Überblick: Pferde richtig impfen

Wie impfe ich mein Pferd richtig?

Foto: Rädlein Pferd impfen
Unwirksame Stoffe, falsche Intervalle: Experten streiten sich, was beim Impfen richtig ist – und verunsichern damit Reiter. Wir sorgen für den Impf-Überblick.

Wer als Pferdebesitzer sein Pferd impft, schützt es vor gefährlichen Krankheiten. Oder nicht? Immer wieder diskutieren Experten, Tierärzte und Kritiker über die Wirksamkeit von Impfstoffen und das richtige Impf-Schema, etwa bei Tetanus, Influenza oder Herpes. Beim Wundstarrkrampf steht die Frage im Vordergrund, wie groß die zeitlichen Abstände zwischen den Auffrischungsimpfungen sein sollten. Bei Influenza zählt die Aktualität des Impfstoffs. Und im Hinblick auf Herpes wird diskutiert, wie viel Schutz Impfstoffe überhaupt bieten.

Reiter, die sich nicht in die Tiefen von Zell- und Virenstrukturen begeben möchten, stehen der Fachdiskussion meist ratlos gegenüber. Impfen oder nicht impfen? Und wenn impfen, gegen was und in welchen Abständen. Das sind für Pferdehalter die entscheidenden Fragen. Die Antworten darauf liefert unser Überblick.

Wir erklären, gegen welche Krankheiten Ihr Pferd laut aktuellen Empfehlungen geimpft sein sollte. Wir klären auf, was bei Impfungen derzeit strittig ist und welche Experten was empfehlen. Bei einem Punkt sind sich aber alle einig: Pferde sollten beim Impfen gesund und parasitenunbelastet sein.

Pferd Impfen gegen Tetanus

Tetanus, auch Wundstarrkrampf genannt, ist eine tückische Infektionskrankheit. Tückisch deshalb, weil sie oft unbemerkt verläuft und unterschätzt wird. Dabei kann die Krankheit tödlich enden.

Ausgelöst wird Tetanus durch das weltweit verbreitete Bakterium Clostridium tetani. Der Erreger kann sogenannte Sporen bilden, die äußerst widerstandsfähig gegen Trockenheit, Hitze und Chemikalien sind. Im Boden können sie jahrelang überleben. Sie machen erst dann krank, wenn sie mit Schmutz in Wunden und dort in eine sauerstofflose (anaerobe) Umgebung gelangen. Hier werden aus den Sporen Bakterien, die sich vermehren und das Nervengift Tetanospasmin freisetzen. Das Gift gelangt über das Blut und entlang der Nerven in das zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark. Dann ist keine Hilfe mehr möglich: Das Toxin verursacht Krämpfe und macht die Muskeln steif. Das kann sich auf den ganzen Körper ausweiten. Lähmt das Gift das Atemzentrum, stirbt das Pferd.

Schutz gegen Tetanus

Schutz gegen Tetanus bietet nur eine regelmäßige Impfung. Jedes Pferd sollte gegen Tetanus geimpft sein; alles andere ist fahrlässig. Die Ständige Impfkommission Veterinär (StIKo Vet.) im Bundesverband Praktizierender Tierärzte rät für jedes Pferd zu einer Grundimmunisierung.

Diese besteht aus drei Einzel-Impfungen: Die erste sollten Fohlen im Alter von etwa sechs Monaten erhalten. Die zweite Impfung bekommen sie etwa vier bis sechs Wochen später; die dritte folgt dann ein Jahr später. Danach sollte man den Schutz alle zwei bis drei Jahre (je nach Impfstoff) auffrischen.

Der Schutz hält allerdings länger. Das ist das Ergebnis einer Studie von Professor Dr. Dr. Peter Thein, Fachtierarzt für Pferde und für Mikrobiologie. Er untersuchte den Tetanus-Impfschutz von Pferden im Rahmen einer Studie. Deren letzte Impfung lag zwar vier bis elf Jahre zurück, aber alle Pferde wiesen genügend Antikörper gegen Tetanus auf. „Das bestätigt die seit Jahrzehnten bekannte Tatsache, dass die Halbwertszeit der Antitoxine wie auch beim Menschen bei etwa acht bis 15 Jahren liegt“, sagt Thein, „vorausgesetzt, es wurde richtig geimpft.“ Sein Tipp: Reiter sollten im Zweifelsfall über ihren Tierarzt einen Tropfen Blut ihres Pferds auf Antikörper testen lassen. Sind nicht genug Antikörper vorhanden, muss geimpft werden.

Wichtig: Wer das Impfintervall länger wählt, übernimmt das volle Risiko für sein Pferd, da dieses Vorgehen außerhalb der Zulassung des Impfstoffs liegt und dafür weder Tierarzt noch Impfstoffhersteller haften.

Pferd impfen gegen Herpes

Die Equinen Herpesviren (EHV) kommen in vielen Pferden vor. Experten schätzen, dass in bis zu 80 Prozent aller Pferde die Viren schlummern. Einmal infiziert, bleibt das Pferd lebenslang Virusträger.

Ausgelöst wird Herpes in Stress-Situationen. Je nach Virus-Typ kommt es dabei zu unterschiedlichen Erkrankungen. Viren vom Typ 1 (EHV 1) können bei trächtigen Stuten Aborte auslösen. Es kann auch das zentrale Nervensystem schädigen und zur Equinen Herpesvirus Myelitis (EHM) führen. Das Pferd zeigt dabei neurologische Ausfälle, es knickt mit den Hinterbeinen weg und legt sich fest. EHV 2 und 5 können Hornhautentzündungen und Atemswegs-Infekte hervorrufen. Der Virus-Typ 3 führt zu Ausschlag an der Genitalienschleimhaut (koitales Exanthem). Das EHV vom Typ 4 löst Rhinopneumonitis aus. Die Symptome ähneln dabei der Influenza: Nasen- und Augenausfluss, Fieber und Husten.

Schutz vor Herpes können Impfungen nicht zu 100 Prozent bieten. Trägt das Pferd das Virus in sich, kann es jederzeit ausbrechen. Die StIKo Vet. rät dennoch, Pferde gegen EHV 1 und 4 zu impfen, da geimpfte Tiere weniger Viren ausscheiden sollen als ungeimpfte. Gegen andere Herpes-Typen gibt es keine Impfstoffe. Die erste Impfung sollte im Alter von sechs Monaten erfolgen, die zweite etwa vier bis sechs Wochen danach, die dritte etwa im Alter von zwölf Monaten, danach jedes weitere halbe Jahr.

Derzeit wird Prevaccinol, ein Lebendimpfstoff auf Basis von EHV-1, von Experten heiß diskutiert. Unter anderem, weil er nur eine Zulassung gegen Rhinopneumonitis besitzt, nicht aber gegen Aborte bei trächtigen Stuten. „Tierärzte dürfen den Impfstoff jedoch verwenden, wenn sie das Pferd mit anderen Mitteln nicht schützen können“, sagt Tierarzt Dr. Albert Raith von MSD Tiergesundheit.

Auch die Verfügbarkeit von Prevaccinol ist problematisch. Durch Lieferengpässe seitens des Herstellers kann es zu Problemen beim Aufrechterhalten des Impfschutzes kommen. In diesem Fall kann der Tierarzt per Ausnahmegenehmigung auf Impfstoffe zurückgreifen, die im Ausland zugelassen sind.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie viel Schutz der Impfstoff bietet. „Keine Impfung bietet hundertprozentigen Schutz. Aber nach meiner Erfahrung und Berichten in der Literatur führt eine bestandsweite Impfung gegen EHV 1 zu deutlich reduzierten klinischen Ausfällen im Fall einer Infektion“, sagt Professor Dr. Klaus Osterrieder, Virologe an der Freien Universität Berlin.

Dr. Peter Thein sieht die Wirkung anders: „Prevaccinol ist seit 1969 auf dem Markt und der älteste aller Herpes-Impfstoffe. Er sollte virusbedingte Aborte verhindern und das Virus aus der Population geimpfter Pferde verdrängen. Keines dieser Ziele wurde erreicht.“ Sollten Pferdebesitzer ihre Tiere also nicht impfen? „Ich kann niemandem eine Empfehlung geben“, sagt Thein. „Aber jeder Pferdebesitzer sollte wissen, wie begrenzt der Impfschutz ist. Die Aufklärung darüber ist wichtig.“ StIKo Vet. sowie die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) empfehlen die Herpes-Impfung.

Pferd impfen gegen Influenza

Die Pferdegrippe (Influenza) ist hochansteckend. Meist läuft sie mit Fieber und Husten recht harmlos ab. Gefährlich wird die Krankheit, wenn Pferde sich nicht auskurieren können, weil sie wieder zu früh gearbeitet werden. Dann droht chronischer Husten bis hin zur Dämpfgkeit.

Ausgelöst wird Influenza durch Viren, die an den Atemwegen ansetzen und sich in der Nüsternschleimhaut vermehren. Von dort breiten sich die Erreger über die oberen und unteren Atemwege aus. Sie reizen und schädigen die Schleimhäute, was Husten auslöst. Über Atemwege und die Blutbahn erreichen sie die Lunge.

Schutz gegen Influenza bietet nur eine korrekt durchgeführte Impfung mit einem aktuellen Impfstoff. Denn nach der Grundimmunisierung (StIKo Vet.: erste Spritze im Alter von sechs Monaten, die zweite vier bis sechs Wochen danach, die dritte etwa ein halbes Jahr danach und weitere je im Abstand von sechs bis zwölf Monaten) sind Pferde nur für eine begrenzte Zeit gegen die Viren geschützt. Das liegt zum einen am sinkenden Antikörperspiegel, zum anderen an den immer neuen Varianten der Viren. „Eine regelmäßige Impfung mit einem aktuellen Impfstoff ist daher ein Muss“, sagt Professor Peter Thein.

Ein Expertengremium der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) hat den Überblick darüber, wann Zeit für neue Impfstoffe ist. „Sind die aktuell nachgewiesenen Influenza-Stämme zu weit von denen in den verwendeten Impfstoffen weg, wird ein Update empfohlen“, erklärt Dr. Klaus Osterrieder das Vorgehen. In den vergangenen 20 Jahren gab es drei OIE-Aktualisierungsempfehlungen hinsichtlich der Impfstämme. „An der regelmäßigen Anpassung hapert es aber“, sagt Professor Thein. Seiner Meinung nach werden die Impfstoffe zu selten aktualisiert.

In den Impf-Leitlinien kann jeder Reiter nachlesen, welche Viren in den Impfstoffen enthalten sein sollten. Über das Paul-Ehrlich-Institut (www.pei.de) können Sie prüfen, welche Impfstoffe zugelassen sind.

Wie viel Schutz bietet die Impfung? „In den vergangenen Jahren traten die überwiegende Zahl der Influenza-Ausbrüche bei nicht geimpften bzw. Pferden mit einer lückenhaften Impfgeschichte auf“, berichtet Dr. Albert Raith. Eine Ansteckungsgefahr besteht sogar bei der Grundimmunisierung: „Zwischen der zweiten und dritten Impfung sind vor allem Jungtiere nur unzureichend geschützt, weil die Zahl der Antikörper absinkt“, sagt Raith. „Der Impfstoff von MSD Tiergesundheit ist derzeit der einzige am Markt, der diese Lücke überbrückt. Das belegt unter anderem eine Untersuchung aus dem Jahr 2016.“

Foto: Schuschkleb Wo Viren das Pferd angreifen

Wo die Viren das Pferd angreifen

Das zentrale Nervensystem des Pferdes wird vom Equinen Herpesvirus vom Typ 1 angegriffen. Das Pferd bekommt dann neurologische Ausfälle (Parese-Paralyse-Syndrom).

In der Nüsternschleimhaut des Pferds vermehren sich Influenza-Viren. Sie breiten sich über die oberen und unteren Atemwege aus. So erreichen sie auch die Lunge.

Bei trächtigen Stuten kann Herpes vom Typ 1 (EHV 1) dazu führen, dass sich die Plazenta ablöst. Die Folge: ein Abort. Das passiert meist zwischen dem 7. und 10. Monat.

Gefahr durch Folgekrankheiten: Infektionen haben oft gefährliche Folgen. Herpes etwa reizt die Schleimhäute. Dort können sich Bakterien einnisten, die wiederum die Atemwege angreifen. Das kann eine Erkrankung an Druse begünstigen.

18.11.2017
Autor: CAVALLO
© CAVALLO
Ausgabe 2017/2017