Knigge im Wald Lisa Rädlein

Mit dem Pferd im Wald

Miteinander statt gegeneinander

Wie klappt das Zusammenspiel von Reitern mit Mountainbikern, Wanderern, Jäger oder Hundebesitzern im Wald? Und welche Gefahren gehen von Waldtieren aus?

Federnde Wege unter den Hufen, den warmen Duft von Harz in der Nase und lichtes Grün über der Kappe: Wo könnte Reiten schöner sein als im Wald? Das Idyll haben Reiter aber nicht für sich alleine.

Auch Hundebesitzer, Mountainbiker und Jäger zieht es in den Wald. Manche Redaktionsmitglieder berichten gar von bizarren Begegnungen mit Dudelsackspielern. Dudeln, biken, reiten – ein dichter Dschungel aus so unterschiedlichen Aktivitäten kann schon mal zu Konflikten führen. Was hilft? Kommunikation!

Wir haben gleich angefangen und einmal freundlich in den Wald der Nutzergruppen hineingerufen – was zurückschallte, lesen Sie hier.

Die Reiterin

Sonja Schütz ist Rittführerin und Umweltreferentin der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland (VFD). „Leider sorgt die Agrarpolitik dafür, dass jedes Jahr kilometerweise Wege in freier Landschaft und im Wald verloren gehen“, beklagt die 50-Jährige.

Feld- und Waldwege haben als Linienbiotope eine sehr wichtige Funktion für die Artenvielfalt, erklärt Schütz. Der Verlust naturnaher Feldwege mindere die lokale Biodiversität.

Dass bei einer schwindenen Anzahl von Wegen immer mehr Menschen Erholung im Wald suchen, sorge für ein höheres Konfliktpotenzial – besonders dort, wo ein restriktives Reitrecht herrscht.

Darum ist die VFD dafür, Wege gemeinschaftlich zu nutzen und keine speziellen Reitwege auszuweisen, auf denen die Reiter unter sich sind. In einigen Bundesländer dürfen Reiter im Wald nur auf diesen Wegen reiten (siehe Übersicht nach Bundesländern).

Probleme gebe es häufig, wenn diese vom eigenen Stall aus nicht legal erreichbar seien. „Da müsste man das Pferd dann schon mit dem Hubschrauber hinfliegen.“ Schütz kann noch scherzen, obwohl sie verärgert über die Lage ist. „Das ist, als ob man sagt: Du darfst nur bei Grün über die Ampel gehen – aber die Ampel wird nie Grün. An solche Gebote kann man sich kaum halten.“

Setzen sich Reiter dann darüber hinweg, sind andere Waldnutzer verärgert. Andersherum sind auch Reiter wenig erfreut, wenn sie auf ausgewiesenen Reitwegen, die für Spaziergänger eigentlich tabu sind, auf Spaziergänger und Radfahrer treffen. Dürften dagegen alle Wege gemeinsam genutzt werden, begegnete man sich – hoffentlich – gleichberechtigt.

Wenn Reiter nicht nur wenige ausgeschriebene Strecken nutzen dürfen, schont das laut Schütz auch die Waldwege: „Reiter können ihre Routen so leichter an die Wetterbedingungen anpassen und einzelne Wege werden generell weniger frequentiert.“ Gerade wer langsam reitet, schädigt den Boden ohnehin kaum, sagt Schütz (siehe Absatz „Studien zur Bodenbelastung“). S

ie wünscht sich, dass Reiter wieder solide lernen, im Gelände zu reiten – und mehr gegenseitige Offenheit, ganz nach dem Motto „Rücksichtnahme macht Wege breit“.

Knigge im Wald
Lisa Rädlein
„Unter Mountainbikern gibt es Unsicherheit, wie man sich gegenüber Reitern richtig verhält.“

Der Mountainbiker

Fragt man Mountainbiker André Schmidt (45), ist zwischen Bikern und Reitern tatsächlich alles recht entspannt. Der Weg zu ihm ist nicht weit – der Redaktionsleiter des Magazins „Mountainbike“ sitzt nur ein Stockwerk tiefer. Vorbehalte gebe es eher zwischen Mountainbikern und Wanderern, Jägern, Forstbesitzern oder Hundehaltern – Reiter dagegen: kein großes Problem!

Auch Schmidt selbst hat keine schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht. „Einmal hat mich eine Reiterin angesprochen, weil ich wohl zu dicht vorbeigefahren bin“, erzählt er. Auch wer alles richtig machen will, kann sich also schon mal einen Rüffel einfangen. „Obwohl das Verhältnis zu Reitern nicht schlecht ist, gibt es unter Mountainbikern oft eine gewisse Unsicherheit, wie man sich ihnen gegenüber richtig verhält.“

Das sei ähnlich wie beim Überholen von Fußgängern. „Klingelt man, erschrecken sich die Leute oft und springen zur Seite. Klingelt man nicht, erschrecken sie genauso. Spricht man sie an, wird das manchmal negativ aufgefasst.“ André Schmidts Trick: „Ich pfeife oft eine Melodie vor mich hin.“ Außerdem nennt er Dauerklingeln, die über einen etwas längeren Zeitraum ein leiseres Geräusch als eine normale Fahrradklingel machen.

Wenn sie Pferde passieren, hätten viele Mountainbiker einen gewissen Respekt – immerhin könnten diese ja theoretisch auch mal ausschlagen. Schmidt: „Etwas mehr Kommunikation à la ,alles gut, fahr einfach vorbei‘ würde da schon helfen.“

Eine wichtige Verhaltensregel für Mountainbiker lautet: Halte dein Bike unter Kontrolle – das heißt zum Beispiel, dass ein Fahrer jederzeit in Sichtweite anhalten können muss. Schmidt geht ganz selbstverständlich davon aus, dass das bei Reitern genauso ist. „Bei einem Pferd sieht man, dass jemand draufsitzt, der es unter Kontrolle hat“, findet er. Dieses Gefühl habe er bis jetzt bei den meisten Reitern gehabt.

Bedenken hat er dagegen bei manchen E-Moutainbikern. Durch den Trend seien aktuell mehr Fahrer im Wald unterwegs, die unerfahren im Gelände sind und etwa zu spät bremsen. Anders als traditionelle Mountainbiker seien die Fahrer mit dem zusätzlichen Antrieb auch bergauf recht flott unterwegs – das sollten Reiter wissen, um Situationen richtig einzuschätzen.

Der Waldbauer

Mit Veränderungen leben müssen nicht nur die Mountainbiker, sondern auch die Waldbesitzer und Forstwirte in Nordrhein-Westfalen (NRW). Seit dem 1. Januar 2018 gilt dort das neue Landesnaturschutzgesetz. Reiten ist damit auch auf privaten Straßen und befestigten oder naturfesten Wegen im Wald erlaubt. Vorher mussten Reiter auf ausgewiesenen Reitwegen bleiben. Kreise und Städte können jedoch Ausnahmeregelungen festlegen.

Dr. Philipp Freiherr Heereman (56) ist Vorsitzender des Waldbauernverbands NRW und Vorsitzender des Zucht-, Reit- und Fahrvereins Riesenbeck. Die neue Regelung ärgert ihn und viele Mitglieder des Verbands, die Wald besitzen und bewirtschaften. „Der Gesetzgeber schadet damit der gelebten Nachbarschaft“, sagt er.

Vorher seien Reiter und Waldbesitzer gut miteinander ausgekommen, das Reitwegenetz habe funktioniert. „Seit man überall reiten darf sind viele Waldbauern total sauer, weil die Reiter auf ungeeigneten Wegen unterwegs sind, den Boden kaputt machen oder unter Hochsitze reiten.“ Sprächen Waldbesitzer Reiter auf Schäden an, hieße es oft nur: „Schauen Sie mal ins Gesetz, ich darf hier reiten.“

Für Reiter sei es aber schwer einzuschätzen, ob ein Weg für Pferdehufe wirklich ausreichend befestigt ist oder nicht. Ziel des Verbands: Reiten wieder auf Reitwege beschränken. Das könnte nach Heeremans Ansicht die gute Stimmung zwischen Waldbesitzern und Reitern wiederherstellen. „Die meisten in Vereinen organisierten Reiter sind damit auch einverstanden.“

Ein Problem: Viele Reiter wüssten gar nicht, dass ein Wald jemandem gehört. „Wenn ich das weiß, bin ich dort Gast und verhalte mich entsprechend. Anders als bei einem Getreidefeld ist bei einem Wald aber nicht sofort sichtbar, dass es einen Bauern gibt, der ihn bewirtschaftet“, erklärt Heereman.

Wald gehöre immer jemandem: entweder einem privaten Eigentümer, der Kommune oder dem Staat. Mit einem Privatwaldanteil von 63 % und 150 000 privaten Waldbesitzern hat NRW den höchsten Privatwaldanteil in Deutschland.

Damit ein ausgewiesenes Reitwegenetz funktioniert, müssten sich auch Waldbesitzer engagieren. „Man muss den Stall wieder gut erreichen können“, so Heereman. „Dazu sollten sich auch mal mehrere Waldbesitzer zusammentun – oder Stallbesitzer mitwirken, immerhin verdienen sie ihr Geld damit.“

Die Jägerin

Sabine Zuckmantel ist nicht in NRW unterwegs, sondern in Brandenburg. Reiter dürfen hier auf allen Wegen reiten, die auch von einem Auto befahren werden könnten. Während Zuckmantel als Wanderreitführerin immer auf diesen Wegen bleibt, pirscht sie als Jägerin auch durchs Unterholz.

Unter einen Hut bringen kann sie beides gut: Alles findet zu seiner Zeit statt. „Man jagt meist zwischen vier und halb acht Uhr morgens, und abends sind Jäger in der Dunkelheit mit Büchsenlicht unterwegs“, erklärt die 54-Jährige. Das Wild sei um diese Zeiten am aktivsten. Das sei auch der Grund, warum es zwischen Reitern und Jägern kaum Begegnungen gebe.

Manche Jäger-Kollegen würden Reitern trotzdem vorwerfen, dass sie das Wild vertreiben. Zuckmantel sieht das anders: „Solange Reiter auf dem Weg bleiben, gibt es da kein Problem.“ Das Wild habe vor einem Mensch auf dem Pferd weniger Angst, weil das Pferd die menschliche Silhouette auflöse und der Pferdegeruch den menschlichen überdecke.

„Die wissen genau, dass von den Pferden keine Gefahr ausgeht und stehen ganz ruhig ein paar Meter neben dem Weg, wenn Reiter vorbeikommen“, beobachtet Zuckmantel auf ihren Wanderritten. Solange man nicht rund um die Uhr hoch zu Ross im Wald unterwegs sei, sei alles in Ordnung.

Große Gesellschaftsjagden im Herbst, wie die Treibjagd, die auch tagsüber stattfinden, würden häufig vorher in Reitställen angekündigt und das Gebiet mit Schildern markiert. „Reiter sollten ruhig auch aktiv bei den Jägern nachfragen, wann diese stattfinden.“ Die meisten Jäger seien froh über Nachfragen.

Jäger können Reitern also eigentlich gelassen begegnen. Doch geht umgekehrt für Reiter Gefahr von den Waidmännern aus? „Die oberste Regel bei der Jagd ist: Die Umgebung und das Tier, auf das man zielt, genau beobachten und identifizieren“, sagt Zuckmantel. Erst dann dürfe ein Jäger einen Schuss abgeben. Reiten in der Dämmerung zu vermeiden, hilft übrigens.

Der Naturschützer

Machen Reiter Naturschützern Sorgen? Dieter Kurzmeier verneint. Er ist Sprecher des Arbeitskreises Wald beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Wenn Reiter auf Wegen bleiben, sind sie aus Sicht des Naturschutzes überhaupt kein Problem“, sagt er. Kurzmeier ist Förster im Ruhestand und hatte früher selbst Pferde, mit denen er vom Forsthaus aus direkt auf Waldwege startete.

Er kennt also beide Seiten: die des Wald-Hüters und die des Reiters. Rücksicht aufeinander zu nehmen sei das A und O. Dass Reiter eines nahen Reitvereins Wege in seinem Forstrevier beschädigt haben, hat Kurzmeier durchaus erlebt. „Der Weg war 20 Zentimeter tief aufgewühlt.“

Die Lösung: „Ich bin zum Stallbesitzer gegangen und habe ihm gesagt, dass er den Weg wieder in Ordnung bringen soll – und dass ich in diesem Fall von einer Anzeige absehe.“ Der Verantwortliche habe sich darum gekümmert und somit war der Fall erledigt. „Auf Reitanlagen sind meist geeignete Geräte vorhanden, um einen Weg zu reparieren. Das kann also eine gute Lösung sein, wenn doch einmal etwas beschädigt wurde“, findet Kurzmeier.

Der ehemalige Förster begegnete im Wald regelmäßig Tieren – und musste sogar schon vor Wildsauen fliehen. „Als Förster kann es natürlich schon mal passieren, dass man im Dickicht direkt auf die Kinderstube einer Wildschwein-Mutter stößt. Eine Bache hat mich mal ein paar Meter verfolgt.“ Ein weiterer Grund für Reiter, auf den Wegen zu bleiben (zum Gefahrenpotenzial von Wildtieren siehe Abschnitt „Wie gefährlich sind Waldtiere?“). So vermeiden sie unangenehme Begegnungen und stören keine Tiere.

Doch wenn nicht die Reiter, was zeichnet dem Naturschützer Kurzmeier dann Sorgenfalten in Sachen Wald auf die Stirn? „Die Holzlobby will in erster Linie Geld verdienen“, sagt er. „Das Problem ist, dass sich die Regierung von Leuten beraten lässt, die nach wie vor nur ihren Profit im Kopf haben.“ Der Wald leide unter zu schneller Ernte, hohem Pestizideinsatz und Monokulturen. Schnell wachsende Nadelbäume wie die Fichte seien für die Hitze in niedrigen Lagen nicht geeignet und als Flachwurzler instabil bei Sturm. Für den Naturschützer gibt es zu tun.

Knigge im Wald
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„Mein Hund hat eher Angst vor Pferden und macht von alleine einen kleinen Bogen um sie.“

Der Wanderer + Hund

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski erinnert sich nur zu gut an eine unangenehme Begegnung mit zwei großen Jagdhunden. In gestrecktem Hunde-Galopp kamen die beiden kläffend auf sie und ihr Pferd zugerannt, die Besitzerin folgte hinterdrein und entschuldigte sich halbherzig.

Viele Reiter können ein Lied von ähnlichen Begegnungen singen und sehen Hunde am liebsten an der Leine. Doch wie finden eigentlich Hundebesitzer uns Reiter? Boris Gnielka, Redakteur beim Magazin „Outdoor“, kann dazu etwas sagen. Seine Hündin Perla darf mit ins Büro und streift hin und wieder auch in der CAVALLO-Redaktion um die Schreibtische. „Wenn ich mit ihr Reitern begegne, ist das völlig problemlos“, sagt Gnielka. „Perla hat eher Angst vor den Pferden und läuft von alleine einen kleinen Bogen um sie.“

An die Leine nimmt er Perla daher nicht, wenn Reiter in Sicht kommen. Aber: „Hätte ich einen Rottweiler oder Staffordshire Terrier, würde ich das nicht machen, weil ich weiß, welche Wirkung diese Hunde nach außen haben.“ Auch so schauen manche Reiter etwas unsicher auf seinen Hund, bemerkt Gnielka. Die meisten seien dabei aber sehr freundlich und würden oft als erstes grüßen. „Da scheint es so eine Art Guten-Tag-Kodex zu geben“, sagt der 50-Jährige und schmunzelt.

Ähnlich viel gegrüßt wird nur unter Wanderern in den Bergen. Auch dort ist Gnielka häufig unterwegs, trifft in der Höhe aber kaum Reiter. Dafür gibt es hier Herdenschutzhunde, die selbstständig Schafe bewachen und Menschen durchaus resolut fernhalten. Wer als Reiter doch mal im Hütegebiet unterwegs ist, sollte also ebenfalls einen Bogen um sie machen.

Knigge im Wald
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„Kürzlich stand ein Vater vor Gericht, weil er Pferde mit Ästen bewarf, bis sie durchgingen.“

Die Eltern

Fast so unberechenbar wie Hütehunde sind Kinder – und manchmal auch ihre Eltern. Kürzlich stand in der Schweiz ein Sozialarbeiter vor Gericht, weil er die Pferde zweier Reiterinnen durch den Wald verfolgte und mit Ästen bewarf, bis sie durchgingen. Die Reitlehrerin, die mit einer Schülerin unterwegs war, hatte den Mann zuvor darauf hingewiesen, dass sein achtjähriger Sohn den Pferden von hinten nicht zu nahe kommen solle.

Solche Eskalationen sind hoffentlich selten – aber wie fühlen sich Eltern normalerweise, wenn sie auf Reiter treffen? CAVALLO-Redaktionsmanagerin Marie Johansen (39) begegnet beim Spazierengehen mit ihren zwei Söhnen oft Reitern. „Ich habe schon erlebt, dass Reiter mir entgegengetrabt sind, während mein älterer Sohn auf dem Laufrad fuhr und ich den Kinderwagen schob.“ Passiert ist nie etwas, aber Gedanken machte sich die Kollegin: „Was ist, wenn er jetzt in das Pferd reinfährt?“

Die meisten Reiter kommen aber langsam entgegen oder lassen Radfahrer vorbei. Dieses Verhalten erwartet Johansen auch: „Irgendwo habe ich schon den Gedanken, dass ich mit meinen Kindern Vorrang habe – schließlich sind sie nun mal keine Erwachsenen und verhalten sich unter Umständen unvorhersehbar.“ Johansen überlegt kurz und meint dann: „Ob auch manche Reiter denken, dass sie wegen ihrer Tiere Vorrang haben, weiß ich natürlich nicht.“

Sich in andere hineinzuversetzen, kann auf jeden Fall helfen,Konflikte zu vermeiden. Wer außer aufs Vogelgezwitscher auch auf die Probleme und Fragen der anderen hört, sorgt für einen fröhlichen Misch-Wald aus Reitern, Radfahrern & Co.

Die Psychologie des Waldes

Alle wollen in den Wald – aber warum eigentlich? Wir haben mit Prof. Dr. Ahmed Karim gesprochen. Er ist Psychotherapeut und Associate Professor für Gesundheitspsychologie und Neurorehabilitation an der Universitätsklinik Tübingen und Dozent an der SRH Mobile University. In Kollaboration mit der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg leitet er Zertifikatskurse zum Thema Wald und Gesundheit. Nähere Infos: www.mobile-university.de

CAVALLO: Warum fühlen sich Menschen im Wald so wohl?

Prof. Dr. Ahmed Karim: Der Wald mit all seinen Sinnesreizen hat ein besonderes Erholungspotenzial. Es fängt an mit den visuellen Reizen: Die Kronen der hohen Bäume entfalten sich wie schützende Bögen über uns. Hinzu kommen beruhigende akustische Reize wie Vogelgezwitscher oder Wassergeräusche und die besonderen Düfte im Wald. Studien haben belegt, dass sie sich positiv auf das Immunsystem auswirken. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Wahrnehmung der Natur auf unserer Haut.

Wird die Sehnsucht nach dem Wald aktuell größer?

Die Nachfrage nach Kursen und Erholungsangeboten im Wald steigt in den westlichen Industriestaaten tatsächlich. Nicht nur unsere Arbeitswelt, sondern auch unsere Freizeit und unsere Kommunikation sind immer stärker von Technik geprägt. Den Großteil des Tages verbringen wir beruflich und privat vor dem Bildschirm – das macht die zunehmende Sehnsucht nach Wald und Natur verständlich.

Worauf kommt es an, um von einem Aufenthalt im Wald geistig und körperlich möglichst gut zu profitieren?

Es ist wichtig, dass wir nicht über Probleme nachgrübeln, sondern achtsam mit unseren Sinnen die Natur genießen. Wenn wir grübeln, aktivieren wir im autonomen Nervensystem einen Teil, der regenerative Prozesse im Körper stoppen und uns in eine angespannte Hab-Acht-Haltung versetzen kann. Außerdem schüttet die Nebennierenrinde das Stresshormon Cortisol aus. Unsere Studien zeigen, dass Achtsamkeitsübungen im Wald diese negative Spirale stoppen und regenerative Prozesse fördern. Reiter können von Waldritten besonders profitieren, indem sie sich mit allen Sinnen auf die Natur, ihr Pferd und die Interaktion mit ihm fokussieren.

Wie gefährlich sind Waldtiere?

Dieter Kurzmeier, Sprecher des Arbeitskreises Wald beim BUND und Förster im Ruhestand, und Jägerin Sabine Zuckmantel klären auf:

Rehwild: Rehe sind Fluchttiere und vollkommen ungefährlich. „Pferde riechen das und haben darum auch keine Angst vor Rehen“, erklärt Dieter Kurzmeier.

Wildschwein: Weibliche Tiere (Bachen) mit Jungen können aggressiv sein. „Aber nur, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, etwa im Gebüsch“, so Sabine Zuckmantel. „Wenn die Möglichkeit besteht, wird ein Wildschwein immer flüchten.“ Auf Wegen sind Wildschweine für Reiter also ungefährlich.

Zecken: Auf befestigten Waldwegen ist die Gefahr gering. „Zecken sitzen meist im hohen Gras oder im Gebüsch – wer hindurchreitet, sollte die Pferdebeine kontrollieren“, rät Dieter Kurzmeier.

Eichenprozessionsspinner: Die giftigen Härchen der Raupen können bei Mensch und Pferd starke allergische Reaktionen auslösen. Ab April/Mai schlüpfen die Raupen, im Mai/Juni bilden sie die giftigen Brennhaare. Diese fliegen auch durch die Luft. Meiden Sie Wege, an denen befallene Eichen stehen. Die Raupe findet sich besonders auf warm-trockenen Eichen, freistehend oder am Waldrand.

Luchs: „Luchse gibt es zum Beispiel im Pfälzer Wald“, sagt Dieter Kurzmeier. „Sie weichen Menschen aus und sind keine Gefahr.“

Wolf: „Wolfsrudel gibt es in Deutschland bereits“, sagt Sabine Zuckmantel. „Auch sie gehen Begegnungen mit Menschen aus dem Weg. Aktuell sind Wölfe daher keine Gefahr für Reiter im Wald.“ Wie sich die Situation weiter entwickle, müsse man abwarten. „Wie es bei steigenden Wolfszahlen aussieht, wissen wir noch nicht“, sagt auch Kurzmeier.

Boden-Studien

Pferde machen den Boden kaputt – das hört man immer wieder. Was sagen Studien?

Wie wirken sich Holz-Rückepferde im Vergleich zu Harvester, Forstspezialschlepper und Co. auf den Boden aus? Das Ergebnis einer Kieler Studie: Die berechnete Druckbelastung unter den Pferdehufen war höher als bei den meisten Maschinen. Dennoch hatten einzig die Pferde keinen nachweislichen Einfluss auf die Ökologie. Bodeneigenschaften wie Luft- und Wasserleitfähigkeit blieben unverändert. (Voßbrink: Bodenspannung und Deformation in Waldböden durch Ernteverfahren, Kiel 2004)

Trampelpfade auf Weiden sind laut einer Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Osnabrück stärker verdichtet als andere Bereiche. Die Trittbelastung reichte in 25 bis 30 Zentimeter Tiefe. Die Böden seien damit nur oberflächlich verdichtet und könnten sich mit Wegfall der Trittbelastung vermutlich selbst regenerieren. (Wallrabenstein et al.: Bodenverdichtung auf Pferdeweiden – Ausmaß und Auswirkungen auf die Regenwurmpoulation und Vegetation, Osnabrück 2009)

Boden-Infos zum Weiterlesen: Handbuch „Reiten und Umwelt“ der Vereinigung der Freizeitreiter und –fahrer in Deutschland, als PDF unter: www.vfdnet.de

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