Teil des
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Die Angst der Pferde vor dem Reiter

Am längeren Hebel

Sie müssen Psycho-Stress, Rollkur, harte Paraden und scharfe Gebisse erdulden. Damit machen viele Reiter ihren Pferden derart Angst, dass die nur zwei Auswege haben: Entweder sie kuschen. Oder sie rasten aus und werden gefährlich.

Schiere Panik trieb den Hengst auf die Barrikaden. Bei jeder Piaffe kletterte er die Hallenbande hoch und brachte Passagiere in Not. „Er galt als Mörderpferd, kannte nur Kandare und Schlaufzügel“, empört sich die Schweizer Dressur-Legende Christine Stückelberger. In ihrem Kirchberger Stall landete das Spitzenpferd schließlich zur Korrektur – weil der vorigen Trainerin, einer bekannten Olympiareiterin, endgültig der Geduldsfaden riss.

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Wie diesem Hengst geht es Tausenden Pferden: Sie haben Angst vor ihren Reitern. Beißen beim Satteln, flüchten beim Aufsteigen, verweigern Lektionen oder springen aus dem Dressurviereck. Diese Panik vor dem Menschen und seinen Ansprüchen klebt pechzäh im Gehirn, lässt sich kaum wieder löschen.

Für Christine Stückelberger ist es unverständlich, wie man Pferde so in Panik versetzen kann, dass sie schon beim Aufzäumen zittern. „Sie tun alles für einen, wenn man sie gut behandelt. Ich reite den angeblichen Mörderhengst nun auf Trense, er benimmt sich wie ein Schaf“, sagt die Eidgenossin, die mit Köpfchen und Diplomatie gegenüber dem Pferd 1976 Olympiasiegerin wurde. Sie entstammt einer Reiter-Generation, die ihre Pferde häufiger lobte als einschüchterte.

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Riegeln bis zum Sieg

Christine Stückelberger prangert an, dass verängstigte Pferde von der Schulstunde bis zur Sportspitze erschreckend alltäglich sind. „Es fällt nur keinem auf, weil es so normal ist.“

Das zeigt ein beliebiger Tag bei einem Turnier irgendwo in Westeuropa; jenem Teil der Welt, der sich als Wiege klassisch-feinen Reitens versteht. Auf dem Mannheimer Maimarktgelände zum Beispiel wettkämpften im Mai Springreiter aus aller Welt sowie international dekorierte deutsche Dressurreiter.

CAVALLO nahm dort am Samstag, 5. Mai 2007, den Abreiteplatz ins Visier.

Es war immerhin die Generalprobe zur Spring-Europameisterschaft im August. Trotzdem beschwerten sich weder Richter noch Zuschauer über Hunderte übler Szenen, die sich in Fotospeicher, Videos und Gedächtnis des Redaktionsteams brannten.

Die Bilder passen in kein Lehrbuch. Einen Teil davon zeigt diese Geschichte: Ziehen an scharfen Gebissen. Extremes Verbiegen des Halses im falschen Moment. Engmachen in den Ganaschen, bis die Ohrspeicheldrüsen hervorquellen. Widersprüchliche Hilfen, hebelnde Gebisse, knebelnde Hilfszügel. Versammlung aus Verspannung, die steife Rücken, Buckeln oder Schwebetritte provoziert.

Pferde geraten außer Takt, drücken den Unterhals heraus oder müssen ihn knalleng aufrollen. Was neuerdings als Rollkur Schlagzeilen macht, ist in Wahrheit uralt und hieß früher „Brustbeißen“: Am Beispiel von Alwin Schockemöhles Springpferd Donald Rex schilderte Horst Stern 1974 in seinen „Bemerkungen über Pferde“, wie die Fluchttiere damit bewusst blind und hilflos gemacht werden.

Blind scheinen auch Reiter, Zuschauer und Richter, die diese Technik immer noch als Gymnastik verharmlosen. Horst Stern, der heute 84 Jahre alt ist und sich in Bayern versteckt, würde bei Turnieren wie in Mannheim zahllose Dejà-vus erleben.

Beobachtungen auf dem Mannheimer Maimarkt Turnier 2007

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Mannheimer Maimarkt 2007.

Dr. Gerd Heuschmann: Das Pferd wird im Rücken blockiert und muss sich gegenstemmen, um das Flexen verarbeiten zu können. Das bereitet ihm Schmerzen und läuft jedem Muskeltraining zuwider.

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Pferde blind und hilflos machen

Die dort entstandenen Fotos beurteilte sie zusammen mit drei weiteren Experten, darunter Olympiasiegerin Stückelberger, die über die Bilder regelrecht „erschrokken“ ist: „Was müssen diese Pferde leiden!“

Christine Stückelberger und Ulrike Thiel bemängeln auch, dass zum Psycho-Stress Sitzfehler kommen, welche Balance und Harmonie stören. „Ein großer Teil der Reiter sitzt entweder mit steifem Kreuz oder schlapp und schief im Sattel – und verlangt, dass sich das Pferd nachher in der Prüfung balanciert bewegt“, sagt Thiel, die sich intensiv mit reiterlicher Anatomie und Psychomotorik beschäftigt. „Es entsetzt mich, dass bei diesem gedankenlosen Einwirken bis zum Inkaufnehmen und gezielten Zufügen von Schmerz keiner auch nur die Augenbraue hochzieht.“

Diese Ignoranz ist ebenfalls altbekannt. Schon Horst Stern monierte massakrierte Springpferdemäuler und Frackreiter, die muskelentspannende Mittel unter den Sattel spritzen, um nicht „in der Manier eines Mörserstößels“ auf den Pferderücken hämmern zu müssen. Das war auch damals Doping. Und die Richter waren genauso schwer zu überzeugen, dass sie vom Ehrgeiz getriebenen Athleten auf die Fäuste klopfen müssen.

Beobachtungen auf dem Mannheimer Maimarkt Turnier 2007

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Dr. Ulrike Thiel in Mannheim 2007.

Die Kamera läuft: Dr. Ulrike Thiel, Dressurrichterin und Reitlehrerin, filmte auf dem Abreiteplatz des Mannheimer Maimarkt Turniers 2007 mit ihrer Videokamera.

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Faires Verhalten: Reiter haben Nachholbedarf

„Sicherlich rechtfertigt Erfolg nicht alle Methoden. Harmonie, die nicht in jeder einzelnen Situation optimal gewährleistet sein kann, muss nicht nur in Viereck und Parcours herrschen, sondern auch auf dem Vorbereitungsplatz. Wenn man als Richter da zuviel durchgehen lässt, legen Reiter zuhause, wo keiner sie sieht, noch eine Kohle nach.“

Die Fotos aus Mannheim machen Hess nicht glücklich. Er will sie nicht „schönreden“, beteuert er und tut es dennoch. „Daran ist sicher etliches auszusetzen. Es gibt Situationen, in denen das Pferd sich unterordnen muss. Eine permanente Unterordnung ist natürlich abzulehnen“, sagt Hess und sucht Gründe, warum Profis so reiten.

„Manche werden versuchen, ihre Pferde auf dem Vorbereitungsplatz vorübergehend gefügiger zu machen, damit im Parcours die Feinjustierung stimmt. Sie werden auch Fehler provozieren: eine Stange höher legen lassen, einen Übergang energischer reiten, das Pferd mit den Sporen kurz intensiv aufmuntern oder schärfer mit der Hand einwirken“, so Hess. „Das ist oft ein Grenzbereich, der leicht von Grün nach Rot kippt. Das müssen Richter erkennen.“Genau dies passiert zu selten; ein Mangel an Courage, auf den Kritiker schon in der Ponyklasse hinweisen. Dass Reiter ausrasten und Richter dies als Gehorsamsübung oder Ausnahmesituation weichspülen, beginnt nämlich schon beim Nachwuchs.

Beobachtungen auf dem Mannheimer Maimarkt 2007

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Mannheimer Maimarkt 2007.

Dr. Gerd Heuschmann: Dieses Pferd ist festgehalten vom Kopf bis zum Schweif, genau wie seine Reiterin. Festgehaltene Muskeln führen zu Überbelastung aller beteiligten Gelenke und zu Schmerzen – vor allem dort, wo das Reitergewicht durch den langen festgehaltenen Rückenmuskel getragen werden muss.

Dr. Ulrike Thiel: Das Pferd hatte sichtlich Angst vor der Gerte sowie Angst vor seiner Reiterin und dem später hinzugerufenen Trainer. Die Kandare steht an, das Maul ist aufgerissen. Die Reiterin hängt selbst total verspannt am Maul des Pferds und drückt ihr Gesäß von hinten nach vorn in den festgehaltenen Rückenmuskel. Es wurde kein Versuch unternommen, das Pferd wieder zu entkrampfen. Stattdessen wurde immer mehr Druck aufgebaut bei gleichzeitigem Festhalten und Behindern des Pferds.

Dr. Michael Weishaupt: Ein enttäuschendes Bild von einem Dressurpferd. Sehr viel Spannung. Sehr hohe Aufrichtung mit Enge in den Ganaschen, die Ohrspeicheldrüse quillt hervor. Bei hoch aufgerichteten Pferden gibt es zunehmend Probleme durch die Mehrbelastung der Fazettengelenke der Halswirbelsäule. Unsere Laufband-Studie zeigte, dass bei dieser Kopf-Hals-Position die Rückenmechanik schlecht ist. Der Rücken wird durchgedrückt und festgehalten, der Wechsel zwischen Spannung und Entspannung fehlt, die Nackenband-Oberlinie kann nicht funktionieren. Die Flugbahn der Hufe wird oval-senkrecht, der Bewegungsumfang der Beine nimmt ab, das Pferd kann seine Kraft nicht effizient einsetzen und muss die Frequenz steigern, um Balance zu halten. Das ist unphysiologisch. Die Hinterhand trägt zuwenig, weil sich die Hanken nicht beugen. Vielmehr werden die Vorderbeine stärker belastet, weil die Stützbeinphase kürzer ist.

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Ehrgeiziger Nachwuchs: Auch Kinder reiten aggressiv

Und zwar quer durch alle Disziplinen und Nationen, wie sein Schweizer Kollege Dr. Thomas Stohler aus Biel beobachtet. „Das Problem betrifft außer Springen und Dressur auch Rennen, Distanzsport und Shows“, so der ehemalige Präsident der Schweizer Vereinigung für Pferdemedizin.

Überall würden Angst und Fluchttrieb des Pferds ausgenutzt, um spektakuläre Aktionen zu bekommen. So fand Stohler bei Show-Arabern Schürfwunden am Kopf und Striemen am Körper, weil sie durch Reißen an dünnen Halftern und Peitschenhiebe aufgeputscht werden.

Damit sie den Schweif höher tragen, steckt man scharfe Substanzen in den After, im Doping-Deutsch Gingering. Stohler: „Früher nahm man Ingwer. Seit man den nachweisen kann, nimmt man synthetische Mittel, für die es kaum einen Nachweis gibt.“

Westernpferde, die bei Haltershows posieren, tragen mitunter Nägel im Genickstück des Halfters, damit der Kopf tief bleibt. „Blödsinnig. Die Pferde sind völlig eingeschüchtert“, urteilt der Cutting-Profi und mehrfache Deutsche Meister Jörg Pasternak aus Herzberg im Harz. „Wenigstens hat die Mode nachgelassen, Westernpferden in der Nacht vor der Prüfung den Kopf nach oben zubinden, damit sie ihn in der Prüfung unten lassen. Das sah man in den letzten Jahren deutlich seltener.“

Solche systematischen Einschüchterungstaktiken findet Pasternak verwerflicher als einen Spornstich. Für viele ist freilich genau jener der schlimmste Sündenfall. Und für Richter ist dieses offenkundige, blutige Härtezeichen am einfachsten zu ahnden.

„Ein Spornstich ist nicht schön, kann aber bei einem Pferd mit extrem dünner Haut schon mal vorkommen“, findet Pasternak. „Und es gibt Situationen, wo man ein Pferd kurz härter anpacken muss. Aber man darf nicht beim Abreiten seinen eigenen Stress zu Hackfleisch am Pferd verarbeiten. Oder es über reiterliche Mechanik in Angst versetzen, um Höchstleistungen rauszupressen.“

Tabu ist für ihn etwa, Pferde „mit allem zu verschnüren, was gefügig macht. Ich sah öfters Jungpferde beim ersten Longieren, mit Sperrhalfter, Gebiss, Ausbindern. Einer hängt an der Longe, einer rennt mit der Peitsche hinterher. Das Pferd soll Runde um Runde rennen und hat die Hosen gestrichen voll.“

Auch „den großen Knüppel auszupacken, wenn das arme Tier etwas nicht verstanden hat oder es einfach nicht besser kann“, ist für Pasternak sinnlose Panikmache. „Ich kann ja nicht mal von einer Maschine verlangen, dass sie in jeder Sekunde 100 Prozent perfekt läuft. Wie soll es dann ein Pferd können?“

Beobachtungen auf dem Mannheimer Maimarkt Turnier 2007

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Mannheimer Maimarkt 2007.

Dr. Ulrike Thiel: Mittels subtiler, einander widersprechender und das Pferd aufstachelnder Hilfen wurde es soweit gebracht, dass es sich wehrt. Das wiederum wurde durch die Dominanzgeste der Reiterin unterbunden, bei der ihr extrem verbissener Körper- und Gesichtsausdruck auffällt. Das Pferd handelte nicht aus eigenem Antrieb panisch oder widersetzlich. Auch „Umweltreize“, welche die Reiterin später selbst als Ursache für die Reaktionen des Pferds anführte, dürften zumindest für die Ansätze zum Bocken keine Rolle gespielt haben. Vielmehr wurde es systematisch so in die Enge getrieben, bis es nicht anders handeln konnte.

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Pferde nicht zu Leistungen zwingen

„Dann kommt ihre Motivation von innen statt vom Raubtier Mensch auf dem Rücken. Am Körperausdruck der fotografierten Pferde sieht man klar, dass sie sich nicht wohlfühlen.“

Das seien nur Momentaufnahmen. So lautet die übliche Entschuldigung, wenn ein Reiter erwischt wird, wie er sein Pferd prügelt, riegelt oder rollt. Momentaufnahmen. Weil sie diese Ausrede satt hatte, verfolgte Ulrike Thiel 2004 die Dressurmeisterschaft in ihrer holländischen Heimat per Videokamera.

Sie filmte, wie die amtierende Kür-Weltmeisterin und Rollkur-Verfechterin Anky van Grunsven ihr Pferd beim Abreiten 40 Minuten lang nahezu ununterbrochen mit extrem tiefgerolltem Hals hinter der Senkrechten ritt. „Das sollen Momentaufnahmen sein?“ fragt sich Dr. Thiel, die außerdem die Nachahmer Edward Gal und Imke Bartels bei ihren Rollkuren aufnahm.

Beim Fototermin mit CAVALLO lief ebenfalls die Videokamera, um zu dokumentieren, dass Grobheit weder momentanen Launen noch Zufällen unterliegt. Denn es ist keine Kunst, einen Reiter zum Handwerker zu stempeln. Jeder Fotograf kennt die Suche nach dem perfekten Augenblick, in dem der Reiter sauber sitzt und sein Pferd richtlinientreu läuft.

„Von mir gibt es auch schlechte Bilder, wo ich mal hintenüber sitze oder das Pferd nicht die optimale Haltung hat“, weiß Dressurreiterin Christine Stückelberger ebenso wie jeder Profi. Und natürlich habe es immer Szenen gegeben, „wo Reiter mal zulangten. Aber in dieser Fülle sah man das früher nicht“.

Beobachtungen auf dem Mannheimer Maimarkt Turnier 2007

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Mannheimer Maimarkt 2007.

Dr. Ulrike Thiel, Dr. Gerd Heuschmann: Hier sieht man die gegenteilige Wirkung dessen, was als Trainingsziel der Rollkur-Methode – verharmlosend Hyperflexion genannt – immer wieder genannt wird. Der Rücken ist fest, die Hinterhand herausgestellt, das Pferd läuft auf der Vorhand. Wie soll es daraus ein geschmeidiges Unterspringen vor dem Sprung und eine Bascule entwickeln? Festgehaltene Muskeln werden nicht genügend durchblutet und können sich nachher auch im Parcours nicht loslassen sowie wechselseitig geschmeidig an- und entspannen.

Dr. Michael Weishaupt: Die Leute, die sich die positiven Aspekte der Rollkur-Studien herauspickten, halten dieser Methode zugute, dass der Rücken sich dabei stärker hebt. Das kann man messen, und es wird von manchen als positiv bewertet. Allerdings wird dabei die mittlere Partie, wo der Sattel liegt und der Rücken am meisten belastet wird, auch nicht stärker unterstützt als etwa beim Vorwärts-Abwärts-Reiten. Beim tiefen Einstellen des Halses werden die Öffnungen zwischen den Wirbelkörpern, wo die Nerven austreten, enger. Der Übergang Lendenwirbelsäule/Kreuzbein ist stärker gestreckt, weshalb das Pferd hinten herausläuft und weniger untertreten kann. Auch das haben wir bei dieser Kopf-Hals-Position gemessen. Die Balance verändert sich, das Pferd benutzt andere Muskeln und andere Hebelverhältnisse. Ein paar Sekunden in dieser Position erzeugen vielleicht eine Erweiterung der Bewegungskompetenz, wenn das Pferd sich danach entspannen und neu positionieren kann – genau wie bei Übergängen, die Muskeln durch Spannung/Entspannung trainieren. Aber durch den Schlaufzügel wird es in dieser Position festgehalten. Das Schweifschlagen zeigt, dass es sich nicht wohlfühlt.

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Ein bekanntes Problem: Rollkurreiter zur Rede gestellt

„Bei Isabell fehlte damals die Harmonie mit dem Pferd. Sie versuchte, auf dem Abreiteplatz eine Piaffe zu reiten, die schon im Ansatz nicht klappen konnte, weil das Pferd gegen sie ging und verunsichert war“, erinnert er sich. „Bei Anky war es ähnlich, sie hatte ihr Pferd über längere Zeit extrem eng und tief eingestellt, was einer Unterwerfung und Degradierung gleichkam.“

Also sprach Hess mit den Trainern beider Damen, und die gelobten Besserung. „Das wurde auch umgesetzt“, findet er und verweist darauf, dass Abreiteplätze sich vom zugigen Zelt zu „Event-Bereichen“ gemausert hätten. „Da kommen viele Zuschauer hin, da gibt es zu essen und zu trinken, das ist inzwischen viel offener. Die Reiter haben aber jetzt natürlich eine größere Verantwortung, auch dort Vorbilder zu sein.“

Dass es daran nach wie vor krankt, bestreitet Hess nicht. „Natürlich schießen auch Weltklasse-Reiter mal übers Ziel hinaus. Reiter sind oft sehr ehrgeizig. Schon in Klasse L wird zum Beispiel gebimst, bis der Außengalopp klappt. Da muss eben ein Richter her, der das unterbindet“, sagt der FN-Ausbildungsleiter, 18 Jahre lang auch Chef des Bundesleistungszentrums im DOKR. „Mit Unterwerfung bringt man ein Pferd jedenfalls nicht zu höheren Leistungen.“

Genau das versuchen Ausbilder, wenn sie „Leidensfähigkeit“ vom Pferd verlangen – ein Begriff, den man immer wieder hört. Westernreiter Jörg Pasternak nennt das lieber Leistungsbereitschaft. Die ist für ihn eine Frage des Umgangs („wenn ich mein Pferd gut behandle, ist es auch gut zu mir“) und der Genetik. „Ich will Hubraum statt Spoiler. Zucht ist enorm wichtig; ein mittelmäßiges Pferd, dem ich massiv Druck machen muss, damit es etwas für mich tut, taugt nicht fürs Turnier.“

Immer mehr Pferde, egal ob Western oder Warmblut, sind heute freilich genetisch zu gut für ihre mittelmäßigen Reiter – zu schnell, zu schlau, zu sensibel, zu gangstark. Um steuern und sitzen zu können, ziehen solche Reiter schnell mal die Notbremse.

„Aber wer ein sensibles Tier dominieren will, muss den Druck immer mehr steigern und hat am Ende das klassisch verrittene Pferd“, sagt Pasternak. „Mit dem sind Sie nur auf Abreiteplätzen König. Sobald Sie in der Prüfung sind und das Pferd weiß, dass der Druck jetzt nachlässt, lässt es Sie hängen und rennt weg.“

Manchmal passiert das auch erst bei der Ehrenrunde, wenn Zügel und Galoppsprünge länger werden – wie 2006 bei der Weltmeisterschaft in
Aachen, als Anky van Grunsvens Salinero mit ihr ab durch die Mitte raste.

Späte Rache für frühere Schandtaten, frohlockten Kritiker. Psychologin Dr. Thiel beschreibt es nüchterner: „Wer ein Pferd durch eine Trainingsmethode wie die Rollkur systematisch so verunsichert und hilflos macht, provoziert Ausbrüche, wenn das Pferd die winzigste Chance zur Flucht sieht.“

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Dr. Ulrike Thiel, Dr. Gerd Heuschmann: Man sieht, wie die Spannung absichtlich weiter und weiter aufgebaut wird mit Sitz, Hand und Sporn der Reiterin, die einander negativ ergänzen. Das geht so lange, bis sich das Pferd nicht anders zu helfen weiß und steigen muss, da es die gesamte unphysiologische Körperspannung nicht mehr aushalten kann. Die klare Überbelastung der Halswirbel 5, 6 und 7 ist häufig eine Ursache für Arthrose.

Dr. Michael Weishaupt: Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Pferde bei dieser engen und hohen Aufrichtung mit falschem Knick zwischen 3. und 4. Halswirbel Probleme mit den oberen Atemwegen bekommen – bis hin zu Schweratmigkeit und Atemgeräuschen. Das sehen wir, wenn wir solche Pferde endoskopieren. Auch die Schultermuskulatur verhärtet in dieser Position. Das Pferd arbeitet schlecht aus der Schulter und kann seine Bewegungen nicht entfalten: Das sieht man daran, dass der Röhrbeinwinkel zum Boden vorne steiler ist als hinten.

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Erlernte Hilflosigkeit - Pferde schalten ab

Er versetzte ihnen solange Stromstöße, bis sie willenlos im Käfig kauerten statt zu fliehen. Ob es diese Strategie auch bei Pferden gibt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Möglich wäre es.

Sicher ist, dass sich Reiter zuwenig Gedanken machen, wie man Pferde so trainiert, dass sie lernen statt leiden. Das stellte eine Tierärztin fest, als sie 2003 die französische Spring-Equipe beriet. Deren Pferde wurden im Parcours regelmäßig so nervös, dass sie zu flach sprangen und
Abwürfe kassierten.

„Die Studie hat demonstriert, dass Durchlässigkeit und Steuerbarkeit des Pferds stark von seiner mentalen Sicherheit abhängen: Nervöse Pferde machen mehr Fehler“, sagt Dr. Michael Weishaupt. „Wie die Analyse zeigte, wurden die Pferde nie im Wettkampftempo trainiert, waren also beim Turnier körperlich wie mental überfordert. Regelmäßiges Galopptraining verbesserte ihre Leistung: Sie wurden ausgeglichener und konzentrierter.“

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Dr. Ulrike Thiel, Dr. Gerd Heuschmann: Ein Bild der Verzweiflung. Es zeigt klar die Kombination aus physischer Verspannung, Schmerz und psychischen Folgen: festgestellter Rücken, Schmerzen in Maul und Genick, festgehaltene Muskeln, eingeschränkte Atmung. Wie dieses Pferd leidet, zeigt klar sichtbar sein gesamter Körperausdruck. Wie das der Entspannung und dem Aufwärmen vor einer Springprüfung dienlich sein soll, ist schleierhaft. Vielmehr wird hier die gesamte Trickkiste der körperlichen und psychischen Domination benutzt.

Dr. Michael Weishaupt: Die Reiterin arbeitet gegen das Pferd und gegen die Bewegung. Sie macht das Pferd mit dem Schlaufzügel sehr eng, die Verspannung in Hals und Genick des Pferds ist deutlich sichtbar.

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Pferde sollen lernen nicht leiden

Im Dopingfall des Iren Cian O’Connor griff man bei den Olympischen Spielen von Athen lieber zum Beruhigungsmittel, anstatt das Pferd richtig auf Stresssituationen vorzubereiten.

Weishaupt ist einer, der gerne analysiert. Ein Schweizer mit kühlem Kopf, der lieber nüchtern argumentiert, als sich vom Gefühl hinreißen zu lassen. Er plädiert dafür, mehr zu forschen und zu messen, damit Leidensbilder seltener werden. „Je mehr sachliche Argumente die Veterinäre und Richter haben, desto leichter können sie bei Turnieren Techniken oder Gebisse verbieten, die Pferden Schmerzen verursachen.“

Aber auch Wissenschaftler Weishaupt weiß, dass Wissen schaffen allein nicht genügt, um an den Grundfesten der modernen Reiterei zu rütteln: „Erfolg fängt meist mit Kohle an statt mit Kompetenz. Die kommt zusammen mit dem Gefühl leider oft erst an zweiter Stelle. Und Funktionäre schützen erfolgreiche Reiter, weil sie Geld einspielen und das System stärken.“

Kann das Pferd in diesem System überhaupt überleben? Weishaupts Kollege Stohler holt eine Bedenksekunde lang Luft. „Vielleicht, wenn der Reiter erst mal Vertrauen aufbaut. Dann kann er auch Druck ausüben und Leistung verlangen. Aber die meisten verlangen leider sofort Druck, weil keiner Zeit für Vertrauen
hat.“

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Mannheimer Maimarkt 2007.

Dr. Ulrike Thiel: Hier wird das Pferd so „gestoppt“, dass es keinerlei Möglichkeit hat, sich aufzufangen. Würde man einen Menschen aus einigen Metern Höhe ungebremst fallen lassen, würde er ähnlich empfinden.

Dr. Gerd Heuschmann: Das Pferd blockiert im gesamten Rücken, alle beteiligten Gelenke werden überbeansprucht.

Dr. Michael Weishaupt: Ist das ein Sliding Stop? Für Rücken und Hinterhand ist so abruptes Bremsen sehr belastend, weil enorme Scherkräfte wirken. In der Vorbereitung auf eine Prüfung ist so ein Manöver unverständlich.

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Dr. Ulrike Thiel Psychotherapeutin, Reitlehrerin und Dressurrichterin aus dem niederländischen Soerendonck. Gründete dort das „Institut für Hippische Sportpsychologie und Equitherapie Hippocampus“.

„Auf den Fotos ist von gedankenlosem Einwirken bis zu Inkaufnehmen und gezieltem Zufügen von Schmerz und Erarbeiten von Spannung alles zu sehen. Mimik und Körperausdruck der Reiter sprechen Bände: Viele wollen ihr Pferd einfach nur dominieren. Sie riegeln es herunter und bringen es in Positionen, in denen es sich nicht wehren kann. Und zwar nicht nur ab und zu, sondern systematisch von Anfang an. Dass das in den meisten Fällen nicht nur kurze Momentaufnahmen sind, sieht man auf meinen Videos. Fürs Training bringen diese Methoden nichts, mental helfen sie dem Pferd auch nicht weiter. Man muss sich als Psychologe eher fragen, warum ein Reiter diese Techniken des Dominierens braucht.“

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Dr. Gerd Heuschmann Fachtierarzt für Pferde aus Warendorf. Der ehemalige Leiter der FN-Abteilung Zucht lernte Bereiter und ist Vorstandsmitglied des Vereins Xenophon für die Förderung klassischer Reitkunst.

„Mechanisches Arbeiten an der Kopf-Hals-Haltung, wie es auf den meisten Fotos gezeigt wird, erzeugt immer körperliche Abwehrspannung, die niemals mit klassischen Ausbildungsprinzipien zu vereinbaren ist. Keins der Bilder lässt die Prinzipien der Ausbildungsskala erkennen, die das Wohlbefinden des Pferds in den Mittelpunkt stellen. Dieses Erzeugen maximaler Körper(ver)spannung bringt weder im Training irgendwelche Erfolge, noch fördert es die psychische Durchlässigkeit. Ich fordere die zuständigen Richter und Funktionäre auf, dafür zu sorgen, dass solche Bilder am Abreiteplatz nicht mehr möglich sind.“

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Dr. Michael Weishaupt Tierarzt und Leiter des Sportmedizinischen Leistungszentrums an der Universitäts-Pferdeklinik Zürich. Er maß bei einem Kooperationsprojekt mit den Universitäten Uppsala und Utrecht, wie sich verschiedene Kopf-Hals-Positionen, etwa die Rollkur, auf die Bewegungsqualität auswirken.

„Mir geht es um ein Urteil, was mit dem Pferdekörper aus mechanischer Sicht passiert und wie sich das Pferd dabei mental fühlt. Auf einigen Fotos sieht man Techniken, die sinnvoll sein könnten, wenn sie kurz und kompetent angewandt würden. Ansonsten sind sie sinnlos oder schädlich. Und es sind grobe Aktionen zu sehen, von denen schon eine für das Pferd zuviel ist.“

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Kommentar von Christine Felsinger

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Christine Felsinger.

Und mittendrin grätschen Funktionäre im fragwürdigen Spagat. Wie kann Christoph Hess bei Besser-Reiten-Seminaren Gespür fürs Pferd fordern und gleichzeitig bei Turnierreitern Gewalt zur „Feinjustierung“ verteidigen? Auch die sogenannten Spitzenreiter schweifen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Predigte doch Weltmeisterin Isabell Werth jüngst bei einem Nachwuchsreiterlehrgang in Warendorf den „respektvollen und ehrlichen Umgang“ mit Pferden sowie die „Liebe als roten Faden“ zum Erfolg. Das ist Lichtjahre von jener Verbissenheit entfernt, mit der sie ausgerechnet einem Nachwuchspferd auf dem Mannheimer Abreiteplatz mal subtil, mal offen Druck machte. Orte und Reiter sind austauschbar – bis auf ein paar rühmliche Ausnahmen, die sich um feines Reiten bemühen. Die Angst der Pferde bleibt, solange jeder Star auf seinem eigenen Stern thront und Richter wie Funktionäre zu feige sind, schlechte Vorbilder durch schlechte Noten auf den Boden der Richtlinien zurückzuholen. Pure Vernunft-Appelle scheitern nämlich an der Unvernunft vieler Athleten, wie die jüngsten Bilder zeigten. Sie zeigen auch, dass für Pferde dort, wo Kampfgeist und Preiskampf astronomisch werden, die Luft zum Atmen dünn ist. Wer den Stress und die Angst dieser Pferde durch Wegschauen oder durch Applaus unterstützt, kann nicht von dieser Welt sein.

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