4 Irrtümer übers Pferdeverhalten

Irrtum 4: Nervöse Pferde brauchen viel Zeit im Training

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Aufregung und Stress können ganz andere Ursachen als Angst haben. Nervösen Pferden im Training viel Zeit zu lassen, ist daher häufig nicht der beste Weg.

„Natürlich gibt es Pferde, die typbedingt schneller nervös werden als andere“, sagt Verhaltenstierärztin Ruth Herrmann. „Es gibt aber noch viele weitere Ursachen für unruhiges Verhalten.“ Statt nervösen Pferden grundsätzlich mehr Zeit im Training zu geben, rät die Expertin betroffenen Besitzern, zunächst den Grund für die Nervosität herauszufinden: Ist das Bewegungsbedürfnis des Pferds gestillt? Können körperliche Gründe und Schmerzen ausgeschlossen werden? Fühlt es sich unwohl, weil es Signale nicht versteht?

Auch Horsemanship-Trainer Ralf Heil betont, dass sich viele Pferde gar nicht aufgrund ihrer ängstlichen Persönlichkeit nervös verhalten.

Foto: CAVALLO CAVALLO Irrtümer übers Pferde-Verhalten

Woher kommt die Angst? Das muss der Trainer wissen, um richtig zu arbeiten.

Unterforderung die Ursache für Nervosität

Das klingt zunächst paradox. „Immer wieder kommen Reiter zu mir, deren Pferde häufig gestresst sind. Obwohl sie im Training darauf achten, ihre Pferde nicht zu überfordern, bessert sich das Verhalten nicht“, erzählt der 3-Sterne-Parelli-Instruktor.

Heil macht sich mithilfe der „7 Spiele“ selbst ein Bild von der Pferdepersönlichkeit und beobachtet genau, wie sich das Pferd ihm gegenüber verhält: Ist es eher aufdringlich oder weicht es auf kleine Signale hin zurück? Reagiert es temperamentvoll und schnell oder ist es zurückhaltend? Handelt es eher intuitiv oder denkt es nach? Die Erkenntnisse, die Heil dabei gewinnt, decken sich in vielen Fällen nicht mit der Einschätzung der Besitzer.

Nervöse Pferde entpuppen sich erstaunlich oft als dominant

„Anzeichen dafür kann ein aktiver Einsatz der Vorhand sein, etwa Stampfen mit den Vorderbeinen. Oder unwilliges Kopfschlagen, wodurch mir die Pferde ihre Unzufriedenheit verdeutlichen“, beschreibt Heil. Unsicherheit hingegen äußert sich anders, etwa über defensive Körpersprache. Nervosität wird sich bei selbstsicheren Pferden nicht durch mehr Zeit im Training verbessern, da sie sich schnell langweilen und eigene Ideen entwickeln.

Weil viele Reiter jedoch nur den Charakter als Ursache von Nervosität in Betracht ziehen, wählen sie fürs Training nervöser Pferde oft den falschen Weg. Das kann sich für alle Beteiligten dramatisch auswirken. „Wenn Reiter sich in ihrem Pferd so massiv täuschen, kann das zu Missverständnissen, noch mehr Stress und im schlimmsten Fall zu Unfällen führen“, warnt Ralf Heil.

Fazit

Nervosität und Unsicherheit sind nicht zwingend charakterbedingt, sondern haben häufig ganz andere Gründe wie unbefriedigte Grundbedürfnisse oder Unterforderung. Je intensiver sich Pferdebesitzer mit der Persönlichkeitsstruktur ihres Tiers beschäftigen, desto leichter lässt sich dieses Verhalten ändern.

31.10.2018
Autor: Katharina Burmester
© CAVALLO
Ausgabe 10/2018