1. Der böse Blick
Pferde lesen in unseren Gesichtern. Das haben vor zehn Jahren Forscher der University of Sussex in Brighton nachgewiesen. Sie zeigten 28 Pferden entweder ein Foto eines lächelnden menschlichen Gesichts oder eines der gleichen Person mit zähnefletschendem Ausdruck. Die Wissenschaftler selbst wussten nicht, welches Gesicht das Pferd gerade sah. Die Pferde hingegen reagierten deutlich auf den grimmigen Blick: Ihr Puls stieg an und sie bewegten ihren Kopf, um die wütenden Gesichter mit ihrem linken Auge zu mustern. Dass man Pferden nicht in die Augen schauen sollte, weil es sie angeblich verunsichert, ist wissenschaftlich übrigens nicht haltbar. Ein freundliches Lächeln kommt beim Pferd tatsächlich gut an.
2. Zwei Herzen im Takt
Pferde haben Fähigkeiten, die fast telepathisch erscheinen. Im Rahmen einer Studie kündigten Forscher Reitern an, gleich würde ein Regenschirm aufgespannt. Das geschah gar nicht, doch die Herzfrequenz der Reiter stieg in der bloßen Erwartung – und das Herz des Pferds unter ihnen folgte sogleich. Zwei Herzen in einem Takt: Es klingt romantisch, ist im Pferdetraining aber beinahe alltäglich.
3. Die Augen geöffnet
Wie nimmt ein Pferd seine Umgebung wahr? Was gibt es für Unterschiede zu unserer Wahrnehmung? Antworten auf diese spannenden Fragen lieferte eine Virtual-Reality-Brille, die Benito Weise und Peter Menzel entwickelten. Besonders beeindruckend, wie sehr sich die Fast-Rundumsicht des Pferds von unserem Sehfeld unterscheidet und wie lange die Anpassung an unterschiedliche Lichtverhältnisse dauert.

4. Von Berührungen, Bindungen und Blickwinkeln
Was esoterisch klingen mag, hat wissenschaftlich bewiesene Auswirkungen: Pferde reagieren deutlich entspannter, wenn sie von Personen gestreichelt werden, die sich als Tierfreunde einstufen. Streichen dagegen Menschen in gleicher Manier übers Fell, die Tiere nicht mögen, ist ihre Herzfrequenz höher.
Dass Pferde sich emotional an ihre Menschen binden, bedürfte angesichts der täglichen praktischen Erfahrungen eigentlich keiner wissenschaftlichen Bestätigung. Die gab es dennoch im Jahr 2020 von Forschern aus dem italienischen Padua. Sie ließen Pferde zum Vergleich von einer Bezugsperson und einer fremden Person bürsten – und beurteilten ihr Verhalten nebst Herzfrequenz. Ein Ergebnis überraschte kaum: Die Pferde waren generell entspannter, wenn sie gebürstet wurden, als wenn sie allein im Stall warteten. Dabei war es zunächst egal, wer striegelte.
Beim Blick auf die Details zeigte sich allerdings: Pferde reagieren auf Bezugspersonen nachweisbar anders als auf Fremde. Geschah das Striegeln von der rechten Seite, waren die Pferde entspannter, wenn sie die Person kannten. Fremde dagegen hatten sie offenbar lieber auf ihrer linken Seite. Die Erklärung: Pferde betrachten Unbekanntes eher mit dem linken Auge, weil die damit verknüpfte rechte Gehirnhälfte als Gefühlszentrum unter anderem dafür zuständig ist, neue Situationen einzuordnen und aufregende Erlebnisse zu verarbeiten. Ein entlarvender Blickwinkel auf Beziehungen.
Nehmen Pferde ständig ihre Umwelt (oder uns) vermehrt mit dem linken Auge wahr, sollten wir genauer hinschauen: Das kann ein Zeichen für Angst sein. Ein Schreck von links haftet zudem stärker im emotionalen Gedächtnis; das Pferd erinnert sich länger daran.

5. Vom Pferdeflüstern
Monty Roberts ist definitiv eine Horsemanship-Legende. In einer CAVALLO-Kolumne berichtete der "Pferdeflüsterer" von Anfang 1998 bis Mitte 1999 übers Pferdeverhalten, positive und negative Verstärkung, Strafe, Lob, Entspannung oder negative Thigmotaxis (Meiden von Berührungen). Doch auch Legenden sind nicht unantastbar – zu Recht. Der Kern seiner Ausbildungsmethode, das Join Up, rief nach anfänglicher Begeisterung über das "gewaltlose" Training bereits Anfang der 2000er-Jahre Kritiker auf den Plan. In Ausgabe 12/2003 äußerten sich diverse Verhaltensexperten, die das Scheuchen im Roundpen mit massivem Stress für die Pferde verknüpften. Polnische Forscher ließen noch vor zehn Jahren in einem Aufsatz in der Zeitschrift "Psychology" (7/2016) kein gutes Haar an der Interpretation des Pferdeverhaltens von Monty Roberts. Über Learning Center und die Ausbildung von Instruktoren führt der Trainer, der am 14. Mai 91 Jahre alt wurde, seine Methode bis heute weiter.

6. Richtig clever!
Verflixt – nur die Spitzen ein paar leckerer Heuhalme lugen unter der Futterkrippe hervor. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wallach Corado hat eine einzigartige Idee: Der 25-jährige Freiberger nimmt einen Stock seitlich ins Maul, schiebt ihn in den Spalt unter seiner Krippe und angelt das Heu hervor. Voilà! Ein Pferd benutzt Werkzeug, um an Futter zu kommen. Allein das ist unglaublich schlau! Aber abwarten – die Geschichte geht noch weiter.
Aus einem Futterdieb wurden zwei: Denn vom Geschick des Wallachs profitierte dessen Boxennachbar, das Maultier Otello. Er stahl dem Futterdieb seine Beute und ließ sich die geangelten Halme schmecken. Das ging eine ganze Zeit lang so, bis der clevere Corado wegen einer Krankheit ein paar Tage nicht neben Otello stand. Siehe da: Plötzlich begann das Maultier, selbst mit einem Stock nach Futter zu fischen.
Und die beiden sind nicht allein: Professor Konstanze Krüger von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen und weitere Wissenschaftler konnten erstmals 13 Fälle von Werkzeug-Gebrauch bei Pferden/Equiden identifizieren. Die Studie veröffentlichten sie 2022 im Fachjournal Animals.
7. Mama macht’s vor
Fohlen beobachten das Verhalten der Mutter. Pferdekinder, deren Mamas ein gutes Verhältnis zum Menschen haben, lassen sich leichter fangen, halftern und führen. Babys, deren Mütter in der ersten Lebenswoche täglich etwa 15 Minuten von der gleichen Person sanft gebürstet wurden, zeigten sich im Kontrollalter von 15, 35 und 365 Tagen vertrauensvoller und kontaktfreudiger als Fohlen, deren Mütter nicht so behandelt wurden.

8. Wir verstehen uns!
Wenn unsere Pferde wiehern, lohnt sich Hinhören. Das haben kanadische Forscher der University of Guelph herausgefunden. Rund 300 Testpersonen konnten sehr deutlich zwischen positiven und negativen Lauten von Pferden unterscheiden, egal ob sie Erfahrung im Umgang mit Pferden hatten oder nicht. Besonders gut schätzten Frauen Wiehern und andere Laute von Pferden richtig ein. Und je besser der Mensch die Gefühlslage eines Pferds versteht, desto besser kann er darauf eingehen.





