So geht's: Übungen für mehr Mut und Neugier

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Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Übungen für mehr Mut, Motivation und Neugier beim Pferd

Ziele setzen mit Target-Training

Das Prinzip des Target-Trainings ist einfach: Ziel aussuchen und vom Pferd mit der Nase anstupsen lassen – dafür gibt’s eine Belohnung, etwa ein Leckerli.

„Targets können der Gertenknauf, der ausgestreckte Finger oder ein Ball sein, der am Ende eines Stabes steckt“, erklärt Dr. Vivian Gabor, Verhaltensforscherin und Westerntrainerin aus Greene/Niedersachsen (www.horseability.de).

Das Geniale: Pferde suchen sich ganz fix selbst neugierig mögliche Ziele aus. Ängstliche Tiere überwinden so Scheu vor Unbekanntem, und träge Pferde kommen in Schwung. Trainerin Claudia Butry hat sich das in einer Dressur-Reitstunde zugute gemacht: Ein Pony war nur schwer zum Mitmachen zu animieren – bis es einen Gymnastikball bekam, den es durch den Sand rollen konnte. „Das Pony war hellauf begeistert“, erzählt Butry.

Mehr Abwechslung - da hat Langeweile keine Chance

Pferde haben immer Lust auf Neues. Nutzen Sie das aus, und bauen Sie ins tägliche Training immer wieder neue Reize ein. Das macht Laune!

Alles bleibt anders: Nichts verdirbt Pferden die Lust an der Arbeit mehr, als jeden Tag dasselbe Programm absolvieren zu müssen. Wechseln Sie deshalb im Training ab: mal Dressur, mal Stangenarbeit oder ein paar Cavaletti-Hüpfer, mal Arbeit am Boden. Das weckt die Neugier – das Pferd weiß nicht, was es dieses Mal erwartet. Der ideale Zeitpunkt für was Neues: Wenn Ihr Pferd eine neue Lektion gelernt hat oder wenn Sie den Eindruck haben, dass es nicht mehr motiviert dabei ist.

Bei anderen spicken: Schauen Sie sich neue Übungen in anderen Reitweisen ab. Probieren Sie doch mal Freiarbeit aus oder üben mit Ihrem Pferd zirzensische Lektionen wie den Spanischen Schritt. Oder lassen Sie Ihr Westernpferd über Cavaletti springen. Ungewohnte Aufgaben können motivierend sein – für Pferd und Reiter.

Nicht nur geradeaus: „Ich beobachte immer noch viele Reiter, die Runde um Runde ganze Bahn reiten“, sagt Claudia Butry, Dressurausbilderin und Bewegungstrainerin aus Meerbusch/NRW (www.neuesreiten.de). „Und dann wundern sie sich, wenn ihr Pferd nicht motiviert bei der Sache ist.“ Bauen Sie daher schon beim Aufwärmen verschiedene Bahnfiguren, häufige Handwechsel oder Stangenarbeit ein. Feilen Sie zudem nie zu lange an ein und derselben Übung.

Ruf der Natur: Unbekannte Wege, unebene Untergründe, eine Bank, die da gestern noch nicht stand: In der Natur gibt es für Pferde immer wieder Neues zu entdecken. Sie freuen sich über regelmäßige Ausflüge ins Gelände. Lassen Sie Ihr Pferd dabei seine Umgebung ganz genau unter die Lupe nehmen und etwa Wasserläufe oder Baumstämme erkunden.

Arbeit mit Hindernissen: Ein gähnend leerer Reitplatz ist ziemlich öde. „Nutzen Sie im Training Sichthindernisse, also alles, was dem Pferd einen optischen Reiz bietet wie Stangen oder Hütchen“, empfiehlt Corinna Ertl, Horse-Agility-Trainerin aus Modautal/Hessen (www.agility-show.de). „Das gibt einen echten Motivationsschub.“

Überraschung! Neue Wege im Training

Wenn Sie nicht wissen, was auf Sie zukommt, werden Sie neugierig – Ihrem Pferd geht’s genauso. So wird das Training zum spannenden Überraschungsei:

Schneller Wechsel: Ist Ihr Pferd bei der Boden- oder Freiarbeit wenig motiviert? Dann nutzen Sie kurze Trainingssequenzen. Ein Beispiel: Lassen Sie Ihr Pferd rückwärts gehen, daraus antraben, auf eine Volte abwenden und wieder stoppen. Der schnelle Wechsel zwischen den Übungen macht Ihr Pferd neugierig, weil es nicht weiß, was als Nächstes kommt.

Ebenfalls wichtig: Ihr Pferd sollte schnell auf Ihre Körpersignale reagieren, etwa wenn Sie es aus dem Trab anhalten lassen. Das fördert die Neugier und macht aufmerksam.

Übungen aufpeppen: Eine Volte links, eine Volte rechts – laaangweilig! Bauen Sie stattdessen einen Überraschungseffekt ein. Stellen Sie beispielsweise sechs bis acht Pylonen in einem Rechteck auf, sodass der Abstand zwischen den Hütchen jeweils gleich groß ist (siehe Grafik). Dann beginnen Sie, im Trab um die Hütchen zu zirkeln. Umrunden Sie jeweils jede Pylone nur einmal und wechseln Sie dann auf die Volte um eine beliebige andere Pylone in der Nähe. Wechseln Sie von Volte zu Volte jeweils von Innen- zu Außenstellung. Die permanenten Stellungs- und Richtungswechsel lockern Ihr Pferd, stellen es optimal an die Hilfen und sorgen vor allem dafür, dass es eifrig und konzentriert bei der Sache bleibt. Die Neugier ist schnell geweckt – denn Ihr Vierbeiner weiß nie, wohin der nächste Weg gehen wird und wie Sie ihn ausgeführt haben möchten.

Einstellungssache: Bleiben Sie selbst neugierig

Gehen Sie neugierig auf neue Dinge zu? Dann wird sich das vermutlich auf Ihr Pferd übertragen. Deshalb ist eine positive, ermunternde Einstellung wichtig. „Reiter sollten ihrem Pferd vermitteln: Wir machen das zusammen“, erklärt Claudia Butry.

Hat der Mensch selbst Lust auf Neues und geht souverän voran, gibt das ängstlichen Pferden Sicherheit. Bei lethargischen Pferden weckt vor allem die Aussicht auf Belohnung Neugier an einer Übung oder an einem Gegenstand.

Belohnungen helfen außerdem, wenn ein Pferd gar keine Neugier an den Tag legt und sich nicht an einen neuen Gegenstand herantraut.

Achten Sie auch hier auf gutes Timing: Die Tendenz zum richtigen Verhalten belohnen Sie sofort, etwa durch Futter, Entspannungspausen oder Kraulen an den Lieblingsstellen.

Kein Alltagstrott: Neugier beginnt schon beim Umgang

Achten Sie im täglichen Umgang mit dem Pferd darauf, immer wieder Neues einzubauen. Das hält Pferde wach und aufmerksam.

Hufe auskratzen: Lassen Sie sich die Hufe jeden Tag in einer anderen Reihenfolge geben. Das macht neugierig und bringt Ihr Pferd dazu, Ihnen besser zuzuhören. Das gilt übrigens für alle Alltagsroutinen, wie etwa das Anbinden. Warum nicht mal einen anderen Putzplatz nutzen?

Neue Wege: Bauen Sie auf dem Weg zur Koppel Tempowechsel, Wendungen oder Rückwärtsrichten ein. Gehen Sie einen neuen Weg, auf dem Sie vielleicht wieder neuen Hindernissen oder unbekannten Gegenständen begegnen, die fürs Pferd spannend sein können.

Neue Reize: Sorgen Sie auch im Auslauf für neue Reize; etwa mit einem Spielball, Baumstämmen oder Flattertoren.

Abschalten: Eine permanente Reizüberflutung ist ziemlich anstrengend. Übertreiben Sie’s mit neuen Dingen nicht, und lassen Sie Ihr Pferd beim Putzen ruhig ein paar Minuten vor sich hindösen. Dafür wird es später im Training umso aufmerksamer sein.

Kumpel-Training

Neugier ist ansteckend: Mit einem vierbeinigen Partner zu trainieren, motiviert träge Pferde und macht ängstliche Vierbeiner mutiger.

Was ist das nur? Lassen Sie ein selbstbewussteres Pferd – im Idealfall ein vierbeiniger Freund Ihres Pferds – einen furchterregenden Gegenstand wie etwa eine flatternde Plane zuerst untersuchen. Das gibt dem scheuen Kandidaten zum einen Vertrauen, weil die Plane weniger gefährlich erscheint – und macht zugleich neugierig: Denn meist wollen die Pferde selbst nachsehen, mit was sich der Kumpel beschäftigt. Das gilt ganz besonders, wenn sich der Gegenstand bewegen lässt und zum Spielen einlädt.

Freund voraus: „Ich schicke auch gerne ein mutigeres Vorderpferd voraus, zum Beispiel über Bodenhindernisse oder durch eine enge Gasse“, sagt Horse-Agility-Trainerin Corinna Ertl. Wichtig ist nur, dass das schüchterne Pferde nicht in zu großem Abstand zum selbstbewussten Vorgänger folgt; sonst verpufft der ermutigende Effekt wieder.

Flott voran: Träge Pferde werden plötzlich munterer, wenn sie mit einem fleißigeren Tier gearbeitet werden, beobachtet Corinna Ertl. Auch im Gelände können Sie etwa mit Reiterkollegen gemeinsam ausreiten und verschiedene Spiele einbauen, die Lust auf Neues machen: Das letzte Pferd trabt zum Beispiel an der Abteilung vorbei ganz nach vorne, oder umgekehrt dreht das vorderste Pferd um und reiht sich ganz hinten wieder ein. So variieren Sie die gewohnte Dynamik in der Gruppe, die Pferde werden aufmerksamer und deutlich fleißiger.

7 Minuten

So lange können sich Pferde maximal am Stück konzentrieren. Pausen sind im Training deshalb das A und O. Meist reicht eine halbe Runde im Schritt am langen Zügel. Danach ist das Pferd wieder bereit für Neues.

Echt spannend: Nicht jedes Pferd findet jede Übung oder jedes Objekt gleich spannend. Beobachten Sie Ihr Pferd genau und finden Sie heraus, was Ihren Vierbeiner am meisten interessiert und seine Neugier weckt. Manche finden einen großen bunten Gymnastikball unendlich unterhaltsam, während andere lieber knifflige Trail-Hindernisse bewältigen. Hat Ihr Pferd die Ohren gespitzt, sind die Augen wach und lebhaft, oder geht es sogar mit einem Kopfschlenkern auf neue Dinge wie einen Ball zu? Dann können Sie sicher sein, dass es gerade Spaß hat.

Geisterjäger: Wie Gespenster die Neugier beflügeln

Gruselgespenster wie Regenschirme, knisternde Planen oder flatternde Bänder machen Angst – und neugierig. Diese Neugier können Sie nutzen, um ängstliche Pferde mutiger zu machen und zugleich Ihre Beziehung zu festigen. „Denn alles, was das Pferd gemeinsam mit dem Menschen meistert, steigert das Vertrauen“, sagt Dr. Vivian Gabor. So gelingt das:

1. Eigenes Tempo: Anfängliches Misstrauen schlägt meist schnell in Neugier um – nämlich dann, wenn Pferde die Gelegenheit haben, neue Objekte in Ruhe und in ihrem eigenen Tempo zu untersuchen. Wenden Sie die Übung „set up a search“ an, wenn sich Ihr Pferd gar nicht dazu bewegen lässt, sich einem neuen Gegenstand zu nähern.

2. Auge aufs Pferd haben: Cool werden ja, aber bitte nicht abgestumpft – das sollten Sie bei der Erkundung neuer Gegenstände im Hinterkopf behalten. „Pferde sollen nicht alles über sich ergehen lassen, sondern neugierig bleiben“, sagt Simone Carlson, Trainerin aus Billingshausen/Bayern (www.imsinnedespferdes.de). Achten Sie auf den Augen- und Gesichtsausdruck Ihres Vierbeiners. Lässt er Kopf und Hals hängen, sind die Ohren zur Seite oder rückwärts gerichtet oder die Augen glanzlos? Das spricht für Erschöpfung. Gönnen Sie Ihrem Pferd dann eine Pause.

3. Kontrolliert flüchten: Pferde sind Fluchttiere – und manchmal ist eine (kontrollierte) Flucht genau das Richtige. „Oft wollen Pferde sich durch höheres Tempo einer für sie bedrohlichen Situation entziehen. Da kann es helfen, wenn ich ihnen erlaube, ein paar Mal in flotterem Tempo etwa durch eine Flattergasse zu gehen. Die Tiere werden dann von Mal zu Mal ruhiger“, sagt Corinna Ertl. Dann geht’s entspannter ans Erkunden.

Sinn-Suche: Was soll das sein?

„Pferde sind von Natur aus Energiesparer“, sagt Trainerin Simone Carlson. Heißt: Die Pferde bewegen sich nur, wenn es einen triftigen Grund gibt. „Erkennt das Pferd, dass hinter der Aufgabe ein klares Ziel steht, wird es neugieriger und aktiver.“ So werden Sie zum Sinnstifter:

Beine hoch: Das Pferd soll fleißiger gehen? Bauen Sie Stangen oder Schwimmnudeln ins Training ein. So begreift das Pferd, dass es nicht durch den Sand schlurfen, sondern die Beine heben soll. Zudem regen Sie Ihr Pferd dazu an, mitzudenken und sich selbst einen Weg zu suchen.

Tor auf, Tor zu: Das Tor als Trailhindernis ist ideal, um Ihrem Pferd den Sinn hinter Vorhandwendung und Rückwärtsrichten zu erklären – denn genau das brauchen Sie, um das Tor zu öffnen und zu schließen. Ein Tor können Sie sich ganz einfach bauen: zwei Sprungständer aufbauen (Abstand ca. 2 Meter), einen Strick als Tor benutzen (dazu ein Ende zur Schlaufe knoten und über das Hindernis legen, das andere Strickende am Sprungständer festmachen). Fertig!

Achter um Pylonen: Stellen Sie in jede Ecke einer kurzen Seite eine Pylone, und reiten Sie Achter darum. So erkennt das Pferd den Weg, den es gehen soll – und Sie können nebenbei prima an Biegung und Stellung feilen.

Eigene Lösungswege finden

Wenn Sie jeden Arbeitsschritt vorgebetet bekommen, wird’s langweilig. Verhindern Sie, dass es Ihrem Pferd so geht. „Aufgaben sollten als Anreiz gestellt werden, um die Pferde zum Mitdenken und Mitmachen anzuregen“, sagt Simone Carlson. Ideal ist dafür die Idee des „Set up a search“. Bei dieser Übung wird das Pferd auf die Suche nach einem Lösungsweg für eine Aufgabe geschickt. So geht’s:

Das Pferd soll sich mit einem Gegenstand auseinandersetzen, etwa einer Plane. Sie möchten, dass es darüber geht. Das Pferd darf Lösungsvorschläge anbieten. Sie filtern die guten Ansätze heraus, indem Sie diese – eben das Darübergehen – belohnen und Falsches erschweren, aber nicht unmöglich machen. Das heißt: Beschäftigt sich das Pferd nicht mehr mit der Plane, wedeln Sie mit einer Gerte, an deren Ende ein kleiner Raschelsack ist. So soll sich das Pferd wieder auf die Aufgabe konzentrieren. Tut es das, loben Sie es.
Richtiges Timing ist wichtig: Wendet sich das Pferd etwa von der Plane ab, über die es gehen soll, wedeln Sie mit dem Raschelsack, bis es sich wieder auf das Hindernis fokussiert, etwa darauf zu geht oder es beschnuppert. In diesem Moment hören Sie sofort auf zu rascheln. Nach diesem Muster verfahren Sie, bis das Pferd letztlich auf und über die Plane geht.
Knackpunkt Fitness: Ihr Pferd lässt sich so gar nicht für Neues begeistern? Checken Sie, ob es körperlich fit genug für seine Aufgaben ist. Denn unfitte Pferde sind nur selten neugierig auf ihre Umgebung, „ein fittes Pferd ist hingegen leichter zu motivieren“, sagt Simone Carlson. Muskelkraft können Sie besonders gut mit Intervalltraining aufbauen, wie beispielsweise der von Michael Geitner entwickelten Equikinetic. Ausgedehnte Ausritte in gleichmäßigem Tempo (zum Beispiel lange Schritt- und Trabphasen) bauen ebenfalls Kondition auf.

Reithilfen: Fangen Sie an zu flüstern

Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit jemandem am Telefon – und dieser flüstert auf einmal. Das macht Sie neugierig, und Sie hören noch genauer hin, oder? „So geht es auch dem Pferd in unserer Kommunikation“, verdeutlicht Claudia Butry die Wichtigkeit von feinen Hilfen. Je feiner Ihre Hilfen sind, umso aufmerksamer wird Ihr Pferd hinhören. Unpräzise Hilfen wie Dauerdruck mit dem Schenkel oder eine zu grobe Zügelverbindung lässt Pferde hingegen abstumpfen. Die Neugier – und damit auch die Motivation – können Sie also ganz einfach wecken, indem Sie mit Bein, Zügel und Co. künftig nur noch „flüstern“.
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