Gotland-Ponys in Schweden: Herde, Fohlen, Geschichte

Eine der ursprünglichsten Pferderassen Europas
Im Wald der Gotland-Ponys von Lojsta Hed

ArtikeldatumVeröffentlicht am 18.07.2026
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Ein braunes Pferd steht im lichten Wald, Sonnenstrahlen fallen durch die Bäume.

Ein Gemisch aus Kiefernduft und Heu liegt in der Luft. Über eine Lichtung tuckert ein roter Traktor und verteilt Heuballen. Aufgeregte Ponyköpfe blitzen aus dem aufgewirbelten Staub hervor. Mit angelegten Ohren, quiekend und drängelnd, versucht jedes Tier das Erste zu sein. Dann kehrt Ruhe unter den Gotland-Ponys ein. Nur das sanfte, rhythmische Kauen von 60 kräftigen Pferdemäulern ist zu hören.

Lojsta Hed: Heimat der Gotland-Ponys

Wir sind in Schweden, genauer gesagt im Waldgebiet der Lojsta Hed auf der Insel Gotland. Dort lebt die einst vom Aussterben bedrohte Rasse der Gotland-Ponys. Bauern aus der Region haben die einzig heimische Pferderasse gerettet – eine der ursprünglichsten Europas. Ihre Nachkommen streifen bis heute durch Lojstas Wälder, wie schon vor Jahrtausenden. Menschen wie Ingvar und Anna kümmern sich mit Herzblut um den Erhalt dieser Rasse und ermöglichen es Besuchern, die Pferde im Naturreservat "Russpark Lojsta Hed” in ihrer natürlichen Umgebung kennenzulernen.

Die Region Lojsta auf Gotland
Gotland ist Schwedens größte Insel. Die Vegetation und Tierwelt ist aufgrund des kalkhaltigen Bodens, des milden Klimas und der Lage in der Ostsee einzigartig in Schweden. Sie zeichnet sich durch eine Mischung aus rauer Küstennatur, flachen Kalksteinheiden und artenreichen Wäldern aus. Bei Lojsta liegt der Mittelpunkt der Insel – und mit 83 Metern über dem Meer der höchste Punkt Gotlands. Die hügelige Umgebung ist geprägt von Kiefern und Fichten, aber auch vielen Laubbäumen wie Birken und Espe sowie Quellmooren.

Ich stehe am Zaun und beobachte das morgendliche Treiben. Eigentlich ist die Herde im Russpark die meiste Zeit des Jahres sich selbst überlassen. Trotzdem ist Ingvar Andersson seit 18 Jahren für die tägliche Kontrolle und Pflege der "Russ”, wie das Gotland-Pony hier genannt wird, zuständig. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung hat der ehemalige Viehwirt die Aufgabe übernommen. "Schon als Kind hatte ich mein eigenes Russ, mit dem ich sogar bei Springturnieren glänzte", erzählt er stolz. In der kargen Winterzeit füttert Ingvar alle zwei Tage zusätzlich Heu, damit die Ponys nicht abmagern.

Zwei Ponys oder Kleinpferde fressen gemeinsam Heu im Freien, weitere Tiere im Hintergrund.

Den Rest des Jahres finden sie frisches Gras auf dem über 900 Fußballfelder großen Areal, das in Sommer-, Herbst- und Winterweide aufgeteilt ist. Ingvar und ich machen uns auf den Weg und folgen den Ponys zur Wasserstelle – stets dem sanften Klopfen der Hufe hinterher. Unzählige Trampelpfade schlängeln sich durch den lichten Wald, dessen Boden übersät ist mit weißen Buschwindröschen und lila Lederblümchen.

Russpark: Infos, Anfahrt und Events Das Naturreservat ist 40 km südlich von Visby, einfach der Landstraße 141 und der Beschilderung folgen. Die Sommer- und Herbstweide ist frei zugänglich (Mai bis November), die Winterweide wegen trächtiger Stuten gesperrt. Regeln: Abstand halten, nicht füttern oder streicheln, keine Hunde, kein Zelten. Events: Hengstfreigabe (Pfingstsonntag), Prämierung (letzter Montag im Juli), Fohlentrennung (Mitte November). Führungen im Juli (10/13 Uhr), Plätze begrenzt. Mehr Infos zu Preisen, Führungen und Co. unter lojstahedrussen.se

Sobald uns eine Stute entdeckt, bleibt sie stehen und beäugt uns argwöhnisch. Auch Ingvar schaut skeptisch – auf meine Schuhe, die kurze Zeit später im Matsch versinken. Durch das Gestrüpp beobachten wir eine Stute beim Trinken, die Beine knöcheltief im schwarzen Schlamm versunken. "Das Wasser kommt aus unterirdischen Quellen. Im Winter brechen die Ponys das Eis mit den Hufen auf", erklärt Ingvar. Früher mussten die Ponys allein überleben. Woher sie kamen, bleibt ein Mythos – Funde aus der Eisenzeit zeigen, dass das Gotland-Pony seit Urzeiten heimisch ist. Im Mittelalter lebten die Tiere frei und galten als Allgemeingut; bei Bedarf wurde eines eingefangen und für die Landwirtschaft genutzt. Im 19. Jahrhundert wurde den Tieren der Lebensraum streitig gemacht. Aus Angst, dass die Wildpferde kostbares Ackerland zertrampeln, wurden sie erschossen oder ins Ausland verkauft.

Die Gotland-Ponys waren vom Aussterben bedroht

Zur Jahrhundertwende gab es nur noch um die 150 Ponys auf Gotland. Besorgte Bauern trieben sie zusammen, um sie vor dem Aussterben zu retten. Hushållningssällskapet, Schwedens älteste und größte Organisation im Agrarbereich, hat sich der Wildpferde angenommen. Acht Ponys gehören der Organisation, die übrigen verteilen sich auf 15 Familien vom Verein "Baggföreningen" (Bagge ist das alte gotländische Wort für das Gotland-Pony). "Wer dazu gehören will, muss aus der Nähe sein und mit anpacken", sagt Ingvar. "Bei der Hufpflege etwa braucht es pro Pony drei Männer – zwei, die es halten und ein Dritter, der arbeitet." Zweimal im Jahr gibt es einen Gesundheits-Check. "Die Pferde sind fast nie krank", bestätigt die Tierärztin, die gerade nach den trächtigen Stuten schaut. Plötzlich schnellen alle Ponyköpfe gleichzeitig nach oben – die Hälse angespannt, die Ohren aufgerichtet, mit Blick Richtung Wald. Wir hören ein stetig lauter werdendes Donnern. Sekunden später kommt eine Stute mit wild zerzauster Mähne angaloppiert. Neben ihr ein übermütig hüpfendes Fohlen. "Das ist Gunsan mit dem Erstgeborenen dieses Jahr." Die Fohlensaison auf Lojsta hat gerade erst begonnen. 30 Jungtiere werden dieses Jahr erwartet, von denen einige der Stutfohlen in der Herde bleiben, um das Erbe der sechs Stuten aus dem 19. Jahrhundert zu erhalten. Die Hengste werden verkauft.

Ein Wildpferd mit Fohlen steht im lichten Wald zwischen Bäumen.

Fohlenzeit in der Lojsta Hed

Die Journalistin Anna Ericsson hat die Herde für ihr Buch "Lojsta hed – russens rike" über Jahre begleitet – und lebt inzwischen auf Gotland; zwei ihrer Stuten sind trächtig. "Fröken Hed war drei Tage zum Abfohlen im Wald verschwunden", erzählt sie. Die Stuten ziehen sich zur Geburt zurück, denn Stress kann den Ablauf stören. Problematisch wird es auch, wenn "falsche" Mütter ein Neugeborenes an sich nehmen: Eifersüchtige Stuten stehlen der Mutter das Fohlen, können es aber nicht säugen; das Fohlen schwebt dann in Lebensgefahr. "Für unerfahrene Stuten haben wir daher einen isolierten Ort in einer Scheune", erklärt Anna. In der Fohlenzeit ist der Zugang für Besucher eingeschränkt – am ehesten sieht man die Herde morgens bei der Fütterung im eingezäunten Winter-Areal, denn in den Wäldern ist sie schwer zu finden.

Eine Gruppe von halbwilden Pferden, darunter ein helles Fohlen, steht und frisst Heu auf einer sonnigen Lichtung vor einem Wald.

Die Ponys holen Meistertitel im Vierspänner-Fahren

Ortswechsel – vom Wald zum Fahrsport: Sechzehn flinke Ponyhufe tippeln eifrig über den Rasen. Im Marathonwagen dahinter sitzt Maria mit je vier Zügelpaaren in den Händen. Maria Johansson-Skradarve, die einzige C-Fahrlehrerin auf Gotland, betreibt die Reit- und Fahrschule "Marias Hästeri" im Süden der Insel. Beim Vierspänner, der Königsklasse im Fahrsport, hat sie mit ihrem reinen "Russ"-Gespann in den letzten Jahren schon mehrfach den schwedischen Meistertitel abgeräumt. Mit ihren knapp 1,30 Metern sind ihre vier Gotländer richtige Sportskanonen. "Die zwei Dunkelbraunen vorn sind die Leader", erklärt Maria. "Links Stute Digone, rechts Wallach Wiklund. Digone ist immer motiviert, kann aber manchmal nicht so, wie sie will. Wiklund ist mein stärkstes Pony, hat aber seinen eigenen Kopf." Im Gegensatz zu anderen Rassen sind sich die robusten "Russ" durchaus ihrer Stärke bewusst und lassen sich, trotz ihrer liebenswürdigen Art, nicht gern herumkommandieren. Dahinter traben zwei Rotfüchse – Stute Valencia und Hengst Mattheus. "Hengst neben Stute?" frage ich verwundert. "Ja. Wenn Mattheus arbeitet, ist ihm das egal. Hengst ist er erst später wieder. Im Jahr 2022 verbrachte er sogar einen Sommer als Deckhengst in Lojsta." Jetzt ist sie aber froh, ihn wieder vor dem Wagen zu haben, denn die nächste Herausforderung steht schon vor der Tür – die Qualifikation für die Schwedische Meisterschaft.

Auf dem Kutschbock oder im Sattel unterwegs mit Gotland-PonysWer die knuffigen Gotland-Ponys hautnah und in Aktion erleben möchte, kann bei "Marias Hästeri" entweder einen Ausritt oder Kutschfahrten sowie Reit- und Fahrkurse buchen. Kontakt: Grötlingbo, Skradarve, 623 38 Havdhem.
Telefon: +46 73 637 49 65
E-Mail: maria.skradarve@telia.com

Pfingsten in Lojsta Hed: Auftritt Hengst Noack

Zurück im Russpark öffnet sich das Holzgatter. Mit wildem Getose kommt er hereingestürmt – die Muskeln gespannt, die lange Mähne weht im Wind. Er stoppt, schnaubt und tänzelt.

Man könnte meinen, der feurige Hengst Fåglabäcks Noack hat die Show extra für seine 50 Besucher einstudiert, die sich um den eingezäunten Paddock aufreihen. Doch viel eher möchte er wohl Lojstas Stuten imponieren, die sich in der Mitte tummeln und ihn neugierig inspizieren. Die Nüstern hoch in die Luft gestreckt, stolziert er umher und versucht, die rossigen Stuten zu wittern. Schon das zweite Mal darf Noack den Sommer hier verbringen und für Nachwuchs sorgen.

Pferdeherde im Wald, darunter ein Hengst beim Decken einer Stute.

Die Hengstfreigabe ist ein beliebtes Event

Das Event der Hengstfreigabe findet jedes Jahr an Pfingsten statt und ist neben der Prämierung und der Fohlentrennung das beliebteste Event. Nach gelungener Show wird die aufgewühlte Herde zusammen mit Noack schließlich ins Sommerareal entlassen. Ich schaue all den Ponys hinterher, die immer kleiner werden und schließlich im Bäume-Meer verschwinden. Zurück bleibt nicht viel mehr als eine Staubwolke und die Erinnerung.