Norm für Sicherheitssteigbügel gefordert
„Mehr Sicherheit für Reiter schaffen“

Bei welchen Unfällen verletzen sich Reiter? Der Verband der Pferdeindustrie (EEBA) will Licht ins Dunkel bringen – und in punkto Steigbügel eine wichtige Norm vorantreiben.

Offene Seiten, Gummi-Einsätze oder aufklappende Bügel-Elemente: Bislang gibt es keine verpflichtenden Regeln für Sicherheitssteigbügel, wann diese im Falle eines Sturzes öffnen müssen. Der Verband EEBA will das ändern.
Foto: Foto: CAVALLO / Rädlein

Offene Seiten, mit Gummiband oder schwenkbaren Bügel-Elementen: Die Vielfalt an Sicherheitssteigbügeln ist groß. Und uneinheitlich: Denn eine verpflichtende Norm gibt es hierfür bislang nicht. Das möchte der Verband der Pferdeindustrie (EEBA) ändern. Auch eine umfangreiche Unfallstatistik von Reiterverletzungen soll umgesetzt werden. Die Erkenntnisse daraus könnten Sicherheitsequipment wie Reithelme, Bügel oder Sicherheitswesten sicherer machen.

Unsere Highlights

Wir sprachen zu diesen Themen mit Stefan Schwanbeck, Initiator und Gründungsmitglied der EEBA. 1998 gründete er zudem den Reitsportausrüster USG und is CMO bei der Kieffer Sattlerwarenfabrik.

CAVALLO: Ob Reithelme, Sicherheitswesten oder Airbagwesten – wie werden solche Sicherheitsprodukte für den Reitsport entwickelt?

Stefan Schwanbeck: Als Reitsportausrüster stützen wir uns bei USG auf unsere Erfahrungswerte. Unsere Produktentwickler sind Reiter, wir als Eigentümerfamilie ebenfalls, wir sind also extrem nah am Markt. Dazu kommen die Erfahrungen unserer Top-Athleten, mit denen wir zusammenarbeiten; auch die fließen in die Produkte ein. Daneben bin ich im Normausschuss für Protektoren tätig. Alle fünf Jahre erarbeiten wir neue Standards hierfür, also welche Norm Protektoren erfüllen müssen. In den Ausschüssen sitzen neben den Herstellern der Produkte auch Ingenieure, die ihr Fachwissen für Prüfverfahren einbringen.

Aber alles in allem kann man sich als Ausrüster "nur" auf Erfahrung verlassen – nicht auf Statistiken oder belegbare Daten, welche Reitunfälle wie häufig passieren oder welche Verletzungen die zur Folge haben.

Genau, aber das soll sich demnächst ändern. Vor einem Jahr habe ich mit einigen anderen Ausrüstern die EEBA gegründet (siehe Kasten rechts). Mittlerweile haben wir Mitglieder in 13 europäischen Ländern; neben Herstellern von Reitsportprodukten zählen dazu auch Einzelpersonen, Messen oder Medien. Eines unserer beiden Kernprojekte ist es, Reitunfälle künftig statistisch zu erfassen.

Wie würde denn diese Erfassung von Reitunfällen konkret aussehen?

Wir sind gerade dabei, ein Online-Portal mit zugehörigem Fragenkatalog zu entwickeln. Hatte ein Reiter einen Unfall, kann er seine Erfahrungen hier angeben: Etwa ob der Unfall beim Reiten passiert ist oder im Umgang mit dem Tier, beispielsweise beim Führen auf die Koppel, ob er dabei verletzt wurde und wenn ja, in welcher Form. Auch Ärzte, Stallbetreiber oder Stallbauer können sich natürlich beteiligen – im Prinzip jeder, der mit Pferden zu tun hat.

Den Fragenkatalog soll es zunächst auf Deutsch und Englisch geben. Unser Ziel ist, dass er später in jede Landessprache Europas übersetzt wird, damit die EEBA die Daten europaweit erfassen kann. Geplant ist derzeit, dass das Portal im Frühjahr 2023 freigeschaltet wird. Damit wir möglichst viele Reiter erreichen und möglichst viele Informationen sammeln können, werden dann auch in den Verpackungen von Sicherheitsprodukten der EEBA-Mitglieder Flyer zu finden sein, in denen wir auf das Portal verweisen.

Was versprechen Sie und die EEBA-Mitglieder sich konkret von diesen Unfall-Daten?

Je mehr wir über Unfälle, deren Ursachen und Folgen wissen, umso eher können wir sie verhindern. Natürlich können wir mit dem Wissen die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) wie Reithelme oder Protektoren noch sicherer machen. Aber auch Stallbauer können davon profitieren: Wenn sich beispielsweise Stalltüren als ein Unfallrisiko herausstellen sollten, könnten die noch breiter geplant werden. Auch Ausbilder können sich so für mögliche Risiken sensibilisieren.

Die Unfallstatistik ist das eine Kernprojekt – welches ist denn das andere?

Wir möchten eine einheitliche Norm für Sicherheitssteigbügel anstoßen. Die gibt es momentan noch nicht.

Das heißt, bislang kann jeder Hersteller eine Bügel-Variante entwickeln und mit dem Label "Sicherheitsbügel" versehen, ohne dass es hierfür Richtlinien gibt?

Genau. Es gibt unzählige Produkte auf dem Markt: Da ist ein Schenkel des Steigbügels komplett geöffnet, also eher wie ein L geformt. Beim anderen besteht ein Schenkel nur aus Gummi, das an der Aufhängung befestigt ist, oder der Schenkel soll sich beim Sturz öffnen. Varianten, in denen Gelenke ein Festhängen verhindern sollen, gibt es auch – aber eben für all diese Formen keine einheitlichen Richtlinien.

Wie kann das sein?

Die Sicherheitssteigbügel haben sich aus normalen Bügeln heraus entwickelt, das war eine Eigendynamik der unterschiedlichen Hersteller. Dazu kommt, dass sie bislang nicht als Persönliche Schutzausrüstung gelten; dazu zählen Produkte wie Helme und Airbagwesten, die wiederum strengen Regeln unterliegen, damit sie den Reiter schützen. Das können auch Sicherheitssteigbügel leisten: Kürzlich stürzte beispielsweise ein Springreiter vor einer dreifachen Kombination, blieb im Bügel hängen – und das Pferd sprang brav alle drei Sprünge. Sicherheitsbügel können in solchen Fällen Verletzungen vermeiden, und deshalb sollten sie auch als PSA definiert werden. Nur muss dafür eben auch festgelegt sein, wann ein Mechanismus auslösen oder bei welcher Belastung ein Steigbügel brechen muss.

Sprich: Es sollte wie bei Reithelmen und Protektoren eine Norm geben, die das definiert. Wie will die EEBA das vorantreiben?

Wir haben eine interne Arbeitsgruppe, die sich damit befasst. Darin sind beispielsweise die Firmen Sprenger oder Flex On vertreten. Wir untersuchen die unterschiedlichen Bügelvarianten und versuchen Regeln festzulegen, die eben ein Festhängen beim Sturz vermeiden sollen. Das wird allerdings noch schätzungsweise drei Jahre dauern. Dann könnten wir damit an die EU-Kommission herantreten und vorschlagen, den Standard neu aufzunehmen.

European Equestrian Business Association

Hinter dem Kürzel EEBA verbirgt sich eine im September 2021 gegründete Interessenvertretung, die "dem Wirtschaftsfaktor Pferd in Europa gegenüber Öffentlichkeit und Politik eine gemeinsame Stimme" verleihen will. Zu den Mitgliedern zählen Hersteller wie USG, Kieffer, Stresan, Ekkia, Eggersmann und Equiva, aber auch Einzelpersonen sowie Messen (Equitana und Spoga). Die EEBA will den Wirtschaftssektor zukunftsfähig weiterentwickeln. Hier geht's zur Website der EEBA.

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