4 Irrtümer übers Pferdeverhalten

Irrtum 2: Kauen ist ein Zeichen für gutes Training

Foto: Rädlein
Im Training ist Kauen eine gern gesehene Geste. Viele Reiter halten sie für ein Zeichen von Entspannung und Wohlbefinden. Doch das Verhalten ist nicht immer nur positiv.

Kauende Pferde sind entspannt? Pferdetrainerin Andrea Kutsch ist gegenteiliger Auffassung. Die Expertin für wissenschaftlich basierte Pferdekommunikation erklärt, wo die Ursache für diese Geste liegt.

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Foto: CAVALLO CAVALLO Irrtümer übers Pferde-Verhalten

Kauen und Lecken zeigt eine Veränderung im vegetativen Nervensystem an

„In Ruhe wird der Organismus durch den Parasympathikus gesteuert. Er dient dem Stoffwechsel, der Erholung und dem Aufbau von Energiereserven. Wird ein Lebewesen Stress, also angsteinflößenden oder schmerzverursachenden Reizen ausgesetzt, schaltet das Nervensystem in den Sympathikus. Dieser bewirkt eine Leistungssteigerung und bereitet den Körper auf Angriff oder Flucht vor.“

In der Folge steigen unter anderem Herzfrequenz und Blutdruck, der Stoffwechsel wird angeregt. Die Pupillen werden groß, die Bronchien erweitern sich, die Schweißdrüsensekretion wird gesteigert. Der Speichelfluss verringert sich, das Pferd bekommt ein trockenes Maul und trockene Lippen.

Verringert sich der Stress fürs Pferd, wird das vegetative Nervensystem wieder vom Parasympathikus gesteuert. Herzfrequenz und Blutdruck nehmen ab, die Pupillen verkleinern und die Bronchien verengen sich wieder. Die Speichelproduktion wird aufgenommen. Das Pferd zeigt diesen wieder beginnenden Speichelfluss durch die Geste „Lecken und Kauen“. Diese ist also ein Indikator dafür, dass das Pferd Stress ausgesetzt war und sich nun wieder entspannen kann.

Kauen kann aber auch selbst ein Zeichen für Stress sein

„Wenn Pferde übermäßig kauen oder auf dem Gebiss klappern, kompensieren sie oft massiven Stress“, sagt Verhaltensforscherin Dr. Gabor. Ruhiges Kauen im Training hält sie jedoch für eher wünschenswert: „Pferde an kurze und teilweise auch positive Stressphasen heranzuführen, erweitert die Grenze des Machbaren für das Pferd.“

In bestimmten Situationen ist Kauen übrigens doch ein deutliches Zeichen für mentale Entspannung: Hält das Pferd beim Dösen etwa seinen Kopf gesenkt, löst sich der Unterkiefer, das Pferd speichelt vermehrt und kaut.

Um sicher einschätzen zu können, ob ein Pferd wirklich entspannt ist oder stressbedingt kaut, müssen andere Körpersignale wie eine angespannte Maulpartie oder ein unruhiges Ohrenspiel in Betracht gezogen werden.

Fazit

Kauen ist eine ambivalente Geste: Sie zeigt sich bei ganz entspannten Pferden oder ist – vor allem im Training – ein Hinweis darauf, dass das Pferd Stress ausgesetzt war und diesen nun abbaut. Das zu wissen, ist für Reiter und Trainer sehr hilfreich, um stressverursachende Reize im Training zu identifizieren.

31.10.2018
Autor: Katharina Burmester
© CAVALLO
Ausgabe 10/2018