Nach Vorfällen bei der WM in Aachen: Ändert die FEI jetzt ihre Blutregel?

Blut am Pferd auf dem Prüfstand
Ändert die FEI jetzt ihre Blutregel?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 07.09.2026
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Nahaufnahme einer Pelhalm-Kandare im Pferdemaul, wobei das Pferd sperrt.
Foto: Ivan Las Heras/ gettyimages

Blutregel: FEI will Unterschiede zwischen den Disziplinen überprüfen

Die sogenannte Blutregel gehört zu den kontrovers diskutierten Themen im internationalen Pferdesport. Nun beschäftigt sich der Weltreiterverband FEI erneut intensiv damit.

Dafür wurde 2026 eine sogenannte "Horse Condition Task Force" eingerichtet. Sie soll die bestehenden Protokolle, Regeln und Sanktionen der unterschiedlichen FEI-Disziplinen überprüfen und Vorschläge für einen stärker angepassten Umgang entwickeln.

Konkret geht es unter anderem darum, die derzeitigen Blutregeln umfassend zu analysieren, Unterschiede und mögliche Lücken zwischen den Regelwerken zu identifizieren und Definitionen sowie Vorgehensweisen für Offizielle zu vereinheitlichen. Dabei stellt die FEI ausdrücklich klar: Eine mögliche Angleichung soll das Bekenntnis zum Pferdewohl wahren. Gleichzeitig sollen notwendige Besonderheiten einzelner Disziplinen berücksichtigt werden.

Im Mittelpunkt soll das Pferdewohl stehen. Doch gerade aus der Dressur kommt Widerstand gegen eine mögliche Lockerung der bisherigen Null-Toleranz-Regel. Wie relevant die Debatte ist, zeigte erst die WM in Aachen.

Springen und Dressur: Bislang gelten unterschiedliche Konsequenzen

Wie groß die Unterschiede sind, zeigt ein Vergleich von Springen und Dressur.

Im Springreiten gilt seit Anfang 2026 ein neues System. Blut, das auf eine Einwirkung des Reiters zurückzuführen ist, führt nicht mehr in jedem Fall automatisch zum Ausschluss, sondern kann eine sogenannte Recorded Warning zur Folge haben. Bei zwei entsprechenden Verwarnungen innerhalb von zwölf Monaten drohen eine Geldstrafe und eine einmonatige Sperre.

Nach Angaben der FEI, wurden seit Inkrafttreten der Regel am 1. Januar bis Anfang September bereits 282 solcher Verwarnungen ausgesprochen; in 13 Fällen kam es zu einer Sperre.

In der Dressur ist die Regel weiterhin strenger: Wird bei der Kontrolle nach dem Ritt frisches Blut im Maul beziehungsweise im Bereich des Mauls oder im Bereich der Sporeneinwirkung festgestellt, führt dies zur Disqualifikation.

Isabell Werth und Wendy de Fontaine während einer Dressurprüfung im Viereck
Lafrentz

WM in Aachen zeigte die Tragweite der Regel

Wie unmittelbar diese Bestimmung sportliche Konsequenzen haben kann, zeigte sich erst vor wenigen Wochen bei den Weltmeisterschaften in Aachen.

Im Grand Prix wurden am 11. August gleich zwei Reiterinnen nach ihren Prüfungen aufgrund der Blutregel disqualifiziert: Rotem Jale Ibrahimzade aus der Türkei mit Hexagon’s Double Dutch sowie die Neuseeländerin Wendi Williamson mit Don Vito MH.

Bei Hexagon’s Double Dutch war nach Angaben seiner Reiterin bei der Kontrolle ein kleiner Blutpunkt im Maul festgestellt worden. Später sei im Stall keine sichtbare Verletzung mehr erkennbar gewesen. Bei Don Vito MH wurde berichtet, dass sich der Wallach auf die Lippe gebissen hatte.

Mehr zu diesen Fällen kannst du hier lesen:

Gerade solche Fälle zeigen das Dilemma hinter der Diskussion: Blut am Pferd kann unterschiedliche Ursachen haben. Für die Offiziellen stellt sich damit die Frage, ob und wie diese Ursachen zuverlässig unterschieden werden können und welche Konsequenz jeweils angemessen ist.

Die geltende Dressurregel lässt bei einem entsprechenden Blutbefund nach dem Ritt keinen solchen Interpretationsspielraum. Aber ist dieser überhaupt nötig?

Noch keine Einigung bei der FEI – Europäische Verbände wollen keine Aufweichung der Dressurregel

Die Horse Condition Task Force kam erstmals am 29. Juni am FEI-Sitz in Lausanne zusammen. Vertreter aus verschiedenen Disziplinen und Gremien, nationale Verbände, Aktive und Offizielle diskutierten dort die bestehenden Regelungen und mögliche Veränderungen.

Viele europäische Verbände sprechen sich deutlich gegen eine Änderung der Dressurregel aus. Eine Abkehr von der bisherigen Null-Toleranz-Regel wäre aus Sicht vieler ein Rückschritt.

Zwar erkenne man an, dass Blut auch an Stellen auftreten könne, die nicht im Einflussbereich des Reiters liegen oder nicht unmittelbar durch Ausrüstung verursacht worden seien. Das Problem sei jedoch, die genaue Ursache während eines Wettkampfs oder auf dem Abreiteplatz zuverlässig festzustellen.

Nach Angaben der FEI bestand breite Übereinstimmung darüber, dass das Pferdewohl im Zentrum der Regeln stehen muss. Gleichzeitig zeigte sich, wie komplex eine einheitliche Lösung über verschiedene Disziplinen hinweg ist.

Eine konkrete Einigung über eine neue Blutregel gibt es bislang nicht. Die Diskussionen dauern an.

Kommentar: Pferdewohl braucht Regeln, die nachvollziehbar sind

Ich finde, bei der Diskussion um eine Angleichung der Blutregel geht es um weit mehr als die Frage, ob ein einzelner Blutpunkt automatisch das sportliche Aus bedeuten sollte. Ein Regelwerk muss Pferde konsequent vor unangemessener Einwirkung schützen. Gleichzeitig muss es für Reiter, Offizielle und nicht zuletzt für die Öffentlichkeit nachvollziehbar sein, warum ein Fall welche Konsequenzen hat. Die WM in Aachen hat gezeigt, dass diese Regeln keineswegs theoretischer Natur sind. Sie entscheiden im Ernstfall nicht nur über das Ausscheiden auf größter sportlicher Bühne, sondern senden zugleich ein Signal darüber, welchen Stellenwert das Pferdewohl im internationalen Spitzensport tatsächlich hat. Ob eine Harmonisierung der Blutregel dieses Signal stärken kann oder gar das Gegenteil, wird deshalb entscheidend davon abhängen, wie die FEI sie ausgestaltet – und nicht allein davon, ob künftig in allen Disziplinen dieselben Regeln gelten. Das wäre zu einfach gedacht. Dass eine Aufweichung der Null-Toleranz bei der Dressur von vielen nationalen Verbänden abgelehnt wird, stimmt mich zuversichtlich. Am Ende sollte doch nicht die sportliche Verwertbarkeit eines Rittes, sondern der Schutz des Pferdes den Ausschlag geben. Bei Blut am Pferd -egal in welcher Disziplin- muss eine klare Grenze gezogen und je nach Fall verantwortungsvoll gehandelt werden. Punkt.