Turniere und Championate weltweit, Pferdehandel weit über Deutschlands Grenzen hinaus und Reiter aus der ganzen Welt, die in Deutschland trainieren: Der Reitsport ist global – und das nicht erst seit gestern. Zuletzt rückte der Irankonflikt den internationalen Sport zwischen die Fronten und in den Fokus.
Volker Wulff, Chef der Sportmarketing Agentur En Garde, erkannte das Potenzial der Märkte auf anderen Kontinenten schon vor 20 Jahren. 2003 war er derjenige, der mit seinem Team das erste CSI5*-Event in Kuala Lumpur in Malaysia organisierte. Mit kurzer Unterbrechung während der Corona-Pandemie boomt der Markt rund ums Pferd in Asien extrem, berichtet Wulff. "Die Entwicklung ist ziemlich rasant. In China etwa wird nicht nur eine Anlage gebaut, sondern gleich eine kleine Stadt. Da gibt es teilweise keine Grenzen. Reitsportzentren entstehen, es werden viele Pferde gekauft."
In den letzten zwei Jahrzehnten ist viel passiert: In Peking fanden die Olympischen Sommerspiele statt, Volker Wulff initiierte im Auftrag der FEI eine "Weltcup League China", an der Südkorea, Hongkong und China teilnehmen konnten, und 2011 starteten die Longines Equestrian Beijing Masters auf CSI3* Niveau. Maßgeblich beteiligt an der Organisation und Durchführung ist Ludger Beerbaum. Longines betreibt auch gemeinsam mit Beerbaum die World Equestrian Academy (LWEA), die den Springsport weltweit unterstützt, mit besonderem Fokus auf Asien.

Ludger Beerbaum, hier als Teilnehmer des Grand Prix in Doha 2023, betreibt mit Longines die World Equestrian Academy (LWEA).
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung, Pferdesport Deutschland, gründete 2012 die "Equestrian Globe GmbH", die offizieller Vertreter der FN in China ist. Darüber sollen Trainer und Pferde sowie das deutsche Ausbildungssystem vermittelt werden. Auch Nationenpreisturniere für Junioren und Junge Reiter werden in Peking ausgetragen, auf Leihpferden. Der Knackpunkt: China ist – bis auf Shanghai – kein internationaler Standort. Die Einreise mit Pferden ist kompliziert. Wegen extrem strenger Quarantänebestimmungen nutzen internationale Reiter meist Leihpferde vor Ort. Außerdem ist China nicht anerkannt von Europa, Australien und den USA, was den Impfstatus angeht.
In Malaysia startete der große Reitsport
"Der erste CSI in Kuala Lumpur fand in einem Land statt, in dem es ganz wenig Reitsport gab", erinnert sich Volker Wulff. "Der damalige Premierminister war ein Reitsportfan und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Malaysia für Reitsport bekannt zu machen. Wir hatten damals einige Weltspitze-Reiter am Start und haben eine Art Blaupause geschaffen. Daraufhin bewarben wir uns mit Kuala Lumpur für das Weltcupfinale 2006. Das Turnier war auch so etwas wie ein Vorreiter für die Global Champions Tour."

Reiter und Pferde präsentieren sich während der Eröffnungszeremonie der FEI World Cup Jumping Finals in Kuala Lumpur am 27. April 2006.
Dabei hat man in Malaysia mit anspruchsvollen Bedingungen zu tun. Es regnet viel, es herrschen hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen zwischen 32 und 35 Grad. Das erschwert das Bestreben, den Reitsport nachhaltig zu festigen.
Blicken wir nach China: Das Land stellte bei den Olympischen Spielen 2008 als Gastgebernation erstmals ein Team im Springreiten, mit Unterstützung von Ludger Beerbaum; und nach den Spielen gab es eine große Aufbruchstimmung. "Entscheidend war zu dieser Zeit, dass wir Prüfungen für junge Reiter ausgeschrieben haben. Es gab kaum Nachwuchs. In der ersten Prüfung, einer ,Ground Pole Class’, bestand der ganze Parcours aus Stangen, die am Boden lagen, über die die Teilnehmer geritten sind als Einstieg. Später wurde dann über 30, 40, 50 bis 115 Zentimeter geritten. Das hat den Absatz angekurbelt", erläutert Volker Wulff.
Chinas erstes Klonpferd2023 ging die Nachricht eines Pferdeklons in China durch die Medien. Zhuangzhuang, was übersetzt so viel heißt wie "wachse gesund und stark", wurde als Chinas erstes Klonpferd vorgestellt. Er stammt aus dem Labor des Unternehmens Sinogene, das Hunde, Katzen und eben auch Pferde klont. Die Spenderzellen lieferte der Warmblüter Ursus. Der 1995 in Deutschland geborene Wallach kam 2007 mit zahlreichen Preisen auf dem Erfolgskonto nach China, wo er noch einige Jahre erfolgreich im Sport lief. Der Plan: Das Klonen könnte das Land unabhängiger von teuren Pferden aus dem Ausland machen und den Pferdesport in China deutlich vorantreiben.
Horsemanship und Ausbildung in China
Turniere sind das eine, aber was ist mit einem Ausbildungssystem für Pferde und Reiter? "In China war und ist man sehr technokratisch eingestellt, so etwas wie Horsemanship war quasi gar nicht vorhanden. Es war unsere größte Aufgabe, das rüberzubringen und obendrein vernünftige Tierärzte sowie Hufschmiede dort zu installieren”, berichtet Wulff.
Horsemanship lernt man am besten dort, wo es praktiziert wird, also in Europa. "Nur: Man hat Sportler nicht unbedingt nach Europa gelassen. Das wird aber besser, der Austausch wird viel intensiver und die Nachfrage nach dem deutschen Ausbildungssystem ist hoch. Viele chinesische Reiter, die in Europa gelernt haben, sind wieder zurück in ihrer Heimat und geben das dort weiter."
2017 erhielt der erste Pferdebetrieb in China die FN-Kennzeichung für fachgerechte Pferdehaltung: die Junwei Stables in Peking mit 30 Schulpferden und -ponys sowie Unterricht sowohl für Anfänger als auch Turnierreiter jeden Alters. Auch Reitabzeichen-Lehrgänge fanden zum damaligen Zeitpunkt in den Junwei Stables schon statt. Die RA-Prüfungen nahmen unter anderem Jörg Jacobs und Hanno Vreden aus Deutschland ab. Ebenso wurde eine Trainerprüfung bereits in dem Betrieb angeboten. Wopa Xiakejia war der erste Trainer C, der in China seine Prüfung absolviert hat.
Doch China ist nicht das einzige asiatische Land, in dem der Reitsport ganz hoch im Ranking steht.
Indien und Indonesien als Wachstumsmarkt
Indonesien im Südosten Asiens, klimatisch ähnlich wie Malaysia, kommt deutlich nach, weiß Asien-Experte Volker Wulff. Sehr viele Pferde werden dorthin verkauft, wirtschaftlich ist es eines der am stärksten wachsenden Länder – und der Pferdesport sei politisch gewollt. Die indonesischen Springreiter sind bei Paul Schockemöhle unter Vertrag und wollen an den nächsten Olympischen Spielen teilnehmen.
"Auch Indien wird kommen, mit 1,3 Milliarden Einwohnern", ist sich Volker Wulff sicher. "Dort gibt es die Armee und den privaten Bereich. Da Indien eine ehemals britische Kolonie ist, ist es einfacher mit der Sprachbarriere und dem Verständnis für Pferde. Und neben dem Springreiten sind auch die Dressur und die Vielseitigkeit dort sehr beliebt."
Marten Frehe-Siermann ist Springausbilder und führt ein Trainingszentrum für Reiterinnen und Reiter aus Nordamerika und Asien. Und er gehört zum German Horse Center, einer Plattform für den weltweiten Pferdeverkauf, als Lead Experte Asia. Er arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt in Asien, um verschiedene Veranstaltungen zu organisieren. Er war unter anderem für Volker Wulff als Projektmanager tätig beim ersten FEI World Cup Chinese League Beijing, als Event Director beim CSIO5* Abu Dhabi 2010 und beim Kuala Lumpur Grand Prix 2007.
Passenderweise geht er ans Telefon, als er gerade auf einem Springturnier im belgischen Opglabbeek ist – mit Reitern aus Indien und Indonesien. Er coacht ein 13-jähriges Mädchen, das ein Pferd sucht, und derweil auf einem geleasten Pferd ihr erstes FEI Turnier bestreitet. Außerdem ist ein Inder dabei (Mitte 30), der in seiner Heimat einen eigenen Stall betreibt und nach Europa kommt, um sich weiterzubilden und sich für die Asian Games zu qualifizieren.
Beliebt bei Asiaten für Trainingsaufenthalte sind vor allem Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich. "Die Nachfrage in China war und ist sehr groß, bei der Vermarktung, der Medienpräsenz und der Ausbildung", so Marten Frehe-Siermann. "Das fing an mit einer Erklärung, dass der Sand im Reitsport anders ist als im Beachvolleyball. Pferderennen waren bekannt. Dass man mit Pferden springen kann, rief dagegen großes Erstaunen hervor. Das ist mittlerweile anders.”
Mit Weltcup und Longines können inzwischen viele etwas anfangen. Die Hauptdisziplin in Asien ist das Springreiten. Marten Frehe-Siermann: "Es gibt großes Interesse bei den Jugendlichen, auch finanzkräftige Sponsoren und Eltern. Man wollte das nur zunächst in einer Schnelligkeit haben, dass man aufpassen musste, nicht drei, vier Schritte zu überspringen." Volker Wulff fasst zusammen: "Alles in allem dringt der Pferdesport intensiv vor in die asiatischen Länder."
Asian Games finden 2026 in Tokio / Japan stattDie 20. Asian Games finden vom 19. September bis 4. Oktober im JRA Equestrian Park in Tokio / Japan statt – und kein asiatisches Land kann Pferde nach Japan einführen. Also müssen sich die Teilnehmer vorher in Europa qualifizieren, um dann aus Europa einzureisen. Das wird so bei keiner anderen Sportart praktiziert. Auf diesem Level wird selten auf geliehenen Pferden geritten.
Reitsport in der arabischen Welt
Die arabischen Länder gehören zwar auch (teilweise) zu Asien, im Reitsportbereich sind sie jedoch nicht mit den anderen asiatischen Regionen vergleichbar. Der Distanzsport hat eine jahrhundertlange Geschichte und auch die olympischen Disziplinen sind schon länger fest verankert, wachsen immer weiter. Den ersten arabischen Olympiamedaillengewinner gab es im Jahr 2000 in Sydney, Chalid al-’Aid aus Saudi-Arabien. In Europa sind sehr viele Araber zur Ausbildung stationiert, u.a, bei Paul Schockemöhle und Jan Tops. Sie sind deutlich näher an den europäischen Ausbildungssystemen als etwa China.
Auch zieht es viele Reiterinnen und Reiter aus Europa nach Dubai und in andere arabische Zentren, um dort zu trainieren und zu leben. "In den arabischen Ländern ging das mit dem Reitsport viel schneller. Mit 50 Millionen Einwohnern auch deutlich überschaubarer als der Süden Asiens. Sie hatten mehr Vorsprung", so Volker Wulff. "Es gibt schon einige Jahre den Weltcup und die Global Tour. 2010 haben wir den ersten CSIO veranstaltet in Ghantoot (Abu Dhabi). Eine Serie in Doha, zehn Turniere und zehn Millionen Euro Preisgeld, hat viele Reiter dorthin gelockt. In Riad fand 2024 das Weltcup-Finale statt. Das war ein sehr großer Erfolg für das Land. Sheikha Fatima hat in Abu Dhabi eine neue Anlage gebaut, die sehr durchdacht, ausdrucksstark und praktikabel ist."

Raphael Netz erreichte beim FEI-Worldcupfinale 2024 in der saudischen Hauptstadt Riad den fünften Platz.
Große Namen in der arabischen Welt
Sheikha Fatima steht hinter dem Sponsorennamen Al’Shiraa, die in Deutschland und Europa Sponsor sind des Hamburger Spring- und Dressurderbys, der Bundeschampionate, des Turniers der Sieger in Münster und des Hickstead Derbys. Im eigenen Land unterstützt Sheikha Fatima den Turniersport und betreibt eigene Gestüte, stellt Nachwuchspferde vor und fördert Jungzüchterinnen und -züchter.
Ebenfalls in Abu Dhabi gibt es den Equestrian Club von Sheikh Mansour bin Zayed Al Nahyan, Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) und stellvertretender Premierminister. Der Club betreibt eine Reitschule und veranstaltet internationale Springevents bis 5*. Angeboten ist darüber hinaus das British Horse Society (BHS) Training.
Selbiges findet sich auch im Emirates Equestrian Club (EEC) in Dubai, der seit über 20 Jahren ein aktives Reit- und Ausbildungszentrum der British Horse Society (BHS) ist, heißt es auf der Homepage: "Die BHS, deren Ausbildungsstandard weltweit anerkannt ist, hat sich zum Ziel gesetzt, das reiterliche Wissen zu verbessern, die Freude am Reiten zu steigern und das Wohl aller Pferde zu fördern. Die BHS setzt Maßstäbe für professionelle Qualifikationen bis hin zu Reitlehrerqualifikationen."
Die Reitsaison des Clubs dauert von Mitte September bis Mitte Juni. Die Turniersaison findet von Mitte Oktober bis Mitte April statt. Der Club bietet Trainingsturniere für Nachwuchsreiter bis hin zu FEI-Weltcup-Qualifikationsprüfungen an. Er ist Gastgeber nationaler Spring- und Dressurwettbewerbe, der FEI World Dressage Challenge und der Dubai Show Jumping Championship (CSI-W Dubai). Zusätzlich gibt es Ponyclub-Treffen, -Camps und -Lehrgänge für Reitschüler und Pensionspferdebesitzer u.a. auch im Geländereiten.
Ein weiterer großer Player ist Al Shaqab in Doha, 1992 von Seiner Hoheit dem Vater-Emir Scheich Hamad Bin Khalifa Al Thani gegründet. Es ist Katars führendes Reitsportzentrum und hat sich der Erhaltung und Förderung der arabischen Pferderasse verschrieben. Es gibt ein breites Spektrum an Reitsportdisziplinen und -programmen wie die Al Shaqab Reitakademie, wo schon drei- bis fünfjährige Kinder reiten lernen können – nebst Ponyclub-Spaßtagen, Reitstunden für Jugendliche und Erwachsene und Damenkurse. Außerdem werden pferdegestützte Therapie für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung sowie "Springreitwettbewerbe nur für Damen der Academy" angeboten.

Al Shaqab in Doha ist Katars führendes Reitsportzentrum.
International ist Al Shaqab mit Longines Ausrichter der Al Shabaq-Liga für Nachwuchsreiter, des CHI Al Shabaq mit Springreiten, Dressur und Para-Dressur und dem Frehe-Siermann Al Shaqab Cup auf CSI1*-, 2*- und 5*-Niveau sowie der Global Champions-Tour mit Preisgeldern im sechsstelligen Bereich.
Private Erfahrungen in Saudi-Arabien
Jasmin Müller ist vor drei Jahren mit ihren Pferden nach Riad in Saudi-Arabien gezogen. Sie arbeitet dort als Projektleiterin in der Strategieberatung und zeigt ihr Leben mit den Pferden auf ihrem Instagram-Kanal #teampuppenkiste. Im wehorse-Podcast erzählt sie, dass sie sich noch nie so willkommen gefühlt habe. Die Pferde seien ein ganz integraler Bestandteil der Kultur. Die meisten Saudis, die sie kennenlerne, gerade die Männer, könnten alle reiten. Die Föderation investiere sehr viel Geld, Locations würden gebaut für Turniere und Events sowie hochkarätige Trainer organisiert.
Allerdings sei das ganze System rund um den Service für die Pferde noch nicht ausgebaut. Wenn man etwa einen Sattler benötige, müsse man sich in den Nachbarländern umhören. Dagegen sei die medizinische Versorgung sehr gut. Die Stallgebäude seien klimatisiert, es gebe ein paar wenige klimatisierte Hallen. Geritten werde wegen der Temperaturen abends oder sogar nachts, bei sehr niedriger Luftfeuchtigkeit. Am frühen Morgen und am späten Abend gehen die Pferde aufs Paddock. Sandpaddocks mit Heu; Weiden gibt es in der Wüste nicht.
Langjährige Kritik und der aktuelle Krieg
Schwierig ist nach wie vor die politische Lage in den Emiraten mit Menschenrechtsverletzungen sowie Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen. Diskutiert wird die Situation vor allem, wenn Großereignisse wie die Fußball-WM oder das Weltcup-Finale anstehen. Auch die Kritik am Distanzsport, vor allem in den UAE, ist massiv und hält seit Jahren an. Der Weltreiterverband FEI hat den nationalen Pferdesportverband der UAE mehrfach ausgeschlossen, den UAE die Weltmeisterschaft 2016 entzogen und Rekordsperren für arabische Reiter verhängt.
Ganz aktuell bremst der Irankonflikt den Reitsport in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus und somit auch einen riesigen Wirtschafts- und Imagefaktor des Landes. Der Auftakt der Global Champions-Tour in Doha wurde bei Kriegsbeginn abgesagt. Iranische Drohnen, die die US-Militärbasis in Doha treffen sollten, flogen genau über Al Shaqab und wurden vom Flugabwehrsystem Katars abgefangen.
Drei Wochen nach Kriegsbeginn lief der Turnierbetrieb mit dem Al Shaqab Cup zwar wieder an – es ging um ein Gesamtpreisgeld von 766.000 Euro – aber das "normale" Reitsportleben ist noch nicht wieder zurückgekehrt. Die Frage ist, wie lange der Krieg anhält. Die Konsequenzen: noch nicht absehbar. Im November ist das Finale der Global Champions Tour in Riad geplant.
Unterdessen hat ein neuer Global Player die Bühne betreten. US-Milliardär Frank McCourt hat die Premier Jumping League ins Leben gerufen. Die Serie soll in Nordamerika und Europa stattfinden. Und im Mittleren Osten. Das Gesamtpreisgeld beläuft sich auf 300 Millionen US-Dollar.





