Pferdewechsel im Training: Sitz finden, Mut gewinnen

Ein fremdes Pferd im Training reiten
Warum ein Pferdewechsel Reiter besser macht

ArtikeldatumVeröffentlicht am 22.07.2026
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Zwei Reiterinnen beim Vielseitigkeitstraining im Gelände, beide auf Schimmeln, springen gemeinsam über ein Hindernis aus Holz.
Foto: Jacques Toffi

Ein guter Tausch

Dein Pferd und du, ihr beide seid wie ein altes Ehepaar? Wer viel Zeit miteinander verbringt und sich gut kennt, lernt, mit den Vorlieben und Eigenheiten des anderen umzugehen und milde über die eine oder andere Macke hinwegzusehen. Unter dem Sattel hat die liebevolle Akzeptanz jedoch eine kleine Schattenseite. Still und heimlich reiten sie mit, die Fehlerteufelchen und eingespielten Gewohnheiten: die minimale Imbalance im Sitz, die Anspannung vor der gewohnten Schreck-Ecke, die Aufregung vor dem Galopp im Gelände. Dein Pferd hat gelernt, damit umzugehen – genauso wie du mit den Schwächen deines Pferds umgehst. Aber wenn es dadurch immer wieder irgendwo hakt, wäre es doch schade, wenn ihr euch nicht verbessern könntet, oder?

Der Game-Changer: Pferdewechsel! Schließlich sind Pferde keine Autopiloten. Jedes reagiert unterschiedlich auf Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen. Auf einem fremden Pferd kommen deine Hilfen möglicherweise nicht genauso an wie bei deinem eigenen Tier. Du lernst, nicht nach Schema F zu reiten und entdeckst, wo das eigene Pferd noch Verbesserungspotenzial hat. Sitzfehler werden deutlicher spürbar, mentale (Angst-)Blockaden können gelöst werden.

Mögliche Konstellationen gibt es viele: Etwa, indem du das Pferd mal mit einer Stallkollegin tauschst oder regelmäßig mitreitest. Oder du lässt dein eigenes Pferd von einem Ausbilder schulen und dich gleichzeitig auf dessen erfahrenem Pferd unterrichten. Auch möglich: ab und zu Reitunterricht auf einem erfahrenen Lehrpferd nehmen.

Unsere Profis in punkto Pferdewechsel:

Anja Beran im Porträt
Anja Beran
Die Expertin
Hannes Müller vor einer Hecke stehend
Hannes Müller
Der Experte
Kai Terhoeven-Urselmans mit Partnerin und Pferd im Porträt
Kai Terhoeven-Urselmans
Der Experte
Huberta von Krosigk im Porträt
Huberta von Krosigk
Die Expertin
Regine Mispelkamp mit Pferd im Porträt
Regine Mispelkamp
Die Expertin
Anna Carina Jung mit Pferd im Porträt
Anna Carina Jung
Die Expertin

"In punkto Sitz und Einwirkung hilft es, wenn man auch immer wieder Feedback von einem anderen Pferd bekommt, da jedes Pferd anders ist in Charakter, Temperament und Rittigkeit," erklärt Anna Carina Jung (30). Die Pferdewirtschaftsmeisterin bildet in ihrem Betrieb in NRW Pferdewirt-Azubis und Pferde in Dressur und Springen bis Klasse S aus und führt einen Schulbetrieb. Ihre Reitschülerin Sarah Baak (17) schätzt es, verschiedene Pferde reiten zu können: "Ich durfte zum Beispiel das Pferd meiner Trainerin reiten, das auf S-Niveau ausgebildet ist. Das neue Gefühl konnte ich mit auf mein eigenes, jüngeres Pferd nehmen." Andere Bewegungsabläufe kennenzulernen und eigene Muster aufzudecken, das ist für Huberta v. Krosigk (43), die als Trainerin B/Reiten in Hamburg/Schleswig-Holstein und Niedersachsen unterwegs ist, positiv bei einem Pferdewechsel: "Es geht nicht darum, sofort zu performen, sondern sich auf ein neues Pferd einzufühlen und zu lernen, wie andere Pferde auf die Hilfen reagieren." Doch einen gewissen Erfahrungsschatz brauchen Reiter schon, um von einem anderen Pferd zu lernen. Anna Carina Jung: "Das grundsätzliche Ziel ist, eine langfristige Partnerschaft zum Pferd aufzubauen und eine Vertrauensbasis zu schaffen. Dadurch wird die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd immer feiner. Die Liebe und Bindung zum Pferd – das ist der erste Punkt, der bei Reitanfängern wichtig ist und sich durch die gesamte Ausbildung zieht. In dieser Phase ergibt ein Pferdewechsel weniger Sinn."

Sobald die Basis und das Vertrauen gefestigt sind, kann sich ein gelegentlicher Pferdewechsel positiv auswirken. Es fällt dir schwer, dein Pferd locker auszusitzen? Da kann es helfen, ein anderes Pferd zu reiten, auf dem es leichter ist, in den Bewegungsablauf hineinzufinden. Oder dein Pferd macht keine großen Galoppsprünge und du hast dadurch Schwierigkeiten, in eine Kombination passend hineinzukommen? Ein Lehrpferd, das Kombinationen easy abwickelt, kann Sicherheit geben und das Rhythmusgefühl festigen.

Ein weiteres Beispiel: Auf dem eigenen Pferd bemerkt der Reiter vielleicht gar nicht, dass er schief in der Traversale sitzt, weil das eigene Pferd den Sitzfehler ausgleicht. Reagiert ein fremdes Pferd auf den schief sitzenden Reiter, indem es selbst schief wird, spiegelt es dem Reiter seinen Sitzfehler wider. "Selbst wenn das eigene Pferd Sitzfehler korrigiert, sollte man sich damit nicht zufriedengeben", betont Anna Carina Jung. "Denn es könnte ja noch besser sein." Para-Dressurreiterin Regine Mispelkamps Grundsatz lautet: Von nichts wird man dümmer. Also auch nicht von einem Pferdewechsel. "Jedes Pferd unterscheidet sich zumindest in kleinen Nuancen. Wenn man sich damit auseinandersetzt, wird man handlungsfähiger. Man lernt, wie man damit umgehen kann. Mit seinem eigenen Pferd fährt man sich gern mal fest. Da kann es nicht schaden, anderes zu entdecken und das auf das eigene Pferd zu übertragen", betont die Pferdewirtschaftsmeisterin. "Und man merkt: Oh, schau mal, da ist ja noch viel mehr. Das ist so spannend. Ich wünsche mir, dass viele Reiter das erleben können."

Bei Angstreitern versuchen Ausbilder, sie aus der beängstigenden Situation herauszuholen und wieder vertrauen aufzubauen. Anna Carina Jung erklärt: "Hat jemand in bestimmten Situationen Angst, kann es helfen, sich auf ein anderes Pferd zu setzen, das vielleicht objektiv gesehen gar nicht sicherer ist, aber das Grundgefühl von vornherein ein neutraleres ist." Klassikausbilderin Anja Beran dagegen hat die Erfahrung gemacht, dass ein Pferdewechsel bei Angstreitern nur temporär hilfreich ist. "Vielmehr sollte man sich grundsätzlich fragen, ob das eigene Pferd wirklich das passende ist", so die Ausbilderin.

Einen Versuch ist es im Zweifel wert. Ein Verlasspferd kann Sicherheit vermitteln und helfen, Selbstvertrauen (wieder) aufzubauen, das der Reiter wiederum auf sein eigenes Pferd mitnehmen kann und so besser mit herausfordernden Situationen zurechtkommt.

Was sollte ein gutes Tauschpferd mitbringen?

Ein gutes Tauschpferd sollte vor allem Geduld mitbringen und aufmerksam sein. "Unsere Schulpferde sind echte Helden. Sie machen schon auch mal einen Fehler, wenn ein Schüler falsch sitzt. Aber sie korrigieren es sofort, wenn der Reiter es dann richtig macht", berichtet Anna Carina Jung. "Solche Lehrpferde sind nicht mit Geld zu bezahlen."

"Auf gut ausgebildeten Lehrpferden kann der Körper des Reiters profitieren", betont Anja Beran. "Man lernt, wirklich in der Balance zu sein, korrekt und in der richtigen Dosierung einzuwirken und zu spüren, wenn man zu viel macht. Je besser ein Lehrpferd geritten ist, umso besser ist der Lerneffekt." Die Krux: Wirklich gut gerittene Lehrpferde gebe es fast nicht mehr. Ein Schulpferd war im klassischen Sinne ein Pferd, das die Hohe Schule beherrscht. "Ein Lehrpferd muss in meinen Augen alles mitbringen: Es muss leicht in der Hand sein, sich selbst tragen, auf leichteste Hilfen reagieren, Piaffe, Passage und Pirouetten beherrschen. Man sollte es unter Anleitung reiten. Das Problem ist, dass es viel Zeit und finanzielle Kraft kostet, die Pferde auszubilden. Das bedeutet sechs bis sieben Jahre Arbeit und eine Reitstunde kostet dann mehr als 20 Euro."

Ein Reiter mit einem jungen Schimmel auf dem Reitplatz beim Training
pmiguel2/ gettyimages

Bei jedem Pferdewechsel solltest du daher immer bedenken, dass du dich auch verschlechtern kannst. Wenn das Tauschpferd beispielsweise schief ist oder nur stumpf auf Hilfen reagiert, kannst du dich nicht verbessern, sondern sogar eher noch verschlechtern. Je nachdem, welche Schwächen der Reiter mitbringt, ist es wichtig sich zu fragen, ob diese Schwächen auf einem Tauschpferd "gut aufgehoben" sind. Neigt beispielsweise jemand dazu, sehr mit den Schenkeln zu klemmen oder sich am Zügel festzuhalten, passt ein gehfreudiges, am Schenkel sehr sensibles Tauschpferd eher weniger. Im besten Fall ist ein Tauschpferd auch ein Spezialist auf seinem Fachgebiet: Je nachdem, welches Problem du angehen möchtest, sollte es auch in der Lage sein, dir dabei zu helfen. Wenn du eine bestimmte Lektion verbessern möchtest oder im Parcours die Sprünge passender anreiten möchtest, solltest du dir ein Pferd aussuchen, das diese Lektion oder Aufgabe sehr gut beherrscht. Dann kannst du das Gefühl von der Lektion, die besser geklappt hat, mit auf dein eigenes Pferd nehmen. Tauschpferd zu sein, ist also ganz schön anspruchsvoll. Deshalb gilt: Auch die Pferde haben ein Mitspracherecht. Manche mögen es nicht, einfach getauscht zu werden. Sie reagieren zu sensibel auf fremde Reiter, sind dann schnell überfordert und gestresst. Für solche Pferde ist das Experiment "Pferdetausch" keine gute Idee. Im Profi-Sport erlangte beispielsweise der Wallach Saint Boy traurige Berühmtheit: Er verweigerte, völlig verunsichert, bei den Olympischen Spielen der Fünfkämpfer in Tokio seinen beiden zugelosten Reiterinnen die Mitarbeit im Parcours.

Zurück zu dir: Du hast Glück und das passende Tauschpferd schon gefunden? Unsere Ausbilder haben noch ein paar praktische Tipps für dich, damit nichts schiefgeht:

Los geht’s: Der erste Ritt auf dem fremden Pferd

"Egal, ob ich mal das Pferd einer Freundin reiten darf, ein neues Pferd gekauft habe oder ob ich mal bei einem Profi mitreiten kann: Ich würde mich immer erst einmal in Ruhe einfühlen", rät Kai Terhoeven-Urselmans (30) für den Start auf einem Fremdpferd.

Du möchtest echte Profi-Tipps, wie man den ersten Ritt auf dem fremden Pferd meistert und später sogar ein Turnier bestreitet? Hier kannst du den vollständigen Artikel lesen:

Fazit