Fahren vom Boden Lisa Rädlein

Was bringt Fahren vom Boden für Pferd und Reiter?

Reitpferd - Fahrpferd Fahrtraining vom Boden für Pferde

Völlig zu Unrecht ist das Fahren vom Boden in Vergessenheit geraten. Denn wie heißt es so schön: Ein gutes Fahrpferd ist auch ein gutes Reitpferd!

5 Gründe für die Leinenarbeit

1. Ein gutes Fahrpferd ist ein gutes Reitpferd: Umgekehrt gelte dies nicht immer, erklärt Eberhard Weiß. Woran das liegt? "Ein Fahrpferd braucht eine gewisse Mentalität, es muss gelassen sein und auf wenige, reduzierte Einwirkungen prompt reagieren." Auch beim Fahren vom Boden können Sie diese Qualitäten trainieren, ohne auf den Kutschbock zu steigen.

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Reitpferd wird Fahrpferd Fahrtraining fürs Pferd vom Boden aus
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2. Ein "Fahrer" muss klare Signale etablieren: Beim Fahren vom Boden haben Sie nur die Leinen, Stimme und Peitsche, um auf das Pferd einzuwirken. Wie wichtig klare Stimmkommandos sind, werden Sie schnell merken. Davon profitieren Sie immer!

3. Leinenarbeit schult das Gefühl für Ihre Hände: Wer vom Boden fährt, muss präzise einwirken. "Wenn man nicht um die Kurve kommt, hilft es nicht, innen zu ziehen", erklärt Eberhard Weiß. Und leicht muss die Einwirkung sein, weil die Leinen bereits ihr Eigengewicht aufs Pferdemaul bringen.

4. Vorausschauend fahren: Blickfokus, Vorausschauen und klare Linienführung übt der Reiter beim Fahren vom Boden ganz von allein.

5. Neue Perspektiven fürs Pferd: Das Pferd geht voraus, entwickelt Mut und hat Abwechslung. Auch eine tolle Vorbereitung fürs Reiten!

Schritt für Schritt: Drei Methoden für das Fahrtraining vom Boden

Doppellonge: Eberhard Weiß empfiehlt die Doppellonge als Vorbereitung zum Fahren vom Boden. "Aus der Arbeit an der Doppellonge lässt sich das Fahren vom Boden am besten entwickeln."

Ihr Pferd sollte als Voraussetzung für das Fahren vom Boden bereits alle Stimmsignale für die drei Grundgangarten und zum Anhalten sowie Handwechsel an der Doppellonge sicher beherrschen. Langsam können Sie sich dann aus einer Longierposition weiter nach hinten arbeiten und so fließend zum Fahren vom Boden übergehen.

Fahren vom Boden: Auch als Leinenarbeit bezeichnet, diente das Fahren vom Boden traditionell der Ausbildung von Fahrpferden. Aber auch in der Vorbereitung zum Anreiten können Sie zu den Fahrleinen greifen: Das Pferd kann so bereits vor dem Aufsitzen die Zügelhilfen verstehen lernen.

Weich auf den Zügel zu reagieren, fällt ohne auszubalancierendes Reitergewicht oft leichter. Auch alte oder unreitbare Pferde können Sie gut an den Leinen arbeiten. Ein besonders hoher Ausbildungsstand ist dafür nicht nötig.

Langzügelarbeit: Sie liegt im Trend, ist aber eigentlich eine Königsdisziplin. "Die Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule erfanden sie im 18. Jahrhundert, damit sie alle Pferde auf Rittigkeit prüfen konnten, ohne in den Sattel teigen zu müssen", erklärt Eberhard Weiß. Bald wurde die Langzügelarbeit auch in Vorführungen gezeigt.

"Was das Pferd am Langzügel kann, kann es bereits unter dem Reiter", so Weiß. Die Arbeit am Langzügel, vor allem im Galopp, fordert hohe Versammlung. Sie hat einen stärkeren gymnastischen Effekt als das Fahren vom Boden.

Vorarbeit an der Doppellonge – Die Ausrüstung

Ein Gurt für Fahren und Doppellonge: Eberhard Weiß nutzt für beides einen Geschirrgurt vom Zweispänner und führt die Doppellonge bzw. später die Leinen von den Gebissringen direkt durch die Leinenaugen des Gurts. Bei der Arbeit an der Doppellonge führt er die äußere Longe über den Pferderücken. Sie können auch einen Longiergurt nutzen, wenn dieser über Ringe verfügt, durch die die Longen bzw. Zügel frei gleiten können.

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Die Ausrüstung.

Longe und Leinen: Zum Fahren vom Boden können Sie später die Doppellonge weiter verwenden oder Zügel wählen, die so lang sind, dass Sie außer Reichweite der Hinterbeine gehen können (knapp eine Pferdelänge Abstand). Wichtig: Das Pferd muss daran gewöhnt sein, dass die Leinen seine Hinterhand berühren. Sie können zur Gewöhnung beispielsweise einen Strick vom Longiergurt aus um die Hinterhand legen und das Pferd damit führen.

Trense oder Kappzaum: Eberhard Weiß arbeitet für Doppellonge und Fahren vom Boden stets mit Trense. Falls er zwischendurch "normal" longieren möchte, trägt das Pferd zum Hannoverschen Reithalfter noch Kappzaum.

Die Longe im Griff

Profis führen die Doppellonge wie ein Fahrer: Auch Eberhard Weiß führt die Doppellonge einhändig nach dem System von Achenbach. Um die Longen zu greifen, legen Sie die innere Longe über Ihren Zeigefinger und fixieren Sie sie mit dem Daumen. Die äußere Longe läuft nur zwischen Mittel- und Ringfinger hindurch, also einen Finger höher als beim Reiten. Somit haben Sie den kleinen Finger frei – und können darauf die Schlaufen legen.

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So haben Sie den kleinen Finger frei – und können darauf die Schlaufen legen.

Sollte es einmal nötig sein, können Sie mit der rechten Hand für einen Impuls in die jeweilige Longegreifen. Gar nicht so einfach – gut, dass es auch für die Doppellonge eine Variante mit beiden Händen gibt.

Beidhändige Führung mit der Dressurhaltung: Aus dieser Longenführung gelingen Ihnen fließende Übergänge zum Fahren vom Boden, denn sie funktioniert beidhändig. Die linke Hand greift die Longe und das in Schlaufen liegende Ende wie oben beschrieben, die andere greift die zweite Longe wie beim Reiten – ein Handwechsel ändert daran nichts.

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Die linke Hand greift die Longe und das in Schlaufen liegende Ende, die andere greift die zweite Longe wie beim Reiten.

Mit dieser Longenführung können Sie einfacher unabhängig voneinander an innerer und äußerer Longe einwirken und haben die Schlaufen ordentlich verstaut. Die Peitsche führen Sie links, wenn das Pferd auf der linken Hand geht, und umgekehrt.

Wendungen an der Doppellonge

Beim Wechsel "fahren" Sie bereits einen Moment. Denn Sie verschieben dabei Ihre Position mehr hinter das Pferd. Denken Sie an ein "aus dem Zirkel wechseln". Einige Meter bevor das Pferd den Wechselpunkt erreicht, wechseln Sie die Peitsche in die andere Hand, so dass sie Richtung Kopf weist. "Sie zeigt dem Pferd schon, dass es rumgehen soll", erklärt Eberhard Weiß.

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Wendungen an der Doppellonge.

Die Wendung leiten Sie ein, indem Sie am alten inneren Zügel nachgeben. Währenddessen begeben Sie sich mehr hinter das Pferd, so dass es sich nun kurz geradeaus bewegen kann, bevor Sie es auf die neue innere Seite umstellen und so den Handwechsel ausführen. Sie gehen dafür hinter dem Pferd vorbei.

Achtung am äußeren Zügel: "Zunächst muss man auf der neuen äußeren Seite Luft geben, erst wenn das Pferd bereits wendet, dürfen Sie einen Impuls geben, damit es leicht in der Hand bleibt", so Weiß.

Übergang zum Fahren – Fahrposition etablieren

Der Übergang zum Fahren ist fließend: Anstatt Ihr Pferd nach einem Handwechsel wieder auf eine Kreislinie zu schicken, können Sie in der Position hinter dem Pferd bleiben und auf eine gerade Linie oder einen großen Kreisbogen wechseln. Gehen Sie leicht nach innen versetzt mit einer Pferdelänge Abstand.

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Fahrposition etablieren.

Gebogene und gerade Linien: Wer Doppelllonge und Fahren vom Boden kombiniert, kann besonders gut zwischen geraden Linien und kleineren gebogenen Linien wechseln. So kombinieren Sie die gymnastizierende Arbeit an der Doppellonge mit gelenkschonenden geraden Abschnitten. Auch die klassischen Bahnfiguren können Sie "fahren" oder sich z. B. einen Slalom mit Pylonen aufbauen. Übrigens: Fürs Fahren vom Boden eignen sich Halle oder Platz, aber auch umzäunte Wiesen. "Vom Gelände rate ich aus Sicherheitsgründen ab", so Weiß. "Erschrickt das Pferd, müssen Sie womöglich loslassen."

Fahren am Boden – Zügelführung beim Fahren

Die einfache Variante: Weiter vorne im Artikel haben Sie bereits die korrekte Führung der Doppellonge kennengelernt. Nutzen Sie dagegen lange Zügel, deren Ende nicht weiter als bis auf Ihre Kniehöhe herabhängt, können Sie diese auch wie beim Reiten gewohnt greifen und das Ende herabhängen lassen.

Peitsche und Gerte gehören nach rechts: "Die linke Hand war früher beim Militär die Reithand, die rechte führte etwa das Schwert", erklärt Eberhard Weiß. Beim Fahren vom Boden tragen Sie Ihre Gerte daher normalerweise ebenfalls rechts, bei einem Handwechsel wird die Gerte nicht gewechselt. Gut geeignet ist eine lange Gerte oder eine Bogenpeitsche zum Fahren. Sie sollten Ihr Pferd mühelos an der Hinterhand touchieren können.

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Zügelführung beim Fahren.

Feine Hände sind wichtig: Achten Sie darauf, Ihre Hände ruhig vor sich herzutragen. Versuchen Sie nicht, die Kopfposition Ihres Pferds mit der Hand zu beeinflussen. "Das Pferd soll in einer Gebrauchshaltung gehen und die Selbsthaltung einnehmen, die es möchte", erklärt Weiß. Kommt die Nase tiefer als das Buggelenk, treiben Sie etwas vor. "Falsch wäre dagegen, das Pferd künstlich in eine absolute Aufrichtung zu stellen. Da ist es mir lieber, es kommt mit der Nase etwas tiefer", erklärt Weiß.

Fahren am Boden – Ordentlich Schritt halten

Ein flottes Gehtempo ist gefragt: Besonders im Trab braucht der Mensch fürs Fahren vom Boden eine gute Kondition – und die richtige Gehtechnik! Denn als "Fahrer" bleiben Sie immer im Schritt, damit Sie Ihre Hände ruhig tragen können. Der Trick dabei: "Versuchen Sie nicht, das vordere Bein exaltiert weit vor zu bringen, sondern strecken Sie das hintere Bein bei jedem Schritt richtig durch und geben sich so mehr Schub nach vorne", erklärt Eberhard Weiß.

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Ordentlich Schritt halten.

Im Galopp kommt man nicht mit: Anders als bei der Langzügelarbeit, wo das Pferd einen sehr versammelten Galopp zeigt, kommen Sie im Dreitakt an den langen Leinen nicht hinterher. Möchten Sie dennoch zwischendurch im Galopp arbeiten, können Sie das Pferd an der Doppellonge oder ausreichend langen Zügeln auf eine Kreisbahn um Sie herum lenken.

Vorsicht, Schwungverlust! Weil das Trabtempo für den Mensch "gehbar" sein muss, ist ruhiges Tempo gefragt. "Deshalb dürfen wir nicht zu oft vom Boden aus ‚fahren‘, damit Schwung und Gang des Pferds nicht verloren gehen", erklärt Eberhard Weiß. Wechseln Sie daher ab mit Reiten, Longieren oder Geländetouren als Handpferd.

Treiben und Parieren

Ihr Pferd wird zum Selbstläufer: Vorteil beim Fahren: Anders als beim Reiten werden Sie kaum in Versuchung kommen, jeden Schritt einzeln heraustreiben zu wollen. "Das Pferd muss einer Aufforderung zum Gehen schon eine Weile lang selbstständig nachkommen", so Eberhard Weiß. Wird es langsamer, können Sie es mit ihm bekannten Stimmsignalen auffordern, flotter zu gehen. Reagiert es nicht, touchieren Sie mit der Gerte seitlich an der Kruppe oder am Sprunggelenk.

Finger öffnen und schließen: Um das Pferd durchzuparieren oder das Tempo zu drosseln, können Sie auch auf die Stimme setzen. "Ich nutze zum Durchparieren und Anhalten ein Pfeifen, da bleibt jedes Pferd stehen." Für eine sanfte Parade am Zügel schließen Sie Ihre äußere Hand etwas mehr oder öffnen Sie leicht zum Nachgeben.

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Treiben und Parieren.

Gesundes Bewegungsmuster: Beim Fahren vom Boden gehen viele Pferde fleißig voraus, weil sie die neue Perspektive spannend finden. Andere sind vielleicht zuerst etwas zögerlich. Mit der Zeit wird das Pferd eine entspannte Haltung einnehmen. "Das Gebiss wirkt wie beim Reiten über das Zungenbein, regt zum Kauen an und lockert so auch den Rücken", erklärt Eberhard Weiß.

Nächstes Level? Langzügel!

Ihr Pferd hat ein gutes Dressur-Level? Dann können Sie sich vom Fahren am Boden vorwagen zur Langzügelarbeit. Dabei gehen Sie näher seitlich versetzt am Pferd, so dass Sie ihre Hände auf der Hinterhand auflegen können. Achtung: Wählen Sie kein Mittelding, sondern gehen immer entweder mit einer Pferdelänge Abstand oder seitlich dicht am Pferd – das ist sicherer.

Versammlung und Gymnastik: Am langen Zügel können Sie ähnliche Übungen ausführen wie beim Fahren vom Boden, etwa Bahnfiguren oder Übergänge. Engere Wendungen sind leichter möglich, da Sie sich dichter am Pferd befinden und kein langes "Gespann" bilden. Das fördert auch die Versammlungsbereitschaft. Wenn Ihr Pferd sich bereits stark versammeln kann, können Sie sogar im Galopp hinter dem Pferd hergehen. Auch Seitengänge und hohe Lektionen sind möglich.

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Nächstes Level? Langzügel!

Erstmal rantasten: Auch wenn Ihr Pferd noch nicht so weit ist, können Sie erste Versuche in Schritt und Trab wagen, etwa in der Arbeitsphase. Zum Aufwärmen oder Cool Down wechseln Sie zum Fahren.

Der Experte

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Eberhard Weiß

Eberhard Weiß lernte bei Egon von Neindorff, war Gastreiter am Cadre Noir in Saumur und Ausbildungsleiter im tschechischen Nationalgestüt Kladruby. Neben pferdegerechtem Reiten unterrichtet er Fahren und ist mit dem Einspänner rund um seinen Hof bei Nürnberg unterwegs. www.eberhard-weissreitlehrer.de

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