Federleicht Lisa Rädlein

Federleichte Anlehnung

So gelingt die richtige Verbindung zum Pferdemaul

Pferde schätzen eine federleichte Anlehnung, Reiter ziehen aber zu oft am Zügel: Was die richtige Verbindung mit dem Maul ausmacht und wie sie gelingt.

Pferde würden eine federleichte Zügelverbindung wählen. Das legt eine im Juni 2019 an der Ruhr-Universität Bochum veröffentlichte Studie nahe, in der untersucht wurde, wie viel Zügelzug vom Reiter ausgeht und wie viel vom Pferd.

Pferde würden leichte Zügelverbindung wählen

Das Ergebnis der Forscherinnen Dr. Kathrin Kienapfel, 34, und Lara Piccolo, 23: Konnten die Pferde selbst entscheiden, wählten sie eine signifikant leichtere Zügelverbindung, als wenn der Reiter mitmischte (Mittelwerte 0,75 Kilogramm pro Zügel bei selbst gewähltem Zug, 2,4 Kilogramm mit Reiter).

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„Erst wenn das Pferd konstant in Dehnungshaltung geht, können Sie den Zügel langsam wieder aufnehmen.“ Knut Krüger, Dressurausbilder

Das Setting der Pilotstudie: 13 Pferde wurden longiert oder in einem Longierzirkel freilaufen gelassen. Dabei waren sie so ausgebunden, dass sich ihre Stirnlinie an oder knapp vor der Senkrechten befand. In allen drei Gangarten wurden die Zugkräfte am Ausbinder gemessen. Danach ritten ihre gewohnten Reiter die Pferde in der gleichen Haltung auf dem Zirkel.

Weniger Taktstörungen und Kopfschütteln

Die Pferde brachten auf den Ausbinder nicht nur weniger Zug, sie zeigten ohne Reiter auch weniger Konfliktverhalten wie Kopfschütteln, Schweifschlagen, ungewöhnliche Maulbewegungen oder Taktstörungen (sieben von 13 Pferden vs. elf von 13 beim Reiten). Um Einflüsse des Reitergewichts auszuschließen, planen Piccolo und Kienapfel weitere Messungen mit Ausbinder und Reitergewicht.

Errechnet haben die Forscherinnen aus den Messergebnissen auch den Anteil von Pferd und Reiter an den Zügelkräften: Vom Pferd stammten im Mittel 37 Prozent, vom Reiter 63 Prozent.

Jedes Pferd ist fein

Auch „stumpfe“ Pferde wählten ohne Reiter eine feine Verbindung. Das überraschte Kienapfel: „Wir hatten mit mehr individuellen Unterschieden gerechnet, aber selbst Pferde, die beim Reiten angeblich hart im Maul sind und bei denen wir dabei bis zu 15 Kilo gemessen haben, brachten ohne Reiter Werte unter einem Kilo auf den Ausbinder.“ Piccolos Schlussfolgerung: „Pferde können auch mit wenig Druck in Dressurhaltung gehen – Reiter sollten das auch unter dem Sattel anstreben.“

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„Wenn die Anlehnung im Verlauf der Ausbildung nicht leichter wird, läuft etwas schief. Dann hat das Pferd gelernt, sich zu entziehen.“ Sabine Ellinger, Dressurausbilderin

Ob ein Ausbinder und die Reiterhand überhaupt vergleichbar sind? Kienapfel meint: Ja! Ihre Begründung: „Der Reiterhand wird zwar nachgesagt, dass sie der Bewegung folgt, aber die Zügelkraftmessungen zeigen, dass sie das kaum tut. Die Verbindung ist lange nicht so stetig, wie wir Reiter meinen. An den Wacklern im Messdiagramm kann man sogar sehen, welche Gangart geritten wurde.“

Ist die stete Zügelverbindung ein Mythos?

„Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Begriff tatsächlich nicht unbedingt treffend“, sagt Dr. Kathrin Kienapfel. Für sie bedeutet die neue Studie, dass Reiter mit möglichst wenig Zug auf dem Zügel reiten sollten. „Je feiner, also je weniger Kraft, desto besser“, so die Forscherin.

Sind Richter, Ausbilder und Reiter auf dem Irrweg? Ein gespannter Zügel wird immer wieder gefordert. „Im Reitunterricht heißt es oft: Lass dein Pferd nicht so alleine, wenn der Zügel nicht straff ist“, kritisiert Kathrin Kienapfel.

Knut Krüger, 60, Ausbilder und ehemals Schüler von Paul Stecken, beobachtet, dass auch Turnierrichter eine recht straffe Zügelverbindung sehen wollen. „Wenn dadurch Passverschiebungen im Schritt und Taktfehler im Trab entstehen, wird das oft in Kauf genommen. Ein leicht durchhängender Zügel ist dagegen nicht gerne gesehen.“

Dafür gebe es keine Begründung, wenn das Pferd korrekt und harmonisch gehe. „Was dagegen mit unter fünf bewertet werden müsste, sind Pferde, die mit der Nase hinter der Senkrechten gehen und Taktfehler zeigen“, fordert Krüger.

Das richtige Maß

„Die feinste Anlehnung ist ein leicht durchhängender Zügel“, findet Knut Krüger. Anlehnung bedeutet für ihn vor allem, dass das Pferd an Kreuz und Schenkel steht. Diese Auffassung finde man auch bei alten Meistern.

Sabine Ellinger, 52, Dressurausbilderin aus dem schwäbischen Murrhardt, zitiert zur idealen Zügelverbindung Reitmeister Martin Plewa: „Er hat es mal so erklärt: Die Zügelverbindung soll so leicht wie möglich und so konstant wie möglich sein.“ Hier liegt die Krux: „Mit mehr Gewicht in der Hand ist es oft leichter, eine konstantere Verbindung zu halten“, beobachtet Sabine Ellinger. „Eine ganz feine Verbindung ist häufig unsteter.“

Die Forschung weiß noch wenig darüber, was Pferde bevorzugen: Eine geringere Schwankung mit höherer Kraft oder eine niedrigere Zugkraft mit mehr Schwankungen. „Das müssten weitere Studien zeigen, in den nächsten Jahren werden wir das vielleicht ergründen“, sagt Dr. Kienapfel.

Bisher gibt es nur Erfahrungswerte. „Ich habe den Eindruck, dass viele Pferde sich mit einer Schlabberverbindung unwohler fühlen als mit etwas mehr Druck“, sagt etwa Sabine Ellinger. „Oft gibt es bei einem zu losen Zügel eher einen Ruck, als wenn der Zügel leicht gespannt und elastisch ist.“

Mythos ruhige Hand?

Aber gibt es diese elastische Verbindung überhaupt? Auch wenn die Forschung zeigt, dass selbst sehr gute Reiter keine wirklich konstante Verbindung hinbekommen: Die Reiterhand muss dem Pferdemaul trotzdem so gut wie möglich folgen.

„Oft ist in diesem Zusammenhang die Rede von der ruhigen Reiterhand. Wichtig dabei ist, dass sich die Hand ruhig zum Pferdemaul verhalten muss, nicht etwa zum Sattel“, erklärt Krüger.

Auch Sabine Ellinger findet den Begriff der ruhigstehenden Hand irreführend. „Das verleitet tatsächlich dazu, die Hand unerbittlich stehen zu lassen“, sagt sie. Im Unterricht beobachtet sie bei ihren Schülern, dass viele besonders im Trab und Galopp zu wenig mit der Bewegung mitgehen.

„Im Schritt kennen das die meisten und bemühen sich. Aber im Trab vergessen viele das feine Mitfedern und im Galopp das Rauslassen des Sprungs nach vorne mit der Hand.“

Dem Takt des Pferdes folgen

Auch beim Nachgeben muss der Reiter der Nickbewegung folgen. Das ist wichtig, damit der Zügel danach nicht mit einem Ruck wieder ansteht, erklärt Sabine Ellinger. Auch Knut Krüger findet es wichtig, dem Takt des Pferds zu folgen.

„Wenn man den Zügel aufnimmt, folgt man zuerst komplett der Nickbewegung. Nur ein weit fortgeschrittener Reiter kann vom Pferd noch etwas mehr Tragkraft fordern, indem er die letzten zehn Prozent des Wegs gefühlvoll abfängt und entsprechend treibt. Er orientiert sich aber immer am Takt des Pferds.“

Kathrin Kienapfel betont mit Blick auf ihre neue Studie, wie wichtig das Nachgeben ist. „Reiter sollten sich mit Lerntheorie auseinandersetzen und sich bewusst machen, was eine Zügeleinwirkung bewirken soll.“ Ist die gewünschte Reaktion da, muss die Hand nachgeben, um Dauerdruck zu vermeiden und das gewünschte Verhalten zu bestärken.

Auf dem Holzweg?

Im Verlauf der Ausbildung sollte die Anlehnung immer leichter werden. Ältere Messungen von Dr. Kienapfel bei erfolgreichen Sportreitern zeigten aber, dass auch bei sehr weit ausgebildeten Pferd-Reiter-Paaren regelmäßig 15 Kilo Spitzenwerte auf dem Zügel keine Seltenheit sind.

„Wenn die Anlehnung im Verlauf der Ausbildung nicht leichter wird, läuft etwas schief“, sagt Sabine Ellinger. „Dann hat das Pferd wahrscheinlich gelernt, dass es sich vor der Einwirkung des Reiters schützen kann, wenn es sich fest macht.“

„Je mehr ein Pferd an Kreuz und Schenkel steht und je mehr es sich versammeln kann, desto leichter wird es in der Hand“, erklärt auch Knut Krüger. Ein erster Schritt sei das Überstreichen des Zügels.

„Diese Lektion soll ja eine Überprüfung sein und zeigen, ob das Pferd so an den Hilfen steht, dass es seinen Rahmen auch ohne Zügel behält. Das zeigt ja schon, dass das Ziel eine möglichst leichte Verbindung sein sollte.“

Zügelsensoren und Stoßdämpfer sollen Pferden helfen

Studien wie die aktuelle zeigen, wie schwer es ist, eine feine Verbindung zu finden. Darauf reagieren auch Reitsporthersteller: Neu in Deutschland erhältlich ist ein Zügelstoßdämpfer, der abfedern soll, wenn die Hand nicht flexibel genug der Bewegung folgen kann (siehe Praxistest „Neuer Stoßdämpfer für feinere Hände?“).

Eine niederländische Firma hat Sensoren herausgebracht, die Zügelkräfte und Symmetrie der Einwirkung in einer App anzeigen (www.ipostechnology.com, rund 600 Euro). Das Wichtigste aber ist: Sich zu fragen, was Pferde wählen würden.

Bewegliche Hand

Perfektion? Gibt’s nicht! Messdiagramme zeigen: Wirklich konstant ist die Verbindung zum Maul nie. Aber: So gut wie möglich soll es sein!

Augen zu! Tipp von Ausbilder Knut Krüger: Sich immer wieder mit geschlossenen Augen auf die Bewegung in den Händen konzentrieren und spüren, ob diese im Takt den Nickbewegungen folgen. „Spüren Sie das taktmäßige Ziehen in den Händen und folgen Sie ihm weich.“ Das muss ähnlich wie Fahrradfahren ins Unbewusste übergehen.

Passiver Arm: „Damit sich das Pferd seine Anlehnung quasi selbst holen kann, muss der Arm ganz locker aus dem Schultergelenk heraus beweglich sein und der Nacken locker“, erklärt Dressurausbilderin Sabine Ellinger. Um die Muskeln zu entspannen, hilft Progressive Muskelrelaxation: Am hingegebenen Zügel Arme kräftig für etwa zehn Sekunden anspannen und dann loslassen. Dadurch lernt man das bewusste Loslassen der Muskeln.

Tipps für eine feinere Anlehnung ans Pferdemaul vom Experten

Von Dehnung zu Aufrichtung

Erst mal abtauchen: Knut Krüger, der nach der Reitvorschrift H.Dv.12 ausbildet, erarbeitet eine idealerweise leichtest mögliche Anlehnung über die Dehnungshaltung.

Erst mal tief bleiben: Dazu lassen Sie zunächst die Zügel aus der Hand kauen. Geben Sie längere Paraden und geben erst nach, wenn das Pferd den Hals senkt und Dehnungsbereitschaft zeigt. So lassen Sie die Zügel Stück für Stück länger. „Paul Stecken forderte bei jedem Pferd das Zügel aus der Hand kauen bis zur Schnalle.“

Aktive Hinterhand: „Erst wenn das Pferd so konstant in einer tiefen Dehnungshaltung bleibt, dass Sie sich fragen, wie Sie den Kopf je wieder hochbekommen, können Sie ans Zügelaufnehmen denken“, so Krüger. Dazu aktivieren Sie zunächst etwa mit Übergängen die Hinterhand, so dass das Pferd allmählich Aufrichtung findet. Langsam Zügel aufnehmen.

Nachgeben mit Sitz-Check

Eine Erleichterung: Knut Krüger findet es wichtig, jede Parade mit einem deutlichen Nachgeben zu beenden. „Nicht nur halb, sondern so, dass der Zügel kurz zumindest minimal durchhängt.“ Ein paar Tritte lang bleibt der Zügel so.

Sitz korrigieren. Krügers Tipp: Nutzen Sie die Phase des Nachgebens, um Ihren Sitz zu korrigieren. „Besinnen Sie sich kurz und setzen Sie sich zurecht, richten Sie sich wieder symmetrisch aus, korrigieren Sie die Position von Hand und Bein und Ihre Aufrichtung im Rücken.“ Der Effekt: Das Pferd spürt durch den optimierten Sitz eine zusätzliche Erleichterung. „So werden Sie es mit der Zeit immer feiner am Zügel führen können“, ist Krügers Erfahrung.

Weniger stören. „Oft stören wir das Pferd eigentlich nur“, findet Krüger. Deshalb ist es so wichtig, regelmäßig zwischendurch zu checken, ob die Verbindung gut, sprich freundlich, ist.

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Kienapfel
CAVALLO Praxistest

Test: Neuer Stoßdämpfer für feinere Hände?

Ein neuer Zügelstoßdämpfer namens „Sawka Lighthand“ soll durch seine Federwirkung Stöße im Pferdemaul abfangen (bei USG, Kieffer, Loesdau, rund 70 Euro). Wir haben ihn getestet.

Die Eckdaten:Pro Stück ist der Stoßdämpfer aus Metall mit etwa 62 Gramm relativ schwer. Er wirkt stabil und hochwertig. Bis etwa 1,5 Kilogramm Zug je Zügel federt der Stoßdämpfer, danach ist er am Anschlag. Hohe Kräfte werden also nicht komplett abgefedert.

Der Praxistest:CAVALLO-Redakteurinnen testeten mit ihren Pferden. Die Federwirkung war spürbar; war das Ende der Federung erreicht, merkte man das und bekam so eine Rückmeldung, dass 1,5 Kilo erreicht sind. Einer Kollegin, die im Arm gerne noch lockerer wäre, fiel es mit dem Hilfsmittel leichter, eine konstante Verbindung zu halten, der Zügel sprang weniger.

Für einen umfassenden Eindruck holten wir Experten mit ins Boot. Zügelkraftexpertin Dr. Kathrin Kienapfel testete den Stoßdämpfer für uns mit zwei Schülerinnen. „Bei ganz leichter Verbindung schlackert er hin und her und stört eher“, sagt sie. „Leichte Paraden werden abgefedert, es fühlt sich irgendwie an wie Watte in den Ohren.“

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Testpferd Sternchen ging mit dem Stoßdämpfer zufriedener.

Positive Effekte gab es bei einer Schülerin, die im Moment noch an ihren manchmal etwas unruhigen Händen arbeitet, das Pferd ging nach Gewöhnung an das Hilfsmittel zufriedener. Dauerhaft würde Kienapfel den Stoßdämpfer dennoch nicht einsetzen, damit Schüler nicht lernen, stärker einzuwirken als nötig.

Ähnlich ging es Dressurausbilderin Sabine Ellinger: „Ich hätte Bedenken, ob Reiter damit wirklich lernen, dass der Arm mitschwingen muss, weil ja das Gerät diesen Job übernimmt.“ Möglich wäre aber auch ein Aha-Erlebnis: „Vielleicht merkt ein Schüler durch das Hilfsmittel auch, dass eine federnde Verbindung für beide angenehmer ist. Und bei Reitern, denen das Mitfedern einfach partout nicht gelingt, könnte der Stoßdämpfer das Pferdemaul schonen.“

Fazit:Ziel sollte immer eine feine Hand ohne Hilfsmittel sein. Der Stoßdämpfer kann Reitern aber bewusst machen, wie wichtig eine mitgehende Hand ist – und das ist eine gute Sache!

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