Wohin möchtest du gerade mit dem Pferd? Stellt Richard Hinrichs seinen Reitschülern diese Frage, werfen sie ihm oft ahnungslose Blicke zu – der Grand-Prix-Crack ebenso wie der Anfänger. Die Reiter sind völlig eingenommen von der Konzentration auf ihren Sitz, darauf, ob die Hilfe ankommt und wie das Pferd sich gerade bewegt – aber über die Richtung haben sie sich keine Gedanken gemacht. Kein Wunder: Sie wird selten erwähnt.

Richard Hinrichs ist Präsident des Bundesverbands für klassisch-barocke Reiterei Deutschland e. V. und bildet Schüler bis zur höchsten Klasse aus. Mehr Infos unter www.ifkr-hannover.de
In der Ausbildungsskala kommt die Richtung gar nicht erst vor. "Sie setzt voraus, dass Reiter ihren Pferden die Richtung weisen können. Aber in der Praxis erlebe ich häufig das Gegenteil", berichtet der Klassik-Ausbilder. Hinrichs ist überzeugt: "Gibt man einem jungen Pferd am Anfang der Ausbildung klar die Richtung vor, entwickeln sich alle anderen Ziele viel leichter."
Wer den Pferden eine Orientierung geben kann, ist auf der Erfolgsspur
Für eine genaue Richtungs-Vorgabe beim Reiten sind optische Anker hilfreich. Das erlebte auch Richard Hinrichs Ehefrau Carina. Als Reitanfängerin übte sie gemeinsam mit einer Praktikantin, präzise zu longieren. Dafür nimmt Hinrichs gerne junge Pferde, da diese noch keine Ahnung haben, wohin sie laufen sollen. Sie sind auf klare Signale angewiesen. Da in Hinrichs’ Stall damals keine Jungspunde standen, dienten kurzerhand seine Ziegen als Ersatz. Die waren ebenso orientierungslos. Wie sagt man denen, dass sie im Kreis laufen sollen? Die Frauen wurden kreativ: Eine longierte, die andere lief vor den Ziegen her, um ihnen den Weg zu weisen. So klappte es. "Das ist clever und zeigt, wie gut optische Hilfen wirken", meint der Ausbilder.
Auch Reiter brauchen ein klares Ziel vor Augen, um gute Führungsqualitäten zu entwickeln. Richard Hinrichs zeigt seine richtungsweisenden Übungen mit gleich mehreren positiven Effekten: Reiter schulen präzise Hilfen und klare innere Vorstellungen von der Richtung. Pferde finden besser ins Gleichgewicht. Denn oft schlingern die Tiere wegen mangelhafter Richtungsvorgaben.
Übung 1: Volten um Hindernisse
Viele Gegenstände können als optische Hilfe für Volten dienen. Baue dir etwa einen Slalom mit Hütchen auf. Sei kreativ. "Ich reite im Gelände auch um Bäume und auf dem Grasplatz um Fahrhindernisse und Tonnen", sagt Richard Hinrichs.
Starte mit größeren Volten mit einem Durchmesser von zehn Metern. Je kleiner der Kreis, desto anspruchsvoller. Die Crux beim Kringeln: Reiter haben oft vorher gar nicht im Kopf, wie groß der Kreis werden soll. Und wenn doch, dann wird er oft größer als geplant.
Tipp: Blicke schon beim Abwenden auf den Gegenstand, der den Mittelpunkt der Volte bilden soll. Der Blick steuert die Richtung – das ist auch in den klassischen Reitlehren beschrieben. Der richtige Fokus verhindert, dass die Volte zu groß ausfällt. Zum Überprüfen der Voltengröße: Harke vorm Voltenreiten den Boden der Reitbahn. Nimm dir einen bestimmten Radius vor und kreisele in der Volte um das ausgewählte Hindernis. Anschließend siehst du die Spuren im Sand und kannst prüfen, wie exakt der Kreis geworden ist.
"Die wenigsten Reiter schätzen den Durchmesser richtig ein", weiß Hinrichs. Zeigt die Spur im Sand, dass die Volte trotz Blickfokus zu groß geraten ist? Hinrichs rät: Überprüfe deinen Sitz. Knickst du in der Taille ein? Ist die äußere Hand höher als die innere? Das sind häufige Fehler. Verzweifele nicht daran: "Niemand reitet immer perfekt. Es ist ein stetes Probieren, nach Ursachen für Probleme suchen und korrigieren." Das ist für den Ausbilder der Schlüssel zur reiterlichen Weiterentwicklung.
Übung 2: Tor auf für die liegende Acht
Baue über der Bahnmitte bei X ein Tor aus zwei Cavaletti-Blöcken. Der Abstand beträgt etwa zwei Meter. Barockausbilder Richard Hinrichs nutzt Pilare. Mit dem Tor kannst du Wendungen in der Bahn üben und hast dabei stets den richtigen Blickfokus. Folgende Übungs-Varianten bieten sich an:
Variante A: Als einfache Variante reitest du eine liegende Acht um die Cavaletti-Blöcke. Alle Gangarten sind möglich. Übe erst im Schritt und steigere dich langsam. Fortgeschrittene können zwischen den Pilaren piaffieren.
Variante B: Schicke das Pferd rückwärts durchs Tor. Klappt es auf gerader Linie, kannst du auch die liegende Acht im Rückwärtsgang probieren. Beides geht vom Sattel und vom Boden aus. Schicke das Pferd Tritt für Tritt zurück. "Wichtig ist, ganz in Ruhe zu üben und selbst genau die Linie im Kopf zu haben", meint der Ausbilder. Beim Pferd fördert die Übung Durchlässigkeit und Konzentration.

Richard Hinrichs lässt Ponyhengst Amadeus an einem Pilar piaffieren.
Variante C: Umrunde einen Pilar mit einer halben Pirouette, galoppiere geradeaus zum nächsten Pilar und reite auch dort eine halbe Pirouette. "Das Geradeaus zwischendurch beugt der Tendenz vor, dass Pferde sich in die Pirouette verwerfen", so Hinrichs.
Übung 3: Barocke Viereckvolte um Hütchen herum
Die barocke Viereckvolte ist eine Übung aus der klassischen Reitlehre. Dabei reitest du außen um vier Pylonen herum, die in der Bahn im Quadrat aufgestellt sind. Die Volte ist also eckig. Der Abstand der Pylonen variiert je nach Ausbildungsstand: Je näher die Hütchen zusammenstehen, desto anspruchsvoller.
Das klassische Maß liegt etwa bei fünf mal fünf Metern. "Das ist aber auf kompakte Barockpferde-Typen ausgelegt. Bei Sportpferden mit viel Raumgriff in der Bewegung und bei weniger fortgeschrittenen Reitern würde ich immer mit deutlich größeren Abständen beginnen", meint Richard Hinrichs. Die Herausforderung bei der Figur: Es gibt keine Begrenzung durch die Bande. Der Reiter muss die Richtung exakt vorgeben und orientiert sich dafür an den Hütchen.
Und so geht’s: Reite außen um die Hütchen herum. Achte darauf, nach der Wendung um die Pylone das Tempo zu erhalten. Der Blick auf die nächste Pylone gibt Orientierung. "Die Übung hilft dabei, dass Pferde in der Wendung nicht hinter den Schenkel geraten. Ihr Fleiß bleibt erhalten", erklärt der Ausbilder. Zudem lernen Pferd und Reiter, Vor- und Hinterhand aufeinander auszurichten. Trainiere auf beiden Händen gleichmäßig. Die Übung erfordert hohe Konzentration vom Pferd. Baue deshalb spätestens nach fünf Minuten eine Pause ein und lasse das Pferd am langen Zügel Schritt gehen. Oder galoppiere einmal flott auf der Ganzen Bahn. Die Viereckvolte lässt sich auf vielseitige Weise variieren:
Variante A: Reite die Figur in allen Gangarten. Starte im Schritt. Klappt das, kannst du auch im Trab und Galopp üben. Wichtig: Nicht am Zügel ziehen. Hapert es an der Koordination, schalte einen Gang runter.
Variante B: Reite im Schulterherein, Kruppeherein oder im Renvers. Orientiere dich an den unsichtbaren Viereck-Linien.
Noch mehr Übungen zum Nachreiten findest du im kompletten Artikel:





