Zirzensikprofi übt Barock

"Barock hat mir den Wert von Seitengängen vermittelt"

Nathalie Penquitt lehrt Bodenarbeit, Zirzensik und Reiten. Übers Interesse für alte Reitmeister schnupperte sie bei Richard Hinrichs ins Barockreiten – das sie noch heute prägt.

CAVALLO: Sie haben als Jugendliche im Westernsattel Unterricht in klassisch-barocker Reitkunst bekommen – hat man Sie da komisch angeschaut?

NATHALIE PENQUITT: Überhaupt nicht. Ich habe mich bei meinem Reitlehrer Richard Hinrichs immer gut aufgehoben gefühlt. Mein Morgan Horse war mit seinem Plüschfell ein Exot, aber das hat keinen gestört.

CAVALLO: Was war für Sie prägend im Unterricht?

NATHALIE PENQUITT: Ich habe die Bedeutung von Seitengängen verinnerlicht. Vor allem das Schulterherein sehe ich als Aspirin der Dressurreiterei an. Die Pferde lernen das schon früh an der Hand und vom Sattel aus. Es ist eine sinnvolle Gymnastizierung, die dem Pferd hilft, Reiter auf gesunde Art zu tragen. Ich verstehe Barock zudem als Signalreitweise: Die Hilfe lässt nach, wenn das Pferd reagiert. Das Prinzip gilt auch bei der Bodenarbeit, die ich unterrichte. Dazu kommt positive Verstärkung.

CAVALLO: Gab es etwas, was Sie am Barockreiten besonders
beeindruckt hat?

NATHALIE PENQUITT: Wenn wir für die Quadrille geübt haben, sind wir mit 12 Hengsten in einer 15 x 30 Meter großen Reithalle geritten. Das zeigt, wie fein die Pferde an den Hilfen stehen und wie wendig sie sind. Ich wollte auch schon immer gerne in die Öffentlichkeit, mochte aber nie die Turnierreiterei mit dem Leistungsgedanken. Die Shows in den Herrenhäuser-Gärten im Kostüm haben mir hingegen großen Spaß gemacht.

CAVALLO: Gibt es für Sie eine reitweisenübergreifende Weisheit?

NATHALIE PENQUITT: Man kann sich aus vielen Systemen clevere Dinge abschauen – wichtig ist für mich dabei das Gefühl, dass sie dem Pferd Spaß machen. Woran ich nie rütteln werde ist das symmetrische Sitzen im Gleichgewicht, das ist einfach ein Naturgesetz.

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Barocke Reitkunst

Das Zeitalter des Barock liegt zwischen 1600 und 1750. In dieser Zeit haben sich in Europa Übungen am Boden, unterm Sattel und Schulsprünge herausgebildet zum Zweck der Kriegsvorbereitung des Pferds.

Der französische Reitmeister François Robichon de la Guérinière gilt als Erfinder des Schulterherein und erwähnt in seinen Abhandlungen erstmals die Piaffe. Höchste Versammlung und Wendigkeit sind Ziele der barocken Reitkunst.

In Spanien und Wien etwa überliefern die Hofreitschulen die 300 Jahre alten Reittechniken. In Deutschland gibt es als private Institution die Fürstliche Hofreitschule in Bückeburg. Richard Hinrichs gründete 2004 den Bundesverband für klassisch-barocke Reiterei Deutschland e. V., welcher der FN angeschlossen ist und eine eigene Trainerausbildung anbietet.

15.11.2018
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 10/2018