Lisa in fremden Sätteln - Working Equitation Thomas Hartig
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Working Equitation ausprobiert: Herrin des Rings

Working Equitation ausprobiert Herrin des Rings

Wie fühlt man sich in Sätteln, in denen man noch nie saß? CAVALLO-Fotografin Lisa Rädlein wird bei der Working Equitation zur Ring-Trägerin.

Normalerweise ist Lisa ein optimistischer Mensch. Heute nicht. "Ich schaff das nicht, ich schaff das nicht, ich schaff das nicht", ruft sie bei jedem Galoppsprung, den Wallach Dorado unter ihr macht. "Doch, du schaffst das", ruft ihr Trainerin Mirjam Wittmann über den Reitplatz hinweg zu.

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Lisa in fremden Sätteln Working Equitation ausprobiert
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Also senkt CAVALLO-Fotografin Lisa Rädlein die Garrocha, einen langen Holzstock, galoppiert auf den Holz-Stier zu, auf dessen Nacken ein knapp 10 Zentimeter großer Ring thront – und spießt ihn beim ersten Versuch auf. "Juhu", jubelt Lisa und wäre Dorado vor Freude am liebsten um den Hals gefallen; hätte sie nicht noch die Garrocha mitsamt erbeutetem Ring in der Hand.

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Lisa Rädlein (42) reitet seit über 33 Jahren, vorwiegend klassische Dressur. Bei fein ausgebildeten Pferden wie Wallach Dorado kommt die Fotografin ins Schwärmen.

Vom Aufsitzen bis zum erfolgreichen "Erlegen" des Stiers braucht Lisa Rädlein gerade mal etwas mehr als eine Stunde im Sattel. Wohlgemerkt: Nachdem sie zum allerersten Mal überhaupt Working-Equitation-Aufgaben reitet.

Der schnelle Erfolg verwundert aber nicht. Denn für unsere "Lisa probiert‘s aus"-Reihe, für die unsere CAVALLO-Fotografin in die Arbeitsreitweise hineinschnupperte, war sie in besten Trainer-Händen.

Gesattelt wird heute das "Garagenpferd"

Denn was Working Equitation ausmacht und wie die kniffligen Aufgaben am besten gemeistert werden, das erklärt heute Ausbilderin Mirjam Wittmann. Die 44-jährige Pferdewirtschaftsmeisterin wurde 2018 Doppelweltmeisterin mit der deutschen Working-Equipe, in der Gesamtwertung sowie in der Rinderarbeit.

Beste Voraussetzungen also für Lisas Reitstunde, und das gleich in doppelter Hinsicht. Lisa Rädlein darf heute nämlich eines von Wittmanns Berittpferden reiten: den 15-jährigen P.R.E.-Wallach Dorado, das "Garagenpferd". Als frisch gekörter Hengst wurde Dorado vom damaligen Besitzer rund ein Jahr lang in einer Autogarage gehalten.

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Reiten macht Spaß, Working Equitation noch viel mehr.

Dorados heutiger Besitzer kaufte das Pferd frei, kurz vor knapp, wie Mirjam Wittmann erzählt: "Zwei Stunden später, und der Schlachter wäre da gewesen." Diesen unfassbaren Zuständen damals stehen unfassbare Leistungen heute gegenüber: Der Wallach läuft Working-Prüfungen der Klasse S, gehört mit Mirjam Wittmann zum Bundeskader – und wäre 2020 bei der Europameisterschaft gestartet, wäre die nicht wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden.

Eine Weltmeisterin als Trainerin, ein möglicher künftiger Europameister unterm Sattel – da kann bei Lisas Reitstunde nicht viel schiefgehen. Apropos Sattel: Spezielle Working-Equitation-Sättel sind kein Muss, sagt Mirjam Wittmann. "Ich reite im klassischen Dressursattel, andere Worker im Westernsattel." Erlaubt ist, was gefällt.

Stilecht mit spanischem Arbeitssattel

Für Lisas Ritt soll es aber möglichst stilecht sein: Daher bekommt Dorado einen Sattel aufgelegt, der einem iberischen Arbeitssattel nachempfunden ist; mit auffälligen Pauschen, die dem Reiterbein Halt geben. Dazu trägt Dorado einen Offizierszaum.

"Wir haben in Deutschland zwar keine Working-Tradition, aber eine Militär-Tradition. Daran ist der Zaum optisch angelehnt", erklärt Mirjam Wittmann die auffälligen Ketten, die über der Pferdestirn liegen. Auch das Kandarengebiss ist Tradition. "Puh, ich bin seit Jahren nicht mehr mit Kandare geritten", gibt Lisa Rädlein zu bedenken. "Das kriegst du schon hin", beruhigt sie Mirjam Wittmann. Ab geht’s in die Reithalle.

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Terrier Diego ist immer in Mirjam Wittmanns Nähe – und ein prima Volten-Mittelpunkt.

Lisa Rädlein steigt auf und ist vom Sattel begeistert: "Das Sitzgefühl ist mega, und runterfallen kann man damit garantiert auch nicht!" In Sachen Vierzügeligkeit bekommt sie einen Crash-Kurs der Trainerin. "Behalte die Trensenzügel da, wo du sie sonst auch immer hast. Die Kandarenzügel legst du drüber, also zwischen Ring- und Mittelfinger."

Mit den Zügeln soll sie eine feine Verbindung zu Dorados Maul halten. "Und schau, dass du ihn ein wenig flotter machst mit dem Schenkel", ermutigt Mirjam Wittmann. Der Wallach soll nicht schneller werden, aber energetischer: "Der muss laufen wie auf einer heißen Herdplatte, also die Füße schneller wegkriegen vom Boden", vergleicht die Trainerin.

Dorado lässt sich von Lisa überzeugen. Nach dem Aufwärmen baut Mirjam Wittmann zwei blaue Tonnen in der Halle auf: "Da reitest jetzt im Trab eine Acht drumherum. Die Hilfen gibst du dabei vor allem mit Sitz und Schenkel." Lisa beginnt zu kreiseln, verkleinert die Volte auf etwa sechs Meter und wechselt von Tonne zu Tonne. "Boah, ist Dorado toll, der reagiert ja super auf den Sitz", strahlt sie. "Prima, dann machen wir jetzt dasselbe im Galopp mit fliegendem Wechsel", sagt die Trainerin.

Automatik für fliegende Galoppwechsel

Dass Lisa fliegende Wechsel geritten ist, ist mindestens solange her wie der Ritt auf Kandare, aber: "Dorado hat eine eingebaute Automatik", so Mirjam Wittmann. Also galoppiert Lisa an, gibt beim Voltenwechsel die Hilfen – und zack, schon springt Dorado fliegend vom Links- in den Rechtsgalopp. "Ah, okay, das war’s also schon", stellt Lisa fest.

Nicht nur beim Galoppwechsel hat Dorado eine Automatik, auch beim Sidepass, wie wir bei der nächsten Übung feststellen: Lisa soll seitlich über eine Stange reiten, sodass die immer zwischen Vorder- und Hinterbeinen liegt. Ein klassisches Working-Hindernis, das es ab Klasse A gibt.

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Seitlich über die Stangen? Ein Kinderspiel für Wallach Dorado.

Lisa richtet Dorado über der Stange aus, gibt eine minimale Hilfe – und der Wallach schnurrt wie von selbst über die Stange. Etwas kniffliger wird da schon das nächste Hindernis.

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Rückwärts einparken? Schlimmer: Rückwärts um die Slalomstangen herum …

Zumindest für die Reiterin: Aus sechs Pylonen mitsamt hineingesteckten Stangen baut Mirjam Wittmann eine Gasse auf. Lisa soll von der einen Seite ein Stück rückwärts hineinreiten, von der ersten Pylonenstange einen Becher nehmen, rückwärts im Slalom um die Pylonen weiter und den Becher auf der letzten Stange absetzen. "Ziel ist es, schnell rückwärts zu reiten, aber geschmeidig", erklärt die Ausbildein.

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… und dabei noch einen Becher versetzen. Ohne Stößchen!

Schritt für Schritt lenkt Lisa Dorado um die Pylonen herum, und dabei bloß nicht den Becher fallen lassen! "Ich habe Schweißperlen auf der Stirn", gesteht Lisa, nachdem sie den Becher abgesetzt hat. Puh! Einfach im Galopp durch die Gasse hindurchzureiten, ist da im Anschluss ein Kinderspiel.

Der Holz-Stier wird mit der Garrocha erlegt

Ob die Arbeit mit der Garrocha auch so kinderleicht wird? Oder doch eher schweißtreibend? Wir holen den Holz-Stier aus seiner Box und platzieren ihn auf dem Reitplatz. Echte Rinder wurden früher mithilfe der Garrocha, dem traditionellen Hirtenstab der spanischen "Doma Vaquera"-Reitweise, aus der Herde separiert.

Das muss Lisa heute nicht machen, sondern "nur" mit der Garrocha den Ring treffen, der mit einem Magnet im Nacken des hölzernen Stiers befestigt ist. "Die Zügel nimmst du in die linke Hand, die Garrocha in die rechte", erklärt Trainerin Mirjam Wittmann. "Leg deinen Zeigefinger oben aufs Holz, dann kannst du den Stab besser führen."

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Lisa staubt auf dem Weg zum Reitplatz noch ein paar Stierkampf-Tipps ab.

Im Schritt reitet Lisa zunächst auf den Stier zu. Mirjam Wittmann hält ihren Finger vor die Ring-Öffnung: "Hier drauf zielen!" Gleich beim ersten Versuch erwischt Lisa den Ring. "Super", lobt die Trainerin, "dann können wir das ja jetzt im Galopp probieren!"

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Die Garrocha durch den Ring stoßen: Das klappte sogar gleich beim ersten Versuch.

Einhändig galoppieren, dazu die schwere Garrocha in der Hand, zielen, treffen; keine einfache Aufgabe. Aber auch hier wird Lisa gleich beim ersten Versuch zur Ring-Trägerin. "Yippieh", jubelt die Reiterin. Und nach drei, vier weiteren Versuchen kann sie den Erfolg sogar wiederholen. Strahlend übers ganze Gesicht steigt die CAVALLO-Fotografin ab – und hat Blut geleckt: "Ich bin definitiv nicht zum letzten Mal Working geritten."

Was ist Working Equitation?

Portugal, Spanien, Frankreich, Italien: Die Wurzeln der Working Equitation sind international. Sie hat sich aus den unterschiedlichen Arbeitsreitweisen der Rinderhirten dieser Länder entwickelt. Verbände aus zwölf Ländern gehören zum Dachverband World Association for Working Equitation, darunter seit 2008 Deutschland.

Turnier-Wettbewerbe der Working Equitation setzen sich aus drei Prüfungen zusammen: Dressur (klassische Lektionen), Dressurtrail (zehn bis 15 Hindernisse wie Slalom, Gatter oder Brücke) und Speedtrail (Hindernis-Parcours auf Geschwindigkeit). Der vierte Teil (Rinderarbeit, ein Tier von der Herde trennen) ist je nach Ausschreibung optional. Die Working Equitation steht dabei allen Rassen und Reitweisen offen; auch Ponys oder Kaltblüter können an den Prüfungen teilnehmen.

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