangenen Jahren verpasst wurde, den Anschluss an die Gesellschaft zu halten. Besonders in der Covid-Zeit seien dem Reitsport viele Interessierte und Aktive verlorengegangen. "Wir hätten kreativer sein müssen und auch während Corona andere Formate anbieten sollen, damit der Turniersport in irgendeiner Form hätte erhalten werden können."

Auf Reitturnieren fehlen Sponsoren
gettyimages/ Bonita Cooke

Ein weiteres Problem ist in der Coronazeit entstanden: Viele Vereine haben (zwangsweise) eine Turnierpause eingelegt. Einige wenige Standorte wie Luhmühlen, Mühlen, Münster, Riesenbeck haben in dieser Zeit Late Entry Turniere etabliert, mit optimalen Bedingungen, einem kurzen Nennungssystem und teilweise 20 bis 30 Veranstaltungen im Jahr. Das war notwendig für den Sport. Die meisten Vereine können allerdings nicht dagegen konkurrieren. "Die Spirale dreht sich in Richtung außerhalb der Gesellschaft: Arbeitsturniere ohne Zuschauer, in Deutschland und den Nachbarländern. Aber wir können Sponsoren nur überzeugen mit Reichweite, medial aber auch vor Ort mit Zuschauern", betont Volker Wulff.

Einen weiteren Faktor, der vor allem die Umsetzung von regionalen Turnieren erschwert, sieht Markus Scharmann beim Ehrenamt. Besser gesagt, beim schwindenden Ehrenamt. Der Leiter des DOKR-Bundestützpunkts, Turnierleiter der Bundeschampionate und Erster Vorsitzende des Reitvereins Ostenfelde-Vornholz, sagt: "Bei den kleineren Turnieren wird es immer schwieriger, ehrenamtliche Helfer zu finden. Auch das führt zu einem Kostenfaktor." Die wirtschaftlich angespannte Lage schmälert das Budget der Sponsoren. Aber: Die immer wiederkehrenden Skandale im Reitsport nehmen kaum Einfluss auf die Geldgeber, beobachten die Experten. Vor allem nicht auf regionaler Ebene.

Ausländische Sponsoren kommen ins Spiel

Um Sponsoren zu finden, gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten. In den meisten Fällen sind es regionale Beziehungen und viele Telefonate (kleinere Turniere) sowie langjährige und oft hart verhandelte Partnerschaften (Großevents), die ein Turnier sicherstellen. Auf den Sponsorenlisten der Turniere finden sich Banken, Autohersteller, Energieversorger, Futterhersteller, Reitsportmarken und Versicherungen, bei kleineren Turnieren auch ortsansässige Firmen. International sind die Uhrenhersteller Longines und Rolex große Player. Zu den langjährigen deutschen Sponsoren gehört die Deutsche Kreditbank. Pressesprecher Hauke Kramm: "Die DKB unterstützt den Reitsport seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft, weil er hervorragend zu unseren Zielgruppen, Werten und strategischen Schwerpunkten passt. Das hohe Ansehen, das der Pferdesport innerhalb der DKB genießt, spiegelt sich auch in der Kontinuität unseres Sponsorings wider. Für uns ist der Reitsport eine ideale Bühne, um Nähe zu unseren Kundinnen und Kunden zu schaffen und die Marke DKB erlebbar zu machen.”

Inzwischen ist ein neuer Name im Sponsorengeschäft aufgetaucht: Al Shira’aa. Sponsor für das Hickstead Derby, das Turnier der Sieger in Münster, das Hamburger Spring- und Dressurderby und seit 2025 auch der Bundeschampionate. Gegründet wurde Al Shira’aa von Sheikha Fatima bint Hazza Al Nahyan, Enkelin des Staatsgründers der Vereinigten Arabischen Emirate und Nichte des heutigen Herrschers von Abu Dhabi. Die Freude ist groß, wenn Turniere erhalten bleiben. Nur: Kritiker befürchten wachsenden Einfluss – und der Vorwurf des "Sportwashings" fällt häufiger. "Aus meiner Sicht gehört es zur Globalisierung, Sponsoren auch aus dem Ausland zu akquirieren. Und bei jedem Sponsor gilt es abzugleichen, ob die Vorstellungen zueinander passen", so Markus Scharmann.

Die Zukunft: Das Turnier als Event?

Sich auf den Kern konzentrieren und darauf, was die Menschen wollen – nur so könne man dem aktuellen Trend entgegenwirken, meint Volker Wulff. Man müsse Veränderungen mitgehen, doch an Traditionen festhalten. Er konnte die Zahlen in Leipzig dieses Jahr steigern: mehr Zuschauer, mehr Aussteller. Auch die Bundeschampionate vermelden steigende Zahlen. "Es bedarf einer großen Erfahrung und Entscheidungen an den richtigen Stellschrauben", so Wulff. "Keine Veranstaltung ist ein Selbstläufer." Vereine können sich sportartübergreifend zusammentun, man muss die Ausschreibungen anpassen, ein Event daraus machen: "Wir müssen uns gemeinsam fragen: Wie können wir neue Wege gehen? Wir müssen das Turnier für die Zukunft nochmal ganz neu denken, ,eventisieren’", umschreibt es Markus Scharmann. "Und wie wäre der Denkansatz, Turnier auch als Lernort zu etablieren? Veränderungen machen eine Veranstaltung am Ende des Tages interessant, vor allem für Sponsoren." Auch das Eigenmarketing werde immer wichtiger. Das müsse man als Veranstalter selbst in die Hand nehmen, positive Inhalte leben und der Öffentlichkeit zeigen. Bilder abseits der Prüfungen, von Emotionen und dem Erlebnis. "In Leipzig hatten wir erstmals Infostewards”, so Volker Wulff. "Das war sehr wirksam. Es wurden jeden Tag 15 bis 20 Gespräche geführt. Wir müssen transparenter werden und darauf achten, dass der Sport clean ist und bleibt.”

Der Wunsch nach Turnieren mit Zuschauern, mit kleinen Attraktionen und viel Stimmung wird wieder größer, so die Beobachtung. Von dieser Entwicklung profitieren seit einiger Zeit die nationalen Turniere bis S*, wenn die Veranstalter es schaffen, gute Bedingungen und ein ansprechendes Programm für alle Altersklassen auf die Beine zu stellen – dann sind Sponsoren auch bereit, Geld zu geben. "Die Veranstaltungen brauchen aber in meinen Augen einen gesünderen Mix zwischen Sport und Show. Das erzeugt Gemeinschaft und gute Stimmung", betont Jan Wernke. Dem pflichtet Volker Wulff bei: "Man hat natürlich eine Chance, die Leute zurückzuholen."

Sein Credo: Wir müssen das Faszinierende an den Pferden und am Sport wieder herauskehren. Das Pferd wieder ins Sichtfeld der Menschen bringen. Wir müssen viel enger zusammenarbeiten und die Thematik grundlegend sehr ernst nehmen.

Unterstützung für Turniere

Es gibt einige Projekte, die regionale Turnierveranstalter und den Breitensport unterstützen. Eine davon ist die J.J. Darboven Vereins-Initiative, die 2026 ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. CAVALLO ist in diesem Jahr erstmals als Medienpartner dabei. 100 Vereine können nicht nur eine professionelle Kaffeeversorgung auf ihrem Turnier gewinnen, sondern auch ein individuelles Werbe-Kit mit Bannern, Plakaten und Flyern sowie hochwertige Präsent- körbe, die sich als Ehrenpreise eignen.Die FN unterstützt Vereine mit einem Fairnesspreis und Ehrenpreisen bei den Aktionen "PM-Schulpferdeturniere", "Schulpferde-Champions" und "PM- Turnierpaket". Um Veranstalter zu ent- lasten, bietet die FN Hilfestellung bei Turnierorganisation und Verwaltung (Helferakquise, Planung, Nennungen). Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, Nenn- und Veranstaltergebühr flexibel anzupassen. Geldpreise sind nicht vorgeschrieben; die FN-Gebühren wurden bis zu 50 % reduziert. Die vorgeschriebene Bereitschaft von Tierarzt und Hufschmied auf dem Turnier wurde vereinfacht, um Kosten zu reduzieren, es gibt neue Meldestellensysteme und digitale Startertafeln. Bundesveranstaltungen erhalten Organisationszuschüsse.

Fazit

Einmal mehr hat die Recherche zu diesem Thema gezeigt, wie sehr die Corona-Zeit – dieser absolute Ausnahmezustand – immer noch nachwirkt. In so vielen Bereichen, und eben auch im Turniersport. Doch mittlerweile wird immer mehr über das Turniersterben gesprochen. Lange Zeit hatte man den Eindruck, es wird hingenommen, dass eine um die andere Veranstaltung wegbricht.

Trotz aller negativen Statistiken und der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage gibt es nach wie vor motivierte Pferdemenschen mit neuen Ideen und Konzepten für Turnierveranstaltungen, die dem Trend entgegenstehen können.

Turniere als Lernort zu etablieren? Was für eine interessante Idee. Das wäre vielleicht auch eine Chance, Pferde und pferdegerechten Reitsport wieder in den Fokus zu rücken.