Schluss mit Kiefer-Blockaden beim Pferd

Der Kiefer - das unbekannte Gelenk

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Kiefergelenk bei Pferden
Das Kiefergelenk ist ein wichtiges Bindeglied zwischen Pferdekopf und Pferdehals. So machen Sie Schluss mit Kiefer-Blockaden.

Eine Lieblingsbeschäftigung von Pferden: Wandern. Und zwar mit gesenktem Kopf umher, in gemütlichem Tempo, die Nase am Boden, stets auf der Suche nach Futter.

Seit Jahrtausenden machen sie und ihre Vorfahren das. Gras, Blätter, Kräuter, Kräuter, Blätter, Gras – in freier Natur fressen Pferde 16 bis 18 Stunden am Tag. Schon vier bis fünf Stunden Fasten gilt für sie als gesundheitsschädlich, große Mahlzeiten verträgt ihr Verdauungssystem nicht.

Das permanente Kauen und Malmen ihrer Kiefer stimmt Pferde zufrieden. Umso deutlicher zeigt sich ihre Verdrießlichkeit, wenn damit etwas nicht stimmt.

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Der Kiefer - das unbekannte Gelenk

„Viele Reiter wissen gar nicht, wo sie das Kiefergelenk bei einem Pferd überhaupt suchen sollen“, sagt Dr. Alice Manders, Tierärztin mit der Zusatzbezeichnung „Zahnheilkunde Pferde“. „Selbst wir Fachleute wissen noch gar nicht so viel darüber. Dabei ist das Kiefergelenk funktionell hochspannend. Es sagt eine Menge über den Gesamtzustand eines Pferds aus.“

Für Manders sind Kiefergelenke zentraler Bestandteil ihres Berufslebens. Die ausgebildete Pferde-Osteotherapeutin kümmert sich ausschließlich um Probleme, die mit dem Kiefer zusammenhängen. Schaut sie einem Pferd ins Maul, sieht sie genau, wie seine Besitzer es halten, füttern und reiten. „Im Kiefergelenk treffen Zahnheilkunde und Osteopathie aufeinander – diese Verknüpfung ist extrem faszinierend!“

Um zu verstehen, warum das Kiefergelenk so ein entscheidender Knackpunkt ist, muss man sich sein Umfeld ansehen. Beginnen wir mit dem Gebiss eines Pferds: Das hat je sechs Schneideund zwölf Backenzähne in Ober- und Unterkiefer. Dazwischen befindet sich eine zahnfreie Lücke, das sogenannte Diastema (siehe Unterseite „Kiefergelenke - Vergleich Mensch-Pferd“). Der Unterkiefer, dessen hinterer Rand die Ganasche bildet, ist etwas schmaler als der Oberkiefer; dieser ist, wie beim Menschen, fest mit den Schädelknochen verbunden.

Pferde kauen durch mahlende Seitwärtsbewegungen des Unterkiefers, wobei der äußere Kaumuskel die Hauptarbeit verrichtet. Eine Scheibe aus Faserknorpel, der sogenannte Diskus, teilt das Kiefergelenk in zwei Anteile. Um das Futter zu zerkleinern, besitzen die Backenzähne breite Kauflächen. Im Jahr nutzt sich die Zahnsubstanz etwa zwei bis drei Millimeter ab. Die Zähne schieben daher aus dem Zahnfach nach.

Knackpunkt Haltung

Die heutige Pferdehaltung führt dazu, dass Pferde ihre Schneidezähne zu wenig abnutzen. Die brauchen Pferde nämlich, wenn sie Gras zupfen, nicht aber, um Hafer zu zermalmen. Durch die länger werdenden Schneidezähne vergrößert sich der Abstand der Backenzähne nach und nach. Die Kaumuskulatur muss mehr Kraft aufbringen, um die Backenzähne aufeinanderzudrücken.

Mit Folgen für das Kiefergelenk: Es leidet unter Überlastungserscheinungen, was Beschwerden im ganzen Körper auslösen kann. „Ein Pferdegebiss sollte ausbalanciert sein, sprich: Der Druck sollte sich gleichmäßig zwischen den Zähnen und dem Kiefergelenk verteilen. Tut er das nicht, gibt es Fehlbelastungen, und die können Probleme bis in die Hinterhand verursachen,“ sagt Manders.

Beim Menschen nennt man Funktionsstörungen, die ihre Ursache häufig im Bereich der Zähne haben, aber woanders Beschwerden bereiten, „craniomandibuläre Dysfunktion“, kurz CMD. In der Tiermedizin ist CMD als Krankheitskomplex bisher kaum anerkannt, so Manders.

Erst seit ein paar Jahren erforschen Wissenschaftler verstärkt die Biomechanik des tierischen Kiefergelenks. Sie fragen sich: Was ist überhaupt normal, was nicht? „Wir fangen quasi bei null an“, sagt Manders, die als Tierärztin eigentlich am liebsten zuerst die Datenlage abklopft. „Doch es sind kaum Studien vorhanden, und die aus der Humanmedizin lassen sich nicht einfach übertragen. Mir bleibt vorerst nur, Beobachtungen aus der Praxis zu sammeln.“

Davon macht Manders reichlich. „Bestimmt die Hälfte aller Pferde, die ich täglich sehe, hat Probleme mit dem Kiefergelenk“, schätzt sie. Sie meint damit weniger seltene Befunde wie Arthrose, Zysten oder Knochenbrüche. Viel häufiger findet Manders sogenannte sekundäre Kieferprobleme, die eigentlich andere Ursachen haben. „Wir Osteopathen schauen bei Kiefergelenksproblemen deshalb immer in beide Richtungen: nach vorn zu den Zähnen und nach hinten zum Bewegungsapparat.“

Verspannte Muskeln wirken auf den Kiefer

Bereitet ein Zahn Schmerzen, kaut das Pferd nur noch auf der anderen Seite. Das belastet das Kiefergelenk einseitig. Weil dort aber Muskelketten ansetzen, die sich über Genick und Wirbelsäule ziehen, kann es so zu Rückenbeschwerden oder Asymmetrien kommen. Im Röntgenbild wäre von Muskelverspannungen, die sich in Stellungsschwierigkeiten beim Reiten äußern, nichts zu sehen. Nähert sich Manders so einem Tier aber als Osteopathin, stößt sie beim Tasten auf eine verspannte Kaumuskulatur, berührungsempfindliche Triggerpunkte am Kopf oder Symmetrieunterschiede an den beiden Kiefergelenken.

Um ihren Patienten zu helfen, muss Manders herausfinden, was zuerst da war: das Problem mit dem Kiefergelenk oder Schwierigkeiten beim Reiten. Ein kaputter Zahn ist oft mit einem Blick ins Maul entlarvt. Hat ein Pferd jedoch Kiefergelenksprobleme, weil es seit Jahren gestresst ist, dauert die Ursachenforschung schon mal länger. „Manchmal stellt sich etwa heraus, dass die Gruppenhaltung ein Problem ist. Das sprichwörtliche ,Zähne zusammenbeißen und durch‘ gibt’s auch bei Pferden.“ Auch eine zu harte Reiterhand, der Zustand der Hufe, Sattel, Trense oder Gebissstück beeinflussen das Kiefergelenk.

Die Mehrzahl der Kiefergelenksprobleme entstehe durch Unwissenheit der Besitzer – und eine falsche Fütterung, meint Manders. „Pferde brauchen reichlich Raufutter.“ Und zwar vom Boden: „Heuraufen oder -netze sind vielleicht hygienischer. Für Kopf- und Halshaltung und damit die korrekte Funktion der Kiefergelenke beim Fressen sind sie aber eher ungeeignet.“

In natürlicher Fresshaltung, mit der Nase am Boden, rutscht der Unterkiefer nach vorn. Reckt das Pferd den Kopf hoch, um an ein Heunetz zu gelangen, passiert das nicht. Dadurch kommt es beim Fressen zu einer veränderten Kieferposition:„Der Kauapparat nutzt sich falsch ab, was langfristig Kiefergelenksprobleme verursachen kann.“

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Kiefergelenk bei Pferden

Heu satt und am besten vom Boden aus: Denn dann arbeiten die Kiefergelenke anatomisch korrekt.

Anzeichen deuten

Ebenso vielfältig wie die möglichen Ursachen von Zahn- oder Kiefergelenksproblemen sind die Anzeichen, an denen Reiter sie erkennen. Eine bisher nicht gekannte Berührungsempfindlichkeit am Kopf, Fressunlust, Zähneknirschen und ungewöhnliche Kaubewegungen sind die offensichtlicheren. Aber auch häufiges Gähnen, Gewichtsverlust und Probleme mit der Anlehnung können ihre Ursache im Maul haben.

Bleiben Zahn- und Kiefergelenksprobleme unbehandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben. „Das Genick verspannt, der Rücken wird fest, das Pferd kann beim Reiten nicht mehr in die korrekte Anlehnung“, so Manders.

„Es entstehen dauerhaft Spannungszustände und Asymmetrien, mit denen viele Pferde jahrelang herumlaufen. Ihnen kann ich nicht von heute auf morgen helfen, das braucht Zeit.“

Wie Reiter helfen können

Um Pferde mit Kiefergelenksbeschwerden zu unterstützen, können Reiter und Besitzer einiges tun: „Abkauübungen sollten unbedingt Teil der täglichen Arbeit sein“, sagt Alice Manders. Die Osteopathin empfiehlt außerdem das regelmäßige Massieren des großen Kaumuskels, „der an der Ganasche gut fühlbar ist“. Wer dabei nur mit so viel Druck arbeite, wie das Pferd zulasse, „kann nichts falsch machen“.

Die Lockerung der Nackenmuskulatur, die meist ebenso verspannt sei, weil sie die Hebelkräfte des Unterkiefers beim Kauen ausgleichen muss, sollten Reiter aber Profis überlassen. Ansonsten gelte noch: richtig reiten! „Eine korrekte Dehnungshaltung in Anlehnung tut auch dem Kiefergelenk gut. Es kann sich lockern, weil der Unterkiefer nach vorn gleitet“, erklärt die Tierärztin.

In einer Weile, so Manders, sei dann auch die Forschung weiter. „Lange haben Wissenschaftler das Kiefergelenk des Pferds vernachlässigt. Doch so langsam beginnen wir die funktionellen Zusammenhänge zu verstehen. Unterhalten wir uns in zehn Jahren noch einmal?“

06.05.2019
Autor: Sina Horsthemke
© CAVALLO
Ausgabe 4/2019